wilde perspektiven

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Donnerstag, 26. Juli 2018

Kleine Könige in Not

Moin zusammen!

Neulich befuhr ich am späteren Abend, aber noch bei Helligkeit, eine lange und gerade Straße in Visquard.

Es kam, wie es kommen musste: Eine schwarze Hauskatze querte meinen Weg von links nach rechts. Eilig hatte sie es nicht. Eher alles andere als das. Ich musste also richtig in die Eisen gehen, um dem Tier nicht die Laterne des Lebens auszublasen.

Doch was machte die Katze? Sie guckte mich nur einmal kurz aus großen Augen an, geradezu vorwurfsvoll, und ging dann ganz gemütlich weiter, um sich schließlich am Straßenrand hinzusetzen und in aller Ruhe zu putzen. Mein Corsa hatte sie natürlich nicht erfasst, nicht einmal leicht touchiert, ich meine, nur die großartige Zusammenarbeit meines rechten Fußes mit dem ABS-System meines Wagens hat hier wirklich Schlimmstes verhindert.

Und ich schwöre, das Biest war völlig unversehrt, als ich wieder Gas gab und weiterrauschte.

Kerngesund und so weiter.

Was für ein abgebrühtes Arschloch, dachte ich noch schnell, weil ich gerade Zeit zum Denken hatte, spielt blöde Spiele und erschreckt integre Verkehrsteilnehmer, die es eilig haben und einfach nur nach Hause wollen. Aus Dummheit, Boshaftigkeit oder aus Langeweile. Wahrscheinlich schlechte Kindheit gehabt und so weiter. Und Glück, du bescheuerte Arschkrampenkatze, dachte ich weiter, dass ich so ein vorausschauender Autofahrer bin und nicht etwa einer dieser rasenden Jungostfriesen, die dann, wenn der Tag zur Neige geht, meist schon oder gar immer noch einen im Tee haben, deshalb einen mittelschweren Ausfall ihrer kompletten Feinmotorik erleiden und schließlich alles plätten, was sich nicht mehr rechtzeitig vom Asphalt retten kann. 

Alte Menschen etwa. 

Oder eben Katzen.

Tja, wer solche Spielchen spielt, der riskiert auf Dauer sein Leben. Am nächsten Morgen lag das sehr wahrscheinlich selbe Tier tot am Straßenrand. Nur etwa zwanzig Meter vom Ort unserer ersten Begegnung entfernt. Ruhe in Frieden, dachte ich aufrichtig und mit einer Träne im Auge. Und: selber Schuld, du hohle Nuss. Ich meine, die arme Kreatur hat doch wohl nicht wirklich an die sieben Leben geglaubt, die viele Menschen Katzen ganz allgemein zuschreiben. Falls es diese sieben Leben tatsächlich geben sollte, dann doch bestimmt nicht für so eine unterbelichtete Katze aus dem einfachen Volk, oder?


Auf dem ersten Bild in diesem Beitrag seht ihr eine der zwei Beobachtungshütten in den Hauener Pütten (für Nichtvogelgucker: das ist bei Greetsiel):


one of two cabins for birders at so called Hauener Pütten, where I found three young and freshly flegded Wrens. I caught them and released them outside

Ich öffnete am frühen Morgen die Tür und war überrascht, dass sie sich überhaupt öffnen ließ.

Denn im Herbst und Winter war das über einen längeren Zeitraum nicht der Fall gewesen oder nur unter Androhung von roher Gewalt. Im Innern war es recht finster und stickig, sodass ich rasch eine der zahlreichen Beobachtungsluken öffnete. Dann noch eine, weil Dunkelheit und Sauerstoffarmut mich grundsätzlich ängstigen.  

Zu meinen Füßen huschte etwas weg. Ich dachte an eine Maus, doch es war ein Zaunkönig, der da schleunigst und etwas unbeholfen das Weite suchte. Genauer: Es war ein Jungvogel, der sein Nest wahrscheinlich erst vor kurzer Zeit verlassen hatte. Ich fing den Piepmatz ein, um ihn nach draußen zu setzen. Dann enterte ich die Hütte ein zweites Mal und fand doch glatt einen weiteren jungen Zaunkönig! Oh, dachte ich, hier ist jetzt aber mal so richtig was los. Und tatsächlich entdeckte ich schließlich auch noch einen dritten Vogel, den ich ebenfalls kaltherzig vor die Tür setzte. 

Alle drei Zaunkönige waren kerngesund. Doch ganz frei von Sorgen waren sie nicht, denn sie zogen an ihren Beinchen jeweils eine zentimeterlange Schleppe aus Spinnweben und Pflanzenmaterial hinter sich her, die ich vor ihrer Freilassung erst mühselig entfernen musste. Im Hintergrund wurden die Altvögel immer unruhiger. Ihre tickernden Warnrufe verstummten jedenfalls nicht auch nur für eine Sekunde. 

Nach getaner Arbeit konnte ich mich endlich in die Hütte setzen. Doch weil die Pflanzen vor den Luken mir die Sicht nahmen und sich draußen auf der Wasserfläche kaum ein paar Vogelseelen zeigten, kam nichts Zählbares dabei heraus. Also packte ich nach nur wenigen Minuten meine sieben Sachen und stand wieder auf.

Ich hatte mich bereits beachtlich vom Tatort entfernt, als mein Hirn sich plötzlich meldete. Wie eigentlich können die Altvögel ihren Nachwuchs erfolgreich durchbringen, wenn doch alle Sehschlitze geschlossen sind, fragte ich mich. Die können doch nicht darauf warten, dass sich da alle paar Stunden mal ein Beobachter verirrt und ihnen Zugang zum Innern und somit zu ihren Jungen verschafft. Es muss also, so schlussfolgerte ich analytisch, eine weitere Öffnung geben, eine, die einem vielleicht nicht sofort ins Auge springt.

Komisch, mir war nichts aufgefallen.

Auf dem Absatz machte ich kehrt. Das leckere Käsebrötchen, auf das ich mich schon so sehr gefreut hatte, musste also noch warten.

Einer der Zaunkönige nach seiner Freilassung:

so sweet

Rasch nutzte er seine Chance, um im Dickicht abzutauchen. 

Ein Schild im Innern der Hütte:


sign says: please close all observation slits, when leaving. Question to myself: How could the Wrens feed their offspring, if there was no access to the cabin?

Das verlassene Zaunkönig-Nest, errichtet knapp unterhalb des Daches:

the abandoned nest. Note the small hole in the wall right of it ;-)

Ich hatte es natürlich schon bei meinem ersten Hüttenbesuch entdeckt.

Doch jetzt bemerkte ich auch das kleine Loch in der Wand, in dem sich in diesem Augenblick auch ein alter Zaunköig zeigte, mit Futter im Schnabel! 

"Deine Blagen sind schon draußen", flüsterte ich dem Vogel schmunzelnd zu, und er verschwand wieder.

Ich weiß nicht, warum man diese Löcher – es sind vier oder fünf an der Zahl – in die Wand gebohrt hat. Und warum hat man sie mit diesen Metallverstrebungen versehen? Rauchschwalben, die gerne in Beobachtungshütten an Gewässern brüten, passen jedenfalls nicht hindurch. Nur der kleine und findige Federkobold, der süße Zaukönig, kann so ins Innere einer solchen Hütte gelangen. 

Ja, ich hatte die Situation an diesem Morgen falsch eingeschätzt und geglaubt, dass es für die jungen Zaunkönige ohne meine Unterstützung kein Entkommen aus der verschlossenen Hütte geben würde. Doch früher oder später wäre es ihnen ganz bestimmt gelungen, ins Freie zu gelangen. Die aufmerksamen Eltern hätten dem Nachwuchs den Weg gezeigt. Doch mit dieser verfilzten Schleppe an den Beinen hätten die drei Kinder wohl keine große Überlebenschance gehabt. Die Gefahr, sich im dichten Gestrüpp zu verfangen und schließlich jämmerlich zu verhungern, wäre sehr groß gewesen. Und deshalb war es am Ende doch gut und richtig, die Kleinen zu fangen und nach einer OP an die frische Luft zu setzen.

Ich will mich jetzt hier nicht selbst feiern, aber wahrscheinlich bin ich ein Held. Wenigstens für die jungen Zaukönige, auch wenn die die brenzlige Situation, aus der ich sie befreien konnte, wohl erst in ein paar Monaten realistisch werden einschätzen können.

Falls sie bis dahin nicht alles vergessen haben sollten.

Abschließend noch ein Bild von der Hütte, diesmal mit dem Tele vom Deich aus geschossen:

same cabin from a different angle with Spoonbills in da background

Was gab es noch?

Die Kleientnahmestelle in Manslagt ist inzwischen fast komplett ausgetrocknet.

Vögel wird man dort jedenfalls bald vergebens suchen. Also fuhr ich vor ein paar Tagen erstmals nach einigen Monaten wieder nach Hauen, um die dortigen Pütten zu besuchen. Normalerweise meide ich diesen Ort wie der Teufel das Weihwasser, weil da immer so viele Menschen rumrennen, die mich permanent Sinnfreies fragen. Der berühmte Pilsumer Leuchtturm ist schließlich nicht weit. Und der damit verbundene Massenterrorrismus kann einem schon gehörig auf die Nüsse gehen, wenn man auf Ruhe und Natur aus ist.

Außerdem ist in den Hauener Pütten meist der Wasserstand zu hoch, sodass sich kleinere und kurzbeinigere Limikolen ihre Nahrung woanders suchen müssen. Doch jetzt, nach vielen heißen Wochen ohne Regen, erwartete ich bessere Bedingungen. Und ich wurde nicht enttäuscht. So viele verschiedene Limi-Arten hatte ich an diesem Ort seit Jahren nicht gesehen!

Vor allem die vielen Sichelstrandläufer waren für mich ein echter Hingucker, zumal es jetzt noch ausschließlich Altvögel sind, die sich zu einem großen Teil noch im Prachtkleid befinden. Weil aber die Distanz zu den Vögeln von der Hütte an der Straße aus sehr groß ist, kann ich leider nur mit Lebensraumbildern aufwarten.

Hier fiel gerade ein Trupp dieser arktischen Art auf einer Schlammfläche ein: 

many Curlew Sandpipers showed up these days at Hauener Pütten

Zu sehen sind auch einige Uferschepfen, von denen mindestens zwei auch Farbringe trugen, die ich aber nicht ablesen konnte.

Solche Vögel stammen aber meist aus den Niederlanden.

Neben drei Temminckstrandläufern (keine Bilder) zeigten sich auch drei Zwergstrandläufer vor der Hütte (die drei Winzlinge links auf der Insel):




three Little Stints with one Common Sandpiper, two Yellow Wagtails and several Curlew Sandpipers

Zurzeit halten sich auch besonders viele Kampfläufer auf den Schlammflächen auf:

currently many Ruffs are present

Auch ein Grünschenkel ist auf dem obigen Bild zu sehen.

Wer ihn findet, darf ihn nicht behalten.

Hier sieht man ihn auch:

Und natürlich konnte ich viele Säbelschnäbler beobachten.

Diese Gruppe habe ich vor Sonnenaufgang geknipst:


pretty Avocets

Diese ebenso und darüber hinaus bei der gemeinsamen Jagd nach Kleintieren:

foraging

Unter den etwa 100 Säbelschnäblern befand sich auch ein farbig markierter, dessen Ring- und Flaggenkombination ich aber wegen der großen Distanz nicht ablesen konnte.

Wenn ich ehrlich sein soll, konnte ich nicht einmal die Farben erkennen, weil man sie eher unglücklich ausgewählt hatte!


Viele Menschen meinen ja, Vogelzug sei eine Sache von Frühjahr und Herbst. Doch das stimmt so nicht ganz. Grundsätzlich findet in allen Monaten Zuggeschehen statt. Es ist nur eine Frage der Vogelart und manchmal auch der Witterung. Für einige Limikolen-Arten ist der Juli sogar einer der besten Monate, weil bereits in diesem Monat vor allem die Altvögel ihre nordischen Brutgebiete verlassen und bei uns auftauchen und hier zum Teil auch länger rasten.

Das ist z. B., wie schon oben angedeutet, beim Sichelstrandläufer der Fall.

In den Monaten August und September folgt dann der Nachwuchs, der den Weg ins Winterquartier ohne elterliche Hilfe findet.

Die hier gezeigten und erst vor wenigen Tagen geschossenen Bilder von den Limikolen könnte ich so schon jetzt nicht mehr wiederholen. Das Wasser weicht immer weiter von der Beobachtungshütte zurück und mit ihm auch die Vögel. Da die Temperaturen in den kommenden Tagen weiter ansteigen sollen, wird man dem Wasser in den Hauener Pütten weiterhin beim Verdunsten zusehen können. Und für den Fall, dass es sich hier um eine längerfristige Sache handeln sollte, steht sogar zu befürchten, dass die Gewässer im Schatten des Pilsumer Leuchtturms (erstmalig?) komplett trockenfallen könnten.

Weil ich in den letzten Tagen (wieder einmal) nur Bilder machen konnte, die eher Landschaften als Vögel zeigen, gibt es jetzt drei aus dem September 2013 und somit aus dem Archiv. Ich hatte sie seinerzeit an einem noch jungen Gewässer im Wybelsumer Polder geschossen. Längst hat sich auf den Schlammbänken dort aber das böse Schilf breitgemacht. Bilder von Limikolen kann man in dem Gebiet jedenfalls schon seit Jahren nicht mehr machen.

Ein Dunkler Wasserläufer macht den Auftakt:



Spotted Redshank

Derselbe im morgendlichen Sonnenlicht:

same

Es folgt ein Grünschenkel:





Greenshank

Jetzt noch schnell eine Bekassine:

Common Snipe (last four images taken from the archives)

Zum Abschluss des Beitrages kann ich noch stolz ein SW-Bild präsentieren:


Hauener Pütten on early morning

Der Bodennebel deutet es an.

Diese Graugänse knipste ich am ganz frühen Morgen.