wilde perspektiven

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Freitag, 10. Mai 2013

Wendehals und Weiteres*

Gestern (9. Mai) hatte ich mal richtiges Glück, denn auf dem Rysumer Nacken, unweit des Schöpfwerkes des Knockster Tiefs, begegnete ich einem Wendehals:





Wryneck

Ich befuhr in meiner Ahnungslosigkeit einen Schotterweg, und von diesem Weg flog der Vogel auf, um auf einem Zaunpfosten zu landen. Gefiederdetails konnte ich mit bloßem Auge nicht erkennen, nahm also das Fernglas zur Hand - und freute mich dezent. Das Radio drehte ich aus, das Fenster schon einmal herunter, und die Einstellungen der Kamera änderte ich auch noch ganz schnell, um sie dem dunklen und von mir so ungeliebten Fettwiesengrün des Hintergrunds anzupassen.

Dann fuhr ich langsam los. Etwa zehn Meter lagen zwischen dem Wendehals und mir. Zehn Meter, die es deutlich zu verringern galt, weil ich ja nur in Besitz einer 300er-Linse bin. Als ich bis auf fünf herangekommen war und der Vogel zu meinem großen Erstaunen stehen blieb, schoss ich schnell die ersten Belegbilder bei laufendem Motor. Doch standen da noch einige Halme im Weg; mindestens ein weiterer Meter musste zurückgelegt werden, um völlig freie Sicht auf das attraktive Tier zu bekommen. Ich nahm also wieder das Lenkrad in die Hand und konnte es nicht fassen, aber der Wendehals zeigte noch immer keine Regung, putzte sich sogar kurz. Abermals schoss ich Fotos bei laufendem Motor, den ich daraufhin abschaltete. Wenige Minuten später und nach weiteren Bildern flog der Vogel wieder auf den Boden, wo er im Halmgewirr verschwand.

Die Sonne war zunächst sehr grell (15.30h), das Licht somit eigentlich noch nicht fototauglich, wie das kommende Bild illustriert:


Doch gnädigerweise änderte eine große Wolke das, indem sie sich vor die Sonne schob (das ganz oben gezeigte Foto entstand auch unter diesen Bedingungen):

Der Wendehals verspeist nahezu ausschließlich Ameisen. In Ostfriesland ist er, wie wohl in weiten Teilen Niedersachsens, kein Brutvogel. Wendehälse, denen man hier begegnet, stammen aus Skandinavien, wohin auch dieser Vogel auf dem Weg sein dürfte, nachdem er seine Überwinterung in Afrika erfolgreich absolviert hat.

Im Schnitt habe ich hier seit meinem Umzug nach Ostfriesland vor vier Jahren eine Wendehals-Feststellung pro Jahr geschafft. Zum Vergleich: In gut vierzig Jahren Landkreis Osnabrück kam ich nur auf insgesamt vier Vögel, dazu gab es einen weiteren in der Tinner Dose (Kreis Emsland)! Wohnte ich auf einer Insel wie Helgoland, wären es deutlich mehr. Und weil Begegnungen mit diesem so hübsch kryptisch gezeichneten Vogel eher die Ausnahme sind, ist er bei Vogelbeobachtern heiß begehrt, übrigens ähnlich wie Ziegenmelker, Waldschnepfe oder Zwergohreule.

Ein Auschnitt:

Doch auch in Deutschland gibt es noch brütende Wendehälse, wenngleich er als ein Freund extensiv oder besser gar nicht bewirtschafteter Landschaften in den vergangenen Jahrzehnten drastisch im Bestand zurückgegangen ist. Ich selbst sah und hörte ihn in alten Weinbergen an der beschaulichen Nahe, wo er zusammen mit Pirol, Zippammer und Nachtigall um die Wette sang.

Bereits etwa eine Woche zuvor (3. Mai) hatte ich einen Wendehals am Mönkeweg in Emden-Wybelsum gefunden! Dieser Vogel, der sehr viel scheuer als der gestrige war, suchte Ameisen am Straßenrand, flog dann, als ich mich ihm unwissend näherte, in einen Busch:


Another specimen one week earlier

Ich war schon an ihm vorbei, hatte auch in diesem Fall keine Gefiederdetails erkennen können, doch mein Hirn schlug Alarm, sodass ich wendete und zurückfuhr, um  mir die Bestätigung zu holen. Überhaupt denke ich bei auffliegenden Wendehälsen zunächst immer an einen Singvogel, doch diese Art muss etwas Besonderes an sich haben, im Flugverhalten und so weiter, denn sonst wäre ich ja einfach weitergefahren. Der Vogel landete abermals am Straßenrand, um seine Nahrungssuche fortzusetzen. Da die Distanz zu ihm recht groß blieb, reichte es aber nur zu ein paar Belegaufnahmen.

Tja, manchmal bekommt man im Leben eben doch noch eine zweite Chance, wenngleich ich sie in diesem Fall etwas vermasselt habe, denn versehentlich habe ich die Bilder des zweiten Vogels mit Blende zehn geknipst. Da ich eigentlich ausschließlich mit offener Blende fotografiere - auch bei Makroaufnahmen blende ich nur selten ab -, muss ich beim schnellen Herausnehmen der Kamera aus dem Fotorucksack an das bescheuerte Rädchen gekommen sein. Ärgerlich, dass ich im Eifer des Gefechts nie auf die Einstellungen achte! In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, dass ich manchmal, wenn es das mangelnde Licht erfordert, bei der ISO einen deutlich höheren Wert als hundert anwählen muss (immer genau so viel, dass ich gerade eine Hundertstelsekunde erreiche), aber dann vergesse, sie bei gutem Licht wieder zurückzustellen. Viel besser wäre es doch, wenn die Kamera nach einer bestimmten und vor allem ungenutzten Zeit wieder auf die Favoriteneinstellungen zurückspränge. Oder gibt es das schon?

Egal, man kann die Zeit nicht zurückdrehen, und weil den meisten Menschen lediglich Gottlieb Wendehals bekannt sein dürfte, hoffe ich wenigstens, dass dieser Beitrag das ein wenig ändert.


In der vergangenen Woche fuhr ich stets durch die Wiesen am Kleinen und Großen Meer zur Arbeit. Bei herrlichstem Wetter und Nebelschwaden über den weiten Flächen gelangen mir ein paar interessante Bilder.

Die einzigen Hügel in der platten ostfriesischen Landschaft sind zumeist ruhende oder schlafende Kühe:



Cattle

Hier schleppt sich eine morgensteif über die Weide:





























Ein Fasan stand da auf einem Pfosten und verschaffte sich so ausreichend Übersicht:







Common Pheasant

Ein Rehbock hingegen frühstückte unmittelbar am Straßenrand, doch als ich mich ihm näherte, lief er ein gutes Stück in die Weide hinein und versteckte sich!

Süchst du mi?

Roe Deer plays Hide and Seek with me

Irgendwann aber realisierte er, dass das sinnlos war, und trug in einem raschen Galopp seine von den Waidmännern so begehrte Trophäe davon:

Ich fuhr weiter und fand einen weiteren Kandidaten, der sich wie die oben gezeigten Kühe ins taunasse Gras gelegt hatte:

One more individual

Dieser Rehbock, der sich im Fellwechsel befand, stand dann auch auf, weil er mir nicht traute:

Ob er sein Revier markierte oder einfach so Pipi machte, vermag ich nicht zu beurteilen, aber es wollte nicht aufhören:

Vielleicht sollte man sich auch als Rehbock einfach nicht auf den kalten Boden legen, denn dann holt man sich unter Umständen eine Nierenbeckenentzündung, wie meine Mutter früher immer schon warnte.

Jedenfalls machte sich das Tier dann vom Acker und streckte mir noch schnell die Zunge heraus, weil er keinen Mittelfinger besaß:

Beim gestrigen (9. Mai) Besuch des Wybelsumer Polders konnte ich endlich auch den Neuntöter erstmals in diesem Jahr begrüßen. Hoffentlich wird er dort ein weiteres Mal zur Brut schreiten. 

Und auf vielen Weiden in ganz Ostfriesland sieht es im Moment so aus:

Northern Wheatear and Whinchat

Steinschmätzer und Braunkehlchen, die sich zurzeit auf ihrem Weg in die nordischen Brutgebiete befinden, rasteten gestern in größerer Zahl in Aurich-Tannenhausen (Foto) sowie auf dem Rysumer Nacken.

Und die Säbelschnäbler sind inzwischen auch wieder auf den Inseln der Kleientnahmestelle in Wybelsum zur Brut geschritten.

Hier ein Teil der Kolonie:

Pied Avocet colony

Ein finales Bild:


Um das Treiben am Emsstrand etwas kurzweiliger zu gestalten, wird dort demnächst ein Internet-Café eingerichtet werden. Tastaturen sowie Rechner fehlen noch, doch hat der Fluss bereits ganz zuverlässig den ersten Monitor angeliefert!

* Den Portugal-Reisebericht kann man ab sofort in der entsprechenden Rubrik am Ende der Seite finden.