wilde perspektiven

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Freitag, 11. April 2014

Des Jahres schönster Monat

Das ist für mich ganz klar der wegen seines wechselhaften Wetters so oft, aber eben auch völlig zu Unrecht gescholtene April.

Ich liebe diesen Monat deshalb, weil er nach der nie enden wollenden dunklen Zeit des Jahres endlich wieder Licht und Leben ins Spiel bringt und alles wieder grün werden lässt, weil die meisten Zugvogelarten im April aus ihren Winterquartieren zu uns zurückkehren und weil die Birken dann meinen fast angeborenen Heuschnupfen wieder so richtig aufleben lassen, noch bevor ich ihn für immer und ewig vergessen könnte.

Wohin geht die Reise?




Northern Wheatear - finally back from Africa

Tatsächlich kann man in Deutschland im April beinahe jeden Tag eine neue Vogelart begrüßen. Ich freue mich dann immer riesig darüber, dass sie den langen und gefährlichen Zug unbeschadet überstanden haben. Viele ihrer Kollegen können das leider nicht von sich behaupten. Für sie stellte die lange Reise auch gleichzeitig die Endstation des Lebens dar.

Außerdem ist es in jedem neuen Jahr spannend, ob die einzelnen Arten pünktlich ankommen. Jede Spezies hat ihre ganz eigene Ankunftszeit, die aber innerhalb eines gewissen Fensters variieren kann. So kommt der Schilfrohrsänger "normalerweise" erst Mitte April hier in Ostfriesland an, doch den folgenden Vogel konnte ich schon am 2. April auf dem Rysumer Nacken beobachten.

Ey, was guckst du?

this Sedge Warbler already arrived in Ostfriesland on 2nd of April and therefore at least ten days earlier than usual

Bis heute (11.04.) ist er der einzige Schilfrohrsänger, den ich hier in und um Emden feststellen konnte! Nach wie vor hält sich der Vogel in den verschilften Außendeichsflächen bei Rysum auf, wo er zumeist in einem Holunder singt.

Ebenfalls recht früh, nämlich schon am letzten Märztag, entdeckte ich auf dem Rysumer Nacken den für mich ersten Steinschmätzer des nicht mehr ganz taufrischen Jahres.

"Guten Morgen, Steinschmätzer", rief ich ihm zu, "endlich biste wieder da, du alte Pappnase!"

Nur so im Spaß und eine Antwort bekam ich auch nicht:


first Northern Wheatear of the year (last day of March)

Bereits zwei Tage später waren es dort sogar sieben Vögel, die sich auf einer Sandfläche aufhielten und hüpfend und laufend kleinen Insekten hinterherjagten. Sechs Männchen, ein Weibchen.

Einer der Kerle zeigte sich besonders freundlich. Ich konnte ihn gleich an drei aufeinanderfolgenden Tagen in Bildern festhalten.

Zunächst an einem Abend mit Sonne:

Aus geringerer Distanz und von der Seite:

Ein weiteres Bild, diesmal im allerletzten Licht des Tages:


Und hier stand der Vogel mal auf meiner Wasserpulle, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen:        


Das obige Foto wiederum machte ich bereits im dichten Morgennebel des nächsten Tages.

Tautropfen klebten da noch an der spärlichen Vegetation. Tautropfen, die der Vogel immer wieder aufnahm, um seinen Durst zu stillen:

Es war wirklich noch finster, als diese Aufnahmen entstanden:

Nicht einmal für hübsche Lichtreflexionen auf den großen Augen hat es gereicht:

Der Steinschmätzer in seinem nebeligen Lebensraum:

Und wieder etwas größer:

Ob es der Nebel war, der das Gefieder des Vogels benetzte, oder ob er etwa ein Bad genommen hatte, kann ich nicht mit Bestimmtheit schreiben:



Und noch ein Bild, weil ich Steinschmätzer einfach nur klasse finde. Nicht zuletzt deshalb ist der Vogel ein fester und alljährlicher Bestandteil dieser Seite, nämlich mindestens je einmal im Frühjahr und im Herbst:

Irgendwann lichtete sich der Nebel auch an diesem Tag, und für einen kurzen Augenblick herrschten etwas bessere Fotobedingungen:

Doch allzu schnell rang die Sonne den Nebel komplett nieder. Plötzlich war das Licht grell, der Vogel warf harte Schatten, und einfach alles sah so richtig scheiße aus.

Ich brach also ab und hoffte darauf, dass der zutrauliche Steinschmätzer auch am kommenden Morgen noch anwesend sein würde.


Genug Zeit also, die folgende Frage zu beantworten: Was gab es in den vergangenen Wochen noch zu sehen?

Eine Isländische Uferschnepfe besuchte am 1. April die Kleinentnahmestelle in Wybelsum:

Icelandic subspecies of Black-tailed Godwit (right bird and record shot)

Alle Merkmale, die diese intensiver gefärbte Unterart von unserer Uferschnepfe unterscheiden, kann man auf dem Bild im direkten Vergleich sehr gut erkennen (geringere Größe, kürzerer Schnabel, kürzere Beine, tieferes Rot, das auf der Unterseite bis zum Steiß reicht...).

Der Vogel kam zusammen mit den anderen Uferschnepfen angeflogen, rastete kurz auf der Insel, um dann wieder durchzustarten. Ein eher kurzes Vergnügen also.

Schon am 27.3. sah ich eine weibliche Kegelrobbe vor dem Emsstrand herumdümpeln:


Grey Seal, a rather rare visitor in the Ems estuary (record shot)

Für mich war es die erste abseits der Hochseeinsel Helgoland!

Eine Rohrdommel, die erste für mich in Ostfriesland, zeigte sich am 30.3. scherenschnittmäßig im morgendlichen Wybelsumer Polder:


my first Bittern in Ostfriesland (record shot)

Sie verschwand ganz langsam im nahen Schilfgürtel.

Über die Monatswende hielt sich ein Trupp Berghänflinge auf dem Rysumer Nacken auf, bestehend aus maximal 220 Individuen:

Twite

Ihr in Gesellschaft vorgetragener, etwas knirschender Gesang war zuletzt ganz schön nervend, aber bald werden diese possierlichen Vögel in ihre skandinavische Heimat zurückkehren und dort Schneehuhn, Rentier und Vielfraß mit ihrer dürftigen Sangeskunst in die Flucht treiben ;-)

Dieselbe Art, ein anderes Bild:

Und schließlich noch eines, auf dem man die Berghänflinge auch als solche erkennen kann:

Manchmal muss man seine Unterkunft nicht einmal verlassen, um Tolles zu sehen. An einem kühlen Abend klopfte diese Florfliege von außen an meine Balkontür und bat um Einlass:

a lacewing of unknown species knocked on my balcony door on late evening

Den verweigerte ich ihr, holte aber stattdessen schnell meine Kamera. Ich musste meine Staffelei als Stativ missbrauchen, weil das echte wie immer im Auto lag. Das Licht war nach Sonnenuntergang so unglaublich schlecht, dass von vierzig gemachten Bildern nur eines scharf geworden ist.

Nebel im Wybelsumer Polder:


Das folgende Bild zeigt Nebel am Mahlbusen an der Knock. Es entstand tatsächlich am selben Morgen, vielleicht etwa 20 Minuten später, auch wenn es so ausschaut, als sei das obere Bild nach, das untere vor Sonnenaufgang aufgenommen.

Der Nebel hatte sich einfach nur wieder verdichtet, was hier an der Küste ganz fix gehen kann:

Nonnengänse im Nebel auf dem Rysumer Nacken:

Barnacle Goose

Und schließlich so etwas wie Herbststimmung im Frühling:

Bevor ich also nun auf den Steinschmätzer zurückkomme, möchte ich noch festhalten, dass ich den März genauso toll wie den April finde, den Mai aber schon nicht mehr, weil dann die ersten Gräser blühen und ihr verfickter Pollen mir den Rest gibt ;-)

Genau, der Steinschmätzer sollte also auch am kommenden Morgen noch vor Ort sein:

Und diesmal gab es statt Nebel eine geschlossene Wolkendecke, die im Verlauf des Vormittags auch noch zu weinen begann:

Ich bin ja der Meinung, dass alle Zugvögel ein Schildchen um den Hals hängen haben sollten, eines, auf dem der Zielort notiert ist.

Gerade beim Steinschmätzer wäre das sehr interessant und aufschlussreich, bewohnt er doch ein riesiges Areal, das vom östlichen Kanada (z. B. Baffin Island) im Westen bis nach Alaska im Osten reicht. Grönländische Steinschmätzer aber ziehen erfahrungsgemäß eher im Mai bei uns durch, weil sie im Heimatgebiet bei zu früher Ankunft nur auf Schnee und Eis träfen.

Und ich kann das bestätigen, denn auf meinem Hinflug nach Fort Myers überquerte das Flugzeug die Südspitze der riesigen Insel. Und was gab es dort zu sehen? Schnee, Eis, Berge, aber eben noch keine Steinschmätzer...

In Ostfriesland brütet dieser rasant fliegende Vogel übrigens nur auf den Inseln.

Das Männchen:

Und hier mal ein Weibchen, das aber leider nicht näher herankam, weil es vom Männchen immer wieder verscheucht wurde:

Und wieder der Kerl, der übrigens pausenlos seinen Plaudergesang vortrug, um sich schon mal auf das nahe oder ferne Brutgebiet vorzubereiten:

Ein letztes Bild von diesem Vogel, der Emden inzwischen verlassen haben sollte:

Und das letzte Bild des Beitrags, das eine blühende Weide zeigt:
































blooming Willow

Halt! Stopp!

Da war ich wohl etwas voreilig, habe ich doch noch ein geiles Suchbild zu bieten, das auf dem Rysumer Nacken entstand:

Ring Ouzel

Ein Wiesenpieper steht da oben rechts halb verdeckt auf der Spitze des Busches, aber der ist gar nicht gemeint.

Gemeint sind drei Ringdrosseln. Zwei kann man rechts und auf halber Höhe im Busch erkennen, eine dritte versteckte sich kurz vor der Aufnahme noch tiefer im Innern des Weißdorns.

Eine weitere entdeckte ich zwei Tage später nahe dem Restaurant Strandlust:

another specimen 

Und noch eine fünfte vom 12. April:

a fifth individual

Gesehen und geknipst ebenfalls auf dem Rysumer Nacken.

Und nun die wirklich letzte Meldung der Woche: Am 31. März fand ich den ersten Ölkäfer des Jahres auf dem Deich bei Rysum. Nur drei weitere sollten bis heute folgen. Ist das traurig?

Ja, das ist es, aber dazu später mehr.