wilde perspektiven

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Sonntag, 23. März 2014

Sanderling (Teil 1967)

Axel Book (Ihrhove) äußerte mir gegenüber den Wunsch, Sanderlinge am Emsstrand zu fotografieren. Da er das Gebiet, in dem die Vögel den Winter verbringen, nicht kannte, bat er mich außerdem darum, ihn dorthin zu begleiten.

Wir trafen uns am Morgen des 1. März in Wolthusen und fuhren anschließend zum Rysumer Nacken. Bei unserer Ankunft lief das Wasser zwar auf, doch hatte es den Strand noch nicht erreicht. Es war bedeckt, kühl und zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen. 

106 Sanderlinge, die da im Sandwatt unweit des Strandes nach Nahrung suchten, stellten einen Rekord für diesen Winter und dieses Gebiet dar. Zusätzlich gab es dort noch einige Alpenstrandläufer sowie einen einzelnen Knutt zu bestaunen.

Hier ein erster Sanderling:









Sanderling

Eigentlich hatte ich die Art für diesen Winter längst abgehakt, wollte Axel beim Fotografieren lediglich über die Schulter schauen, doch kaum waren die Vögel ganz dicht an uns herangekommen, lag ich auch schon wieder im Sand.

Ich kann nicht anders, es ist in mir, ich muss das tun. Und es macht ja auch so einen Riesenspaß!

Dieser Vogel hier war ein ganz besonderer!

Es war ein so genannter Aggro-Sanderling, der da dem Anschein nach eine außergewöhnlich ergiebige Nahrungsquelle am Strand aufgetan hatte und diese nun mit Vehemenz gegen seine Kameraden verteidigte:

This "bold" specimen discovered an apparently never ebbing food source at the drift line and then was defending it vehemently against his collegues - a perfect opportunity for Axel and me to take some good shots

Aufgestellte Mantel- und Schulterfedern sowie das gesenkte Haupt signalisierten den Kollegen schlechte Laune und Aggression. Immer wieder aber nahmen die anderen Sanderlinge das nicht ernst, wollten auch teilhaben am Überfluss und bekamen dann lautstark einen auf den Deckel. 

Ausnahmslos.

Doch was genau der Aggro-Vogel da entdeckt hatte, eifrig aufpickte und gegen seine Freunde verteidigte, konnten wir nicht erkennen.

Immer wieder flogen alle Sanderlinge nervös auf, doch genauso oft landeten sie unweit besagter Stelle, um schnellen Schrittes wieder an den Ort des Geschehens zurückzukehren:


Das ist sonst noch nie so gewesen, denn unter normalen Umständen laufen die Sanderlinge den Strand auf und ab, fliegen mal hier-, mal dorthin. Man liegt dann geduldig im Sand, die Vögel kommen endlich auf einen zugelaufen und zack, sind sie schon am Fotografen vorbei, der dann manchmal nicht ein einziges Bild hinbekommt. 

Andererseits liegt darin auch der Reiz, denn einen schnell laufenden Sanderling scharf abzubilden, ist wahrscheinlich eine größere Herausforderung als ein ruhender Vogel.

An diesem Tag setzte ich entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten ausnahmsweise den Autofokus ein. Zu schnell gingen diese kleinen Rangeleien über die Bühne. Trotzdem wollte es mir nicht ein einziges Mal gelingen, zwei Kontrahenten zusammen aufs Bild zu bekommen:

Zwischendurch schenkten wir unsere Aufmerksamkeit einem einsamen Knutt, der da wider Erwarten am Strand auftauchte, sich aber nicht unter die Sanderlinge mischen wollte:

Red Knot

Es war überhaupt erst das allererste Mal, dass ich dieser Art bei Hochwasser am Strand begegnete. Normalerweise suchen die Vögel in oft sehr großen Trupps ihre Nahrung weit draußen im Watt und verbringen die Zeit um Hochwasser herum an irgendeinem Ruheplatz im Nationalpark, wo man ihnen nicht auf den Pelz rücken kann.

Auf dem nächsten Bild kann man sogar die Zähnchen im Oberschnabel erkennen:


Ein unangeleinter Hund verscheuchte den seltenen Gast vom Strand, und wir konnten uns wieder um die Sanderlinge kümmern, die nach wie vor am selben Ort nach Nahrung suchten.

Halt, stopp! Da war doch was:

Axel hatte wirklich Glück an diesem Tag!

Es waren nicht nur außergewöhnlich viele Sanderlinge anwesend, nein, auch das Wetter spielte erfreulicherweise mit, denn an einem sonnigen Tag hätten wir kein einziges hübsches Bild auf die Reihe bekommen, hielten wir uns doch zur Mittagszeit am Strand auf.

Schlechtwetterfotografie ist mein Steckenpferd, weil man so harte Schatten und Kontraste ganz einfach vermeiden kann.

Und auch wenn es wirklich finster war an diesem 1. März, so gewährten ausreichend kurze Verschlusszeiten einige wirklich hübsche Aufnahmen:


Ein Katzenbuckel bei einem Sanderling hat im Prinzip dieselbe Bedeutung wie der der namensgebenden Katze:


Und ein letztes Bild von einem Sanderling am Emsstrand in diesem ausklingenden Winter:

























Das nächste Foto eines frei in der Landschaft stehenden Hauses bei Rysum illustriert ganz gut die vorherrschenden Winde hier in Ostfriesland:

These older trees illustrate the predominating northwesterlies in Ostfriesland, although in the previous winter winds from southern directions became unusually common

In diesem Winter aber hatte ich den Eindruck, dass Winde aus südlichen Richtungen eine vorherrschende Rolle eingenommen hatten. Da ich mir aber keine Notizen gemacht habe, kann ich das jetzt leider nicht belegen. Es bleibt also nur eine unwissenschaftliche Behauptung ;-)

Letzter Akt:

Egyptian Goose - within just few decades this species actually native to Africa and the Middle East became an abundant breeding bird in entire Central Europe

Meine erste freie Nilgans in Deutschland sah ich mit etwa fünfzehn Jahren in den Rieselfeldern in Münster. Damals konnte man noch nicht annähernd erahnen, was für ein unglaublich erfolgreicher "Feldzug" da auf uns zukommen sollte. Diese beiden hier standen übrigens auf einem Acker in Uphusen.

Inzwischen ist diese eigentlich afrikanische Art einer der beständigsten Brutvögel unserer Republik. Es gibt wohl kaum ein Gewässer, das nicht von mindestens einem Paar bewohnt wird.

Schlimm? Nein, wie ich finde, denn entgegen anderslautender Meinungen habe ich noch nie feststellen können, dass sich die Anwesenheit der Nilgans nachteilig auf bodenständige Arten ausgewirkt haben könnte. Die große Anpassungsfähigkeit dieses Neozoons, das übrigens in Europa längst deutlich häufiger sein soll als in seiner ursprünglichen Heimat, war auf dem Weg zu einem Allerweltsvogel mehr als hilfreich. Allein die flexible Wahl des Brutplatzes, die Art brütet u. a. auf dem Boden, in alten Greifvogelnestern und auf und sogar in Hochsitzen, sucht unter den Entenvögeln ihresgleichen.

Übrigens hat es die Nilgans nicht auf eigenen Schwingen von Afrika und dem Nahen Osten aus nach Europa geschafft. Wie in so vielen Fällen hatte auch hier der Mensch seine manipulierenden Finger im Spiel. Die ersten Nilgänse in europäischer Wildnis entstammten Vogelhaltungen in Großbritannien, möglicherweise auch anderer europäischer Länder.

Ob der Vogel mit der seltsamen Stimme auch die Neue Welt erobern kann, wird sich noch zeigen. Zumindest konnte ich die Nilgans 2003 auf Block Island (US-Bundessaat Rhode Island) feststellen...

Der nächste Beitrag bekommt übrigens wieder etwas mehr Farbe mit auf den Weg.