wilde perspektiven

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Sonntag, 24. Juni 2018

Die Sache mit dem Diagramm

Zwei Geschichten gibt's heute.

Zwei Geschichten, die nichts mit der Natur zu tun haben.

Zwei Geschichten aus dem wahren Leben.

Und so weiter.

Ein Neuntklässler sitzt im Chemiesaal eines westfälischen Gymnasiums.

Er träumt sich, wie so unglaublich oft in all den Jahren zuvor und auch danach, einfach weg. Ein bescheuertes Diagramm soll er jetzt zeichnen. Und er spürt, der Lehrer steht genau hinter ihm. Genau jener Lehrer, der ihn ein wenig auf dem Kieker hat. Dass dieser Mensch mit dem etwas anderen Humor jetzt hinter ihm steht, ist so sicher wie das Amen in der Glockendisko. Umzugucken braucht der Träumer sich jedenfalls nicht. Auf seinen über viele Jahre antrainierten siebten Sinn kann er sich verlassen. 

Das bescheuerte Diagramm stellt für ihn eine echte Herausforderung dar, denn Chemie ist einfach nicht seine Welt. Und zu allem Überfluss ist das Unterrichtsende noch so weit entfernt wie der Mars von der Erde. Ich muss wohl jetzt etwas unternehmen, denkt der Schüler. Er steht hinter mir und wird nicht gehen, bevor ich angefangen habe mit meinem Kunstwerk. Also nimmt er nacheinander einen grünen und einen roten Buntstift in die Hand, um reichlich planlos irgendwelche Unterschiede irgendwelcher chemischen Reaktionen herauszustellen. 

Als sich die Hand von hinten auf seine Schulter senkt, zuckt der Schüler ein wenig zusammen. 

"Junge, warum zeichnest du das Diagramm denn nicht in unterschiedlichen Farben? Wie soll man denn jetzt erkennen können, worum es geht, wenn du so nachlässig arbeitest?"

Bitte? 

Der nun nicht mehr träumende Schüler ist sich in diesem Moment nicht sicher, ob der Lehrer, der jetzt neben ihm steht und ernst dreinblickt, einen Scherz gemacht hat oder nicht.

Ende.  

today there is no context between text and images

Im Jahr 2007 oder so schrieb ein ambitionierter Mensch seinen ersten Roman. 

Ihm war nicht ganz klar, was genau er da tat. Er folgte einem inneren Drang und tat es einfach. Nach nur drei Wochen war das Meisterwerk aus dem Hirn geschlüpft. Parallel zum Schreiben hatte er ein paar Auserwählte mitlesen lassen. Doch weil es sich hier ausnahmslos um Menschen handelte, die ihm wohlgesonnen waren und deshalb kaum objektiv, zielte er jetzt darauf ab, jemanden zu finden, der ihm nicht nach dem Mund reden würde. 

Aus kaum nachvollziehbaren Gründen fiel ihm plötzlich einer seiner ehemaligen Lehrer ein! Der wohnte nämlich zufällig in derselben Stadt. Vor dem Anruf war ihm etwas mulmig. Immerhin hatte er den Mann seit etwa zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Und er war nicht einmal einer seiner Lieblingslehrer gewesen. Doch dann ging alles ganz schnell. Ein Termin wurde vereinbart, und der einstige Schüler traf sich mit diesem Lehrer, der nach wie vor unter anderem Chemie unterrichtete, in dessen Haus. Sie besprachen die Vorgehensweise, um sich dann, nach etwa zwei Stunden, wieder zu trennen.

"Ich kann nichts versprechen, mir geht es gesundheitlich nicht so gut", meinte der Lehrer zum Abschied, "es kann also durchaus ein paar Wochen dauern, bis ich mich bei Ihnen melde.

Ja, sie siezten einander, denn dieser Lehrer war eben nicht der Freund dieses extrem ambitionierten Menschen. 

Die große Überraschung: Nur zwei Tage später klingelte das Telefon! 

"Sie wollen eine Rückmeldung? Die bekommen Sie jetzt. Ich hab's nämlich durch! Ehrlich, das ist jetzt nicht böse gemeint, aber ich hatte nicht viel erwartet, doch dann war ich mitten im Geschehen und wollte wissen, wie es weitergeht. Das war mir zuvor so noch nie passiert. Also dass ich am Rechner sitze und über 300 Seiten fast in einem Rutsch lese. Glückwunsch, eine rasante und tolle Geschichte. Der Anfang hat mir nicht so gut gefallen, doch mit jedem Satz wurde es besser. Sie haben sich offensichtlich regelrecht in die Sache reingeschrieben."

Ende. 

same almost tame Hare in the center of Greetsiel

Ja, ihr ahnt es bereits, in beiden Fällen handelt es sich um dieselben zwei Menschen, die da vor vielen Jahren an unterschiedlichen Orten und in gebührendem zeitlichen Abstand aufeinandertrafen. 

Der Lehrer hieß Martin Thiede, der Schüler war ich.  Martin Thiede starb am 9. Juni 2018 im Alter von nur 65 Jahren. Bis heute weiß ich nicht, was ich von ihm halten soll. Ich erinnere mich an unser Treffen in seinem großen Haus in Bramsche. Es war eines dieser schönen alten Häuser, wie man sie in der erweiterten Innenstadt in bachtlicher Zahl bewundern kann. Wir sprachen nicht nur über meine kleine Geschichte, die er für mich gegenlesen sollte, sondern natürlich auch über meine Zeit am Kardinal-von-Galen-Gymnasium und diverse Ereignisse, die meinen Jahrgang betrafen. 

Ich war darüber erstaunt, dass ihm mein Name nach all den Jahren tatsächlich noch etwas sagte, obwohl er nur ein Jahr mein Lehrer und ich eher ein, das ist jetzt sehr moderat ausgedrückt, bescheidener Schüler war. 

"Die mit der großen Klappe behält man besser in Erinnerung als all diese austauschbaren Menschen, die alles dafür zu tun scheinen, nicht aufzufallen. Leute wie Sie waren und sind mir die Liebsten. Bis heute. Auch wenn Sie damals eher faul waren."

Er grinste verschmitzt. 

Und er erzählte mir ganz ungehemmt und frei, er sei an MS erkrankt. Anmerken konnte ich ihm damals aber nichts. Und seinem Beruf als Deutsch- und Chemielehrer ging er seinerzeit auch noch nach. Doch er beklagte die, wie er es bezeichnete, lästigen Auswirkungen der Erkrankung und beschrieb mir auch ihre Symptome. All das, obwohl wir einander eher fremd waren. Ob diese heimtückische Krankheit letztendlich auch zu seinem Tod geführt hat, ist mir allerdings nicht bekannt. 

Natürlich kamen wir auch auf andere Themen zu sprechen. Unter anderem auf die "verbotene Liebe" einer seiner Kolleginnen mit einem meiner (bereits volljährigen) Mitschüler, die, so verriet er mir mit einem Lachen, für großen Wirbel im Kollegium gesorgt hatte. Damals hatte es ohnehin schon an unserer Schule rumort, weil da ein Machtkampf zwischen einigen Paukern ausgebrochen war. Und dann kam da auch noch diese eher belanglose, gleichwohl lustige Sache ans Licht, die für uns Schüler natürlich nicht mehr ganz so neu war.

Und das alles an einem katholischen Gymnasium!

An den Wänden in Martin Thiedes Wohnzimmer entdeckte ich Bilder, die Abstraktes präsentierten. Nicht mein Fall, dachte ich so ganz nebenbei. Doch Herr Thiede bemerkte meinen etwas verzogenen Mundwinkel und nahm den Künstler, von dem er offensichtlich ein echter Fan war, auf der Stelle in Schutz. Er referierte regelrecht und zeigte ganz offen seine Bewunderung. Und ich schließlich mein Erstaunen, als er mir des Künstlers Namen nannte: Peter Paul Berg!

Das war jetzt wirklich sehr lustig, denn dieser Mann war einer seiner Kollegen am KvG und für einige Jahre auch mein Kunstlehrer gewesen. Ein sehr sympathischer, vielleicht etwas exzentrischer Mensch! Nie hatte ich damit gerechnet, dass der solche Bilder auf die Leinwand zauberte. Respekt, auch wenn wir nicht exakt denselben Geschmack zu haben schienen. 

Zum Schluss unseres Gesprächs an diesem Tag kam ich noch einmal auf das großartige Diagramm im Chemieunterricht zu sprechen. Ich wollte wissen, ob sich Herr Thiede noch an diese Situation erinnern konnte. 

Konnte er nicht!

"Aus meiner ausgeprägten Rot-Grün-Schwäche habe ich aber nie einen Hehl gemacht", so Martin Thiede schmunzelnd, "obwohl man als Chemielehrer so etwas vielleicht besser für sich behalten sollte."

Wieder dieses Lächeln.

Mir, das schwöre ich bei meiner verstorbenen Großmutter., war das vor diesem Tag nicht bekannt gewesen. 



Die Bilder in diesem Post zeigen wieder den fast zahmen Feldhasen, der sich nach wie vor im Zentrum von Greetsiel in einem Hausgarten aufhält und dort für die Rasenpflege zuständig ist. 

Ich habe ihn Hasilein getauft.