wilde perspektiven

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Sonntag, 15. September 2019

Herbstzeit ist Mäusezeit

Liebe Mitmenschen da draußen,

heute geht es u. a. um knuffige Knopfaugen mit einem langen Schwanz.

Wenn es im Herbst wieder kälter wird im Outback, dann kann es passieren, dass man von heute auf morgen einen Untermieter bekommt.

Er klopft nicht etwa an die Tür, nein, er schleicht sich geradezu in die Wohnung hinein.

Viele Menschen geraten beim Anblick eines solchen Besuchers schnell in Panik, manche von ihnen sind dann sogar dazu in der Lage, Höchstleistungen abzurufen und auf einen Tisch oder Stuhl zu springen und herumzukreischen!

Einen nachvollziehbaren Grund gibt es dafür aber nicht.

Gemeint sind diverse Vertreter aus der Familie der Langschwanzmäuse, von denen eine ganze Reihe von Arten in unserer unmittelbaren Umgebung lebt, ohne dass wir etwas von ihnen mitbekommen. 

Vor einigen Tagen hatte auch ich so einen Besucher, den ich auch fotografieren konnte:

cute Wood Mouse in my kitchen few days ago – when temperature drops in fall, some mouse species tend to get in houses and apartments to look for food and shelter. There ist no need to kill them, but instead you can easily catch them with life traps by using corn flakes and sunflower seeds as baits

Es ist eine süße Waldmaus, die hier gerade so frech unter meinem Kühlschrank hervorlugte, um sich wenig später zum gedeckten Tisch aufzumachen. 

Sie war der erste Eindringling des Herbstes, der gleich ein paar Tage blieb. Und wenn er heute ganz woanders wohnt, dann nur deshalb, weil ich ihm eine Spritztour in meinem Corsa spendiert habe. Die Waldmaus lebt jetzt in einem Gehölz am Deich bei Pilsum, wo es ihr, so denke ich jedenfalls, auch ganz gut geht. 

Nebelschwaden über dem Mahlbusen am Norder Tief bei Neuwesteel:









still late summer, but looks already like fall 

Mehlschwalben sonnten sich am frühen Morgen in Norddeich auf diesem "Bullauge":

House Martin

Ein junger Steinschmätzer stand ganz in der Nähe auf einem Palettenstapel herum:

Northern Wheatear 

Auf dem Rysumer Nacken gab es in den letzten Wochen viele Braunkehlchen zu sehen, die ausnahmslos aus dem Norden stammen dürften:

Whinchat

Ebenda sah ich auch wieder einige Hornissenschwebfliegen an Krauser Distel schlemmen: 


one more Hornet Mimic Hoverfly

Dieselbe:

second

Nochmal dasseilbe Individuum:

same

Und eine zweite, die sich morgens auf einem Blatt sonnte:

second

Am exakt selben Beobachtungsort sah ich später auch den allerersten Bienenwolf meines Lebens: 


my very first European Beewolf – lifer!

Er stand auf einem Pflanzenstängel herum und putzte sich ausgiebig, um dann wenig später durchzustarten.

Diese interessante und leider inzwischen auch wohl recht seltene Grabwespen-Art hat sich darauf spezialisiert,  Honigbienen zu erbeuten, sie durch einen Stich zu betäuben und so als lebenden Vorrat für den eigenen Nachwuchs in einen selbst gegrabenen Erdbau zu verfrachten. Dabei mag es erstaunen, dass die Beute fast genauso groß ist wie die Grabwespe selbst. Doch trotzdem bereitet es ihr keine Probleme, die Biene fliegend abzutransportieren!

Ja, Kinners, ich fand doch tatsächlich noch einen weiteren Kleinen Perlmutterfalter auf dem Rysumer Nacken:


let me introduce the fourth Queen of Spain Fritillary of my life 

Es war der dritte in diesem Spätsommer und der vierte überhaupt (vgl. letzten Bericht).

Am 6. September 2019 sah ich mal wieder einen beringten Sandregenpfeifer, diesmal an der so genannten Westdeichecke nahe des NSG Leyhörn, die bei Hochwasser als Rastplatz für viele Watvögel fungiert. 

Leider gelangen mir nur einige Belegfotos...


Common RINGED Plover with colour rings photographed on 6. September 2019 – bird had been ringed on 3. February 2019 on Bubaque Island, which belongs to Guinea-Bissau. This bird constitutes the first for me that had been ringed in Africa!

Es ist nicht etwa so, dass ich gezielt nach beringten Vögeln Ausschau halte, aber wenn ich zufällig einen entdecke, dann packt mich schon der Ehrgeiz. In vielen Fällen ist ein Ablesen aber unmöglich. Oft ist die Distanz zum Vogel viel zu groß, nicht selten die Ringe völlig verschmutzt. Vor allem, wenn sie am Tarsus angebracht worden sind und es sich um Vögel im Watt handelt, hat man keine Chance. Selbst so ein leichtes Tier wie der Sandregenpfeifer sinkt einfach zu tief in den weichen Schlick ein, sodass da nichts mehr herauszuholen ist.

Zurück zu meinen temporären Mitbewohnern: 

how to trap a Wood Mouse...

Im Hintergrund sieht man einen Schuhkarton, den ich mir extra für diesen Zweck in einem Schuhladen in Pewsum organisiert hatte. 

In diesem Karton befinden sich auch jetzt noch, neben einem ganzen Haufen Heu, leckere Cornflakes. Die oben gezeigte Maus war wenig scheu und tauchte immer zu bestimmten Zeiten auf der Bildfläche auf. Abends gegen 21:00 Uhr und morgens um sechs. Den Tag und auch die Nacht verbrachte sie in der Nähe meines Kleiderschranks, vielleicht sogar im Innern desselben. Es machte ihr überhaupt nichts aus, wenn ich das Licht eingeschaltet ließ oder sie sogar direkt mit meiner Taschenlampe behelligte. An den drei oder vier Tagen, die sie in meiner Wohnung verbracht hat, wich sie niemals von ihrem Zeitplan ab. Nicht eine Sekunde. Man hätte nach ihr wirklich die Atomuhr in Braunschweig einstellen können und so weiter.

Was war mein Plan?

In Ermangelung einer geeigneten Lebendfalle stellte ich also den Karton neben dem Kühlschrank auf. Von einem Stuhl aus beobachtete ich das Tier aus einer Distanz von etwa zwei Metern. Ich wollte aufspringen und mit einer Postkarte sofort das Loch im Karton abdecken, sobald sich die Waldmaus ins Innere gewagt hätte. Doch ich war zu langsam. Oder die Maus zu schnell. Sie schlüpfte hinein, schnappte sich etwas Futter und verschwand damit unterm Kühlschrank. Dort, an diesem sicheren Ort, knabberte sie dann an ihrer Beute herum, was nicht zu überhören war.

Also dachte ich mir etwas Neues aus:


Ich legte mich auf den Boden und hielt das eine Ende meines Schlangenstocks in der Linken.

Dann wartete ich. Es dauerte nicht lange, bis die Maus wieder auftauchte und im Karton verschwand. Jetzt verstopfte ich den Eingang einfach mit dem Griff meines Schlangenstocks. Das verschreckte Tier bekam das natürlich sofort mit und sprang wild im Innern herum – das war wirklich sehr gut zu hören –, und ich stand auf und schob schnell die Postkarte vor das Loch. Dann ging ich mit dem Karton nach draußen und ließ die Maus frei.

Ich öffnete den Deckel, und das Knopfauge machte vor Freude einen Riesensatz. "Er hat mir nichts getan!" rief es immer wieder: "Er hat mir einfach nichts getan!"

Doch es kam, wie es kommen musste. Das Biest kannte den Weg zum Futter – dabei handelte es sich übrigens um einen Weg, der mir bis heute völlig unbekannt ist – und war bereits am folgenden Abend wieder da! Ich wiederholte die Fangaktion und brachte die Waldmaus diesmal in die weite Feldflur, wo sie sich wohl auch heute noch herumtreibt. Daran, dass es sich tatsächlich um dasselbe Individuum gehandelt hat, gibt es keine Zweifel. Die Maus bewies innerhalb der Wohnung echte Ortskenntnisse. Und sie zeichnete sich auch bei ihrem zweiten Auftritt durch ihre geringe Scheu aus.

Aus, die Maus!

second specimen behind bars

Eine Woche später war da plötzlich wieder so ein kleiner Poltergeist in meiner Wohnung unterwegs. Diesmal aber zu ganz anderen Tageszeiten. Kurz: Es war wieder eine Waldmaus, die ein warmes Plätzchen gesucht und gefunden hatte, aber definitiv eine andere.

Bei eingeschaltetem Licht ließ sie sich grundsätzlich nicht blicken, und auch bei absoluter Dunkelheit nur dann, wenn ich bereits oder noch schlief. Das Miststück weckte mich immer wieder auf, doch mit der oben beschriebenen Fangmethode konnte ich in seinem Falle nichts ausrichten. Das Tier war sehr vorsichtig! Also kaufte ich mir eine Lebendfalle, wie man sie zum Beispiel in den Raiffeisen-Märkten für ganz wenig Geld bekommen kann, und bestückte sie abends mit ein paar Cornflakes, um mich dann ins Bett zu hauen. Nur wenige Minuten später hörte ich, dass mir das Tier auf den Leim gegangen war.

Ein zweites Bild vom "Plagegeist":














same

Die Waldmaus hat im Vergleich mit der Hausmaus den Vorteil, dass sie noch niedlicher ist als diese und niemals stinkt. Es ist der Urin der weiblichen Hausmäuse, der diesen typischen muffigen Geruch verströmt, den wohl jeder kennt, der schon mal einen Zooladen besucht hat, in dem auch Labormäuse angeboten werden.

Würde die Waldmaus nicht kacken, dann hätte ich absolut nichts gegen ihre Gesellschaft. Im Gegenteil, es macht Spaß, ihr beim Erkunden des neuen Lebensraues zuzusehen und ihre Turn- und Kletterübungen zu bestaunen. Aber allein der Gedanke, dass sich da ganze Haufen von kleinen Kötteln ansammeln könnten, unterm Kühlschrank oder sogar in meinem Kleiderschrank, gefällt mir nicht so gut. Dass auch die Waldmaus möglicherweise als Überträger des Hantavirus infrage kommt, hat mir jetzt keinen großen Schrecken eingejagt.

Erwischt:




same

Auch diese Waldmaus brachte ich wenig später zum Deich.

same

Mäuse gibt es natürlich das ganze Jahr über.

Doch vor allem im Herbst, wenn die Temperaturen draußen sinken und die Niederschläge (hoffentlich) zunehmen, tauchen sie verstärkt im Innern von Häusern und Wohnungen auf. Ein weiterer Aspekt ist in diesem Zusammenhang natürlich auch der permanente Zugang zu Nahrung. Aber Panik ist da völlig fehl am Platze. Und einen Grund, die Tiere zu töten, gibt es meiner Meinung nach sowieso nicht. 

Lebendfallen sind billig und effizient. Allerdings rate ich aus den oben beschriebenen Gründen davon ab, eine gefangene Maus direkt vor der Haustür wieder in die Freiheit zu entlassen. Sie weiß immer ganz genau, wie sie wieder ins Haus gelangen kann.

Im Falle einer Wanderatte würde ich übrigens viel schneller handeln. Auch sie ist nichts anderes als eine Langschwanzmaus.

Wenn auch eine richtig große!