wilde perspektiven

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Samstag, 2. August 2014

More information about the pretty Wespenspinne

Ich weiß nicht, ob ihr's schon wisst, aber ich habe den Wespenspinnenblick ;-)

Noch bevor ich das Tier oder sein Netz sehen kann, erkenne ich schon auf größere Distanz, wo es sich befinden muss. Und ihr könntet das auch: Wespenspinnen bauen ihre kunstvollen Netze nämlich grundsätzlich in Bodennähe. Um es aber überhaupt dort errichten zu können, müssen die Tiere erst einmal den nötigen Platz dafür schaffen. Das machen die Spinnen, indem sie die Halme und Stängel der Gräser um den späteren Standort herum zusammenbinden, sodass am Ende eine freie Stelle im ansonsten geschlossenen Grasdickicht entsteht.

Dort errichten sie schließlich ihre kleine Fangstation.

female Wasp Spider feeding on something

Bereits im Mai verlassen die jungen Wespenspinnen ihren Kokon, in dem sie nach dem Schlupf im Herbst den Winter verbracht haben. Sie klettern einen Halm empor und lassen sich an einem langen seidenen Faden vom Wind wie mit einem Gleitschirm forttragen. Während die einen nur wenige Meter entfernt schon wieder zu Boden gehen, legen andere auf diese Weise dutzende Kilometer zurück - und das ohne Flügel!

Landen sie auf einer geeigneten Fläche, errichten sie dort ihr erstes Netz und das übrigens niemals senkrecht, sondern stets etwas überhängend. Zunächst wachsen die Jungspinnen eher langsam heran, sodass man sie nur schwer ausfindig machen kann. Und wenn die Wespenspinnen im Juli endlich "sichtbar" werden, dann stellt das für mich den Höhepunkt des Sommers dar. Danach geht es eigentlich nur noch bergab, ist es doch dann nicht mehr weit bis zum Herbst mit seinen kurzen und oft dunklen Tagen.

Dasselbe Weibchen wie oben:

same female

Wenn allzu strenge Bodenfröste bis dahin ausbleiben, kann man Wespenspinnen aber durchaus noch bis in den Oktober hinein finden. Die meisten dieser Tiere aber sterben schon viel früher, in aller Regel nach dem Errichten der Kokons und der Eiablage.






Dieser Weg auf dem Rysumer Nacken führt zu einem Ort, an dem es besonders viele Wespenspinnen gibt. Links im Bild übrigens eines von zwei völlig überflüssigen Maisfeldern im Gebiet.

Wahrscheinlich sind es die sehr günstigen kleinklimatischen Gegebenheiten, die es den Tieren ermöglichen, dort in einer sehr hohen Dichte, quasi Netz an Netz, zu siedeln. Lange suchen muss man dort jedenfalls nicht. Überall hängen die von Haus aus im BVB-Dress gekleideten Spinnenweibchen kopfüber in ihren Netzen, nicht selten kann man sogar gleich fünf von ihnen auf einem einzigen Quadratmeter finden!

Das Gelände entlang des Weges ist halboffen. Einzelne Büsche sorgen auf der einen Seite für einen angenehmen Schutz vor kräftigen Winden, lassen aber auf der anderen Seite eine Besonnung der von den Wespenspinnen bevorzugten bodennahen Bereiche zu. Da kann es schnell mollig warm werden. Für ein Tier, das ursprünglich aus dem Süden kommt, eine feine Sache.

Das folgende Bild zeigt den Bereich, wo man sein Wespenspinnenglück finden kann:




















habitat of Wasp Spider at Rysumer Nacken. At this location this species formerly known only from the Mediterranean occurs in very high numbers on either side of the track

Auf beiden Seiten dieses Weges wimmelt es zurzeit geradezu von diesen hübschen Tieren!


Die Netze werden von den Spinnen allnächtlich komplett erneuert, unabhängig davon, ob sie im Laufe des Tages beschädigt worden sind.

Kleine Reparaturen aber werden auch schon mal am Tage und zwischendurch erledigt:


Ein weiteres, noch recht schmächtiges, dafür aber farbenprächtiges Weibchen:


another female 

Ein drittes, das bereits jetzt eine stattliche Größe erreicht hat:






another 

Mit etwas mehr drum herum und an einem anderen Tag:









same

Während ich dieses große Wespenspinnen-Weibchen fotografierte, turnte da plötzlich eine weibliche Kurzflüglige Schwertschrecke unmittelbar vor mir im Halmgewirr herum:

Conocephalus dorsalis 

Diese Art mag es feucht und naturbelassen. In den in Ostfriesland dominierenden ertragreichen Einheitswiesen, wie man sie aus der modernen Landwirtschaft kennt, kommt die Kurzflüglige Schwertschrecke nicht vor.


Ich fand einige Schwarzkolbige Braun-Dickkopffaler:

Essex Skipper - currently one of the most common butterfly species in Emden

Warum muss ich bei diesem Bild eigentlich immer an Afrika denken?




same individual

Die Art ist zurzeit wirklich ein Massenartikel.

Ein weiteres Individuum:

another

Und ein drittes:

a third specimen

Der sehr ähnliche und wohl nah verwandte Braunkolbige Braun-Dickkopffalter kommt dem Anschein nach nicht im westlichen Ostfriesland vor, worauf vor allem Klaus Rettig (Emden) schon seit vielen Jahren hingewiesen hat. In Bramsche im Landkreis Osnabrück ist es genau umgekehrt.

Gibt es überhaupt Orte, an denen man beide Falter zusammen beobachten kann oder schließen sie einander etwa aus?

Eine Fliege:

Tachinidae Fly spec.

Um welche Spezies genau es sich hier handelt, kann ich nicht sagen. Aber inzwischen weiß ich dank Jürgen Peters (Borgholzhausen) immerhin, dass es sich um einen Vertreter aus der artenreichen Familie der Schmarotzer- oder Raupenfliegen handelt.

Jedenfalls veränderte sie nach einer Weile ihre Position:

same


Eher zufällig stieß ich auf mehrere Exemplare des Braunbinden-Wellenstriemenspanners:








Shaded Broad-bar

Die sehr variable Art kann nahezu überall angetroffen werden, doch an naturnahen Standorten ist sie besonders häufig. Als Futterpflanze der Raupen kommen auf dem Rysumer Nacken Ackerkratzdistel und Gewöhnlicher Wasserdost infrage. Die Imagines fliegen in einer Generation von Juni bis August.

Ich muss gestehen, dass ich bis zu diesem Tag noch nie in meinem Leben von einem Falter mit so einem geilen Namen gehört hatte. Für Hilfe bei der Bestimmung geht mein Dank deshalb an Kathrin J. aus Mainz!


Männliche Wespenspinnen sehen ganz anders aus als die fetten und bunten Frauen:

male Wasp Spider

Sie sind klein und unauffällig, doch trotzdem kann man sie mit geübtem Blick auch dann finden, wenn sie sich in ihren eigenen, aus sehr dünnen Fäden gesponnenen und fast unsichtbaren Netzen aufhalten.

Leichter entdeckt man sie aber, wenn sie sich auf Brautschau befinden. Dann suchen sie nämlich die Netze der Weibchen auf:

male and female

Es ist für die Kerle der wichtigste, gleichzeitig aber auch der gefährlichste Moment ihres kurzen Lebens!

Die Paarung selbst habe ich noch nie gesehen, aber etliche Versuche verschiedener Männchen, sich einem Weibchen zu nähern. Da wird zum Beispiel das Netz in Schwingungen versetzt, um die Dame ein wenig zu "paralysieren" oder freundlich zu stimmen. Es ist bekannt, dass weibliche Wespenspinnen keine Kostverächter sind. Die Paarung oder auch nur der Versuch, mit einer Spinnenfrau anzubandeln, geht für die Männchen nicht selten mit dem Verlust eines Beines oder gleich des ganzen Lebens einher (siehe Männchen oben).

Eine andere Konstellation, ein neues Paar:






Dieselben Tiere in Ventralansicht:

Wird das Männchen vor der Paarung vom Weibchen verspeist, ist das aus vermehrungstechnischer Sicht nicht so prickelnd, doch hat der Kannibalismus nach der Paarung durchaus einen tieferen Sinn. Denn auch wenn das Männchen sehr klein ist, so stellt es doch eine erste Portion Proteine dar, die letztendlich zum Wachstum des eigenen Nachwuchses beiträgt. Und seine Lebensaufgabe hat der Kerl zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon erfüllt.

Wie heißt es nicht selten in der Rockmusik?

It is better to die young...

Wenn man an einem frühen Morgen durch eine taunasse Wiese schleicht, dann kann man unheimlich viele interessante Tiere entdecken. Sind die Temperaturen noch sehr niedrig, hat man zusätzlich gute Chancen, sie in Bildern festzuhalten.


Einem Hauhechel-Bläuling z. B. war es noch zu kühl, um einfach fortzufliegen:

Common Blue 

Anders verhält es sich mit Kleinlibellen, die zwar nicht wegfliegen, sich dafür aber augenblicklich vom Beobachter wegdrehen und hinter dem Halm, an dem sie hängen, verstecken.

Wenn man sich aber wie in Zeitlupe bewegt, kommt man auch bei ihnen zu brauchbaren Resultaten:

Common Blue Damselfly

Die Becher-Azurjungfer (neuerdings auch einfach Becherjungfer genannt) ist eine der häufigsten Kleinlibellen-Arten in unserer geilen Republik. Man kann sie sowohl an langsam fließenden als auch an Stillgewässern finden, an nährstoffarmen ebenso wie an eutrophen.


Märchenhaft mutet es an, wenn man diese grazilen Tiere durch das Halmgewirr hindurch fotografiert:

Ich weise immer wieder gerne darauf hin, dass Libellen nicht stechen können - weder in die Augen noch in eine Kuh. Das sind Märchen, die sich bis heute hartnäckig halten, obwohl doch inzwischen jeder die Möglichkeit hat, diesen Quatsch im Internet zu hinterfragen. Früher konnte man nicht erwarten, dass alle Menschen ein Buch über Libellen in ihrer eichenen Schrankwand stehen hat...

Ein weiteres Bild:




Gewöhnlicher Gilbweiderich - die Art ist trotz ihres Namens nicht mit dem im vorletzten Beitrag gezeigten Blutweiderich verwandt:


Yellow Loosestrife 


Zurück zur Wespenspinne:



Weil diese Tiere ihre Netze dicht über dem Boden bauen, erbeuten sie in erster Linie Grashüpfer. Fluginsekten kommen aber durchaus auch mal in den Genuss, von einer Wespenspinne verspeist zu werden. 

In den letzten zwei Wochen zum Beispiel fand ich mindestens 20 Trinkerinnen, die sich nicht mehr aus den Fallen der Spinnen befreien konnten, obwohl sie sehr groß und kräftig sind. Das sagt viel über die Stabilität dieser Netze aus!

Für die Spinnen bedeutet so eine Beute ein echtes Festmahl:

with Drinker

Was man da auf dem folgenden Bild oben im Netz erkennen kann, sind aber nicht die Überreste eines Beutetieres:

with exuvia

Im Gegensatz zu vielen Insekten wie z. B. Schmetterlingen durchlaufen Spinnen keine Metamorphose. Es gibt keine Larvalstadien, Spinnen kommen im Grunde schon als Spinnen auf die Welt, bzw. schlüpfen als solche aus dem Ei. Weil ihre Haut nicht dehnbar ist und entsprechend beim Heranwachsen nicht mitwächst, müssen sich die Tiere häuten. Und genau so eine Haut hängt da oben im Netz.


Die attraktive Wespenspinne ist eine echte Bereicherung für unsere Fauna. Grashüpfer mögen das vielleicht anders sehen, aber ich möchte nicht mehr auf diese hübschen und interessanten Tiere verzichten. Wenn mir jemand vor zwanzig Jahren gesagt hätte, dass diese Spinne mal im Landkreis Osnabrück oder gar in Ostfriesland vorkommen würde, dann hätte ich ihn wohl ausgelacht.

Mich würde interessieren, ob die Wespenspinne auch schon die Inseln erreicht hat. Eigentlich sollte man davon ausgehen, weil es dort geeignete Habitate im Überfluss gibt. Und wahrscheinlich wäre es sogar lohnenswert, auf dem fernen Helgoland nach der Spinne zu suchen. Vor allem im Nordostgelände, aber auch im Südhafengelände oder im Innern der Düne könnte man mit etwas Glück auf dieses Tier mit "Migrationshintergrund" treffen.