wilde perspektiven

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Montag, 5. August 2013

Südliche Falter besuchen Emden

Zweifellos bin ich der beste Naturfotograf in diesem Haus (drei Mietparteien), vielleicht sogar in meiner Straße. Doch das hilft alles nichts, wenn man immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommt. Denn eigentlich sollte mindestens ein Greifvogel diesen Beitrag schmücken, wenigstens ein Mäusebussard, eventuell eine Rohrweihe, mit sehr viel Glück sogar ein Seeadler.

Es kommt aber eben immer anders, als man es sich erhofft. Nein, es kommt manchmal genau so, wie man es zuvor befürchtet hat. Dazu aber später mehr...

Wenn einem das gewünschte und geplante Ziel versagt bleibt, kann man wirklich froh darüber sein, dass andere Kreaturen völlig überraschend in die Bresche fliegen. Eigentlich ist es so überraschend nicht, denn das nun bereits seit vier Wochen anhaltende und mehr oder weniger warme Wetter ist die Grundvoraussetzung für den Einflug südlicher Insekten-Arten (andere, vielleicht noch unbekannte Faktoren dürften ebenfalls ihre Finger im Spiel haben):


Clouded Yellow

Am Donnerstag fing alles an. Ich befand mich mal wieder im Wybelsumer Polder, als mich die erste und bislang einzige Feuerlibelle auf dem Weg durch das Gebiet überholte. Leider machte sie keine Anstalten, eine Pause einzulegen, weshalb ich ausnahmsweise nicht mit Bildern glänzen kann. Das war am Nachmittag.

Am späten Samstagabend sang rechts von mir ein Feldschwirl, links bereits ein Grünes Heupferd. Im direkten Vergleich ist der Unterschied doch beträchtlich. Aber das nur so nebenbei, denn der Grund für meinen Besuch waren Vorbereitungsmaßnahmen für den kommenden Morgen. Ich hatte einen frischtoten Hasen gefunden, ihn vor mein Tarnzelt gelegt und anschließend mit einer Strandmatte abgedeckt, die ich wiederum wegen des starken Windes mit einem großen Stein beschwerte. Ich wollte verhindern, dass ein geiler Fuchs den Hasen wegschleppt. 

Weil selbst in den abgelegensten Gebieten neugierige Menschen umherirren und man sich als Naturfreund grundsätzlich verdächtig verhält, so aus der Sicht eines Normalsterblichen, blieb ich bis nach Sonnenuntergang, machte mich dann auf den Weg nach Hause. Am kommenden Morgen war es dann doch passiert, denn die Matte samt dem darauf liegenden Stein lag einige Meter entfernt, der Hase war weg. Mir war sofort klar, dass das kein Tier gewesen sein konnte, und Stiefelabdrücke auf der Schlammbank, die ich später, als es heller geworden war, entdeckte und fotografierte, nahmen mir die letzten Zweifel:

Der in der Mitte (deutlich größer) stammt nicht von mir, und er war neu. Da ich den ganzen Abend im Gebiet (in einem anderen Tarnzelt) war, mein Auto weithin sichtbar in der Nähe stand, muss jemand auf mich aufmerksam geworden sein. Und dem Anschein nach hat dieser Irre darauf gewartet, dass ich das Gebiet wieder verlasse, denn niemand läuft dort nach Sonnenuntergang herum, schon gar nicht abseits des Hauptweges. Und kurze Zeit, nachdem ich mich vom Acker gemacht hatte, war es auch schon so dunkel, dass man den Hasen unter der Matte nicht mehr hätte erkennen können. Während ich also zuvor zwei Stunden im Tarnzelt saß, muss jemand den Hauptweg verlassen und den noch unbedeckten Hasen auf der Schlammfläche entdeckt und schließlich nach Sonnenuntergang entfernt haben. 

Wer macht so etwas? Und warum? 

Aus Erfahrung weiß ich, dass man überall im Outback Arschlöcher erwarten muss. Einen Fotoansitz tarnt man nicht der Tiere wegen, sondern weil man immer damit rechnen muss, dass ein Idiot es klaut, zerstört oder gar abfackelt (alles schon passiert). Deshalb habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, nach dem Aufstellen immer bis zum Einbruch der Dunkelheit Wache zu schieben. 

Jetzt bin ich schlauer: Man muss an Ort und Stelle übernachten. Die vielen Kaputten da draußen lassen einem leider keine andere Wahl!

Zurück zu den Faltern: Am Sonntag (4.7.) entdeckte ich wiederum im Wybelsumer Polder neben den zurzeit unglaublich vielen Gammaeulen, die ebenfalls aus dem Süden stammen, einen Postillon, später noch zwei weitere. Glücklicherweise war eines der Individuen sehr kooperativ (siehe auch Bild oben):

Wenig später dann begegnete ich entweder einer Goldenen Acht oder aber einem Hufeisenklee-Gelbling:

Either Pale Clouded Yellow or Berger's Clouded Yellow

Vom eckigen Flügelschnitt her tippe ich eher auf die erste Art, doch immer wieder wird in der Fachliteratur darauf hingewiesen, dass eine sichere Trennung der beiden nahe verwandten Falter kaum möglich sei, nicht einmal anhand der Genitalstrukturen. Nur die völlig unterschiedlich gezeichneten Raupen lassen sich sicher unterscheiden, weshalb ich hier auf eine Artdiagnose verzichten möchte.


Derselbe Falter saugend an einer Ackerkratzdistel:


Zu allem Überfluss düsten noch drei Taubenschwänzchen blitzschnell an mir vorbei, doch aufgrund meines gesetzten Alters war ich ihnen einfach nicht gewachsen. Ich verlor sie allesamt rasch aus den Augen.

Bereits am Samstagmorgen hatte ich dem Hasen, den ich am Freitag von der Straße aufgelesen hatte, eine erste Chance eingeräumt, von einem krummschnäbligen Vogel verspeist zu werden.

Hier lag er noch völlig unangetastet auf der Schlammfläche:

European Hare (roadkill)

Zunächst aber tauchte ein Reh auf:

Eurasian Roe Deer

Es posierte ausgerechnet neben den Zeltstangen vom Vorabend, die ich aus reinster Faulheit noch nicht abgebaut hatte.

Kuckuck, hier bin ich:

Der Kreisjägermeister Emdens meinte mal in meinem Beisein: "Wo ein Mensch ist, versteckt oder nicht,  ist eine dreihundert Meter breite Schneise, wo sich dann kein Wild mehr aufhält."

Komisch ist nur, dass ich schon alle Arten, die man in Emden mehr oder weniger häufig zu Gesicht bekommen kann, so etwa von Fuchs bis Hase, abgelichtet habe, Rehe sogar schon ohne jegliche Tarnung!

Nach dem Reh wollte einfach nichts mehr passieren. Da ich aus meinem Versteck heraus die sich aus Westen nähernden Wolken sah, wollte ich wenigstens noch schnell ein paar andere Bilder machen Also verließ ich meinen Ansitz und fotografierte das Kleine Granatauge:

Small Red-eyed Damselfly

Auch diese Art war ursprünglich auf den Süden beschränkt, doch in den letzten etwa zehn Jahren konnte ich sie in jedem Sommer nachweisen, nicht selten in großer Zahl. Sowohl im Landkreis Osnabrück als auch hier in Ostfriesland. In der Literatur wird immer darauf hingewiesen, die Art sei schwer vom nahe verwandten Großen Granatauge zu trennen, doch schon auf den ersten Blick fällt das ganz andere, viel schönere Blau der Männchen dieser Art auf.

Ein Großer Blaupfeil:

Black-tailed Skimmer

Und die Blutrote Heidelibelle ist im Emder Westen in diesem Jahr viel häufiger als im vergangenen:

Ruddy Darter

Dasselbe Individuum von vorn:

Im Zusammenhang mit den gezeigten Libellen gibt es jetzt eine kleine und wahre Geschichte: Vor Jahren stand ich am Ufer eines Teiches in Bramsche-Achmer/Kreis Osnabrück, um Wespenspinnen zu suchen. Eine Oma mit ihrem Enkelkind erschien auf der anderen Seite. Das Kind, etwa sieben Jahre alt, rief plötzlich: "Oma, eine Bibelle!"

Und schon lief es zu dem Tier, das natürlich sofort die Flucht ergriff. Kevin! Komm sofort zurück! Die stechen in die Augen! Das Kind, das trotz seines Namens wissbegierig zu sein schien, wollte zunächst nicht hören, doch als die Alte ihre Unwahrheiten über Libellen gebetsmühlenartig wiederholte, gab der Kleine schließlich nach.

Liebe Kinder, es gibt eine Weisheit, die hohler kaum sein könnte: Erwachsene haben Recht! Ich rufe euch zu: Geht ins Netz, macht euch selbst ein Bild! Von einem Kind mit sieben Jahren kann man das heutzutage wohl schon erwarten ;-)

Hier schnell noch eine Große Pechlibelle bei der Eiablage:

Blue-tailed Damselfly

Eine Schwebfliege unbekannter Artzugehörigkeit (vielleicht eine Große Sumpfschwebfliege):




Hoverfly spec.

Am selben Ort konnte ich in den letzten Tagen einige Vogelarten knipsen, so zum Beispiel diese Uferschnepfen, die sich schon in wenigen Tagen/Wochen auf den Weg nach Afrika machen werden:

Black-tailed Godwit

Bekassinen stocherten nähmaschinenartig im Schlamm nach Gewürm:

Common Snipe

Insgesamt waren es zwölf, aber nur für drei gleichzeitig hat es gereicht:


Eine junge Lachmöwe schaute sich die Schnepfen von oben an und fragte sich wahrscheinlich: Kann man die essen?

Black-headed Gull

Familienglück und Badespaß unter Austernfischern:

Eurasian Oystercatcher

Am Abend dann tauchte ein Löffler auf:

Eurasian Spoonbill

Als ich das Bild machte, bemerkte ich die durchs Bild fliegenden Vögel sehr wohl, doch erst am Rechner sah ich, dass es Uferschnepfen waren.

Einer von vielen Graureihern auf der Pirsch nach leckeren Seefröschen:

Grey Heron

Und bereits im Juli ist die Silberreiher-Saison eröffnet worden:

Great White Egret

Für jene Menschen, die es nicht wissen: Diese elegante Art brütet hier nicht!

Und kurz bevor es dunkel wird, fallen im Wybelsumer Polder die Stare ein, die in großer Zahl in Silberweidengebüschen die Nacht verbringen:

Common Starling

Wenn sie morgens ihren Schlafplatz wieder verlassen, ist das eigentlich noch viel cooler, weil man, wenn man im Tarnzelt lauert, ein deutliches Rauschen vernehmen kann.

Die eigentlich aus Südafrika stammende Laugenblume blühte im vergangenen Jahr auch noch im Wybelsumer Polder, doch inzwischen sind die Flächen dort total verschilft. Kein Platz mehr also für diesen Kosmopoliten, der mit Unterstützung des Menschen die Welt erobern konnte.

Über dieses Exemplar stolperte ich am Samstag an der Wolfsburger Straße, obwohl ich eigentlich nach Feuerlibellen Ausschau gehalten hatte:


Brass Buttons

Das folgende Bild zeigt die Kleientnahmestelle an der Hauptstraße in Wybelsum am Morgen:



Und das letzte Bild entstand ebenda. Es zeigt Graugänse, Reiherenten und eine Blässralle kurz nach Sonnenaufgang:

Greylag Goose