wilde perspektiven

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Dienstag, 28. April 2015

Gartenrotschwanz

Eines vorweg: Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Zecken wie in diesem Jahr gehabt!

Schuld daran ist der Ihlower Forst, wo es geradezu von diesen Plagegeistern wimmelt. Meistens spüre ich diese Biester schon, wenn sie auf mir herumkrabbeln und noch bevor sie sich festsetzen können, vor allem dann, wenn ich gerade rumsitze und beobachte, mich also nicht bewege. Und selbst die winzigen Nymphen bekomme ich häufig mit, doch wenn ich nach Hause komme und unter die Dusche steige, dann haben es im Schnitt doch noch zehn Individuen geschafft!

Am Sonntag gab es dann die Krönung. Ich düste nach Emden, als plötzlich meine rechte Hand zu jucken begann. Ich traute meinen Augen nicht: Da saßen gleich zwei Zecken nebeneinander an der Schwimmhaut zwischen Ring- und Mittelfinger! Das hatte ich bis zu diesem Tag noch nie gesehen. Zu Hause zog ich sie dann mit der Pinzette heraus und warf sie aus dem Fenster, um ihnen eine zweite Chance einzuräumen.

female Common Redstart on a rainy morning at Ihlower Forst/ Ostfriesland

Trotz der vielen Zecken, die schon lecker Blut von mir bekommen haben, fürchte ich mich nicht vor ihnen. Wahrscheinlich bin ich bereits gegen den Erreger der Borreliose immun, und eine Hirnhautentzündung (FSME) kann ich eh nicht bekommen.













Heute soll es trotz des etwas irreführenden Intros nicht um Zecken, sondern um den Gartenrotschwanz gehen.

Dabei handelt es sich um einen Vogel, der in Deutschland trotz seines englischen Namens gar nicht mehr so gewöhnlich ist, wie es früher einmal der Fall gewesen sein muss. Sterile Gärten sind nicht seine Sache, und auch aufgeräumte Forste mag er überhaupt nicht.

Und weil in unserer geilen Republik sehr viel Wert auf Sauberkeit und Ordnung gelegt wird – das hatten wir hier inzwischen schon tausendmal –, hat der Gartenrotschwanz in den vergangenen Jahrzehnten regional erhebliche Bestandseinbußen hinnehmen müssen.

In Ostfriesland ist er aber noch recht gut vertreten. Vor allem auf der Geest um Aurich herum und hier besonders in der lieblichen Wallheckenlandschaft mit ihren vielen alten Eichen kann man seinen melancholischen Gesang noch vielerorts hören.

Am vorletzten Wochenende (19. 4. 2015) sah ich das für mich erste Männchen des Jahres im Ihlower Forst.

Es hatte dort ein Revier in einem Bereich des Waldes besetzt, der in den Monaten zuvor stark ausgelichtet worden war. Viele von einem Pilz befallene und kernfaule Eschen lagen (und liegen) nun am Boden und warten seit dem Fällen auf ihren Abtransport.

Der Vogel hatte natürlich auch sofort eine Höhle für die Brutsaison 2015 ausgewählt. Sie befindet sich in etwa vier Metern Höhe in einer abgestorbenen Erle und hat gleich drei Eingänge, die auch alle genutzt werden. Nicht verschweigen möchte ich, dass er diese Höhle erst noch räumen musste, hatte dort doch bereits einen Tag zuvor ein Paar Gartenbaumläufer Nistmaterial eingetragen.

Das ist das Recht des Stärkeren!

Der Tagesablauf des Vogels war (bis zum Eintreffen der Frau) immer gleich (sofern ich vor Ort war): Der Gartenrotschwanz sang unablässig (etwa alle fünf bis sieben Sekunden eine Strophe), suchte nebenbei nach Nahrung und steuerte in unregelmäßigen Abständen den künftigen Neststandort an.

Und so sieht er aus, der süße Fratz:

male

Nach fünf Tagen begann ich mir zaghaft Sorgen zu machen, weil noch immer keine Frau eingetroffen war. Zu diesem Zeitpunkt befand sie sich vielleicht noch in Italien oder Spanien. Ich gab dem Vogelmann zum Trost eine Handvoll Mehlwürmer, die er auch sofort annahm.

Am Samstagmorgen (25. 4 2015) dann war alles ganz anders als die Tage zuvor. 

Die Höhlenöffnungen wurden nun im Minuten-, ja beinahe im Sekundentakt angeflogen. Mit gespreiztem Steuer, herabhängenden Flügeln und heftig singend. Immer wieder verschwand der Gartenrotschwanz in der Höhle, um dann sofort wieder herauszukommen. Dann flog er in einen für mich nicht einsehbaren Bereich (ich saß im Tarnzelt), um sofort wieder zur Höhle zurückzukehren und abermals hineinzuschlüpfen.

Ich wusste, da war sie endlich, die Gartenrotschwänzin!

Und wenn ich sie auch erst vierzig Minuten später entdecken sollte, so war mir dieses ganze Spektakel, das der bunte Kerl da abzog, nicht neu, ist der Gartenrotschwanz doch auf dem Flugplatz Achmer, meinem alten und langjährigen Beobachtungsgebiet im Landkreis Osnabrück, auch heute noch ein geläufiger Vogel. 

Das so genannte Höhlenzeigen ist Teil der Balz dieser Art und stark ritualisert. Nach den oben genannten vierzig Minuten gab die Frau dem Werben des kleinen Casanovas nach, erschien endlich am Höhleneingang und schlüpfte nach einigem Zögern auch hinein. 

Das ist schließlich der Moment, der die Paarbindung besiegelt.


Und ist sie nicht eine hübsche Frau?


Mein Tarnzelt hatte ich schon vor der Ankunft des Weibchens und etwa 20 Meter von der Höhle entfernt errichtet. Das Männchen erschien regelmäßig vor meinem Versteck, um Mehlwürmer zu verspeisen. Und nachdem die Frau die Höhle für gut befunden hatte, tauchte auch sie vor meinem Objektiv auf. 

Was für ein geiles Revier: Kost und Logis frei!


Blühende Esche:

European Ash 

Die Blüten dieser Art waren mir bis zu diesem Tag unbekannt, doch die Knospe am Zweigende ist geradezu klassisch und auf den ersten Blick bestimmbar.

Wegen der gefällten Kollegen gelangt nun viel Licht bis zum Waldboden.

Dieser junge Bergahorn freute sich nicht nur am Tag der Aufnahme darüber:



Sycamore Maple

Wegen des vielen Regens ist der ganze Ihlower Forst zurzeit voll mit Schwarzen Wegschnecken.

Im Gegensatz zur in Emden und Umgebeung häufigen und eingeschleppten Spanischen Wegschnecke ist die Schwarze Wegschnecke aber ein echter Ostfriese. 

Diese hier kam so rasant auf mich zugekrochen, dass ich ihr nur noch im allerletzten Moment ausweichen und so eine Kollision verhindern konnte:

Black Slug

Nein, war gelogen.

Tatsächlich wich sie mir gerade noch rechtzeitig aus:

Aber gefährlich sind solche Situationen natürlich trotzdem, denn wegen der Schleimspur, auf der diese Tiere dahingleiten, haben sie einen langen Bremsweg wie ein Containerriese auf dem Ozean.

Also Kinners, nicht unter die Schnecke kommen!

Das Gartenrotschwanz-Weibchen wird in den kommenden Tagen mit dem Nestbau beginnen:


Gartenrotschwänze sind in Sachen Neststandort nicht sehr anspruchsvoll. 

Bezogen werden Naturhöhlen von Spechten, ausgefaulte Astlöcher, aber auch Nistkästen und Nischen an Gebäuden. Da gibt es Überschneidungen mit dem verwandten Hausrotschwanz

In meiner Kindheit brütete alljährlich ein Paar in Nachbars Garten in Wallenhorst in einem Kohlmeisenkasten. Eigentlich aber bevorzugen Gartenrotschwänze Höhleneingänge mit einem etwas größeren Durchmesser, doch wenn nichts Passendes zu finden ist, muss man sich als kleiner Vogel flexibel zeigen.


Am letzten Wochenende gab es viel Regen, geradezu von morgens bis abends.

Auf vielen der hier gezeigten Fotos kann man das auch sehen. Entweder hängen da Tropfen an den Ästen oder aber es huschen welche durchs Bild.  Weil ich die ISO nicht so gerne so hoch einstelle, kam es an beiden Tagen ausschließlich zu vergleichsweise langen Verschlusszeiten um eine hundertstel Sekunde herum, sodass man die fliegenden Tropfen nur noch erahnen kann.

Oh, der Kerl:









Von ihm habe ich nicht so viele Bilder, obwohl er nicht wirklich scheu war und ist. 

Allerdings reagierte er stets allergisch auf die unauffälligsten Schwenks meiner kleinen Kinderlinse, während sich das Weibchen immer absolut resistent zeigte und selbst beim Klicken des Spiegels nicht einmal mehr zusammenzuckte.

Es ruhte geradezu in sich selbst:

Und wieder das Männchen:

Mein Tarnzelt mit der Saftkiste, die mir seit Jahren wertvolle Dienste als Hocker erwiesen hat, inzwischen aber von mir gegen eine neue eingetauscht werden musste:

Am Samstag sollte es den ganzen Tag über bedeckt bleiben.

Und wenn einem die Sonne nicht im Nacken sitzt, also die Angst, dass die Qualität des Lichts rasch abnimmt, dann kann man auch noch vor der Rotschwanz-Knipserei nach anderen Gesellen suchen.

Hier zum Beispiel, im Revier des Vogels, wo Himbeere und Schwarzerle einander wie Kontrahenten gegenüberstehen:


Oder hier:

Orange Tip in his habitat at Ihlower Forst/Ostfriesland

Na, habt ihr ihn entdeckt?

So früh am Morgen schlafen Schmetterlinge noch, also zumindest die Tagfalter.

Das Tier auf dem Bild ist einer der bekanntesten Frühlingsboten auf feuchten Wiesen in Waldnähe.

Es ist ein Aurorafalter:

Ich fotografierte ihn von beiden Seiten, weil ich die Möglichkeit dazu hatte.

Die Raupen dieses hübschen Schmetterlings leben an und von Kreuzblütlern wie Knoblauchsrauke und Wiesenschaumkraut. Beide Pflanzen kommen im Ihlower Forst auch vor, sodass die Falter bei der Eiablage die Qual der Wahl haben.

Die Gartenrotschwänze haben ihn auch entdeckt, doch nicht gegessen, weil sie ja meine leckeren Mehlwürmer serviert bekommen haben.

Eine Weinbergschnecke im platten Ostfriesland:

Burgundy Snail

In Tannenhausen habe ich sie in den letzten Jahren auch oft gesehen. Und ja, es die bekannte Art, die in so genannten Gourmet-Tempeln auf dem schnieken Teller landet.

Im Ihlower Forst aber stellt ihr wohl niemand nach – bis auf meine Wenigkeit.

Der Gartenrotschwanz, um aufs eigentliche Thema zurückzukommen,  ist ein Langstreckenzieher. Seine Winterquartiere liegen in Afrika und dort hauptsächlich südlich der Sahara. Wie alle Vögel, die zweimal im Jahr die Mittelmeer-Region überqueren müssen, erleidet wohl auch der Gartenrotschwanz erhebliche Verluste durch Vogelfänger.

Nichtsdestotrotz glaube ich fest daran, dass die Hauptschuld für Bestandseinbußen bei einer Vielzahl von ziehenden (und eben auch nicht ziehenden) Arten in unserem Land zu suchen ist. Lebensraumzerstörung, zumindest aber -verschlechterung hat man in Deutschland in den letzten Jahrzehnten vielerorts feststellen können, und erst, wenn wir vor unserer eigenen Haustür ordentlich gekehrt haben, dürfen wir uns noch weiter aus dem Fenster lehnen, als wir es ohnehin schon tun.

Das bedeutet aber nicht, dass das alljährliche Vogelmassaker in den meisten Mittelmeer-Anrainerstaaten einen tieferen Sinn bekommen könnte.

Diese Gartenrotschwänzin hat die gefährliche Reise unbeschadet überstanden:











Und dazu gehört wohl auch ein gerüttelt Maß Glück:

Wenn diese ganzen kleinen Singvogel-Arten nach und nach aus dem Süden zu uns zurückkehren, vor allem im April ist das der Fall, dann stelle ich mr immer vor, was sie wohl alles auf ihrer Reise erlebt und gesehen haben.

Und ich stelle mir vor, wie viele von ihnen es eben nicht geschafft haben, in ihre Heimat zurückzukehren, weil sie in Agypten oder Italien oder Frankreich oder Spanien oder Griechenland in ein heimtückisch aufgestelltes Netz geraten oder auf einer Leimrute kleben geblieben sind.

Entsprechend groß ist die Freude bei mir, wenn ich einen Vogel wie den Gartenrotschwanz vor meiner Kamera habe.

Voll süß:

Und nah:









Übrigens wird der Gartenrotschwanz im Volksmund einfach Rotschwänzchen genannt.

Ich bin kein Freund von diesem Larifari-Namen, weil er nämlich gleich auf zwei Arten angewandt wird, sodass es schnell zu Verwechslungen kommen kann.

Denn neben dem anspruchsvolleren Gartenrotschwanz, der diesen Namen heute kaum noch verdient, gibt es noch den Hausrotschwanz, der jeglichen Stolz verloren hat und eigentlich überall vorkommt, weil ihm eben alles egal ist.

Frisches Grün, die Rotbuchen treiben aus:

Die Zweige dieser Art bilden eine horizontale Fläche. Mir fällt auf die Schnelle kein anderer Baum ein, der auch noch das allerletzte Licht effizienter abfangen könnte.

Das ist der Grund dafür, warum in Buchenwäldern eben nur die echten Frühblüher zum Zuge kommen können. Nach dem Laubaustrieb ist es dort am Waldboden zappenduster.

European Beech









male Pied Flycatcher with black upper parts (mantle, scapulars and head). These birds are of Swedish or Norwegian origin and do not breed in Ostfriesland. They are on migration. Local male Pied Flycatchers are grey above with a bit darker ear coverts, but they never show black feathers on their back. Additionally black individuals do not sing or show any kind of displaying behaviour, but can be present longer than one day in suitable areas

Als ich vor vielen Jahren das erste Mal im Mai auf Helgoland war, da wunderte ich mich über die schwarz-weißen Trauerschnäpper, die auf der Insel eine Rast einlegten. Sie sind dort zu dieser Jahreszeit Standard, wie ich später erfahren sollte, während ich auf dem Kontinent (Nordwest-Deutschland) solche Individuen bis vor ein paar Tagen nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte.

Unsere hiesigen Trauerschnäpper sind nämlich oberseits grau, die Ohrdecken stets etwas dunkler, aber auch sie sind niemals schwarz. Das hier Geschriebene gilt natürlich nur für die Männchen, die Weibchen sehen hüben wie drüben gleich aus:


same individual

Bei diesem Individuum sollte es sich darüber hinaus auch noch um eines im zweiten Kalenderjahr handeln, weil die Handschwingen und auch die Flügeldecken sehr hell braun waren (ausgeblichen) und wohl noch aus dem Jugendkleid stammten.

Ein anderer schwarz-weißer Trauerschnäpper, den ich einige Tage zuvor ebenfalls im Ihlower Forst gefunden hatte, zeigte deutlich dunklere Handschwingen und sein schwarzer Mantel war auch nicht so fleckig. Fotografieren konnte ich diesen ersten Vogel allerdiungs nicht, weshalb es noch ein Bild vom zweiten Vogel gibt:

same

Dass es sich bei diesen schwarz-weißen Trauerschnäppern um nordische Durchzügler handelt, kann man auch daran erkennen, dass sie überhaupt kein Revierverhalten an den Tag legen, also auch nicht singen (es gibt natürlich auch Vogelarten, die auch auf dem Zug singen). Hinzu kommt, dass sich die Vögel in für diese Art eher untypischen Habitaten aufhalten, nämlich in einem Erlenbruch, während die Ihlower Brutvögel Bereiche mit alten Eichen und Rotbuchen bevorzugen.

Trotzdem können sich die Gäste aus dem Norden gleich mehrere Tage im Ihlower Forst aufhalten. Der Grund: Für die immerhin noch einige hundert Kilometer betragende Zielgerade ihres Langstreckenflugs von Afrika nach Schweden müssen noch einmal die Fettreserven aufgefüllt werden.

Diese eigentlich recht auffälligen Trauerschnäpper hatte ich zuvor sicher nicht übersehen. Es war nur so, dass ich noch nie zuvor zu dieser Jahreszeit im Ihlower Forst gewesen bin. Und dass sich auch ein Waldspaziergang lohnen kann, zeigen diese Bilder.

Hier mal einer der Brutvögel zum Vergleich:

a typical breeding male Pied Flycatcher of same location for comparison

Mein Tarnzelt kurz vor Tagesanbruch:


my hide on early morning

Nebelschwaden waberten vom Reiherschloot hinüber zu meinem Versteck. Unweit dieser Stelle hatte ich noch eine Woche zuvor den Waldwasserläufer dingfest gemacht.

Inzwischen ist es so, dass die Gartenrotscwhänze vor die Linse flattern, sobald ich in meinem Hide verschwunden bin. Sie wissen, wenn dieser komische Typ am Horizont auftaucht, dann gibt es endlich wieder was zu naschen:

Trotzdem muss man sich auch mal verabschieden können.

Schließlich kann man zu dieser Jahreszeit echt geile Vögel entdecken, wenn man sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufhält. Ich warte ja immer noch auf einen Heckensänger, aber schon ein Wiedehopf würde mein kleines Herz deutlich schneller schlagen lassen.

Also, ihr süßen Rotschwänze, macht's mal gut. Vielleicht werde ich euch reaktivieren, wenn euer Nachwuchs die Höhle verlässt.

Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht: