Donnerstag, 5. November 2026

Blühende Landschaften – bald auch auf dem Rysumer Nacken

"Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, die neuen Bundesländer schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt."

Toll.

Ganz toll! 

Doch Kinners, was sind eigentlich blühende Landschaften? 

Ich hege den Verdacht, dass man da unterschiedlicher Meinung sein kann. 

Für mich sind blühende Landschaften Natur pur, doch der Mensch, den ich eingangs zitiert habe, versteht ganz bestimmt etwas ganz anderes darunter.  

Verstand, ist dieser Mensch doch längst tot. 

Und die meisten Bürger dieses Landes verstehen wohl auch etwas ganz anderes unter blühenden Landschaften als ich.

Nämlich das, was dem Rysumer Nacken bald droht.  

Seit knapp zwanzig Jahren wohne ich inzwischen in Ostfriesland. Und mindestens genauso lange gibt es Pläne, den Rysumer Nacken in irgendeiner Weise zu nutzen. Denn so, wie er sich seit Jahrzehnten präsentiert, so unordentlich und wild, kann er natürlich nicht bleiben.  

Ich meine, wofür ist Artenvielfalt eigentlich gut? 

Was bringt sie uns Menschen überhaupt ein?

In Emden gibt es kaum Natur zu bestaunen. Auf dem Gebiet der Seehafenstadt findet man nahezu ausschließlich Siedlungen und landwirtschaftliche Nutzflächen: also Äcker und Kuhweiden. In jedem Fall hoffnungslos überdüngtes Land, aus ökologischer Sicht völlig im Eimer.  

Normalsterbliche sehen das natürlich nicht, weil sie irrtümlich alles, was grün ist, für Natur halten. Da kann man sogar als Maisfeld glänzen, wenn Ahnungslose an einem vorbeiradeln oder gar von ihrem elektifizierten Drahtesel steigen und mit vor Bewunderung abgstürzter Kinnlade ihr Handy zücken, um die pralle "Natur" in eindrucksvollen Bildern festzuhalten.  

Schlimm! 

Der Rysumer Nacken in seiner heutigen Erscheinung, entstanden etwa ab 1955 durch das Aufspülen von Sand aus der benachbarten Ems und somit durch Menschenhand, stellte lange Zeit so etwas wie ein Kontrastprogramm zur landwirtschaftlichen Einöde dar. Vor allem deshalb, weil dort eben nie gedüngt worden ist. 

Doch damit soll bald Schluss sein. 

Denn jetzt ist es endlich so weit. Die jahrzehntelang geäußerten leeren Versprechungen haben sich plötzlich mit Inhalt gefüllt, und Emden bekommt das, was es schon so furchtbar lang herbeigesehnt hat: einen neuen Hafen! 

Anfang Oktober 2026 ließ Verteidigungsminister Boris Pistorius, übrigens wie ich ein echter Osnabrücker und VfL-Sympathisant, die Bombe platzen. Emden erhalte im Wettbewerb mit Bremerhaven den Zuschlag. Die Reaktion von Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff auf die vermeintlich frohe Botschaft ließ dann auch nicht lange auf sich warten: "Das ist ein großer Tag für Emden." 

Das kann man auch anders sehen! 

Tim Kruithoff ist kein Naturfreund – wahrscheinlich alles andere als das –, sondern ein Politiker. Und als Politiker kümmert man sich ausschließlich um die Belange der Bürger und nicht um jene der Natur. Dem Emder VW-Werk geht es doch zurzeit so furchtbar schlecht. Seit vielen Jahren siecht es förmlich dahin, und es braucht wohl auch keine seherischen Fähigkeiten mehr, um zu erkennen, dass die Lichter dieser Zweigstelle des weltberühmten Autobauers früher oder später ganz ausgehen werden. 

Nach über 60 Jahren!

Da kommen geschätzte 2000 frische Arbeitsplätze, die ein neuer Hafen angeblich mit sich bringen soll, wirklich wie gerufen. Vielleicht hat man Emden der Konkurrenz aus Bremerhaven also aus Mitleid vorgezogen. 

Der neue Hafen soll einer für die Marine werden. Also ein militärischer. Ausschließlich, wenn ich das richtig verstanden habe. Wir rüsten nämlich auf. Und leider, das muss selbst ich an dieser Stelle eingestehen, haben wir wohl auch keine andere Wahl, solange es Verrückte gibt, die die halbe Welt bedrohen.  

Aber warum muss dann gleich ein ganz neuer Hafen her? 

Im alten ist doch ohnehin kaum etwas los. Und ohne VW wird das Wenige dort wohl auch bald komplett zum Erliegen kommen. Könnte man den bereits vorhandenen Hafen dann nicht, etwas naiv gefragt, einfach aufmotzen und ausbauen? 

Anscheinend wohl nicht.

Und so muss also wieder reichlich Natur versiegelt werden. Genau genommen bis zu 450 Hektar! Wo exakt der neue Hafen aus dem Boden gestampft werden wird, also welche Flächen genau ihm zum Opfer fallen werden, ist mir nicht bekannt. Immerhin befindet sich auf dem Rysumer Nacken das erst vor wenigen Jahren für viele Millionen Euro terrorsicher gemachte Gassco-Gelände. Und weil das kaum weichen wird, müsste ein neuer Hafen meiner Meinung nach entweder nördlich oder südlich davon entstehen, vielleicht zwischen der Knock und dem Restaurant Strandlust. 

Da weiß ich leider nichts Genaues. 

Fakt ist aber, die Natur ist wieder einmal die Verliererin! 

Wie immer. 

Und da spielt es wohl auch überhaupt keine Rolle, dass Teile des Gebietes unter Naturschutz stehen. Nicht erst die völlig kranke Hohlbunke im Weißen Haus hat bereits während ihrer ersten Amtszeit ganz eindrucksvoll bewiesen, dass der Schutzstatus eines Gebietes jederzeit wieder aufgeweicht oder gar komplett aufgehoben werden kann, z. B. wenn man Rohstoffe fördern und somit Profit machen möchte. 

Ich kenne die deutschen Gesetze nicht, halte so ein Szenario aber auch hier für absolut denkbar. Flächen werden immer knapper, der Bedarf aber will einfach nicht sinken. Den Grund dafür, warum der Bedarf an Flächen in Deutschland und auf der ganzen Welt partout nicht sinken will, habe ich euch hier schon oft verklickert. Heute verzichte ich großzügig darauf, weil es ja eh nichts bringt, ihn beim Namen zu nennen. 

Und so ist es nur eine Frage von Zeit und Dringlichkeit, bis sich der Mensch auch noch den letzten ungenutzen Quadratmeter unter den Nagel reißt. 

Schließlich geht es nicht nur um heute oder morgen, sondern darum, was in fünfzig oder gar hundert Jahren sein wird. Und wenn der Flächenfraß weiter so grassiert wie allein während meiner kurzen Lebensspanne, dann braucht man sich keine Hoffungen zu machen, dass am Ende etwas übrig bleibt. 

Der Rysumer Nacken ist immer einzigartig für Emden gewesen, vielleicht sogar für ganz Kontinentalostfriesland, also für Ostfriesland abseits der ihm vorgelagerten Eilande. Ich selbst habe dort viele schöne Stunden verbracht und so einige seltene, zum Teil auch geschütze Tier- und Pflanzenarten entdeckt und natürlich auch sauber mit meiner Kamera belegt. Übrigens so viele wie kein anderer zuvor, was natürlich auch das Resultat meiner grenzenlosen Kenntnisse ist. Aber selbst der Fund einer neuen Art oder eines waschechten Endemiten könnte den Rysumer Nacken nicht dauerhaft vor dem Untergang retten. 

Überhaupt ist das Gebiet ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es in Deutschland eigentlich gar keinen Naturschutz gibt und z. B. Kartierungen und Erfassungen, wie sie immer gebetsmühlenartig von selbst ernannten Naturschützern als so unglaublich wichtig deklariert werden und gerade in diesem Gebiet allein in den letzten zehn Jahren x-mal durchgeführt worden sind, der Natur überhaupt nichts einbringen. Aber auch das hatte ich hier in der Vergangenheit ja auch schon oft geschrieben. 

Jetzt ist das Schicksal des Nackens wohl tatsächlich besiegelt.  Schon zu Beginn der 2030er Jahre soll der neue Hafen in Betrieb gehen.  

Am Ende ist es, wie es immer ist. 

Braucht der Mensch Flächen, dann nimmt er sie sich. 

Und er braucht. 

Er braucht immer.  

Die Interessen des Menschen stehen schließlich grundsätzlich über jenen der Natur. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz.  

Doch heute will ich mich nicht aufregen. 

Und deshalb mache ich es kurz. Kurz und schmerzlos. Auflösen möchte ich zu guter Letzt aber noch schnell, von wem ich das obige Zitat geklaut habe. Die Älteren unter euch werden es ohnehin schon oder noch wissen. Es stammt von keinem Geringeren als Helmut Kohl, dem "Kanzler der deutschen Einheit".  

Okay, die Wiedervereinigung ist ihm eigentlich nur in den Schoß gefallen, weil er gerade da war.  Zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wenn man so will. 

Am 1. Juli 1990 haute er diese bedeutungsschwangeren Worte erstmalig raus, und zwar in einer Fernsehansprache anlässlich der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Später wiederholte er sie mehrfach, so zum Beispiel am Vorabend der Wiedervereinigung (Quelle: Wikipedia).

Mit einem Schmunzeln stelle ich fest, dass die ganze Kiste mit der Wiedervereinigung und den blühenden Landschaften, so wie Kanzler Kohl sie vor seinem geistigen Auge gesehen haben muss, nicht ganz so glücklich gelaufen ist und eine echte Union dem Anschein nach bis heute nicht existiert, obwohl diese Ereignisse jetzt schon 36 Jahre zurückliegen! Eher das Gegenteil scheint mir der Fall zu sein; eine Spaltung von Ost und West hat wieder deutlich an Fahrt aufgenommen, ohne jemals komplett überwunden worden zu sein.

All das interessiert mich aber gar nicht mehr. 

Meine mitfühlenden Gedanken gehen jetzt raus an all jene Tier- und Pflanzenarten, die bald ihr Zuhause verlieren werden. Neuntöter, die letzten Emder Braunkehlchen, ganz viele Feldschwirle, noch mehr interessante Hautflügler und Pflanzen wie die Bienenragwurz, das Übersehene Knabenkraut und das Große Zweiblatt, um nur einige illustre Bewohner des Gebietes zu nennen, gehen leise, denn sie können nicht protestieren. 

Doch immerhin: kein Heidelerchen-Brutplatz wird durch den Bau eines neuen Hafens verloren gehen, denn dieser hübsche Vogel tritt auf dem Rysumer Nacken grundsätzlich nur als unregelmäßiger Gast auf. 

Warum ich das schreibe? 

Weil es einfach zu viele Menschen gibt, die gerne Märchen vertellen. 

So oder so, Ostfriesland wird wegen des neuen Hafens definitiv ein Stück ärmer werden. Und nicht etwa reicher! Doch das scheint außer mir kaum eine Seele zu stören. 

Wieder einmal verliert der platte Nordwesten ein Kleinod, ein echtes Refugium. 

Und das ist schlimm. 

Fazit: Versiegelte Flächen können keine blühenden Landschaften sein! Versiegelte Flächen als blühende Landschaften zu verhökern, ist keine Metapher, sondern blanker Zynismus. Den Altkanzler wird das aber nicht mehr jucken, liegt er doch seit knapp zehn Jahren – unter Beton. 

 

Wichtig: Auf Bilder im eigentlichen Beitrag verzichte ich heute. 

Ich bin nämlich traurig. 

Vor allem aber wütend!

 

Es war einmal ... 

... eine hübsche Bienenragwurz:



since at least 2024 Bee-Orchid has settled at Rysumer Nacken. But her end is near, because a brand new military harbour is going to be built next years 

Vor wenigen Jahren erst hatte sie sich, wohl aus den Niederlanden kommend, einen neuen Lebensraum östlich der Emsmündung erschlossen.
 
Zum ersten Mal überhaupt bei uns in Ostfriesland. 
 
Und natürlich auf dem Rysumer Nacken, wo es noch ungedüngte Flächen gibt, die für diese Art wie für fast alle Orchideen unabdingbar sind.  
 
Bald wird sie aber wieder weichen müssen und mit ihr ganz viele andere anspruchsvolle und deshalb in unserer kaputten Landschaft bedrohte Tier- und Pflanzenarten, die man größtenteils nirgends sonst in Emden oder gar Ostfriesland finden kann.  
 
Die Bienenragwurz zeige ich hier und heute also stellvertretend für all jene Spezies, die in unserem Land keine Lobby haben und von fast allen Bürgern kaum bis gar nicht beachtet werden.  
 
Es folgen zwei weitere Bilder, aufgenommen 2025 und 2026: 
 


same 

Adieu, Bienenragwurz! 

Ich verabschiede mich schon mal von dir.  

Und das ist unerträglich.  

Und ich bin immer noch wütend.  

Und weil ich nicht ausfallend werden will, höre ich jetzt besser auf.  

Haut rein.