wilde perspektiven

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Donnerstag, 1. Dezember 2011

Feldherpetologische Beobachtungen in Ilica (Prov. Antalya/Türkei) im April 2011*

So in etwa sieht es aus, wenn ein besonderes Tier vom Hügel bei Ilica (von mir liebevoll Mount Ilica getauft) zur Küste schaut. Im Bild sind zwei monumentale Hotels zu sehen, die in Side-Kumköy die Landschaft verschandeln. Die Entfernung zum Aussichtspunkt beträgt etwa vier bis fünf Kilometer. Um welches Tier es sich handelt, sei aber noch nicht verraten... 






Für zwölf Tage war ich in der Türkei. Netto waren es eigentlich nur zehn volle Tage, weil ich mitten in der Nacht ankam und am letzten Tag kein Auto mehr hatte. Untergebracht war ich diesmal in Side-Gündogdu, wo es ziemlich trostlos war, sodass ich dort nur geschlafen und sogar auf mein All-inclusive verzichtet habe, denn von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang war ich im Outback, vorzugsweise auf dem Mt. Ilica. Das Wetter war wechselhaft, für meine Beobachtungen aber wie gemacht. Kühl war es im Schatten, und an manchen Tagen gab es Gewitter. Ich bin mir sicher, dass ich vor allem auch Dank dieser Bedingungen brauchbare Erfolge erzielen konnte. Insgesamt konnte ich 26 Amphibien- und Reptilienarten nachweisen, darunter allein acht Schlangenarten, von denen ich wiederum sieben auch fotografieren konnte. Nur die (leider einzige) Wurmschlange glitt mir durch die Finger, ohne dass ich das mitbekam!

Gleich am ersten Tag fand ich zwölf Jochnattern auf dem Berg, bis auf eine Ausnahme alles Jungtiere aus dem letzten Jahr (alle Bilder, sofern nicht anders angegeben, enstanden in Ilica): 




Allerdings eben auch ein Alttier, das aber noch Reste des Jugendkleides trug und etwa 130 Zentimeter maß:



Ich fand es unter einer Spanplatte. Noch ein Bild desselben Individuums:

So viele Individuen konnte ich nie wieder an einem Tag finden.

Am zweiten Tag dann die erste Schlanknatter: 





Am vierten Tag gab es dann die zweite größere Überraschung, als ich am frühen Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, einen flachen Stein wendete, unter dem sich eine "Schlanknatter" sowie ein Streifenskink versteckten. Weil ich die Schlanknatter bereits fotografiert hatte, wollte ich den Skink fangen, doch der entkam. Ich nahm den vermeintlichen Trostpreis in die Hand und staunte, als ich ihn von der Seite besah, nicht schlecht. Es war eine Masken-Schlanknatter:



Innerhalb der nächsten zehn Minuten fand ich vier weitere, aber danach, auch an den folgenden Tagen, keine einzige mehr!


Ich habe sie aber nicht alle fotografiert. Beide Arten waren stärker mit Milben bestückt, und möglicherweise beide Arten waren die einzigen Schlangen, die ich wirklich aktiv bei Ortswechseln beobachten konnte. Bis zum Fund der ersten Masken-Schlanknatter hatte ich solche Feststellungen leichtfertig der Schlanknatter zugeordnet, aber jetzt muss ich sie als unbestimmt einordnen, weil ich auf die entscheidenden Merkmale nicht geachtet hatte und sie sicher auch nicht erkannt hätte angesichts der Schnelligkeit beider Arten.

Der Frühling an der so genannten Türkischen Riviera ist ein echter Traum, die starken Regenfälle trugen nicht unwesentlich dazu bei. Viele temporäre Gewässer zogen Amphibien magisch an, und gegen Abend wurde es nicht nur in den Diskotheken laut: 


Europäischer Laubfrosch, Wechselkröte und Seefrosch waren massenhaft am Werk, Seefrösche hörte man sogar aus Straßengullis rufen, und selbst in schnell fließenden Bächen fanden sie ein Zuhause, wo sie sich mit der Balz beschäftigten.

Diese Erdkröte aber hatte die hektische Zeit des Jahres wohl schon hinter sich. Ich fand sie am Stadtrand von Incekum in einem Pinienwald: 




Aber auch die Pflanzenwelt kam keineswegs zu kurz: 

Vielleicht einfach Klatschmohn. Und Hornklee:


Dann der anspruchslose und allgegenwärtige Affodill:

Irgend so ein Lippenblüter:

Ein Adonisröschen?



Und hier die Zistrose, eine Charakterpflanze des heißen Südens: 

Das Zerknitterte am frühen Morgen hat etwas Menschliches!

Incekum suchte ich zweimal auf, um der Levanteotter mal wieder eine Chance zu geben. Doch auch diesmal Fehlanzeige! Aber nur in dieser speziellen Hinsicht, denn nicht nur die Erdkröte sorgte dafür, dass meine Fahrt dorthin nicht umsonst war, entdeckte ich doch an einem steinigen Hang in Türkler (östlich von Incekum), direkt am Küstenhighway, die erste Europäische Katzennatter meines Lebens: 



Auch sie fand ich unter einem Stein.

Daneben konnte ich dort ein trächtiges und längsgestreiftes Weibchen von Oertzens Eidechse ablichten:  




Doch zurück zum "Mount Ilica", der wie ein Monolith aus der leicht welligen Landschaft ragt. Er war wie eine Fundgrube, und wenn ich glaubte, dort bereits alles gesehen zu haben, gab es eine neue Überraschung. So suchte ich die Ringelnatter immer wieder verzweifelt und vergeblich am Fluss, der westlich am Berg vorbei fließt und ebenfalls Ilica heißt, aber letztendlich fand ich sie auf dem Berg, unter einem Brett, direkt neben drei Ruinen: 

Es sollte die einzige dieser Reise bleiben. Machte aber nix, denn es gab immer etwas zu tun. Man konnte sich den gängigeren Arten widmen, die ich im vergangenen Herbst nicht hatte finden können. Zum Beispiel dem Streifenskink, der sehr häufig meinen Weg kreuzte: 

 
Oder der Johannisechse (die im Raum Ilica lebenden Tiere gehören allerdings inzwischen einer anderen Art an: Budaks Natternaugen-Skink), von der ich insgesamt nur neunzehn Individuen finden konnte: 



Und wenn mal keine Herps zu sehen waren, gab es noch andere Kandidaten, die aufs Bild wollten.

Zum Beispiel Taranteln:
 
Die Weibchen legen ihre Wohnröhren sowohl in trockenem als auch in feuchtem Grund an und sonnen sich im Eingangsbereich. Überhaupt fallen sie nur deshalb auf, weil sie blitzartig in der Tiefe verschwinden, wenn man sich ihnen nichts ahnend nähert.

Und Skorpione (diese dunkle Art fand ich nie in Ilica, dafür aber vier Ind. bei Incekum): 




Wanderheuschrecke?
 
Jedenfalls sind sie sehr groß und recht laut beim Auffliegen (wie ein Fasan), und nicht selten haben sie mich erschreckt. Ich sie aber wohl auch, denn sonst wären sie wohl nicht aufgeflogen...

Eine Langfühlerschrecke: 

 
Eine weitere (wohl Saga spec-Nymphe): 



Und auch Orchideen gab es: 



Die beiden letzten Fotos zeigen Orchis punctulata, die anderen kann ich nicht bestimmen.

Auch nicht diese Ragwurz:

Doch irgendwann will man auch mal wieder was Schuppiges fotografieren. 

Wo Wasser plätschert, ist sie meistens nicht weit, aber auch auf dem Berg, an trockenen Standorten und so ganz ohne Wasser, ist die Pamphylische Smaragdeidechse meistens vertreten. In der Regel ist sie sehr scheu und man bemerkt sie erst, wenn sie ins Gestrüpp poltert. Viel Zeit habe ich damit verbracht, ein Foto von ihr zu bekommen, aber es wollte einfach nicht gelingen, bis ich dieses Männchen fand:
  
Es hatte sein Revier direkt an einer stärker befahrenen Straße, war also an Autos gewöhnt, und deshalb fotografierte ich es auch entsprechend aus dem Auto heraus. Dies war das einzige Foto, das ich mit meiner dreihunderter Linse gamacht habe (Vögel kamen viel zu kurz!).

Hier ein weiteres Männchen: 


Ich bog um eine Straßenecke, als ich diese Katze auf dem Asphalt sah, die sich an etwas ranpierschte. Ich ahnte Böses, doch die Katze schaute nur kurz zu mir herüber, ließ sich aber nicht wirklich ablenken. Sie startete durch, und um die Eidechse war es leider geschehen. Es war ein wenig so, als wollte die Katze mir zeigen, wie man Eidechsen fängt. Nur den Schwanz hat der Stubentiger gegessen, den Rest einfach ignoriert. Ich gehe doch auch nicht auf die Weide, töte eine Kuh, um dann nur ein einsames Steak daraus zu machen.

Ausschließlich unter flachen Steinen fand ich die Türkische Netzwühle (insgesamt dreizehn Ind.): 

Ebenso den Europäischen Halbfinger: 

Den Walzenskink:

Und auch das Chamäleon blieb mir diesmal nicht verwehrt, wenn ich mir auch eine Begegnung mit ihm immer anders vorgestellt hatte: 

Wo ich auch hinkam, das Europäische Schlangenauge war schon da: 

Hier das Portrait eines weiteren Männchens:

Gegen Ende meiner Reise konnte der "Mount Ilica" zwei weitere Male mit Überraschungen aufwarten, die ich so nicht mehr erwartet hatte. Am drittletzten Tag fand ich doch auch noch die Eidechsennatter auf dem Berg:

Und weil diese ein leicht getrübtes Auge hatte, gab es noch eine weitere:

Die Vielfalt an unterschiedlichen Biotoptypen auf engstem Raum macht den "Mount Ilica" so wunderbar. An den Hängen gibt es Legesteinmauern, Olivenhaine, Gras-Stauden-Fluren mit mal dichterem, mal lückigerem Gebüsch, das hauptsächlich aus Zistrose, Stechginster und ganz besonders aus Kermeseiche bestand. Es pikste wirklich überall, vor allem, wenn man nie lange Hosen trägt:

Und so sieht der Berg (wenigstens der nördliche Teil) aus nordwestlicher Richtung aus: 

Der Urlaub war also wieder ganz toll. Und auch die Menschen (also die Einheimischen), waren sehr freundlich, wenn man mal von wenigen Ausnahmen absieht, aber das wäre jetzt eine andere Geschichte. Stellvertretend für den sympathischen Teil der Bevölkerung sei hier dieser "Rotzlöffel" vorgestellt, der mich in Ilica mit fünfzig überholt hat, breit grinsend und ohne Helm. Zur Strafe musste er vor meiner Kamera posieren: 

Immerhin, die Füße reichen bis auf den Boden...

Andere Einwohner:
  
  
Letzterer erinnerte mich immer an meine platte Heimat!

Das war es auch schon, wenn da nicht noch das Tierchen mit der tollen Aussicht wäre. Ich entdeckte es gleich am ersten Tag, doch danach sollte mir kein einziger Fund mehr gelingen, wenigstens nicht auf diesem Berg. 

Täterätä, es ist... 

...die Kleinasiatische Bergotter!

Ein Portrait:

Und so sieht sie schließlich von oben aus:

Es war ein winziges Jungötterchen. Und dann geht man doch davon aus, dass es dort oben, unterhalb der Kuppe, wo es blockhaldig ist, noch mindestens je ein adultes Weibchen und Männchen geben sollte, aber ich fand nix mehr, obwohl ich es tausendmal versucht habe, bei jedem Wetter, zu jeder Tageszeit!

Nur ein weiterer Fund sollte mir gelingen. Ebenfalls ein Jungtier, das sich auf einem bereits etwas höheren Berg tiefer im Landesinneren zwischen dichten Brombeerranken sonnte. Meine Kamera hatte ich nicht dabei, und so verzichtete ich auf ein Bild. Aber so sah es dort aus (habe es an einem anderen Tag fotografiert):


Hier wuchsen bereits tiefe Pinienwälder, und es war sehr steinig. Insgesamt also gute Voraussetzungen für diese Art.

Am vorletzten Tag, bevor ich mein Auto wieder abgeben musste, suchte ich den Berg wieder einmal bereits zur so genannten Blauen Stunde auf. Ein letzter und vor allem wehmütiger Blick in die Weite, hinüber zu den beeindruckenden Gipfeln des Taurus. Man fährt immer ungern zurück, weil das nicht zuletzt auch bedeutet, dass man wieder arbeiten muss.


Eigentlich handelt es sich hier um eine olle Kamelle aus Frankreich, aber Frau Erener hat sie zeitgemäß aufgepeppt; hier also der passende Sommerhit zum Bericht! 

* Dies ist die leicht modifizierte Variante meines Türkei-Reiseberichtes, der bereits auf Herpetofauna.at erschienen ist. Das schlechte Wetter hier lässt mir keine andere Wahl!