wilde perspektiven

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Freitag, 7. August 2020

Neues aus der Vogel- und Insektenwelt Ostfrieslands (Teil 2 oder 2,5 oder so)

Moin Kinners,

heute gibt es einen zweiten und gleichzeitig letzten Beitrag über eine kleine Sandentnahmestelle bei Manslagt.

Der Grund dafür ist ein trauriger, wie ich finde.

Am vorletzten Donnerstag (30. Juli 2020) gab ich jedenfalls noch einmal alles, um vielleicht weitere brauchbare Bilder von Flussuferläufer und Waldwasserläufer zu machen.

Ich wollte einfach nur die Gelegenheit nutzen, weil sie sich gerade ergab. Also suchte ich wieder etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang mein Versteck auf und legte mich auf die Lauer. Der erste Vogel, der sich blicken ließ, war dann tatsächlich ein Waldwasserläufer und zwar der alte Bekannte mit dem markanten Längsstreifen auf der Brust, den ich hier bereits im letzten Beitrag vorgestellt hatte. 

Er suchte direkt vor meinem Tarnzelt nach Nahrung:

Green Sandpiper

Während ich mich eine ganze Weile mit ihm beschäftigte, tauchten nach und nach weitere Individuen auf, die sich aber ausnahmslos reserviert zeigten und weigerten, sich mir bis auf Schussdistanz zu nähern.

Ich stellte fest, dass der Flussuferläufer wohl inzwischen abgereist war. Von ihm gab es an diesem Morgen jedenfalls kein Lebenszeichen. Leider hatte der Vogek auch nicht für vollwertigen Ersatz gesorgt, sodass ich mich weiter auf den Waldi konzentrieren konnte.

Der zeigte überhaupt keine Scheu:




same

Auch als Waldwasserläufer kann man ruhig mal etwas dösen:

same

Später färbte sich das Wasser in ein leuchtendes Orange um!

Die Sonne war zwar inzwischen aufgegangen, doch war sie noch nicht dazu in der Lage, wirklich jeden noch so versteckten Winkel auszuleuchten.

Körper und Beine des Vogels befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch im Schatten:

same right after sunrise 

Doch viel Zeit verstrich jetzt nicht mehr.

Rasch wurde das Licht sehr grell und aus fototechnischer Sicht unbrauchbar. Die folgenden Bilder sind aus meiner Sicht schon grenzwertig, weil die extremen Kontraste zwischen dem weißen Bauch des Vogels und dem Rest des Fotos von der Technik kaum mehr zu bewältigen waren:


same

same

Ein letztes Foto von diesem Vogel:

same

Tja, ich wollte meine Sachen schon zusammenpacken, als da plötzlich eine Bekassine vom Himmel fiel.

Für einen kurzen Augenblick blieb sie wie eingefroren stehen, sodass ich sie fotografieren konnte, nachdem ich meine Linse blitzschnell ausgerichtet hatte.

Es ist ein schönes Bild geworden, wie ich finde:

suddenly a Common Snipe showed up

Jetzt passte das Licht plötzlich wieder, denn der Vogel fügte sich hervorragend ein in die identisch gefärbte Landschaft ohne widerwärtige Kontraste und nach wie vor ohne hässlichen Schattenwurf, was aber ausschließlich daran lag, dass sich im Hintergrund nur Wasser befand.

Doch leider ließ das Klicken meiner Kamera die Bekassine zusammenzucken. Plötzlich flitzte sie wie von der Apulischen Tarantel gebissen davon und versteckte sich hinter einem Sandwall. 

Ich lauerte geduldig – und wurde noch ein letztes Mal belohnt, denn für den Bruchteil einer Sekunde machte der Vogel einen langen Hals:


same bird

Ja, Kinners, dieses Bild gefällt mir persönlich sogar noch etwas besser als das erste!

Vielleicht ist es der Wassertropfen, der noch vom Stochern im Schlamm an der Schnabelspitze hängen geblieben war.

Und auch der Hintergrund ist ein anderer, denn hier spiegelte sich die Sandböschung im Wasser wider, von der tief stehenden Sonne gelb eingefärbt, während es auf dem ersten Foto die vertrocknete Vegetation aus der nahen Salzwiese war, die man dort abgetragen und in der Sandgrube entsorgt hatte. 

Ich war glücklich!

Nachdem ich mein Versteck verlassen hatte, beschloss ich auf der Stelle, gleich am nächsten Morgen einen neuen Versuch zu starten. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Noch am selben Tag pumpte man das Wasser ab und begann damit, die Grube mit C-Klasse-Klei aus der bereits oben erwähnten Salzwiese komplett aufzufüllen. Ich war entsetzt und gleichzeitig traurig, weil sich wieder einmal eine gute Fotogelegenheit durch Menschenhand in Luft aufgelöst hatte. Noch schlimmer war es wohl für die vielen Vögel, die dort nach Nahrung gesucht oder einfach nur eine Pause eingelegt hatten, um zu trinken oder zu baden. Unzählige Schaf- und Bachstelzen, Wiesenpieper, Stare und verschiedene Möwen mussten sich nun, genau wie ich, umorientieren. 

Ich tat das überraschend schnell und fand eine Stelle, über die ich das nächste Mal berichten werde.

Jetzt gibt es noch schnell eine üble Belegaufnahme von drei Waldwasserläufern im Watt:

Green Sandpiper usually does not forage in the intertidal mudflats. At least I had never seen this before

Das hatte ich zuvor noch nie gesehen, ist dieser Watvogel doch schließlich kein Wattvogel!

Und auch wenn der Waldwasserläufer keine so ausgeprägte Salzwasserallergie hat wie Bruchwasserläufer oder Temminckstrandläufer, so war ich wirklich überrascht, gleich drei Individuen weit draußen vor dem Deckwerk bei der Nahrungssuche zuschauen zu können. Einzelvögel hatte ich immerhin schon an den Prielen im Deichvorland beobachtet.

Allerdings ausschließlich im Winter.

Und weil ich der Meinung bin, dass man alles, was auch nur ein bisschen aus dem Rahmen fällt, auch belegen und nicht einfach nur behaupten sollte, habe ich ganz fix meine Kamera gezückt.

Da kenne ich nichts!

Heute gibt es zum Abschluss die hier:




Buff-tip caterpillar, my very first encounter, although this species is considered common

Ihr kennt das bestimmt: Man befindet sich im Outback, und die Blase drückt! 

Als Mann kann man nicht einfach so auf den Boden pullern. Nein, es bedarf einer vertikalen Struktur. Der Grund dafür ist simpel: Pinkelt man auf den Boden, besteht die Gefahr, dass die Schuhe benetzt werden. Zielt man aber auf einen Zaunpfosten oder Vergleichbares, spritzt es zur Seite weg und man kommt ungeschoren davon. Ich meine, wir heißen doch nicht alle Jean Pütz, der vor vielen Jahren ein Buch über die Behandlung mit Eigenurin geschrieben haben soll. 

Ich sah mich um und entdeckte eine Weide

Es handelte sich hier am Deich bei Manslagt um den einzigen Busch weit und breit! 


this willow harboured a big surprise for me

Erleichtert ließ ich es laufen.

Gleichzeitig musterte ich die Zweige – und entdeckte und zählte genau 31 große, gelb-schwarz gefärbte und behaarte Raupen, die ich nicht einordnen konnte. Vielleicht könnt ihr jetzt erahnen, wie voll meine kleine Blase gewesen sein muss.

Wissen entsteht immer aus Interesse, weshalb ich meine Kamera auspackte. Zu Hause fand ich schnell die Lösung. Es handelte sich um die Raupen des Mondvogels, eines Falters also, den ich zuvor und bis heute nur ein einziges Mal entdecken konnte.

Das war im Juli 2017 im Collrunger Moor:

my first and last Buff-tip, photographed in July 2017 at Collrunger Moor

Drei Jahre später gelang mir also der Fund der hübschen Raupe:

same species

Der weibliche Falter muss am Deich angekommen und einen Schrecken bekommen haben. "Hilfe, was ist das hier?" Bis nach Eemshaven hätte die hochschwangere Mondvogel-Dame satte acht Kilometer über der weiten Emsmündung zurücklegen müssen und das vielleicht noch bei Gegenwind. Da hat sie sich eben spontan für die Weide am Deich entschieden. 

Der Mondvogel soll übrigens keineswegs selten sein. Wenn man aber nicht zu jenen Menschen gehört, die nachts gezielt mit Unterstützung einer Leuchtquelle nach Schmetterlingen suchen, ist die Chance, diese nachtaktive Art zu finden, eher gering. Das haben mir auch andere Naturfreunde bestätigt. 

Zu guter Letzt: Ich war ganz offensichtlich nicht der Einzige, dem die so exponiert stehende Weide am Deich in einer Situation ausufernder Not ins Auge gesprungen ist. 

Der beißende Duft nach Ammoniak, der mir an diesem Ort in die empfindliche Nase stieg, war ein Beleg dafür.