wilde perspektiven

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Sonntag, 18. Juni 2017

Dies und das (Teil 1444)

Es ist sehr ungewöhnlich, dass der Sommer auf den Herbst folgt.

Doch genau so ist es jetzt gekommen!

Die Stürme der vergangenen Wochen waren für mich persönlich kaum auszuhalten. 

Eine einzige Farce! 

Ich werde mich beim Wettergott beschweren, wenn ich mal Zeit habe und es nicht vergesse. Irgendwo muss hier auch noch das notwendige Beschwerdeformular herumliegen. Wind allein ist mir eigentlich schnuppe, doch wenn gleichzeitig die Temperaturen hoch sind und vor allem der fiese Roggen blüht, dann helfen mir auch keine Drogen mehr. 

Ich habe mir ersnthaft überlegt, nie wieder Roggenbrot zu essen. Man muss auch mal konsequent sein und den Anbau von Roggen boykottieren. Wie sonst soll man das Problem in den Griff bekommen? Alle Allergiker dieser Welt werden das sicher verstehen.

Gräser ganz allgemein stehen mir schon seit meiner frühen Kindheit feindschaftlich gegenüber, doch der Roggen ist am schlimmsten. Wenn er blüht, geht bei mir gar nichts mehr. Er ist der Bösewicht schlechthin, der sehr wahrscheinlich die Weltherrschaft anstrebt. Gott sei Dank beschränkt sich seine Macht auf nur wenige Wochen im Jahr. Und wenn sich seine ekligen Ähren endlich gelb verfärben, kann ich wieder tief durchatmen. 

Zu Beginn gibt es ein kleines Rätsel für euch:

a mystery

Hübsch,  oder?

Doch was ist das?

Schaut genau hin und fragt euch, was man sieht. Dann ist die Lösung ganz einfach.


Im Collrunger Moor kann man immer was entdecken. Man muss nur Stativ und Kamera schultern und sich auf den Weg machen. Die beste Zeit dafür ist der frühe Morgen, wenn die taugeschwängerte Vegetation den passenden Rahmen bietet für Aufnahmen von kleinen und noch kleineren Tieren.

Oh nein! Da kommt jemand. Und er kommt immer näher. Es war falsch, das Netz mitten auf dem Weg zu errichten. Das hatte ich von Beginn an gesagt. Niemand wollte auf mich hören. Die Beute, die da auf mich zukommt, ist zu groß, gleich wird der Sudendey mein Netz zerstören. Und dann war alles umsonst. Und ich muss wieder von vorn anfangen. Nein! Nei – moooment, er wird langsamer. Und jetzt bleibt er stehen.

Puh, das war knapp. 

Erst einmal richtig ausstrecken:

Tetragnatha spec. 

Ja, es stimmt, ich blieb stehen.

Ich wollte ein Bild machen. Denn noch nie habe ich hier eine Streckerspinne vorgstellt, obwohl diese Tiere doch so häufig sind. 

Tagsüber ruhen sie in der Nähe ihres Netzes, mit ausgestreckten Gliedmaßen und eng an einen Stängel oder ein Blatt geschmiegt. Auf diese Weise sind sie ausgezeichnet getarnt. Nachts und auch noch am frühen Morgen lauern diese Spinnen im Zentrum ihres Netzes auf Beute. Ganz auf Tarnung verzichten können oder wollen sie dann aber auch nicht. Warum sonst nehmen sie diese Haltung ein, die mich immer an die Pfahlstellung der Rohrdommel erinnert?

An einen anderen Vogel, nämlich den Seggenrohrsänger, erinnert mich immer der Moorfrosch.

Es ist die Farbzusammenstellung, vor allem aber die Zeichnung, die mich das immer wieder denken lässt:




Moor Frog

Beide Arten haben sich im Laufe der Evolution farblich hervorragend an ihren jeweiligen Lebensraum angepasst. Wie gut, kann man sehen, wenn man den Moorfrosch in seinem natürlichen Umfeld beobachtet. 

Die dominante Pflanze im Moor ist das Pfeifengras. Im Juni sind zwar schon seine neuen und blaugrünen Blätter ein gutes Stück in die Höhe geschossen, doch der Boden wird nach wie vor von den abgestorbenen des Vorjahres bedeckt. Ihre Farbe gleicht der des hellen Längsstreifens, den fast jeder Moorfrosch auf dem Rücken zeigt. Die dunkelbraunen Partien des Frosches wiederum entsprechen dem nackten Torf, der an manchen Stellen des Moores zu Tage tritt. 

Ein regungslos verharrender Moorfrosch fiele in diesem Farbenspiel aus nacktem Boden und verwelkten Pflanzen niemals auf. Weil diese Tiere aber einfach nicht stillhalten können, ist selbst dieses perfekte Sicherheitspaket, das Mutter Natur ihnen mit auf den Weg gegeben hat, wertlos.

Das heute gezeigte Individuum ist übrigens nicht dasselbe wie im letzten Beitrag.


Eine Große Königslibelle:

male Emperor

Im Gegenlicht, in diesem Fall sogar noch vor Sonnenaufgang, leuchten die taubedeckten Flügel einer ruhenden Libelle kilometerweit. 

Wenn es sich, wie in diesem Fall, auch noch um eine große Großlibelle handelt, um eine der größten Libellen unseres Landes, dann kann man so ein Tier wirklich nicht übersehen. Es war übrigens erst das zweite Mal in meinem Leben, dass ich eine schlafende Große Königslibelle in der Bodenvegetation entdeckte, obwohl diese hübsche Art so häufig ist. Die erste hatte ich vor vielen Jahren an einer Blänke im Hasetal bei Bramsche ausfindig gemacht.

Ein taubedeckter Grashüpfer:

Pseudochortippus parallelus or P. montanus

In den Pfeifengrasflächen wimmelt es von diesen kleinen Biestern. Sie stellen später die Hauptbeute der weiblichen Wespenspinnen dar, die jetzt noch winzig sind und sich wahrscheinlich von viel kleineren Lebewesen ernähren müssen.

Ich ging weiter.

Nach einigen Metern hörte ich leise, aber doch deutlich vernehmbare Hilferufe!

Es war aber nicht etwa eine einzelne Stimme, sondern gleich ein ganzer Chor, der immer wieder glockenhell ertönte: "Wir woll'n hier raus! Hört uns denn niemand? Verfickt, was ist das für eine Scheißwelt?"

Und dann noch einmal mit Nachdruck: "Wir! Wollen! Hier! ENDLICH! RAUS!"

Die Quelle der Rufe:


Nursery Web Spider's offspring

Ich hielt den Atem an!


Wenn man im Moor, noch dazu in einem völlig offenen Bereich und am Rande eines Torfstiches, ein solches Gespinst findet, dann kann es doch eigentlich nur das einer Gerandeten Jagdspinne sein. Ich freute mich schon. Doch leider zu früh, wie sich später herausstellen sollte. Denn bei genauerem Hinsehen sahen die Spiderlinge irgendwie anders aus.

Nämlich so:










young Nursery Web Spider

Die Tiere auf dem Bild befanden sich zum Zeitpunkt der Aufnahme noch im Gespinst. Doch das, was ich von ihnen erkennen konnte, reichte schon aus, um meine Freude auszubremsen.

Weder Zeichnung noch Färbung wollten so recht passen. Insgesamt waren die Jungspinnen auch viel zu dunkel. Alle Merkmale, die sie mir präsentierten, wiesen eindeutig auf Pisaura mirabilis hin, die Listspinne. Sie hatte ich zuvor erst ein einziges Mal im Collrunger Moor gesehen!

Hier die ersten Tiere außerhalb des schützenden Gespinstes:

Pech gehabt.

Die Gerandete Jagdspinne habe ich in meinem ganzen Leben erst einmal gesehen.

Gefunden hatte sie damals ein lieber Mensch in einem Hangquellmoor im Börsteler Wald (Kreis Osnabrück), wo er sie mir zeigte. Ein Weibchen, das seinen Nachwuchs bewachte. Ein komplett schwarzes noch dazu. Damals wusste ich noch nicht, dass es mit der Gerandeten Wasserspinne eine Zwillingsart gibt. Ich kann also eigentlich nicht sagen, welche der beiden nahe miteinander verwandten Arten wir damals im Börsteler Wald beobachtet haben. Auf jeden Fall war es eine Dolomedes spec.!

Bei dieser einen Begegnung mit einer der größten Spinnen unseres Landes ist es bis heute geblieben!

Im Gegensatz zur Listspinne, die ebenfalls zu den Raubspinnen gehört, scheint die Gerandete Jagdspinne niemals in hoher Dichte aufzutreten. Überhaupt scheint sie nur schwer auffindbar zu sein. Ich habe mir in diesem Frühjahr mehrere Male die Mühe gemacht, mich am Rand diverser Torfstiche auf die Lauer zu setzen, doch da zeigte sich nichts.

Keine einzige Spinne, die übers Wasser huschte.


Ich war so dermaßen enttäuscht, dass ich dem Collrunger Moor den Rücken kehrte.

Ich besuchte den Knyphauser Wald, wo ich auf einem Holzstoß am Rand eines Forstweges eine attraktive Goldwespe fotografieren konnte.

Das Licht kam hier von rechts:
 
a Cuckoo Wasp (maybe Chrysis spec.)

Hübsch, oder?

Der Eisvogel unter den Hautflüglern, wenn man schon ständig Vögel zum Vergleich heranziehen muss. Auch in diesem Fall wäre das zwar passend, aber gleichzeitig auch ungerecht, denn gerade im Reich der Insekten gibt es so unglaublich viele wunderschön gefärbte und gezeichnete Arten, dass man keine einzelne hervorheben sollte. 

Und ihr braucht auch keine Angst zu haben, dass euch dieses prächtige Tier am Gartentisch belästigt. Goldwespen mögen eher Pollen statt Kuchen. Und sie sind ausnahmslos sehr klein, weshalb sie trotz ihrer schillernden Farben meist übersehen werden.

Das gezeigte Tier maß nur etwa sechs Millimeter!

Es gibt in Mitteleuropa etwa 120 verschiedene, meist nur sehr schwer unterscheidbare Goldwespen-Arten, von denen wiederum nicht wenige so aussehen wie das Tier da oben. Deshalb kann ich beim besten Willen keine Angaben zum Artstatus machen. Selbst ausgewiesene Fachleute könnten dieses Tier wahrscheinlich nicht allein anhand eines Bildes bestimmen. Da sind Merkmale gefragt, die man sich unter einem Binokular anschauen muss, bei starker Vergrößerung!

Auch hier kam das Licht von rechts, doch weil sich das Tier inzwischen gedreht hatte, wurden nun Kopf und Brust aufgehellt:

same specimen

Goldwespen betreiben keine Brutpflege, wie man sie von den bekannten schwarz-gelben Faltenwespen oder von der Honigbiene her kennt.

Wie der allbekannte Kuckuck entledigen sie sich jeglicher Verantwortung und legen ihre Eier einfach in die Nester anderer Stechimmen, wo sich ihre Larven entweder vom Nahrungsvorrat in den Waben oder aber vom Wirtsnachwuchs selbst ernähren.

Daher auch der wieder so passende englische Name: Kuckuckswespen!

Ihr könnt diese Tierchen auch in eurem Garten beobachten. Vor allem dann, wenn es dort alte Bäume gibt und Totholz. Davon fühlt sich die eine oder andere Goldwespen-Art nämlich stark angezogen. Aufgeschichtetes Kaminholz  ist auch geeignet. Ihr könnt euch ja mal ein paar Minuten Zeit nehmen und an einem sonnigen Tag beobachten, wer da so alles auf euren Holzscheiten rumläuft. Wenn ihr gleichzeitig an eurer Kaffeetasse nippt, den Hund streichelt und noch eine Zigarette raucht, vergeudet ihr auch keine Sekunde eures Lebens.

Und ihr werdet staunen!

Nebenbei sei verraten, dass es keine einfache Sache ist, eine Goldwespe vernünftig zu knipsen. Diese Tiere sind immer in Bewegung. Im Falle der gezeigten Goldwespe hatte ich wohl vor allem Glück. Eine fette und dunkle Wolke war wie aus dem Nichts erschienen. Ihr plötzliches Auftauchen muss das Tier ein bisschen aus der Bahn geworfen haben. Jedenfalls blieb sie genau zweimal kurz stehen, sodass ich meine Bilder machen konnte.


Auf demselben Holzstoß entdeckte ich diesen Schwarzfleckigen Zangenbock:

Blackspotted Pliers Support Beetle

Er kam zunächst auf mich zugelaufen, verschwand dann aber zwischen den Baumstämmen.

So gefährlich der Zangenbock auf diesem Foto auch aussehen mag, er ist ein harmloser Pollenvertilger und somit mein Freund. Weil auch er eher klein ist, nur etwa 20 Millimeter lang, und darüber hinaus sehr unscheinbar gefärbt, kann er sich den Blicken der meisten Menschen erfolgreich entziehen.

Seine Larven leben in totem Holz, wie wahrscheinlich die Larven aller Bockkäfer. Für ihre Entwicklung benötigen sie meist zwei Jahre.

Ist doch auch egal.


Was für Augen:

Laphria flava

Da sonnte sich eine Gelbe Mordfliege auf der Borke einer Fichte.

Diese große Art aus der Familie der Raubfliegen sieht wirklich noch bedrohlicher aus als der Käfer von eben. Und tatsächlich geht es im Falle ihres Auftauchens auch sofort um Leben und Tod. Dieses Individuum sonnte sich nicht nur, es hielt auch gleichzeitig Ausschau nach einem Frühstück. Das Köpfchen wurde hin und her geschwenkt, der Blick folgte aufmerksam jedem vorbeifliegenden Insekt. Einige Male verfolgte die Raubfliege mögliche Beutetiere, um jedes Mal, wie ein jagender Grauschnäpper, zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Doch als sie dann tatsächlich einen Marienkäfer erbeutete, suchte sie sich leider einen anderen Ruheplatz, um ihn dort zu verspeisen.


Weil ich nach einigen Stunden im Forst wieder Sehnsucht nach dem Moor verspürte, fuhr ich wieder zurück nach Brockzetel. Dort sah ich dann einen Waldwasserläufer, einen Dunklen Wasserläufer und vier Silberreiher.

Und ich fand den hier:


















male Clouded Buff

Dabei handelt es sich um den Rotrandbär.

Dieser hübsche Falter fliegt alljährlich in großer Zahl im Collrunger Moor. Die Saison beginnt für ihn meist Anfang Juni. Die Tiere fallen eigentlich nur deshalb auf, weil sie sehr scheu sind und bei Annäherung eines möglichen Feindes – genau der bin ich aus der Sicht eines Rotrandbärs – fliehen. Meist gehen sie nach nur wenigen Metern wieder runter. Wenn man sich diesen Tieren dann wie in Zeitlupe nähert, um vielleicht ein Bildchen zu machen – ähem –, dann geht es meistens doch schief und sie fliegen erneut auf.

Verfickt!

Das Bild zeigt einen männlichen Falter. Die Frauen sehen deutlich anders aus. Sie ruhen meist irgendwo versteckt in der Vegetation und lassen sich von den Kerlen finden, wie beim Kleinen Nachtpfauenauge im letzten Bericht. Jedenfalls habe ich noch nie einen weiblichen Rotrandbär gefunden.

Ich ging zurück zum Auto und schoss noch ein paar Bilder aus dem Wagen heraus von einer Gänsefamilie, die es sich in einer nahen Sandgrube gut gehen ließ:

Canada Goose

Mücken tänzelten lebensfroh im weichen Abendlicht. 

Auf der ostfriesischen Geest hat die eigentlich nordamerikanische Kanadagans längst jede Sandgrube und alle Moore  für sich entdeckt.

Gänsemarsch:

Ich mag die Kanadagans, weil sie so schön wehmütig ruft.

Für mich passt diese Stimme ausgezeichnet zur kargen Landschaft eines Moores. Auf der anderen Seite sollte es nicht die Stimme sein, die einen dazu führt, den einen Vogel sympathisch, den anderen aber doof zu finden.

Ich meine, dann hätte die Nilgans überhaupt keine Chance auf Liebe.

Das nächste Bild, das ich an diesem Tag im wirklich allerallerletzten Licht machen konnte, zeigt eine am Himmel balzende Waldschnepfe:

courtship display flight of a Woodcock at dusk

Ihr seht, der Schnabel des Vogels ist geöffnet. Das bedeutet nicht, dass die Schnepfe hechelte. Nein, sie rief.

Und sie rief ganz laut: "Puiitz!"

Exakt um Viertel nach zehn tauchte die Waldschnepfe erstmailig an diesem Abend am Himmel über der Waldlichtung auf. Fortan drehte sie ihre Runden, wobei sie meist außer Sicht- und Hörweite geriet. In mehr oder weniger gleichmäßigen Abständen tauchte sie dann wieder über mir auf. Und jedes Mal hörte ich den Vogel, bevor ich ihn am Himmel ausfindig machen konnte.

Die Balz der Waldschnepfe ist für mich immer wieder ein wunderschönes Erlebnis. Wären da nicht die fiesen surrenden Blutsauger gewesen, hätte dieses Erlebnis an diesem Abend noch viel schöner sein können ;-)


Zum Schluss, Kinners, die Auflösung des Rätsels:


dragonfly wing covered by waterdrops

Man sieht also dicke Tropfen und ein Netz aus Linien.

Wenn man eine kalte Nacht in einem viel zu engen Zelt aus Kunstfaser verbringt, dann muss man sich am nächsten Morgen jede noch so kleine Bewegung zweimal überlegen.

Ein unachtsamer Mensch, für den Feinmotorik vielleicht ein Fremdwort ist, würde nämlich bombardiert werden! Und zwar von fetten Kondenswassertropfen, die sich im Laufe der Nacht an der Zeltdecke gebildet haben.

Das Prinzip ist hier dasselbe:

the whole wing

Weil die Temperatur in der vorausgegangenen Nacht sehr niedrig war, kondensierte das Wasser auf der Unterseite des undurchlässigen Libellenflügels. Der Unterschied zum Zelt: Das Wasser stammt aus dem feuchten Boden, nicht aus einer menschlichen Lunge.

Solche Libellenflügel kann man überall im Moor finden. Manchmal richtige Ansammlungen. Wie die zustande kommen, ist mir allerdings ein Rätsel. Der einzige Libellenjäger im Moor, der Baumfalke, erbeutet die Insekten im Flug. Es ist also eher unwahrscheinlich, dass ihre Flügel dann allesamt am selben Ort heruntergehen.

Wie auch immer, die Bilder vom Libellenflügel illustrieren gleichzeitig Schönheit und Vergänglichkeit allen Lebens.