wilde perspektiven

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Samstag, 27. Februar 2021

Endlich Winter (Teil 2)

Kinners, der Winter ist schon wieder vorbei.

Die vielen Goldregenpfeifer und Kiebitze, die vorübergehend nach Südwest ausweichen mussten, sind auch längst wieder zurück. 

Letztere balzen sogar schon auf und über den Feldern bei frühlingshaften Temperaturen.

Heute gibt es also einen Rückblick auf eine gute Woche, die vor allem mit fast schon sensationell niedrigen Temperaturen aufwarten konnte, aber auch mit Schnee, der es sich auf dem einen oder anderen Dachboden gemütlich gemacht hat, weil die Flocken sehr klein waren und der stürmische Wind wie immer von der Seite kam.

Den Anfang darf heute (wieder einmal) der Bergpieper machen:


Water Pipit (new specimen) 

Dabei handelt es sich um ein neues Individuum, das während der Kältephase rein zufällig den Heidelerchen-Futterplatz auf dem Rysumer Nacken entdeckt und dort auch gleich einen auf Platzhirsch gemacht hat!

Das Foto entstand um 7:48 Uhr.

Ebenfalls um 7:48 Uhr aufgenommen wurde das folgende Bild:

7:51 Uhr:

Derselbe Vogel um 7:54 Uhr, also immer noch vor Sonnenaufgang:


all images show the same bird

Kalt war es an diesem Morgen.

Mit -13 Grad Celsius war es sogar die kälteste Nacht in diesem Winter. Und -13 Grad Celsius betrug die Temperatur auch, als diese Bilder am frühen Morgen entstanden, während ich auf meiner Isomatte auf der Lauer lag.

7:58 Uhr:


7:59 Uhr:


8:00 Uhr:


Warum die exakten Uhrzeiten?

Weil ich mal demonstrieren möchte, wie wenig Zeit man hat an einem klaren Wintertag, um halbwegs brauchbare Bilder schießen zu können. 

Denn obwohl die Sonne im Februar alles andere als steil in den Himmel steigt, wird das Licht sehr schnell viel zu grell und wirft ganz nebenbei auch noch kilometerlange Schatten. Es entstehen also Kontraste, die ein normaler Kamerasensor nicht mehr befriedigend bewältigen kann. 

Das zumindest ist meine Meinung.

8:02 Uhr:



Und schließlich 8:08 Uhr:


Neben den störenden Kontrasten gefiel mir an diesem Morgen auch die rote Farbe des Lichts nicht.  

Eine halbdurchlässige Bewölkung hätte all das verhindern können, doch weit und breit war da keine Wolke am Himmel zu sehen. Und deshalb ließ ich es an diesem Morgen auch dabei bewenden und kroch aus meinem Schlafsack. 

Kälte macht mir so lange nichts aus, wie es windstill ist. Während meiner etwa zweistündigen Fotosession hatte ich nicht einmal Handschuhe an. Die hatte ich zuvor versehentlich im Auto liegen gelassen.

Mit Beginn der Frostphase tauchten auf dem Rysumer Nacken auch ungewöhnlich viele Waldschnepfen auf. Es war schier unglaublich, aber alle paar Schritte flog eines dieser Biester auf. Nie zuvor in meinem langen Leben ist mir diese so versteckt lebende Art in so kurzer Zeit so oft vor die Augen geflattert. Und zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt habe ich Waldschnepfen am Boden bei der Nahrungssuche beobachten können und das gleich in x-facher Ausfertigung!

Eine normale Begegnung mit der Waldschnepfe verläuft nämlich immer so, dass man sie erst dann entdeckt, wenn man sie ungewollt hochscheucht. Nicht selten lassen einen diese Vögel erst einmal bis auf wenige Meter herankommen. Sie vertrauen auf ihr kryptisch gezeichnetes Gefieder, das sie unter normalen Bedingungen bestens tarnt. 

Bis zu dreißig Vögel sah ich auf dem Rysumer Nacken an nur einem Tag, doch tatsächlich dürfte die Zahl noch deutlich höher gelegen haben, weil ich grundsätzlich nur die Wege gehe und somit nicht alle Flächen einsehen kann. Ein Indiz dafür, dass es in diesen Tagen eher mehr Waldschnepfen gewesen sind, waren die allgegenwärtigen Spuren dieser Vögel im Schnee.

So sah das fast überall aus:


many Woodcocks showed up at Rysumer Nacken, when temperatures suddenly dropped far beyond freezing point

Man sieht Fußspuren im Schnee und runde Löcher, die durch das Stochern mit dem langen Schnabel entstanden sind. 

Was die Vögel in dieser Zeit gegessen haben, ist mir aber bis heute ein Rätsel geblieben, denn der Boden war überall hartgefroren, auch unter der dünnen Schneedecke, und ein Stochern im Substrat dürfte somit unmöglich gewesen sein. Trotzdem habe ich in dieser Woche nicht eine geschwächt wirkende Waldschnepfe gesehen!  

Dafür aber insgesamt vier Rupfungen:


remains of a Woodcock, likely preyed by a Sparrow Hawk or Goshawk

Die Waldschnepfe geht normalerweise in der Dämmerung auf Nahrungssuche.

Während dieser frostigen Phase sah man die Vögel aber auch am helllichten Tag auf offenen Flächen verzweifelt durch die Gegend irren, weil sie wegen der widrigen Verhältnisse mehr Zeit für die Nahrungssuche aufbringen mussten als sonst und die Dämmerung dazu offenbar nicht aussreichte. 

Wenn Schnee liegt, trägt die wunderschöne Zeichnung des Gefieders aber nicht mehr zur Tarnung bei; stattdessen sind die dunklen Vögel schon aus großer Entfernung zu erkennen. Das fiel nicht nur mir auf, sondern auch zwei Mäusebussarden, die ihr Glück versuchten, aber natürlich scheiterten, weil sie keine Sperber oder Habichte waren. 

So sieht übrigens eine lebende Waldschnepfe aus: 







Tony Woodcock

Kaum hatte ich sie entdeckt, da kam es auch schon zu einer weiteren Premiere!

Die Waldschnepfe begann sofort zu "tanzen". Ich kann das schlecht beschreiben, aber auf Youtube gibt es zahlreiche sehenswerte Videos dazu. 

Z. B. hier:klick!

Oder hier: klick!

Das zweite, lustig mit Musik untermalte Video zeigt allerdings das nordamerikanische Gegenstück, die nahe verwandte Kanadawaldschnepfe. Warum diese Vögel sich so bewegen, ist bis heute nicht wirklich bekannt. Es gibt verschiedene Erklärungsversuche, die mich aber alle nicht wirklich überzeugen. 

Vor diesem Kälteeinbruch hatten wir hier in Norddeutschland und wohl auch in ganz Mitteleuropa gleich mehrere aufeinanderfolgende sehr milde Winter erlebt. Als eine Folge davon dürften besonders viele Waldschnepfen im Norden und Osten ausgeharrt haben, vielleicht in Südschweden, Polen und Belarus sowie den baltischen Staaten. Wenn dann plötzlich die Temperaturen in den Keller gehen, führt das zu Ausweichbewegungen, die man als Kälteflucht bezeichnet. Doch ist es nicht die Kälte selbst, die den Vögeln zu schaffen macht, sondern mit ihr einhergehende Begleiterscheinungen wie eben vereiste Gewässer, gefrorener Boden und eben auch Schnee, die zu einer Verknappung der Nahrung führen oder einfach den Zugang zu ihr verwehren. 

Inzwischen haben die meisten Waldschnepfen den Rysumer Nacken wieder verlassen und sich wohl auf den Weg in ihre Heimat begeben.  Ich hoffe für sie, dass es das jetzt gewesen ist mit Frost und Schnee und sie nicht noch ein weiteres Mal ihr Heimat verlassen müssen. 

Auch die Singdrossel war in diesem Winter auf dem Rysumer Nacken stark vertreten. Der Rysumer Nacken war in diesem Winter laut Ornitho sogar der norddeutsche Singdrossel-Hotspot schlechthin!

Im Gegensatz zu den anderen anwesenden Drossel-Arten hatte die Singdrossel aber auch in der Kältewoche nur wenig Mühe, satt zu werden. Denn während Amsel und Rotdrossel emsig auf dem Boden liegende Blätter wendeten, in der Hoffnung, etwas Leckeres darunter zu finden, suchte man als Singdrossel nahezu ausschließlich nach überwinternden Gehäuseschnecken

Was müssen die Amseln und Rotdrosseln bloß gedacht haben, wenn die Singdrossel meist nach nur kurzer Suche wieder mit fetter Beute zu ihrem Amboss zurückkehrte und das Gehäuse so lange kräftig gegen die Unterlage schlug, bis die Schnecke endlich eine nackte war und aufgegessen werden konnte. Überall auf dem Rysumer Nacken war dieses typische Geräusch des Zerschmetterns von Schneckengehäusen während der Kältephase zu hören gewesen: papf, papf, papf und so weiter. 

Auch von meinem Tarnzelt aus, wenn ich wegen der Heidelerchen auf meiner Isomatte lag!

Und entsprechend sah es auch an vielen Stellen aus:




Song Thrush did that

An einem bestimmten Tag hörte ich ein ganz anderes Geräusch, das aber im selben Rhythmus erklang. Es hörte sich an wie pling, pling, pling.  

Ich blickte mich nach allen Richtungen um und entdeckte den Verursacher. Eine der Singdrosseln hatte sich etwas ganz Besonderes einfallen und die vielen Schnecken einen klangvollen Tod sterben lassen:



same

Ihr seht, es kann durchaus auch mal sinnvoll sein, eine leere Bierpulle im Outback zu entsorgen. 

Natürlich wollte ich das auch in "richtigen" Bildern festhalten. Und bis zum Errichten des Rohbaus meines Verstecks kehrte die Singdrossel auch weiterhin ungerührt zu ihrer Flasche zurück, wie die beiden folgenden Fotos belegen:


in flagranti




Doch nachdem ich mein Tarnzelt fertiggestellt hatte, blieb sie dem Tatort fern. 

Erst nach dem Abbau ließ sie sich wieder blicken, wie ich aus meinem Auto heraus beobachten konnte. 

Die Singdrossel ist der Gehäuseschnecken-Spezialist unter den heimischen Drosseln. Doch wie die Vögel in nur kurzer Zeit so viele der Schnecken auffinden können, werde ich nie verstehen. Denn auch ich habe mich auf die Suche begeben und in einer ganzen Stunden gerade mal eine lebende Schnecke gefunden!

Eine andere Singdrossel:


this Song Thrush showed up at the feeder always after sunset to avoid an encounter with a very dominant female Blackbird, photo taken with trail camera

Dieser Vogel ließ sich immer erst nach Sonnenuntergang bei meinen ausgelegten Äpfeln blicken, nur um einer sehr dominanten weiblichen Amsel aus dem Weg zu gehen. 

Ein Rotkehlchen konnte ich dort auch mit meiner Wildkamera knipsen:


Robin

Ein anderes mit meiner richtigen:



second specimen

Ich fand eine erbeutete Schleiereule, schon die zweite in diesem Winter: 



remains of a Barn Owl

Auch hier gehe ich davon aus, dass sie von einem Habicht geschlagen wurde. 

Der folgende Raufußbussard passte sehr gut in die winterliche Landschaft, stammt er doch aus dem Norden Europas:



Rough-legged Buzzard

Derselbe Vogel ohne Farben:


same

Eisgang auf der Ostfriesen-Lena:


looks like Lena river with Yakutsk in da background

Im Hintergrund ist das Kraftwerk von Jakutsk zu erkennen.

Könnte aber auch Eemshaven sein.

Jedenfalls rechnete ich mir bei diesem Anblick gute Chancen auf meinen ersten Eisbären außerhalb des Osnabrücker Zoos aus. Und als kleine Zugabe konnte ich mir sehr gut ein paar Elfenbeinmöwen vorstellen.

Doch stattdessen waren es nur zwei Spießenten, die die neuen Bedingungen genossen und sich auf einer Eisscholle flussaufwärts treiben ließen:


Pintail  

Wie kann das sein?

Die Tide macht so etwas möglich, das Wasser lief gerade auf.

Man kann davon ausgehen, dass es in der Krummhörn zurzeit keine Eisvögel mehr gibt. Alle Gewässer hier waren mindestens neun Tage am Stück komplett vereist, der Zugang zum Fisch entsprechend versperrt. Als Eisvogel verhungert man nämlich wahrscheinlich eher, als dass man seine Heimat verlässt. Auf der Geest haben aber welche überlebt, denn dort gibt es immerhin ein leichtes Gefälle und somit auch langsam fließende Gewässer, die dem Anschein nach nicht zugrfroren waren. 

Zwei balzende Eisvögel konnte ich jedenfalls vor ein paar Tagen am Ems-Jade-Kanal bei Aurich-Brockzetel beobachten. Sie werden für Nachwuchs sorgen und somit auch dafür, dass früher oder später auch wieder Eisvögel am Deich auftauchen. 

Der Graureiher ist eigentlich nicht auf Fisch angewiesen. Schließlich ist er auch ein ausgezeichneter Mäusejäger. 

Warum dieser Vogel aber immer im selben Bereich eines zugefrorenen Graben ausharrte, ist mir auch heute noch ein Rätsel:


for few days this Grey Heron was waiting patiently for food, but the ditch was completely frozen, I hope he survived

Oh, ein Video:

 
 
Eine echte Premiere!

Die Wasserralle ist auf dem Rysumer Nacken ganzjährig allgegenwärtig. Man hört sie oft, sieht sie aber nur sehr selten. 

Weil alle Gewässer zugefroren waren, nutzte ich die Gelegenheit und stellte einfach meine Wildkamera mitten aufs Eis eines Grabens. Eine Handvoll Mehlwürmer sollte die Vögel in Reichweite locken...

Schaut es euch an! Die Qualität ist nicht so prickelnd, aber die Rallen dafür um so lustiger. 

Ein weiteres Video zeigt einen der Vögel, wie er sich ganz vorsichtig der Kamera nähert, doch dann...


Ich denke, die vielen "Augen" des Gehäuses haben der Wasserralle einen gehörigen Schrecken eingejagt.

Uhrzeit und Datum stimmen nicht. Aber das nur so am Rande.

Zu guter Letzt ist wieder die Heidelerche an der Reihe:


Woodlark

Für diesem Winter reicht es jetzt auch.

Ich werde keine weiteren Bilder mehr von dieser Art und auch vom Bergpieper hier hochladen:


Auch hier könnte ich das Spiel mit den Uhrzeiten spielen, doch dazu fehlt mir jetzt die Lust:


Wieder mit etwas Raureif auf dem Rücken.


Die oben erwähnte Kälteflucht hatte ja auch zu vielen Heidelerchen im westlichen Ostfriesland geführt, aber noch stärker war das Auftreten der großen Schwester.

Mit Einsetzen des Frostes tauchten hier plötzlich unglaublich viele Feldlerchen auf. Auf manchen Äckern wimmelte es geradezu von ihnen:


tons of Skylarks popped up after temperatures had dropped

Ich konnte beobachten, dass sie sich zum Beispiel von Gelbsenf ernährten. Sie zupften einfach an den Blättern und rissen so kleine Stücke ab, die sie verschlangen. Das war wohl so etwas wie Magerkost, doch eine andere Wahl hatten die Vögel nicht.

Nur die vier Heidelerchen vor meinem Tarnzelt mussten den ganzen Winter nicht ein einziges Mal Hunger leiden:




Licht und Schatten:


Mehr Licht als Schatten:



Entsprechend gestärkt flogen sie schließlich auf und davon:



Zuletzt gesehen habe ich sie am letzten Sonntag.

Ich wünsche ihnen eine angenehme Heimreise, einen schönen Sommer und eine erfolgreiche Brutsaison.

Und ich freue mich auf ein mögliches Wiedersehen im kommenden Herbst. 

Didü, didü!