wilde perspektiven

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Donnerstag, 1. August 2013

Grauschnäpper und Blutströpfchen

In Emden gibt es grob geschätzt fünfzig Grauschnäpper-Paare. Wohl die meisten davon leben in Gärten und Parks sowie auf Einzelhöfen mit älterem Baumbestand. In Wybelsum siedelte ein Paar dieser unauffälligen Vogelart auf einem Schäferhof unmittelbar am Fuße des Deiches, wo es den exklusiven Blick auf die Ems genoss - wenigstens bei schönem Wetter.

Hier das Männchen:

Spotted Flycatcher



Der Lebensraum der Vögel unmittelbar am Deich (auf dem ich bei dieser Aufnahme stand):

Habitat of Spotted Flycatcher

In dem erst wenige Jahre alten Haus wohnt niemand, hat meines Wissens auch noch nie jemand gewohnt. Immerhin aber haben Schwalben ihre Nester an den Mauern befestigt. Mehl- und auch Rauchschwalben, wohlgemerkt. Auch letztere haben ihre zusammengekleisterten Bauten an den Außenwänden unter dem Dachvorsprung errichtet, wie es ja eher für Mehlschwalben typisch ist. Im Stall dahinter verbringen die Schafe vielleicht den Winter oder das nasskalte Frühjahr.

Das Revier der Grauschnäpper war übersichtlich: Das Weibchen jagte zumeist im Wäldchen links im Bild, das hauptsächlich aus Silberweiden besteht, das Männchen war faul und ein Freund kurzer Wege; es bevorzugte die unmittelbare Nähe zum Stall, an dessen Außenwand auch das Nest errichtet war.

Es stand zumeist auf diesem Zaun zur Straße hin:







Das Weibchen:

Die Bilder entstanden an einem sonnigen Montagabend. Eigentlich sollten am darauffolgenden Wochenende auch noch Aufnahmen vom frühen Morgen folgen, doch leider konnte ich die Grauschnäpper bereits am Freitag nicht mehr nachweisen, weder im Dunstkreis des Hauses noch im Wäldchen auf der anderen Straßenseite.

Selbst wenn der Nachwuchs am Tag dieser Fotos fast flügge gewesen wäre, hätten die Vögel diese wenigen Tage später noch im Revier sein sollen. Ich gehe also davon aus, dass sie ihre Brut aufgegeben oder verloren haben. Gründe dafür sind mir nicht bekannt, denn zumindest wettermäßig gab es aus Sicht eines Grauschnäppers wirklich nichts zu beklagen. Viel Sonne und angenehme Temperaturen boten günstige Voraussetzungen für die Insektenjagd.

Hier zum Beispiel hat der Kerl einen Großen Blaupfeil gestellt:

Spotted Flycatcher with Black-tailed Skimmer

Nachdem er der Libelle sämtliche Beine und auch die sperrigen Flügel abmontiert hatte, flog er mit der Beute zum Nest und kam sehr schnell ohne wieder zum Vorschein. Da er nicht in der Lage ist, den Torso des Insekts zu zerkleinern, erschien es mir eigentlich unmöglich, dass die Jungen diese fette Beute in einem Stück schlucken konnten. Ausladende Holunderbüsche versperrten mir aber die Sicht aufs Nest.

Ganz allgemein ist es ein großer Spaß, dem Grauschnäpper bei der Jagd über die Schulter zu schauen. Viele Kleinvogelarten beherrschen die Technik der Flugjagd auf Insekten, doch Fliegenschnäpper haben sie wirklich perfektioniert und nicht zuletzt deshalb ihren Namen bekommen. Alles, was sich in den Luftraum wagt, wird verfolgt, von winzigen Zweiflüglern bis zur pelzigen Hummel. Und selbst Tagfalter werden geschickt aus der Luft gepflückt und an die Jungen verfüttert. Die unglaublich wendigen Flugmanöver und die atemberaubende Trefferquote sind wirklich einzigartig.

Nochmal das Männchen:

Grauschnäpper sind in unseren Breiten Sommervögel, die sehr spät im Jahr, erst im Mai, aus ihrem Winterquartier in Afrika zurückkehren und bereits im Spätsommer wieder aufbrechen und Deutschland verlassen. Einzelne Trödler kann man mit etwas Glück aber noch im Oktober sehen.

Ähnlich spät im Jahr taucht der Neuntöter in unseren Breiten auf, und ähnlich früh macht er sich auf den Weg zurück in den warmen Süden, um dem mitteleuropäischen Winter einen Haken zu schlagen. In diesem Jahr war die Ankunft erstaunlich früh, denn bereits in der ersten Maidekade tauchte ein Männchen am letztjährigen Brutplatz im Wybelsumer Polder auf. Ich freute mich darüber, dass die bislang einzige Emder Brut dieser inzwischen so seltenen Art aus dem letzten Jahr kein Einzelfall bleiben sollte, doch aufgrund der unglaublich widerwärtigen Witterung in diesem Frühjahr kam es nur noch zu einer weiteren Feststellung des Männchens wenige Tage später.

Im Anschluss daran führte ich mehrere gezielte Kontrollen durch, doch verliefen sie stets ergebnislos. Dann plötzlich und Wochen später sah ich ein Weibchen in der Nähe des letztjährigen Brutplatzes, doch auch dieser Begegnung Anfang Juli sollten keine weiteren folgen.

Bis vor ein paar Tagen (29.7):

Record shots: Red-backed Shrikes successfully raised at least two young at Wybelsumer Polder. Second breeding record ever for Emden (the first was in 2012)!

Es waren die Bettelrufe der Jungen, die mich aufmerksam machten und die ich aus dem langsam fahrenden Auto heraus unmittelbar neben der Straße gehört hatte! Eigentlich sind Neuntöter sehr auffällige Vögel, weil sie zumeist auf einer exponierten Warte stehen und nach Beute Ausschau halten und somit bereits auf größere Distanz zu erkennen sind. Doch dieses Männchen hält sich meist bedeckt und bevorzugt weniger auffällige Standorte. Darüber hinaus befindet sich das Revier in diesem Jahr um mehrere hundert Meter versetzt im tieferen Innern der Weide. Vom Weg aus hätte man die Neuntöter nur mit viel Glück vors Fernglas bekommen können, weil einem einige Büsche und Bäume die Sicht nehmen.

Die Freude bei mir ist natürlich grenzenlos, weil ich nach den wenigen Feststellungen in diesem Jahr kaum noch zu hoffen gewagt hatte, dass der allerersten nachgewiesenen Brut des Neuntöters in Emden im vergangenen Jahr gleich eine zweite in diesem folgen würde! Auf weitere Bilder aber werde ich verzichten.

Unweit des Grauschnäpperreviers fand ich immer wieder einzelne tote Uferschwalben auf der Straße.

Des Rätsels Lösung:

Sand Martin  (am.: Bank Swallow)

Wenn man sich als Uferschwalbe (selbst bei großer Hitze) auf dem heißen Asphalt einer Straße niederlässt und im Falle eines sich nähernden Autos nicht rechtzeitig in die Pötte kommt, dann darf man sich nicht wundern, wenn man plötzlich nicht mehr lebt.

In dieser Situation aber bremste die umsichtige Fahrerein rechtzeitig ab; keiner einzigen Uferschwalbe wurde auch nur eine Feder gekrümmt:

Sommer in Emden (in diesem Fall im Bereich eines "toten" Arms des Knockster Tiefs):

Ein Schwarzkolbiger Braundickkopffalter, fotografiert von Sabine Baum, genoss die Wärme:

Essex Skipper (Foto: Sabine Baum/Hinte)

Eine männliche Blutrote Heidelibelle auf dem Rysumer Nacken tat es ihm gleich:

Ruddy Darter

Ein frischer Distelfalter machte eine Pause auf einem Acker:





Painted Lady

Und ich besuchte noch einmal die Sumpfsitter, bevor sie verblüht waren:

















Marsh Helleborine

Und bei dieser Gelegenheit fotografierte ich auch den kurz vor seiner Blüte stehenden Wasserdost, dessen Nektar von vielen Tagfaltern so sehr geliebt wird:

Hemp-agrimony

Und am selben Morgen entdeckte ich nicht ganz zufällig mehrere Sechsfleck-Widderchen bei der Paarung:


Six-spot Burnet

Dieser sehr attraktiv gezeichnete und gefärbte Falter wird gerne auch Blutströpfchen genannt. In meinem Heimatort im Landkreis Osnabrück kannte ich vor etwa dreißig Jahren mehrere Vorkommen auf entweder extensiv oder gar nicht bewirtschafteten Flächen, die inzwischen allesamt erloschen sind. Einzig auf dem Flugplatz Achmer dürfte die anspruchsvolle Art auch heute noch fliegen.

Ein zweites Paar:

Und hier noch ein Individuum am Tage:

Foto: Herald Ihnen

Eine weitere Kostbarkeit auf dem Rysumer Nacken ist das dort beinahe massenhaft blühende Echte Tausendgüldenkraut (s.u.), das in diesem Fall ebenfalls Herald Ihnen ansprechend im Bild festgehalten hat:

Centaurium littorale (Foto: Herald Ihnen/Freepsum)

Nachtrag vom 2.8.: Sabine Baum (Hinte) schrieb mir heute, dass es sich bei der hier gezeigten Pflanze nicht um das Echte Tausendgüldenkraut handelt, sondern um das Strand-Tausendgüldenkraut. Danke dafür! Leider ist mir ein englischer Name nicht bekannt, sodass ausnahmsweise mal der wissenschaftliche herhalten muss...

Und zum Abschluss gibt es ein herrliches Bild einer mir unbekannten Schnegge, das ebenfalls von Herald Ihnen stammt:






























Snail spec. (Foto: Herald Ihnen)