wilde perspektiven

wilde perspektiven

Montag, 2. Juli 2012

Neuntöter

Wie bereits im letzten Beitrag angekündigt, handelt es sich bei dem dort gezeigten Neuntöter um ein ganz besonderes Exemplar, denn es ist das Weibchen des ersten jemals in Emden nachgewiesenen Brutpaares!

Doch bevor ich ausführlicher darüber berichte, zuvor noch ein paar Zeilen zum heutigen Samstag, denn er war wegen der Fotos, die ich vom weiblichen Neuntöter machen konnte, ein schöner Tag, aber leider auch ein fragwürdiger, denn zum ersten Mal seit tausend Jahren musste ich Gartenarbeiten durchführen (ich denke, ich werde meinen Mietvertrag noch einmal intensiv studieren müssen)! 

Einige der Pflanzen, die ich auszupfen musste, konnte ich sogar beim Namen nennen, zum Beispiel den Löwenzahn. Doch wie bitte soll ich ihm klarmachen, dass mein Motto "zu Gast bei Freunden" lautet, wenn ich ihn anschließend aus den Fugen der Gehwegplatten zerre. Ich dachte noch so, du hast eine lange Pfahlwurzel, du Löwenzahn, eine fette noch dazu, und vielleicht passt sie nicht einmal durch den engen Spalt, in dem du dich niedergelassen hast, aber das wird dich nicht retten, wird ganz bestimmt nichts bringen - und zack, raus war er. Ein wenig Leid tat er mir schon, aber Pflicht ist nun einmal Pflicht ;-)

Besonders in Deutschland muss alles seine Ordnung haben...;-)



Das war das erste Foto des Tages. Zwar war die Sonne gerade aufgegangen, doch eine dichte Wolkenschicht ließ ihr keine Sicht auf den Vogel. Entsprechend farblos und blass wirkt das Ganze, aber ich mag es so.

Warum sind die toten Zweige des Holunders eigentlich grundsätzlich mit Flechten überzogen?

Das Weibchen ist inzwischen störungsresistent, lässt sich ganz zwanglos ablichten, während das Männchen sich noch nicht vor meinem Tarnzelt hat blicken lassen. In Aurich war das vor zwei Jahren genau umgekehrt.

Später, so gegen sieben Uhr, wurde das Licht etwas wärmer, ohne dass die Sonne eine faire Chance bekam:

Die Art überwintert im südlichen Afrika, und während der Vogel vor mir auf dem Zweig stand, sinnierte ich darüber, dass er bald wieder Gnus und Löwen sehen wird, vielleicht sogar eine großartige Schwarze Mamba (beneidenswert)!

Als eine der letzten Arten kehrt der Neuntöter aus dem Winterquartier zurück nach Mitteleuropa, oft erst Ende Mai, manchmal sogar erst Anfang Juni, um dann im August/September bereits wieder abzuhauen. 

Im Frühjahr, noch vor der Ankunft der Neuntöter, hatte ich eigentlich geplant, ihn in Aurich zu fotografieren, wo er in den Mooren und zum Teil sogar Sandgruben nach wie vor ein erfreulich steter Brutvogel ist, doch irgendwie ist mir immer etwas dazwischen gekommen, und jetzt, am vorletzten Donnerstag, hatte ich das große Glück, das erste Emder Paar dieser interessanten Vogelart in Wybelsum zu finden, ohne es allerdings gesucht zu haben. Im Brutvogelatlas Stadt Emden (Autor: Klaus Rettig) taucht der Neuntöter weder bei den aktuellen noch bei den ehemaligen Brutvögeln der Stadt auf. Letzteres erstaunte mich, doch Klaus Rettig bestätigte das bisherige Fehlen dieser Art in Emden telefonisch.

Was gibt's da unten zu sehen?

Schauen wir doch mal nach:

Such die geilen Mehlwürmer:

Der Hals wurd immer länger!

Noch ein Bild vom Samstagabend:

Tja, leider wollte das Männchen nicht so recht. Dabei hätte ich es gern fotografiert, allein schon der Vollständigkeit halber und weil es so unglaublich hübsch ist, weil die Farbkombination so stimmig und der Neuntöter der bunteste Würger Europas ist und gleich mit fünf Farben aufwarten kann!

Deshalb gibt es hier jetzt den Lebensraum der Vögel, die in einem Brombeergebüsch gebrütet haben und mindestens seit letztem Samstag ihre Brut füttern, aufgenommen gestern Abend in Wybelsum kurz vor Sonnenuntergang:

Bevor ich das hier posten werde, räume ich dem Kerl bis Sonntagabend noch eine Chance ein, und deshalb zeige ich wieder einmal ein paar Wildblümchen, die den undankbaren Job des Pausenclowns erledigen sollen.

Ackerkratzdistel:

Es ist wie bei den Menschen: Einer verspürt immer den unwiderstehlichen Drang, aus der Masse herauszuragen.

Hier ein gelb blühendes Doldengewächs, wahrscheinlich Pastinak, dessen zerriebene Blätter sehr angenehm duften (erinnerte mich an den Geruch des Diptam, wenn auch nicht so zitronig):

Ein ganzes Heer von Blattläusen saugt da am Stängel, doch die Pflanze stört das nicht.

Weithin leuchteten mir die folgenden Blüten dieser Malve auf einer Kuhweide an der Knock entgegen, die  ich leider nicht bis auf Artniveau bestimmen kann (meine Pflanzenbücher haben ihre Grenzen, ich leider auch):

Inzwischen vermute ich, dass es sich hier um die Moschus-Malve handelt.

Am Samstagabend trauten sich im Wybelsumer Polder auch wieder die Rehe auf die Freiflächen:



Am Sonntagmorgen startete ich erneut einen Versuch, endlich auch das Neuntöter-Männchen zu bekommen. Das hier kam dabei heraus:

Eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang stand das Weibchen heute erstmals vor meinem Tarnzelt (1/25 Sekunde, ISO 1000). Bei dieser Verschlusszeit ist es ein kleines Wunder, dass das Foto scharf ist.

Etwa eine Dreiviertelstunde später kaum eine Veränderung:

Allerdings lag die Verschlusszeit inzwischen bei 1/80 Sekunde, bei einer ISO-Geschwindigkeit von nur noch 250, sodass das Bildrauschen im Vergleich zum obigen Bild nicht mehr erkennbar ist.

Das Männchen zierte sich abermals, und ich fuhr zur Knock, wo ein Austernfischer am Infostand im Schatten des Radarturms auf seinem Gelege saß:

Positiver Nebeneffekt: Der brütende Vogel genießt dort den Schutz eines Daches, muss sich also nicht nass regnen lassen.

Südlich des Emsstrandes blüht zurzeit das Schmalblättrige Weidenröschen in großen Gruppen:

Ein hübscher Anblick, der im Detail so ausschaut:

Und obwohl ich bereits so gegen sechs Uhr unterwegs war, tauchte doch tatsächlich schon der erste Hund auf:

Sieht ein bisschen windhundig aus und hatte noch einen Kollegen dabei (und einen Menschen als Aufsichtsperson).

Am Sonntagabend dann für dieses Wochenende ein finaler Versuch, das Neuntöter-Männchen zu bekommen, doch ich will gleich vorwegnehmen, dass es wiederum nur für das Weibchen gereicht hat.

Es bleibt also spannend:

Hier schüttelt der Vogel sich durch, weil es zuvor einen kräftigen Schauer gegeben hatte:

Das Licht war nicht das beste, aber schließlich wurde es doch wieder deutlich heller:

Jetzt, da die Neuntöter bereits zur Gewohnheit geworden sind, stellt die Entdeckung eines anderen Tieres die Begegnung des Tages dar:

Dabei handelt es sich um den Echten Widderbock, der eigentlich sehr häufig sein soll, doch für mich ist das die allererste Begegnung mit diesem hübschen Käfer in meinem Leben gewesen.


Er krabbelte auf einem Stück Totholz herum. Gesehen und fotografiert habe ich diese geschützte Art im Wybelsumer Polder.

Heute ist Montag (21.58h), und ich habe doch glatt wieder die Neuntöter besucht.

Zunächst aber ein Bild vom Gemeinen Leinkraut (Wybelsumer Polder):

Während ich in meinem Versteck saß, warnte das Weibchen ausgiebig, wollte sich überhaupt nicht beruhigen, ruderte würgermäßig mit dem Schwanz und blickte in Richtung Nest, doch aus meiner unglücklichen Perspektive konnte ich die Ursache leider nicht sehen:

Doch es gab auch ruhigere Momente:

Auf diesem Bild ist sehr schön der "Zahn" im Oberschnabel erkennbar, wie auch Falken ihn haben.

Jau, und irgendwann war es dann so weit, der Würgerkerl gab sich endlich die Ehre:

Kein schönes Bild, weil es zu gelbstichig ist und wohl auch nicht brillant scharf, aber dafür kann ich endlich diesen Beitrag abschließen!

Erwähnenswert sind noch folgende Arten, die ich an allen Wochenendtagen sowie heute (also Montag) während meines Fotoshootings im Hintergrund hören konnte: Zwergtaucher (Balzrufe), Beutelmeise (mind. 2 Ind.) sowie Wasserralle.

Toll, oder?

Passend zum Montag:  I don't like Mondays!