wilde perspektiven

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Sonntag, 9. Juni 2013

Meeden und Moor

Um vier in der Früh aufzustehen, hat was von Masochismus. Und weil ich das in der vergangenen Woche bei dem endlich so schönen Wetter allmorgendlich so gehandhabt habe, bin ich wohl ein Masochist. Ich kann gar nicht beschreiben, wie unglaublich schön die Landschaft rund um Kleines und Großes Meer ist, wenn der Nebel nach einer kühlen Nacht und noch vor oder kurz nach Sonnenaufgang den Pinsel in die Hand genommen hat.

Doch seht selbst:

Meadows covered by fog on early morning

Der Schilfgürtel auf dem Bild ist der des Kleinen Meeres.

Das Wort Meeden bedeutet Wiesen, und dieser Ausdruck dürfte denselben Wortstamm haben wie das englische Meadow. Und das erinnert mich an das bescheuerte Sprachlabor in der Schule, dessen Sinn sich mir bis heute nicht erschließen will und das mich wirklich traumatisiert hat. 

"Frank, say mäddau!"

Scheiße, der Typ da vorne hat bemerkt, dass ich noch nicht ganz wach bin, denke ich so. Und zieh mal deine Hose richtig hoch, denke ich weiter, denn Herr W., unser seinerzeitiger Englischlehrer, ist der wahre Erfinder der Hüfthose, nur dass das damals eine ganz normale Wrangler war, die er trug.


Das fucking Sprachlabor hat bestimmt 'ne Menge Kohle gekostet, und ich kann mich an keinen Mitschüler erinnern, der es nicht zum Nachholen des Schlafes oder der Hausaufgaben genutzt hat. Rausgeschmissenes Geld also. Mich hat es jedenfalls nichts gelehrt, man hätte mir stattdessen auch einfach so eine Vier geben können. Überhaupt habe ich von dem, was ich in der Schule gelernt habe, kaum etwas jemals wieder gebraucht.

Liebe Frau Schavan, ich plädiere dafür, die Schulzeit aus Kostengründen auf vier Jahre zu begrenzen! Wenn man lesen und schreiben kann, vielleicht die Grundlagen der Mathematik beherrscht, Dreisatz und so weiter, dann kann man mit etwas Geschick im Leben bestehen. Aber selbst ohne diese Grundlagen hat man in Deutschland eine reelle Chance, heil durchzukommen und die sichere Rente zu erreichen.

"Wenn du nicht lesen und schreiben kannst, dann bekommst du später mal keinen Job!" drohen in ihrer Verzweiflung viele Erwachsene dem lernfaulen Kind, aber auch diese Aussage ist natürlich sinnfrei, denn dann wäre ja das halbe Land arbeitslos ;-)

Vier Jahre, danach kann man bis zum Übergang ins Arbeitsleben ein paar Jahre rumchillen, vielleicht die eine oder andere Reise machen, ein paar Fotos schießen, wirklich wichtige Dinge erlernen und sich ein wenig vom harten Schulstress erholen. Wissen, das ist meine Überzeugung, resultiert nämlich ausschließlich aus Interesse!

Oh, Moment, ich bin schon zu weit, zeigen die beiden letzten Bilder doch schon Wiesen bei Forlitz, wo es die Sonne doch schon etwa einen Meter über den Horizont geschafft hat. Der Stuss, den ich schreibe, hat mich ein wenig abgelenkt.

Zurückspulen:

Das ist noch in Marienwehr, und diesen Baum hatte ich schon einmal vorgestellt. Doch immer wieder muss ich dort halten, weil es so geil ausschaut. 

Zwei Tage später dann so:




Und ich hatte die ostfriesischen Großsäuger unterschlagen, die hier statt Gnu und Zebra durch die Gegend ziehen:

Ein Pferd mit Nachwuchs und schließlich die ostfriesischen Impalas:

So, jetzt weiter im Programm.

Hier ein Kanal bei Forlitz:

An diesem Kanal steht ein Aussichtsturm, den ich nutzte, um mir mal ein bisschen Übersicht zu verschaffen:

Das ist die Straße, die ich an jedem Morgen, zumindest dann, wenn das Wetter gut ist, zusammen mit meinem Corsa fahre. Sehr schön kann man erkennen, wie der blühende Wiesenkerbel Straße und Graben begleitet. Denn hier in Ostfriesland bedeutet Straßenrand automatisch auch Graben, mal flach, mal richtig tief. Man muss sich nicht nur bei Dunkelheit richtig konzentrieren beim Fahren!

Wie man erkennen kann, ist trotz dieses verfickten Frühjahrs die erste Mahd geschafft!

Bevor wir nun zum Großen Meer fahren, das ja hier unter dem Nebel lag, schnell noch ein Großer Brachvogel, der über seinem Revier balzt:

Eurasian Curlew

So sah es dort in den letzten Tagen aus:


Ein Graureiher kam vorbei:

Grey Heron

Ein weiterer, wahrscheinlich der "Kükenschlächter" von neulich. Klebt da nicht sogar noch Blut an der Schnabelbasis?


Austernfischer schauten sich die Bedekaspeler Promenade von oben an:

Eurasian Oystercatcher

Ein männlicher Kuckuck rief seinen Namen:

Common Cuckoo

Achtung, Farbe! 

Rhododendron im Garten eines dieser Ferienhäuser - eine lila Wand:

Ein Lippenblüter ebenda:

Eine weibliche Schnatterente:

Gadwall

Am Ende will ich nicht unkritisch sein, denn eigentlich ist die Landschaft gar nicht mehr so schön, wie ich es immer beschreibe! Die Wiesen sind trockengelegt und hoffnungslos überdüngt, und viele noch vor dreißig Jahren häufige Vogelarten wie Rotschenkel, Uferschnepfe und Großer Brachvogel haben die Gebiete um die Meere bis auf Restpopulationen längst verlassen. Die Landwirtschaft, so wie sie heute betrieben wird, ist nämlich kein Freund der Natur!

So weit, so gut!

Weil ich in Emden überall auf Jäger stoße und somit bald nirgends mehr hingehen und knipsen kann, besuchte ich am Freitagnachmittag sowie am Samstag (7. u. 8.06.2013) das Moor in Tannenhausen:

Common Cottongras

Fruchtendes Schmalblättriges Wollgras:

Im Volksmund spricht man gerne von Wollgrasblüte:

Ein paar Einzelpflanzen dieser hübschen Art:

Eine echte Überraschung stellte das Waldläusekraut dar:

Ein paar Jahre habe ich in Aurich gelebt, das Moor war mein täglicher Spaß zu dieser Zeit, doch irgendwie muss ich diese Planze immer übersehen haben! Sie wächst dort in großen Beständen entlang der Gleise der Torfbahn:

Oder so:

Pedicularis sylvatica

Die letzte Begegnung mit dieser seltenen Pflanze lag für mich bis zu diesem Zeitpunkt dreißig Jahre zurück! In einem Flachmoor in der Gemeinde Wallenhorst, das den Namen In den Rotten trug, gab es seinerzeit gute Bestände, doch hat der Bauer, dessen Kühe auf dieser Fläche weideten, das Ganze in einer Nacht- und Nebelaktion einfach umgebrochen und Mais eingesät! Bauer N. war es egal, dass dort u.a. drei Molcharten, Waldeidechse, Blindschleiche, Moor- und Grasfrosch vorkamen. Bauer N. interessierte sich nicht für Weiße Waldhyazinthe, Geflecktes Knabenkraut und Lungenenzian. Wahrscheinlich wird er bis zu seinem Tod nie von diesen tollen Tier- und Pflanzenarten gehört haben. Zeit seines Lebens kannte er nur Mais und Mercedes. 

Ich kann mich noch sehr gut an jenen Tag erinnern, als ich mich in freudiger Erwartung mit dem Fahrrad in die Barlage aufmachte, im Gebiet ankam und fast heulte! In meinen 45 Jahren habe ich vieles verschwinden sehen, doch diesen einen Augenblick werde ich ganz bestimmt niemals vergessen.

Königsfarn:

Osmunda regalis

Doch ich bin keineswegs nur wegen dieser beiden durchaus besonderen Pflanzen ins Moor gefahren, nach nur zwei Stunden Schlaf wohlgemerkt, ich hatte es auch auf die endlich massenhaft geschlüpften Großlibellen, Vierfleck und Moosjungfern, abgesehen. Ich suchte mir vor Sonnenaufgang einen Wolf, und erst als ich die Suche aufgegeben hatte, wurde ich doch noch fündig, weil ich einfach immer Glück habe ;-)

Die Nordische Moosjungfer mit schwerem Morgentau auf den Flügeln:


Female Ruby White Face

Ich hatte das Tier zunächst als Kleine Moosjungfer bestimmt, doch das Kriterium der roten Flügelmale gilt ausschließlich für männliche Tiere! Die großen gelben Flecken auf dem Abdomen dieser Libelle hingegen taugen sehr gut als Unterscheidungsmerkmal - also Leucorrhinia rubicunda.

Und den unkooperativen Vierfleck fand ich leider auch an diesem Morgen nicht.

Dafür aber diese weibliche Azurjungfer (eventuell Coenagrion puella):

Coenagrion spec.

Zuvor war noch ein Kuckuck über mich hinweggeflogen, rufend:

Common Cuckoo

Und hier noch schnell drei Pflanzenbilder, die eine fruchtende Weide zeigen:

Willow with fruit

Unglaublich angenehm duftenden Gagel:

Bog Myrtle

Sowie das Heer der Kuckuckslichtnelke auf einer Moorwiese:

Ragged Robin 

Und am Abend, nachdem ich kurz zuvor einen Wespenbussard entdeckt hatte, zeigte sich dann der Feind aller Großlibellen am azurblauen Himmel, der Baumfalke:

Eurasian Hobby

Eigentlich waren es zwei. Doch wie kommt dieser schnittige Vogel eigentlich zu seinem englischen Namen?

Egal, erwähnenswert ist vielleicht noch, dass ich durch diesen Besuch im Moor einen neuen Zeckenrekord aufgestellen konnte. Hier mal eine, manchmal auch zwei, das ist eigentlich in allen Jahren normal gewesen, aber diesmal waren es gleich zwölf! Und darunter waren auch adulte Tiere, nicht nur diese zwergenhaften Nymphen.

Heute, am Sonntag, dem 09.06.2013, ist es wieder mal kühl und bedeckt. Und wahrscheinlich fragt sich nicht nur diese in der warmen Sonne badende Amsel, wie es im aktuellen Sommer wettermäßig weitergehen wird:


Blackbird taking a sun bath (Foto: Sabine Baum)