wilde perspektiven

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Freitag, 9. November 2012

Höckerschwan mobil

Am Dienstag (06.11.2011) fuhr ich von der Arbeit aus ausnahmsweise über Emden-Marienwehr nach Hause. Ich hegte die Hoffnung, mal so eben im Vorbeifahren wenigstens ein einsames Bild machen zu können, befand ich mich doch inzwischen ein wenig auf Entzug, weil die letzten Tage nicht wirklich hell waren und keine Gelegenheit boten, die Kamera an ihre Leistungsgrenze zu führen. Ach ja, und auch die Arbeit stand mal wieder im Weg...

Von Hinte-Suurhusen aus düste ich also in Richtung Marienwehr. Ich passierte eine Brücke über einen dieser zahllosen Emder Kanäle, fuhr dann parallel zum Wasser und entdeckte schließlich zwei Höckerschwäne, die dort ihr Gefieder putzten. Eigentlich war ich schon an den Vögeln vorbei, aber mein Hirn schlug Alarm und signalisierte mir, dass einer der beiden eine Halsmanschette trug:



Mute Swan

Höckerschwäne mit Halsring hatte ich in der Vergangenheit schon oft gesehen, vor allem im Raum Osnabrück, wo ja auch die Initiatoren des Projektes residieren. Für Emden aber war es mein erster, und ich war natürlich neugierig auf die Herkunft des Vogels.

Volker Blüml (Osnabrück) konnte mir Genaueres über dieses Tier berichten (besten Dank dafür): 

Beringt wurde der Schwan "78CT" am 30.08.2005 in der Bedekaspeler Marsch/Gemeinde Südbrookmerland; der Beringungsort ist somit nur wenige Kilometer von Marienwehr entfernt. Am 11.02. und 02.04.2006 wurde er in den Loppersumer Meeden/Kreis Aurich beobachtet.

Vom 10.06. bis mindestens zum 17.09.2006 hielt sich dieser Vogel am Nord-Ostsee-Kanal/Kreis Rendsburg-Eckernförde und somit in Schleswig-Holstein auf, um dann im folgenden Januar ein einziges Mal nahe Groningen/NL abgelesen zu werden. 

Ich muss abkürzen, weil die Datenkolonne soeben beginnt, mein Auffassungsvermö-
gen zu überfordern ;-) Etwas schemenhaft lässt sich aber sagen, dass der Vogel auch die folgenden Sommer (2007 bis 2011) in Schleswig-Holstein verbracht hat, während er im Winter dem Anschein nach eine Vorliebe für die Provinz Groningen entwickelte. Sporadisch, wohl auf dem Weg vom einen in das andere Gebiet, hat es in den letzten Jahren auch mehrere Feststellungen in Ostfriesland gegeben.

Erstaunlich aber ist, dass die letzte Ablesung dieses Höckerschwanes vor meiner Beobachtung hier in Emden fast ein ganzes Jahr zurückliegt (10.09.2011 am Nord-Ostsee-Kanal)!

Derselbe Vogel, fotografiert am gestrigen Donnerstag (08.11.2012):


Und hier ist auch mal das Weibchen (hinten) dabei:

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass man es vor Beginn dieses seit vielen Jahren andauernden Beringungsprojektes kaum für möglich hielt, dass auch derartig zahme "Stadtschwäne" größere Distanzen zurücklegen. Im Gegensatz zu Stahl- oder Aluminiumringen, die an den Füßen der Vögel befestigt werden und somit kaum ablesbar sind, lassen sich die Codes auf den Halsmanschetten auch aus sehr großer Entfernung mittels Spektiv exakt identifizieren. Im Falle dieses Tieres aber kamen meine Augen auch ohne vergrößernde Optik aus. Ein Kinderspiel!

Auf den kürzlich in Emden-Petkum erlegten Damhirsch möchte ich an dieser Stelle nur kurz eingehen (Allgemeines zur Jagd ganz unten). Das Tier, das seinem Verhalten nach alles andere als wild und sehr wahrscheinlich aus einem Gehege ausgebüchst war, ist von Teilen der Emder Jägerschaft vor dem erlösenden Schuss in zahllosen Artikeln in ostfriesischen Tageszeitungen als eine nie gekannte Gefahr für die Öffentlichkeit dargestellt worden. Nun aber, der Hirsch ist ja jetzt Gott sei Dank tot, müssen wir uns hier in Emden keine Sorgen mehr machen, können wieder ganz fest schlafen, sogar die Wohnung verlassen, weil die einzigen staatlich anerkannten Naturschützer uns vor Schlimmerem bewahrt haben. Völlig uneigennützig noch dazu! Hier aber noch schnell ein Link zur Ostfriesen-Zeitung (besonders die Kommentare unterhalb des Artikels sind echt geil und vielleicht sogar repräsentativ, findet sich dort doch nur ein einziger Verfechter der Jagd): klick!

Wie stolz der Mann doch in die Kamera blickt. Trotzdem, Herr Hülsebus, ein sympathischeres Lächeln wäre schon schön gewesen. Sie sind in der Zeitung!

Ein weiteres Foto aus den dunklen Tagen dieser Woche zeigt eine für uns Menschen völlig ungefährliche Teichralle in Emden-Früchteburg:

Eurasian Moorhen

Ebenfalls an einem eher finsteren Tag begegnete ich großen Trupps der Wacholderdrossel.

Hier in Emden-Port Arthur/Transvaal (heißt echt so), unweit des VW-Werkes:





Und hier mal der Teil eines durchziehenden Trupps über dem Rysumer Nacken:

Fieldfare

Am vergangenen Wochenende gab es u.a. folgende Beobachtungen:

Grey Partridge

Ja, die Rebhühner waren auch mal wieder da. Diesmal standen sie völlig frei auf einer Rasenfläche direkt neben dem Restaurant Strandlust. Es war also keine Kunst, sie aus dem Auto heraus zu fotografieren, wenngleich diese Bilder (noch) nicht zufriedenstellend sind. Etwas mehr als ein Beleg sind sie aber allemal:

Schön wäre es, wenn diese in Emden sehr seltene Art nicht eines Tages auch noch zur Gefahr für die Allgemeinheit erklärt wird. Ich meine nämlich mal irgendwo gelesen zu haben, dass Rebhühner gefährliche Keime übertragen können, von Pest über Typhus, Pocken, Ebola, Malaria und Milzbrand bis zu Rinder- und Menschenwahn, wenn nicht sogar den Fuchsbandwurm ;-)

Die Kirche von Rysum überragt hier die alten Bäume des Dorfes:


Church tower of village Rysum

Etwas andere Perspektive:

Ein Blick über eine Weide, die im Sommerhalbjahr vom Feldschwirl genutzt wird:

Oh Vorsicht, eine Kuh:

Cattle

Diese Tiere müssen immer dann herhalten, wenn es sonst nicht so viel zu sehen gibt. Spaß macht es trotzdem!

Um mal etwas Farbe ins Spiel zu bringen, gibt's jetzt mal einen fruchtenden Spindelbaum (Pfaffenhütchen):

European Spindle

Und zwei Stare, die über mehrere Tage am Strand nach Nahrung suchten (immer nur diese beiden Vögel):

Common Starling

Und dann sah ich noch drei Sumpfohreulen, wovon ich eine (schlecht) belegen konnte:


Short-eared Owl

Zum Abschluss noch drei Bilder aus Uphusen. Zunächst zwei von Kiebitzen und Goldregenpfeifern:

Lapwing (left) and Golden Plover

Das Finale bestreitet heute die Blässgans, die dem Anschein nach keine Angst vor großen Tieren hat:

Greater White-fronted Goose and Rook (in flight)

Und das alles kann man hier im schönen Ostfriesland sehen!

Wie weiter oben versprochen, gibt es hier noch ein paar tolle Zitate zur Jagd von großartigen Menschen der Zeitgeschichte (die Meinung von Lothar Matthäus zu diesem sensiblen Thema ist übrigens nicht überliefert):


Platz 1 (Theodor Heuss): "Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit."

Platz 2 (Prof. Dr. Josef Reicholf): "Die richtige Wilddichte könnte sich ganz von selbst einstellen, wenn das Reh nicht durch übermäßige Scheuheit, durch starke Bejagung und Wildfütterung in den Wald hineingedrängt würde."

Platz 3 (Mahatma Gandhi): "Die Größe und den Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt."

Platz 4 (Edgar Kellermann): "Jagd ist etwas für jene Menschen, die keinen Respekt vor und keine Bewunderung für die Natur empfinden können."

Platz 5 (Leo Tolstoi): "Vom Tiermord zum Menschenmord ist nur ein Schritt und damit auch von der Tierquälerei zur Menschenquälerei."

Platz 6 (Helmut Schmidt): "Ich schieße weder auf Tiere noch auf Menschen. [...] ich habe zuviel Krieg hinter mir."

Platz 7 (Friedrich der Große): "Der Jäger steht noch unter dem Metzger."

Platz 8 (Bruno Bassano): "Das Ziel der Jäger ist, die Zahl ihrer Opfer konstant hoch zu halten. Die Umwelt würde sich selbst optimal erhalten mit einem inneren Regelungsmechanismus, ohne dass der Mensch schießt. Ich sehe für die Jagd wirklich keine andere Funktion, als dass es ein Vergnügen ist. Die Jagd dient nur den Jägern."

Platz 9 (Brigitte Bardot): "Jäger sind Menschen, denen niemand ausreden kann, dass es für einen Rehbock kein größeres Vergnügen gibt, als von einer Kugel getroffen zu werden."

Platz 10 (Alexander von Humboldt): "Wo ein Jäger lebt, können zehn Hirten leben, hundert Ackerbauern und tausend Gärtner. Grausamkeit gegen Tiere kann weder bei wahrer Bildung noch wahrer Gelehrsamkeit bestehen. Sie ist eines der kennzeichnendsten Laster eines niederen und unedlen Volkes."

Die Reihenfolge der Zitate ist eher willkürlich, denn eigentlich gefallen sie mir ausnahmslos!

Außer Konkurrenz nun das Zitat von Bruno Hespeler (Jagdjournalist und Berufsjäger), der immerhin so etwas wie Ehrlichkeit in die Waagschale werfen kann: "Nein, wir jagen, weil es uns Freude macht, und was wir Hege nennen, ist blanker Eigennutz, gelegentlich Fressneid. Wir wollen den Habicht nicht fangen, weil uns die armen Fasanen leid tun, weil wir ihnen das ewige Leben wünschen. Wir wollen Habicht, Wiesel, Fuchs und Co. nur ans Leder, weil wir deren Beuteanteile selbst schlagen und kröpfen wollen."

Nicht vorenthalten möchte ich, dass das Gros der wenigen Befürworter der Jagd den Reihen der so genannten christlichen Parteien (CDU, CSU)  entstammt. Christian Wulff (traurig, aber so einen hat die Stadt Osnabrück leider auch hervorgebracht) ist in dieser Hinsicht auch am Start, aber der hat Gott sei Dank nix mehr zu melden.

Hier sein kompetentes Wort zur Sache: "Die Behauptung, z.B. Fallenjagd, Treibjagd oder Baujagd sei eine besonders grausame Jagdart, ist unrichtig. Die fachgerecht ausgeübten Jagden berücksichtigen Tierschutzerfordernisse in durchaus angemessenem Maße... Die intensive Ausbildung der Jäger in sämtlichen Jagdarten gewährleistet im übrigen die Einhaltung von Artenschutz-, Tierschutz- und Sicherheitsbelangen."

Wie, bitte schön, können Tierschutzerfordernisse mit dem Töten von Tieren in Einklang stehen? Unglaublich und unverschämt!