wilde perspektiven

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Montag, 25. Dezember 2017

Ein Nonnensteinschmätzer besucht Bensersiel (Teil 2)

Kinners, das war so nicht gedacht!

Von einem zweiten Teil ist nie die Rede gewesen.

Denn ein so langer Aufenthalt des Nonnensteinschmätzers in Bensersiel war absolut nicht vorhersehbar und ganz bestimmt auch nicht geplant.

Jedenfalls nicht von mir.

Was bildet der Vogel sich eigentlich ein?

Wieso zieht der nicht einfach weiter?

An den Mehlwürmern liegt es jedenfalls nicht. Ich habe schon viele gefiederte Kandidaten vorübergehend unterstützt, doch wenn der Zugtrieb noch nicht erloschen war, dann waren sie von einem auf den anderen Tag auch nicht mehr auffindbar. 

Jetzt gehe ich also davon aus, dass es der NSS ernst meint und trotz des seit Wochen andauernden Schietwedders in Bensersiel überwintern möchte. Immerhin hat der Vogel bereits mehrere windstille und wolkenarme Nächte ungenutzt verstreichen lassen. Er glaubt wohl fest daran, seinen Job erledigt und Ostafrika erreicht zu haben. Ostafrika – Ostfriesland –, das klingt doch auch ähnlich. Und wenn man nicht so genau hinsieht, dann fallen einem auch keine Unterschiede auf.

Beachtet den anscheinend von der Deutschen Telekom gesponserten Farbring (mehr dazu weiter unten):


this young male Pied Wheatear is still present on the campground of Bensersiel (see previous blog post)

Inzwischen habe ich übrigens herausgefunden, wo der NSS seine Nächte verbringt.

Er schläft in einem Gebüsch neben einem Parkplatz. Nach seiner letzten Mahlzeit am späten Nachmittag und kurz vor Einbruch völliger Dunkelheit fliegt er über den Deich, um auf der anderen Seite in dichtem Zweigwerk zu verschwinden.

Dort träumt der dann von einer attraktiven NSSin.

Zuvor war ich davon ausgegangen, dass der Vogel in einer Nische des Sanitärgebäudes 3 schläft. Doch bei genauerer Kontrolle stellte ich fest, dass jeder noch so kleine Spalt geradezu luftdicht verschlossen ist. Die Gebäude von heute sind einfach nicht sehr vogelfreundlich ausgestattet.

Da gibt es keine Versteckmöglichkeiten mehr.

Dabei scheint dem NSS der Kunstfelsen auf dem Campingplatz ausgezeichnet zu gefallen!

Wenn ausnahmsweise mal die Sonne durch die dichte Wolkendecke blinzelt, dann singt der Vogel nämlich auch schon mal, während er vom Dachfirst aus die Umgebung im Auge behält. Es ist kein Vollgesang, wie man ihn im Frühjahr im Brutgebiet hören könnte. Eher so ein Gequassel und Gezwitscher, das darüber hinaus auch noch eher leise und unaufdringlich daherkommt.

Na ja, man kennt das ja auch von vielen heimischen Vogelarten, wie z. B. von der allgegenwärtigen Amsel.

Einmal lag ich auf meiner Matte und hörte plötzlich mehrere Male hintereinander den markanten Flugruf eines Spornpiepers.

Ich schoss geradezu in die Vertikale und nahm mein Fernglas zur Hand. Doch schon während ich es gen Himmel richtete, ging mir ein Licht auf. Es war der NSS, der den Spornpieper immer wieder imitierte! Und wahrscheinlich beinhaltete sein Geplauder auch noch weitere Imitationen, doch leider sind mir die Gesänge und Rufe der meisten Ostpaläarkten völlig unbekannt.

Such den Mehlwurm:



Immerhin lässt diese Verarsche Raum für Spekulationen, die eigentlich keine mehr sind.

Denn es ist klar, der Vogel kann diese Rufe nur während seiner frühen Kindheit im Verbreitungsgebiet des Spornpiepers erlernt haben. Dieses reicht von Ostkasachstan im Westen quer durch die Mongolei bis ans Westufer des Ochotskischen Meeres im Osten und schließt darüber hinaus südlich und nördlich davon weite Teile Chinas sowie Sibiriens mit ein.

Dieses riesige Areal deckt sich nicht vollkommen mit jenem des NSS. Man kann die Herkunft des Vogels aber immerhin auf einen Teil dieses Gebietes eingrenzen. Ich gehe davon aus, dass der NSS aus dem ehemaligen Zarenreich stammt. Das erscheint mir zumindest am plausibelsten.

Beweisen lässt es sich aber natürlich nicht.

Trotzdem geil, oder?

Ein echter Steinschmätzer muss auch mal auf einem Stein stehen: 


Diesen hier hatte ich dem Vogel zuvor aus dem Watt besorgt.

Das Fotografieren auf dem Campingplatz von Bensersiel war übrigens eine erholsame Sache. Im Gegensatz zum Strand von Norddeich war dort absolut nichts mehr los. Nur ganz wenige Hundebesitzer ließen sich dort blicken, aber es waren nie mehr als drei bis vier gleichzeitig. Weil das Gebiet deutlich größer ist als jenes in Norddeich, bekam man von ihrer Anwesenheit oft überhaupt nichts mit.

Ein SW-Foto zur Abwechslung:

So bleibt einem die Farbe des Metallringes erspart.

Ich weiß nicht mehr, wann genau der NSS seinen Ring verpasst bekommen hat. Bekannt ist mir aber der Grund für das nicht ganz freiwillige Tragen von Modeschmuck. Falls der Vogel nämlich mal Bensersiel verlassen und tatsächlich an einem anderen Ort auftauchen und dort auch entdeckt werden sollte, könnte man ihm auf der Stelle einen Namen geben: Karlsson (vgl. letzten Bericht)!

Ich persönlich finde Vogelberingung und -besenderung megaspannend. Ich kann aber auch verstehen, wenn Menschen Bedenken hegen. Denn tatsächlich haben die Vögel selbst absolut nichts von der ganzen Sache. Jedenfalls fällt mir kein einziger Vorteil ein, der für sie aus der Beringung resultiert. Auf der anderen Seite entsteht ihnen aber auch kein Schaden. Zumindest dann nicht, wenn es sich, wie in diesem Fall, um so klitzekleine eloxierte Aluminiumringe handelt.

Ich würde mich also sehr darüber freuen, falls der NSS eines Tages irgendwo abgelesen werden sollte!

Am besten im Brutgebiet, doch ist die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch, weil weite Bereiche der genannten Regionen vom Menschen erfrischend dünn besiedelt sind. Und Forscher, die sich mit frei lebenden Vögeln beschäftigen, dürften dort zu allem Überfluss besonders rar gesät sein.

So sweet:













Im Ort, also in Bensersiel, gibt es einen Supermarkt.

Auf dem Weg dorthin stieß ich auf einen Feldhasen, der sich zunächst im Vorgarten einer Pizzeria aufhielt und keine Scheu zeigte. Er stand dort herum und bewegte sich nicht. Irgendwann hoppelte er aber doch mal gemütlich weiter.

Doch schon in der Hofeinfahrt eines benachbarten Hauses legte er abermals eine Pause ein, um die nächsten Schritte zu überdenken:

a European Hare showing up in the center of a village is not too uncommon for Ostfriesland

Ich schoss nur dieses eine Belegbild, weil ich dem Hasen nicht zu sehr auf die Pelle rücken wollte.

Ganz in der Nähe befand sich nämlich die Hauptstraße, und natürlich wollte ich verhindern, dass das Langohr in die falsche Richtung läuft. Ich liebe Hasen und finde sie total hübsch! Und in einer geschlossenen Ortschaft dürfen sie nicht abgeballert werden. Ich hoffe also, dass dieses Prachtexemplar innerhalb der Ortsgrenzen von Bensersiel sein Auskommen findet und niemals einen völlig sinnfreien Tod sterben muss. Schließlich hat mir das Tier allein durch seine Anwesenheit ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Nonnengänse im Watt vor Bensersiel:

Barnacle Goose

Die Tiere verbringen dort die Nächte.

Und weil sie wie Korken schwimmen können, ist es ihnen völlig schnuppe, ob gerade Hoch- oder Niedrigwasser herrscht. Es ist immer ein echtes Spektakel, wenn diese Vögel am Abend in großer Zahl ihren Schlafplatz aufsuchen oder ihn in den frühen Morgenstunden wieder verlassen. Die Rufe von Nonnengans und Blässgans sind für mich so eine Art Stimme Ostfrieslands.

Zumindest von Oktober bis in den Mai hinein.

Zurück zum NSS:

Alles, was ihr bis hier gelesen habt, habe ich bereits am Samstag (23. 12. 2017) geschrieben!

Das war gleichzeitig der Tag, an dem ich den NSS zuletzt gesehen habe. Seit diesem Tag ist er auch im Club300 oder auf Ornitho nicht mehr gemeldet worden. Das liegt aber wohl eher daran, dass sich niemand die Mühe gemacht hat, nach dem Vogel zu sehen. An den Feiertagen sieht das Programm der meisten Menschen eben ganz anders aus.

Ich gehe jetzt mal leichtfertig davon aus, dass sich der NSS nach wie vor auf dem Campingplatz aufhält. Und die Bedingungen für ihn sind so schlecht doch auch nicht. Die Temperaturen liegen deutlich über dem Gefrierpunkt, da sollte es an Nahrung nicht mangeln. Denn tatsächlich ist die Mehlwurmquelle spätestens seit Samstag komplett versiegt. Ich hatte über die Feiertage leider auch nicht die Möglichkeit, sie wieder aufzufüllen.

Auf der anderen Seite treiben sich an der Küste noch einige Hausrotschwänze herum, die auch keine Probleme haben, satt zu werden.


Nur auf Sonne muss der Vogel jetzt verzichten.

Es ist wieder einmal so finster wie in all den Jahren zuvor, wenn es aufs Finale zugeht. Und zu allem Überfluss hat auch der Wind wieder deutlich zugenommen.

Ich wahrscheinlich auch.

Spekulatius und Christstollen werden bestimmt schon ihre Spuren hinterlassen haben. Mir ist mehr oder weniger dauerschlecht, weil ich nicht die Finger von all diesen Leckereien lassen kann. Und nicht umsonst spricht man im Falle von Weihnachten von der Hunderttausendkalorienparty.

NSS essen nur so viel, wie ihr Körper benötigt. Von übergewichtigen Vögeln habe ich jedenfalls grundsätzlich noch nie etwas gehört. Es sei denn, der Mensch hat seine schmutzigen Finger im Spiel (Hähnchen- und Putenmast).

Das ist beim NSS aber nur bedingt der Fall:

Und natürlich feiern Vögel auch keine seltsamen Feste, die auf die Geburt eines ganz normalen Menschen zurückgehen.

Sie feiern nicht einmal ein Fest, das sich auf die Geburt eines heldenhaften NSS zurückführen ließe. Vögel sind die klügeren Menschen, weil sie sich auf das Wesentliche konzentrieren. Allerdings kommen sie auch niemals in den Genuss von geilen Spekulatius und Christstollen.

Und das ist doch schade!

Egal, ich bin jedenfalls gespannt darauf, ob sich der Vogel auch noch nach dem Fest in Bensersiel aufhalten wird. Ich werde das kontrollieren und bei Bedarf auch wieder knusprige Mehlwürmer auslegen. So als ein verspätetes Weihnachtsgeschenk und so weiter.

Jetzt gibt's noch schnell sechs weitere Bilder:



Abschließend kann ich mit Fug und Recht schreiben, dass ich von diesem Nonnensteinschmätzer wirklich ausreichend Belegfotos geschossen habe.

Niemand kann mehr behaupten, der Vogel sei meiner Fantasie entsprungen. Und darauf kommt es letztendlich an. 

So, jetzt reicht's aber auch für heute.