wilde perspektiven

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Sonntag, 25. Juni 2017

Das Schneckenmassaker von Brockzetel

Brockzetel ist eine Bauernschaft.

In Brockzetel leben wahrscheinlich weniger Menschen als Kühe. 

Brockzetel ist Teil der Stadt Aurich.

Und Brockzetel, darauf will ich eigentlich hinaus, liegt am Ems-Jade-Kanal.

Dieser Ems-Jade-Kanal erstreckt sich über eine Länge von 72 Kilometern von Emden im Westen bis nach Wilhelmshaven im Osten.

Einen beträchtlichen Teil dieser Strecke kann man mit dem Fahrrad erkunden.

Weil der Kanal schon im 19. Jahrhundert aus dem Boden gestampft wurde, wird er vor allem östlich der Stadt Aurich von alten Bäumen und Gehölzen begleitet. Zwischen Emden und Aurich dagegen ist er eingebettet in ein Mosaik aus landwirtschaftlichen Nutzflächen. Hier kann der Kanal in aller Ruhe und ungehindert seinen Blick über die berühmte ostfriesische Weite schweifen lassen.

Mir persönlich gefällt vor allem der Teilabschnitt zwischen den Auricher Stadtteilen Wiesens und Brockzetel. Dort hat die künstliche Wasserstraße im Laufe der Jahrzehnte geradezu natürliche Charakterzüge entwickeln können. Dass hier früher Binnenschiffer vor allem Massengüter transportiert haben, kommt einem heute nicht mehr in den Sinn. Längst wird der Ems-Jade-Kanal nur noch von Freizeitkapitänen genutzt. 

Vor etwa acht Jahren besuchte ich das alte Bauwerk zum ersten Mal.

Gleich an diesem Tag im Frühjahr 2009 fielen mir die unzähligen zertrümmerten Schneckengehäuse auf dem gepflasterten Radweg auf. Man konnte sie eigentlich fast überall finden, vor allem aber dort, wo Brennnesseldickichte den Weg säumten.

Song Thrush, my favorite European thrush species

Dass all diese Schnecken rein zufällig von Radfahrern geplättet worden waren, hielt ich für unwahrscheinlich. Stattdessen war mir auf der Stelle klar, dass da die Singdrossel (s. o.) ihre Finger im Spiel haben musste. 

Oh, die geile Singdrossel!

Sie ist meine Lieblingsdrossel, weil sie so dezent, aber gleichzeitig sehr hübsch gefärbt und gezeichnet ist. Da passt einfach alles perfekt zusammen. Das Gefieder besitzt so einen warmen Grundton und wirkt einfach harmonisch. Hinzu kommt der großartige Meistergesang des Vogels, dem man hier in Ostfriesland wirklich noch überall lauschen kann. Und zu guter Letzt ist die Singdrossel einer der ersten Frühlingsboten, kehrt sie doch oft schon im Januar aus ihren Winterquartieren im Mittelmeerraum zu uns zurück. 


Am vergangenen Samstag (17. Juni 2017) saß ich gegen Mittag in meinem Auto, um etwas zu essen. Der Ort des Geschehens: ein Stichsträßchen in Brockzetel, das am Ems-Jade-Kanal endet. Während ich mir ein paar Doppelkekse in den Hals stopfte und mit Mineralwasser nachspülte, beobachtete ich eine Singdrossel, die auf dem Radweg herumlief. Plötzlich bog sie links ab und lief hinein in ein Brennnesseldickicht. Nach nur einer Minute kehrte sie mit einer Bänderschnecke im Schnabel auf den Radweg zurück.

Und das ist der Radweg:

cycle path at Aurich-Brockzetel, where Song Thrushes mainly preyed on Grove Snails last Saturday

Bänderschnecken sind hübsche Tiere mit toll gezeichneten und sehr variabel gefärbten Gehäusen. Doch als Singdrossel hat man kein Auge für die Schönheit dieser Tiere. Man interessiert sich eher für die inneren Werte. Und um in den Genuss dieser leckeren inneren Werte zu kommen, muss man erst einmal das Gehäuse der Schnecke knacken.










Allein mit dem Schnabel geht das natürlich nicht.

Doch die Singdrossel hat sich etwas einfallen lassen. Sie packt das Gehäuse an der Mündung und schmettert es in einer blitzschnellen Bewegung gegen einen Stein oder, wie in Brockzetel, auf das Pflaster eines Radweges. Immer geschieht das mehrere Male hintereinander, ohne dass der Vogel die Schnecke loslässt. Dann wird sie meist kurz abgelegt, bis der Vogel wenig später eine weitere Schlagfolge startet. Dieser Vorgang wird so lange wiederholt, bis das Schneckengehäuse zerspringt.

Dieselbe Singdrossel mit einer Bänderschnecke im Schnabel:

Song Thrush loves to eat Grove Snails. She smashes them on a stone to break their shells and extract the edible soft body. In the foreground you can see the remains of many further snails this Thrush had broken before. In this case Song Thrush used the pavement of a cycling path as an anvil instead of a single stone. Adjacent nettle thickets harbour tons of Grove Snails

Sie suchte an diesem Tag nicht nur Nahrung für sich selbst, sondern hatte auch noch Nachwuchs auf der anderen Seite des Kanals zu versorgen. 

Unscharf im Vordergrund kann man die bereits zertrümmerten Gehäuse zahlloser weiterer Schnecken erkennen. Oft nutzen Singdrosseln immer wieder denselben Stein, um ihrer Arbeit nachzugehen. In Brockzetel konzentrieren sich solche Trümmerfelder vor allem dort, wo Brennnesseldickichte an den Radweg angrenzen. Diese sind der bevorzugte Lebensraum der Bänderschnecke, weil sie auch an heißen Tagen ausreichend Schutz vor zu starker Sonneneinstrahlung und somit vor zu hohen Temperaturen und vor Austrocknung bieten. 

Hier mal eine Singdrossel bei der Arbeit:


Song Thrush at work

Der ständig wiederholte Bewegungsablauf geht so rasant über die Bühne, dass man ihn nicht gestochen scharf fotografieren kann. Jedenfalls nicht mit einer zweihunderstel Sekunde, wie es hier der Fall war. Scharf sind immerhin die Gräser, die sich hier auf Höhe der Drossel befanden.

Auf der anderen Seite illustriert gerade diese Unschärfe, mit welcher "Urgewalt" die Drosseln die Sache angehen müssen, um so ein stabiles Schneckengehäuse zu knacken.

Hier war es fast so weit:

Ein passendes Video, das eine Singdrossel in Aktion zeigt: klick!


Die Energiebilanz muss natürlich auch noch stimmen.

Bräuchten die Singdrosseln über eine Stunde, um so eine Schnecke zu öffnen, würden sie sehr wahrscheinlich auf diese Feinkost verzichten. Dann wäre der Energieverbrauch nämlich höher als die Energiezufuhr. Doch der ganze Vorgang dauert nie länger als eine halbe Minute. Die Schnecke wird in rascher Folge gegen das Pflaster geschlagen und am Ende durch Wischbewegungen von letzten Schalenresten befreit.

Hier mal ein paar Kandidaten, die auf dem Speisezettel der Singdrossel am Ems-Jade-Kanal stehen:

Brown-lipped Snail – the favorite food of the shown Song Thrush

Das Bild zeigt eine Hain-Bänderschnecke, ebenso wie das folgende:

Auf dem nächsten Foto ist eine Gefleckte Schnirkelschnecke zu sehen:

Arianta arbustorum

Auch sehr hübsch, diese jüngere Bänderschnecke (Cepaea neomaralis oder C. hortensis), die sich noch in der Pubertät befand:



Vor allem die bunten Bänderschnecken wurden von den Singdrosseln in Brockzetel erbeutet.

Das war für mich erstaunlich, denn sie hielten sich meist auf halber Höhe und etwas versteckt in den Brennnesseln auf, während ich die Gefleckte Schnirkelschnecke in großer Zahl in Bodennähe oder direkt auf dem Boden finden konnte. Letztere sollte also eigentlich die Hauptbeute ausmachen. Wenn ich sie vors Tarnzelt legte, wurde die Gefleckte Schnirkelschnecke von den Singdrosseln auch genauso gerne angenommen wie die Bänderschnecken. Warum und wie die Vögel vor allem die Bänderschnecken erbeuteten, ist mir ein Rätsel.

Im Gegensatz zu den oben vorgestellten Arten wurde die häufigste Schnecke am Kanal, die Bernsteinschnecke, von den Singdrosseln komplett ignoriert.


Das Geräusch, das entsteht, wenn ein Schneckengehäuse in schneller Folge auf die harte Unterlage trifft, klingt mir übrigens jetzt noch in den Ohren: papf, papf, papf, papf...

Es ertönte hinter mir, neben mir und natürlich auch vor mir. Und ich musste immer wieder darüber schmunzeln, mit welchem Eifer die Singdrosseln in Brockzetel bei der Sache waren. Mit etwas Humor fiel mir dann der Titel für diesen Beitrag ein. Ein Titel, wie ihn wohl auch die Schnecken gewählt hätten.

Humor muss man auch haben, wenn man direkt neben einem viel befahrenen Radweg auf dem Boden liegt und Singdrosseln fotografiert:


there were many people on the run that sunny Saturday. They did not even realise that they flushed the Song Thrushes multiple times

Da war unter vielen weiteren Radfahrern auch diese Gruppe unterwegs, bestehend aus vielleicht zwanzig Frauen, zwanzig Fahrrädern und vierzig Reifen.

Mit meinem Tarnzelt wussten sie absolut nichts anzufangen. Während sie an mir vorbeifuhren, hörte ich diverses Getuschel: "Ist da etwa jemand drin?" oder "So ein komisches Teil habe ich noch nie gesehen" und so weiter. 

Das Schlusslicht des Pelotons setzte dem Ganzen dann die Krone auf. 

Es hielt! 

Die Frau stieg vom Rad und kam auf mein Versteck zu. Ganz langsam und in gebeugter Haltung. Ihr Blick verriet gleichzeitig Neugier und ängstliche Achtsamkeit. Als sie schließlich mit zwei Fingern einen der Sehschlitze einen Spalt breit öffnete, um der Sache auf den Grund zu gehen, hatte sie unwissend eine Grenze überschritten. Plötzlich wurde ihr schwarz vor den Augen, und sie stürzte aufs harte Pflaster. Ich musste sie anschließend aus dem Weg räumen, weil sie meiner Kamera und mir die Sicht auf die arbeitende Singdrossel versperrte. Die anderen Teilnehmer der Radtour hatten glücklicherweise überhaupt nichts mitbekommen und waren einfach weitergefahren. 

Selbst jetzt noch überlege ich, ob dieser Sturz etwas mit meiner in Lichtgeschindigkeit aus der Tiefe des Raumes vorschnellenden Faust zu tun gehabt haben könnte.  

Als der Trubel kaum noch auszuhalten war, fuhr ich nach Wittmund, um etwas zu erledigen. 

Auf dem Weg dorthin, zwischen Leerhafe und eben Wittmund, passierte ich dieses Schild:






I really love the names of many villages in Ostfriesland

Auch wenn man hin und wieder ein Exempel statuieren sollte, so war die Sache mit der Frau und der Faust und dem Sturz natürlich nur ein kleiner Scherz, also eine erfundene Geschichte.

Bierernst wird es dagegen jetzt: Ich liebe die wunderbaren Namen vieler ostfriesischer Dörfer!

An Rechtsupweg, Ekels oder Wiegboldsbur hatte ich mich längst gewöhnt. Doch dann stand da plötzlich dieses Schild am Straßenrand. 

Isums. Iiiiiisummms!

Wie süß!

Auf so einen Namen muss man ja schließlich auch erst mal kommen. In keinem anderen Teil der Republik kann man Vergleichbares finden, höchstens noch in Nordfriesland, wo die Menschen vielleicht ähnlich gelassen sind wie hier. Und nur hier im Norden kommen solche Ortsnamen völlig authentisch daher. Ein hessisches oder bayrisches Dorf nähme man unter diesen Umständen gar nicht ernst. Hier in Ostfriesland sind solche Ortsnamen so normal wie der stete Wind, der nicht immer aus dem Westen kommt. 

Am späten Abend kehrte ich noch einmal nach Brockzetel zurück. Ich wollte wissen, ob das Schneckenmassaker vielleicht schon ein Ende gefunden hatte. Für Bilder reichte es ohnehin nicht mehr, weil das Licht inzwischen arg nachgelassen hatte.

Doch als ich ankam, sah ich, dass die Drosseln nach wie vor eine Schnecke nach der anderen zur Schlachtbank führten. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich habe mal gelesen, dass Singdrosseln vor allem an heißen Tagen nach Gehäuseschnecken suchen, weil Regenwürmer sich bei großer Hitze in tiefere Bodenschichten zurückziehen und so für die Vögel nicht mehr erreichbar sind.

Da staunste, was?

Sieh, was du angerichtet hast, du kleine Aggrodrossel:

Aggrothrush did that

Ein wahres Trümmerfeld aus bonbonfarbenen Schneckenhäusern.

Die vielen Radfahrer zerkleinern diese Gehäuse dann noch und machen sie so zu Schneckenschill.

Übrigens: Auf die kleine Märchengeschichte mit der Frau bin ich nicht so ohne Weiteres gekommen. Ihr Grundgerüst geht zurück auf eine tatsächliches Erlebnis, das ich nie vergessen habe und das mich nun dazu inspirierte, es den Gegebenheiten in Brockzetel anzupassen.

Vor ganz vielen Jahren stattete ich mal wieder Deutschlands einziger echter Hochseeinsel einen Besuch ab. In einer der zahllosen Hummerbuden im Hafen Helgolands war und ist auch heute noch eine Dauerausstellung des Vereins Jordsand untergebracht. Der damalige Zivildienstleistende, sein Name tut hier nichts zur Sache, war etwas genervt von den Tagesgästen, die sich ihre Nasen an der großen Scheibe plattdrückten, um ins dunkle Innere der Hummerbude zu schauen, obwohl doch die Tür sperrangelweit offenstand und sie jederzeit hätten hineingehen und sich die verstaubten Exponate anschauen können. 

Wenn dann wieder mal jemand von außen durchs Fenster starrte, nahm der Zivi eine Fliegenklatsche in die Hand und schlug mit ihr volle Kanne von innen gegen die Scheibe. Das war schon lustig, vielleicht aber auch etwas gemein. Ich meine, er hätte doch auch aufstehen und zur Tür gehen können, um diese arglosen Menschen freundlich hereinzubitten. Auf der anderen Seite war sein Verhalten aber auch gerechtfertigt, ist es doch eine Unart, getrieben von Neugier sein Gesicht an eine Fensterscheibe zu pressen und dort fettige Abdrücke zu hinterlassen.

Ein letztes Bild von der Drossel, die hier so unschuldig dreinblickt:

Mir ist aufgefallen, dass niemand etwas von diesem vermeintlichen Massenmord mitbekommen hat.

Kein Aufschrei der Entrüstung. Wenn aber ein Eichelhäher oder eine Elster junge Singdrosseln verspeist, dann liegen die Nerven schnell blank. Es ist an der Zeit, dass auch der letzte Mensch versteht, dass es Tiere gibt, die Tiere essen. Alle wollen und müssen satt werden. Das hat Mutter Natur nämlich so gewollt.

In der Vergangenheit habe ich schon oft Steine gefunden, die von Singdrosseln für das Zertrümmern von Schneckengehäusen zweckentfremdet wurden – man spricht dann von einer Drosselschmiede –, doch konnte ich die Vögel selbst nie in flagranti bei ihrem Tun erwischen. Als ich nun die Singdrosseln in Brockzetel beim Schneckenschlachten beobachtete, sagte ich mir: "Heute gehe ich hier nicht weg, bevor ich euch in Bildern festgehalten habe."

Es hat geklappt.

Und das ist schön!