wilde perspektiven

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Donnerstag, 22. Juli 2021

Karmingimpel

Heute gibt es ein Novum in der Geschichte dieses herausragenden und einzigartigen Blogs!

Und ihr, Kinners, könnt quasi live dabei sein. 

Ich hoffe, ihr wisst das zu schätzen.

Falls nicht, bekommt ihr Post von mir. 

Ihr wisst, diese kleinen Paket-Atombömbchen und so weiter, die schon so unglaublich berüchtigt sind in der ganzen Republik. 

In 1000 Jahren, wenn die Menschen auf meinen Blog als naturkundliches Zeitzeugnis stoßen, werden sie jedenfalls denken und sagen: "Mensch, ich wäre damals so furchtbar gerne dabei gewesen."  

Ich übertreibe doch hoffentlich nicht, oder? 

Worum es heute an diesem denkwürdigen Tag geht?

Zum ersten Mal seit Bestehen dieses Blogs darf ein geiles Gras einen Beitrag eröffnen, obwohl ich seit meiner frühen Kindheit unter Heuschnupfen leide.

Und so sieht es aus:

Mystery Gras

Es handelt sich hier um keine richtige Art.

Und es ist auch keine Unterart.

Mehr wird jetzt aber noch nicht verraten, weil es der Karmingimpel ist, der heute die Hauptrolle spielen soll.

Ich nehme es gleich vorweg: nix mit Brut oder Nachwuchs. Alles ist (wieder einmal) im Sand verlaufen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie enttäuscht ich bin, aber ändern wird das auch nichts. 

Ich will mal etwas chronologisch vorgehen, um dem Ganzen so etwas wie Seriosität einzuhauchen.

Am 30. Mai 2021 sah ich den ersten Karmingimpel des Jahres auf dem Rysumer Nacken (Stadt Emden), der in den frühen Morgenstunden auch fleißig sang. Es war eines dieser jungen und somit noch grauen Männchen, wie man sie in diesem Gebiet zumeist zu Gesicht bekommt (zwei Fotos vom Vogel gab es bereits im vorletzten Beitrag). Diese Karmingimpel war sehr mobil und nutzte ein großes Revier, das sich vom Restaurant Strandlust im Süden bis zum Emsstrand im Norden erstreckte. 

Bereits am 3. Juni bemerkte ich neben einem weiteren immaturen Sänger an der Knock auch ein Weibchen, das vom Männchen gefüttert wurde. Oh Gott, so dachte ich, das ging aber schnell. Jetzt wird es aber mal so richtig spannend!

Am 18. Juni warnten zwei graue Vögel am Rande eines Gebüsches und unmittelbar neben dem Gassco-Gelände. Nur zwei Tage später konnte ich das Weibchen beim Nestbau beobachten. Es pendelte zwischen dem einen Ende des Gebüsches, wo es Halme aufsammelte, und dem anderen, wo es sich mit seiner Ladung ins Dickicht fallen ließ. Dabei wurde es vom Ehemann begleitet. 

Das Gebüsch:


where the Common Rosefinches this year built a nest (shrubbery in da background), unfortunately the birds (two pairs) disappeared traceless. Means: I still have to wait for the first ever breeding record for Emden, although Common Rosefinch occurs in this area already for decades

Dieses Gebüsch ist etwa 50 Meter lang und in seiner Mitte etwa zwanzig Meter breit. 

Es handelt sich hier um einen undruchdringlichen Filz aus Sanddorn und Brombeere. An mehreren Stellen ragen einige Holunderbüsche sowie diverse Weiden aus dem Gebüsch heraus. Der hächste Baum ist eine Silberweide (auf dem Foto zu sehen).

Genau so stellt man sich den Brutplatz eines Neuntöters vor, der auch tatsächlich nur ein Gebüsch weiter seinen Nachwuchs aufzieht. Weitere Brutvogelarten an diesem Ort waren während der Anwesenheit der Karmingimpel Gelbspötter, Dorn- und Klappergrasmücke, Zilpzalp und Fitis sowie die gute alte Singdrossel

Ganz reibungslos verlief der Bau des Nests allerdings auch wieder nicht, denn genau an diesem Tag sah ich zum ersten Mal ein rotes Männchen, das sich anschickte, dem grauen sowohl Weibchen als auch Revier abzuluchsen. Dabei war es so penetrant, dass es seinerseits das Weibchen bei seinen Nistmaterial-Sammelflügen begleitete, dann aber stets sofort vom grauen Männchen vertrieben wurde. Das graue Männchen wurde für mich zu einem richtigen Helden!

Ein Bild vom roten Eindringling:






this adult intruder tried to take the female as well as the territory from one of the unexperienced immature grey males, but failed at least that days that I was present

Zunächst war ich davon ausgegangen, dass es sich bei diesem Paar um das bereits Ende Mai entdeckte Männchen samt Ehefrau handelte, zumal dieses Männchen ja mit seinem dünnen Gesang ein riesigen Revier markiert hatte. 

Doch da lag ich falsch! 

Diese beiden "Erstankömmlinge" hielten sich nach wie vor ganz in der Nähe des Restaurantes auf, wo auch sie sich wohl anschickten, für Nachwuchs zu sorgen. Allerdings vernachlässigte ich diese beiden Karmingimpel etwas, nachdem ich die Sache mit dem Nestbau des zweiten Paares entdeckt hatte, auf das ich jetzt voll setzte in Sachen "Erstbrutnachweis für Emden".

Immerhin kann ich schreiben, dass das erste graue Männchen letztmalig am 3. Juli sang. Danach habe ich es nicht mehr nachweisen können. Das dazugehörige Weibchen hatte ich schon Tage zuvor letztmalig beobachtet. 

Abwechslung: 




Garden Snail, likely the first record ever for Emden

Oh nein, hoffentlich stürze ich nicht ab, ich meine, das sind bestimmt 80 Zentimeter oder so und nass und rutschig ist die Oberfläche zu allem Überfluss auch noch, dachte die Schnecke. 

Doch dann ging sie todesmutig aufs Ganze:


same

Es handelt sich hier übrigens nicht um irgendeine Schnecke.

Nein, sie ist ein Erstnachweis für Emden! 

Und das ist gar nicht so selbstverständlich, denn im ostfriesischen Outback um Emden herum soll es bereits eine ganze Reihe von Beobachtungen geben. Für diese Information geht mein herzlicher Dank an Kirsten Eta (Hamburg)!

In den letzten Jahrzehnten hat die Gefleckte Weinbergschnecke ihr Verbreitungsgebiet stark ausgedehnt und eben auch Norddeutschland erreicht. So liegen unter anderem auch Nachweise aus Hamburg vor. Die Art gilt als invasiv. Großen (ökologischen) Schaden wird sie meiner Meinung nach aber kaum anrichten können, denn das ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen

Eine andere Schnecke, eine ohne Gehäuse, hat es der Gefleckten Weinbergschnecke schon vor vielen Jahren vorgemacht, wie man enormen Raumgewinn erzielt.

Hört ihr das Schmatzen?


Spanish Slug is abundant in Emden. Tons of these sticky creatures cross any road on early morning, especially after rain

Ja, Kinners, die Spanische Wegschnecke, die sehr wahrscheinlich gar nicht aus Spanien, ja nicht einmal von der Iberischen Halbinsel stammt, ist in Emden und der Krummhörn längst ein Millionenseller geworden. 

Man kann sie nicht essen, weshalb sich das Einsammeln der klebrigen Tiere nicht lohnt. Wundern darf man sich aber schon, wie häufig sie hier längst geworden ist. Vor allem am frühen Morgen sind die Straßen voll von diesen Biestern, die niemand außer mir leiden kann.

Achtung, Geisterkriecher!



same

Und sie begrüßen einander bei jeder Begegnung, wobei sie grundsätzlich die jeweils vorherrschende regionale Sprache übernehmen. Auch diese Anpassungsfähigkeit hat bestimmt erheblich zum Erfolg bei der Eroberung von Neuland beigetragen. 

Und deshalb geht das hier in Emden den ganzen Morgen etwa so: "Moin!" Und: "Moooiin." 

Ein vielstimmiger Chor aus unterschiedlichen Stimmlagen. Wer sich etwas auskennt und gut zuhört, der kann die Jungtiere von den Alttieren trennen, aber auch die Männchen von den Weibchen. Und das mit geschlossenen Augen!

Wie bereits oben erwähnt, weiß man nicht viel über die Urheimat der Spanischen Wegschnecke. Ich glaube ja, Ji Jinping hat sie auf finsteren Kanälen nach Europa geschmuggelt, vielleicht versteckt in einem ausgehöhlten Pferd. Dieser Mann tut alles, um andere Staaten, vor allem europäische, zu schwächen. Erst die Schnecke und dann das Virus. Man darf diese Arschkrampe einfach nicht unterschätzen, gerade auch deshalb, weil sie immer so trügerisch lächelt.

Botanisches, garniert mit tierischem Eiweiß:


Cinnabar Moth caterpillar

Noch unbeliebter als die Spanische Wegschnecke ist wohl das Jakobsgreiskraut (hier mit den hübschen Raupen des Blutbären).  

Nicht nur auf dem Rysumer Nacken ist derzeit alles gelb. Warum sich diese Pflanze in den letzten Jahrzehnten so unglaublich rasch und immens ausbreiten konnte, ist mir ein Rätsel. Woher sie stammt, ebenso. Aber bestimmt hat auch hier der kalte Fisch, also Ji Jinping, seine Finger im Spiel. 

Die Pflanze ohne die geringelte Besatzungsmacht:


food plant, the notorious Common Ragwort

Und mit Sonne:


with sun

Der Blütenstand einer Wilden Möhre am frühen Morgen:


Wild Carrot

Ein zweiter, an den sich der eines mir unbekannten Grases anschmiegen möchte:


same species

Die Blüte des Echten Tausendgüldenkraut habe ich in diesem Jahr irgendwie verpennt.  

Für einen eher unscheinbaren Seitentrieb hat es am Ende aber doch noch gereicht:



Common Centaury

In einem bestimmten Bereich des Rysumer Nackens habe ich einen kopfstarken Bestand entdeckt, der neu für mich war, während ein alter, mir seit Jahren bekannter inzwischen verwaist ist. 

Eine Nachtkerze, die ich nicht näher bestimmen kann:


Evening Primrose of unknown ID

Der Duft dieser Pflanze ist so furchtbar angenehm und schön, dass ich immer wieder in die Knie gehen und meinen Rüssel ganz nah an die Blüte halten muss, obwohl ich nie weiß, ob ich es anschließend wieder in die Vertikale schaffen werde. 

Das Alter.

Eine blühende Wildrose, von denen es allein in Deutschland hunderte verschiedene Arten geben soll:


Wild Rose of unknown ID

Zwei fliegende Türen im morgendlichen Gegenlicht:



two adult White-tailed Eagle

Sehr wahrscheinlich handelte es sich hier um das Rysumer Seeadler-Paar, das seit vielen Jahren in einem Feldgehölz brütet und dort im Laufe der Zeit einen wirklich imposanten Horst errichtet hat, in dem es sich selbst ein Ein-Tonnen-Mann wie ich locker gemütlich machen könnte. 

Aber ich schaff's einfach nicht mehr auf den Baum!

Ein singender Grünfink, unter vergleichbaren Umständen geknipst:


Greenfinch

Diesmal folgt der Zweig einer Salweide, garniert mit tierischem Eiweiß:


Yponomeuta rorrella

Die Gespnste waren mir schon Wochen zuvor aufgefallen. 

Auch die Raupen hatte ich damals bemerkt, allerdings ohne sie bestimmen zu können. Vor ein paar Tagen dann ging alles ganz einfach, trödelten doch noch einige der frisch geschlüpften Falter an ihrem einstigen Laufstall herum.

Es handelt sich hier um die Weiden-Gespinstmotte:


cropped

Der hübsch gefärbte und gezeichnete, wegen seiner geringen Größe aber trotzdem unauffällige Ampfer-Purpurspanner ist auf dem Rysumer Nacken sehr häufig:


Lythria cruentaria

In Niedersachsen gilt dieser Falter als gefährdet, in Bayern und Thüringen sogar als vom Aussterben bedroht!

Auch dieses Beispiel veranschaulicht wieder einmal ganz eindrucksvoll die herausragende Bedeutung des Rysumer Nackens für Ostfriesland, denn in der Agrarsteppe um ihn herum wird man dieses Kleinod vergeblich suchen. 

Merksatz: Wo permanent gemäht, gespritzt und gedüngt wird, bleibt die Natur eben auf der Strecke. 

Zurück zum Karmingimpel.

Auch das zweite graue Männchen sah ich letztmalig am 3. Juli. Zu diesem Zeitpunkt ging ich noch davon aus, dass die Mädels artig auf ihren Nestern sitzen und brüten. Möglicherweise war das auch der Fall, doch nach dem 3. Juli sollte mir nur noch das rote Männchen begegnen, das ich bis zum 9. Juli auf dem Rysumer Nacken beobachten konnte.

Hier befand es sich an einem ganz frühen Morgen in der Krautschicht bei der Nahrungssuche (7. Juli 2021):


last image of the same male

Der Rysumer Nacken ist in Bezug auf den Karmingimpel geradezu das Gebiet in Niedersachsen!

Man kann sich seit Jahrzehnten darauf verlassen, diesen Vogel dort im Juni zu finden. Nur das Cuxland kann in dieser Hinsicht noch mithalten. Und obwohl der Karmingimpel, der als Langstreckenzieher in Indien und nicht etwa in Afrika überwintert und stets erst Ende Mai, oft sogar Anfang Juni im "Brutgebiet" eintrifft, schon seit Jahrzehnten im äußersten Westen Emdens auftaucht, dort balzt, sich paart und, wie in diesem Jahr, auch ein Nest baut, wird der erste echte Brutnachweis mindestens bis zum nächsten Jahr warten müssen.

Warum das so ist? 

Ich habe keine Ahnung.

Mit einer obligatorischen Unerfahrenheit der Vögel, die auf dem Rysumer Nacken ja meistens noch jung sind, wird sich das kaum erklären lassen, vielleicht eher damit, dass der Karmingimpel kaum mehr auffällt, sobald er seinen weit tragenden Gesang komplett einstellt. Wenn so ein Paar also seinen Neststandort kurzfristig wechselt, kann es schnell verloren gehen. Und vielleicht hat ja das rote Männchen am Ende doch noch Erfolg gehabt und mit seiner Eroberung ein neues, mir unbekanntes Revier bezogen.

Man weiß es nicht.

Zum Schluss folgt jetzt das geile Gras, das keine eigene Art darstellt und so ausschaut:


hybrid of Bushgras and Marram Gras – at so called Rysumer Nacken both species occur reight next to each other. Hybridisation is the result

Schon vor Jahren hatte ich im Wikipedia-Artikel über das Landreitgras gelesen, dass es bei gemeinsamem Vorkommen mit dem Strandhafer mit diesem hybridisieren soll. 

Also rechnete ich damit, solche Pflanzen auf dem Rysumer Nacken zu finden. Wie sie aussehen sollten, wusste ich aber nicht. Denn obwohl dieser Hybrid einen eigenen deutschen Namen haben, Baltischer Strandhafer, fand ich im Netz kein einziges Foto von ihm. 

Ein echtes Phantom, so dachte ich ein ums anfere Mal.

Jahreland suchte ich, wenn auch nur so ganz nebenbei. Aber eben auch vergebens. Doch im Juni 2021 war es endlich so weit: Gleich meherere Exemplare winkten mir ganz in der Nähe des Restaurantes mit ihren auffälligen Blütenständen bei stärkerem Wind regelrecht zu! 

Es ist, wie es die Biologie vorschreibt in solchen Fällen: alle Merkmale sind intermediär ausgeprägt. 

Ein paar Beispiele: Farblich erinnern die Blütenstände an jene das Landreitgrases (auf dem Foto unscharf im Vordergrund zu erkennen), doch im Gegensatz zu diesen öffnen sie sich nicht und bleiben so fuchsschwanzig wie die des Strandhafers. Die Hybriden sind horstbildend, was sie ebenfalls vom Strandhafer geerbt haben. Und die Blätter liegen, was Breite und Färbung anbelangt, exakt in der Mitte.

Ich schreibe das immer wieder: Man kann, wenn man nicht ganz blind ist, dafür aber interessiert und im besten Fall auch noch begeistert, jeden Tag etwas Neues entdecken.  

Die Natur ist wirklich einzigartig in ihrer Vielfalt!

Zu guter Letzt: Natürlich kann man die Stimmen männlicher und weiblicher Wegschnecken nicht unterscheiden. 

Das war Blödsinn.

Und das war vor allem deshalb Blödsinn, weil es gar keine weiblichen und männlichen Wegschnecken gibt.

Prost!