wilde perspektiven

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Dienstag, 27. August 2013

Kleiner Fuchs ganz groß

In den vergangenen Jahren ist immer wieder das spärliche Auftreten eigentlich häufiger Falter-Arten in Norddeutschland und wohl auch anderswo beklagt worden. Der Kleine Fuchs bildete hier keine Ausnahme. Doch wenn man jetzt nach draußen geht, egal wohin, dann kann man es kaum glauben. 

Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Kleine Füchse gesehen wie in den letzten Tagen:

Small Tortoiseshell currently occurs in its second generation in unusually large numbers.

Auf dem Rysumer Nacken kann man dieser Art im Moment einfach nicht aus dem Weg gehen:



Ein weiteres Individuum:

Wenn die Schmetterlinge sich nicht gerade auf Nahrungssuche befinden, stehen sie zumeist auf Wegen oder an Böschungen, immer aber an Orten, wo ihnen der zurzeit stärker auffrischende Ostwind nichts anhaben kann:

Mehr als drei Individuen bekommt man leider nicht aufs Bild, weil die Tiere einen recht großen Individualabstand einhalten. 

Hier sind es immerhin noch zwei:

Auf diesem Bild kann man sehr schön erkennen, dass die Falter keineswegs alle identisch aussehen. Der rechte zum Beispiel hat eine unterbrochene weiße Terminalbinde, die dem linken Tier fehlt, das aber wiederum deutlich dunkler und kräftiger gefärbt ist.

Nochmal zwei Falter auf einmal:

Auch recht häufig, aber schon in deutlich geringerer Zahl als der Kleine Fuchs, fliegt der aus dem Süden stammende Distelfalter:

Painted Lady


Die jetzt fliegenden Tiere dürften die Nachkommen jener wenigen Falter sein, die bereits im Frühjahr aus dem Mittelmeerraum zu uns gekommen sind. Distelfalter sind nicht dazu in der Lage, den mitteleuropäischen Winter heil zu überstehen, starten also alljährlich ihren nordwärts gerichteten Flug von Nordafrika aus aufs Neue. 


Die nordafrikanischen Distelfalter überqueren das Mittelmeer, vermehren sich dort und sterben schließlich. Die Nachkommen überfliegen dann die Alpen und gelangen unter anderem bis nach Norddeutschland, wo sie dann für Nachwuchs sorgen, von dem ein Teil abermals aufbricht und dann sogar den Polarkreis oder gar Island erreicht. Möglich ist aber auch, dass bereits einzelne Tiere, die zum Beispiel in Südfrankreich das Licht dieser Welt erblickt haben, bis nach Skandinavien gelangen können. Auf jeden Fall ist der Distelfalter, neben dem verwandten Admiral, eine beeindruckende Kreatur, die es aufgrund ihrer herausragenden Flugleistungen bis zum echten Kosmopoliten gebracht hat.

Im Gegenlicht:

Zurück zum Kleinen Fuchs. Ein Erdwall auf der Baustelle des Gassco-Geländes wird allabendlich von der Sonne aufgewärmt. Die Falter wissen das zu schätzen und versammeln sich dort:

Oder sie tanken Wärme am windgeschützten Wegesrand:

Gesaugt wird an allem, was ein bisschen Nektar im Angebot hat. Horn- und Rotklee zum Beispiel:

Besonders aber der Wasserdost zieht hungrige Schmetterlinge geradezu magisch an:

In dieser Hinsicht ist die Pflanze ähnlich erfolgreich wie der bekannte Schmetterlingsflieder, den viele Leute in ihrem Garten ziehen:

So ein Getümmel an der Sektbar ist dann nicht ungewöhnlich:

Oder so:

Alle diese Bilder entstanden auf dem Rysumer Nacken. Auch gestern war ich dort, um mir einen weiteren Eindruck von diesem imposanten Naturphänomen zu verschaffen. Ich entdeckte einen recht frisch freigemähten Weg durch ein Schilfgebiet, an dessen Ende sich ein Jagdansitz befand. Während ich einem besonderen Kleinen Fuchs (s.u.)  auflauerte, hörte ich in meinem Rücken das Brummen eines Automotors. Ein Jäger hielt neben mir und grüßte freundlich:

"Naturschützer?"

"Naturbeobachter. Ich schütze nichts, genau wie Sie."

Der Waidmann schmunzelte und sagte dann: "Ich schieße jetzt Rehe. Mit Kugeln, nicht mit Schrot."

"Toll, ich bin beeindruckt."

"Wissen Sie, dass es hier Fuchsräude gibt? Ist ansteckend, auch auf Menschen übertragbar..."

"Schon klar. Sie haben übrigens den Falter, den ich gerade fotografieren wollte, mit ihrer geilen Geländekarre verscheucht. Er stand hier auf dem Boden, genau da, wo Sie jetzt stehen."

"Oh, das tut mir Leid. Ich kann ein Stück weiterfahren."

"Tun Sie das. Ich muss jetzt weiter und gehe in die andere Richtung. Tschüß!"

Er war wirklich freundlich, wollte mich auch ein bisschen auf die Schippe nehmen, was ich ihm nicht verübeln kann. Hauptsache, der Humor kommt nicht zu kurz, dachte ich so nebenbei. Ich ging weiter. Und nach etwa einem Kilometer tauchte am Horizont ein weiterer Geländewagen auf, der schließlich auf mich zugefahren kam. Hatte er nicht gesagt, dass er Rehe schießen will, fragte ich mich. Aber nein, es war dann ein weiterer Jäger, der ebenfalls auf meiner Höhe stehenblieb und mir einen freundlichen Gruß aussprach.

"Ist das hier heute Walpurgisnacht, oder warum sehe ich alle paar hundert Meter einen Waidmann?" fragte ich.

"Haben Sie etwa schon einen Kollegen von mir gesehen?"

Ich bejahte.

"Eigentlich sollten es aber drei sein, also so mit mir zusammen."

Ich habe bis jetzt nur zwei gesehen, dachte ich so.

"Einen habe ich gerade getroffen, der war auf dem Weg zu seinem Ansitz. Und er hat mir erzählt, dass es hier die Fuchsräude gibt, dass sie ansteckend sei, auch für uns Menschen."

Auch dieser Jäger zeigte sich freundlich und schmunzelte.

"Ich war neulich beim Zahnarzt. Und da kann man in all diesen tollen Blättern schmökern. Ausnahmsweise habe ich mich mal nicht für die BUNTE entschieden, obwohl die vielen tollen Bilder von den vielen tollen C-Promis durchaus verlockend waren. Nein, ich las in einer Ausgabe der Medical Tribune. Und er hat Recht, ihr Kollege, also so mit der Fuchsräude."

Der Jäger hob misstrauisch die Brauen.

"Wissen Sie, welche die ersten Symptome eines an Fuchsräude erkrankten Menschen sind?"

Der Jäger schüttelte den Kopf, merkte aber gleichzeitig, dass mein kleiner medizinischer Vortrag nicht ganz so ernst gemeint war.

"Das Erste, was man feststellen kann, ist ein erheblicher Empathieverlust. Ein Erkrankter geht in einen Klamottenladen, kleidet sich olivgrün ein, nimmt ein Schießgewehr zur Hand und knallt dann wehrlose Tiere ab. Eben wegen des Empathieverlustes, verstehen Sie. Er empfindet dann nichts dabei, es ist ihm egal. Und im letzten Absatz dieses Artikels stand dann, dass ein fuchsräudiger Mensch nur in diesem Augenblick, also kurz vor und nach dem Schuss, eine Erektion bekommen kann."

Der Jäger freute sich über meinen Humor und entgegnete abermals schmunzelnd, aber auch etwas wehmütig: "Aus dem Erektionsalter bin ich längst raus."

Ich hingegen wedelte mit meiner Kamera vor seiner Nase herum, sagte, es sei doch viel schöner, mit einem solchen Gerät auf die Jagd zu gehen, weil doch dann niemand zu Schaden komme. Ein geschossenes Tier sei dann eben tot und irgendwann auch vergessen, ein Bild aber könne man sich auch noch nach Jahren ansehen und sich dann daran erfreuen. Man erlebe den Augenblick dann ein weiteres Mal. Das sei doch was ganz Besonderes.

"Und wenn das schon nicht mehr klappt, also das mit der Erektion, dann sind doch bestimmt auch ihre Augen nicht mehr voll funktionstüchtig. Ich meine, wenn man nicht mehr richtig sehen kann, dann ist so eine Waffe doch erst richtig daneben. Als Verkehrsteilnehmer sollte man doch auch Wert darauf legen, noch alle Sinne beisammen zu haben. Legen Sie die Waffe doch einfach beiseite, schmeißen Sie sie in die Ems oder verbiegen Sie ihren Lauf."

Herr Rulfes, so der Name des zweiten Jägers (ich grüße Sie an dieser Stelle, Sie waren wirklich sympathisch), bekommt von mir elf von zwölf möglichen Punkten, weil er nicht nur freundlich war, sondern darüber hinaus auch noch mit einem gerüttelt Maß an Humor aufwarten konnte. Er wünschte mir zum Abschluss des lustigen Gespräches viel Erfolg auf meiner Pirsch, ich ihm allerdings nur alles Gute im Leben, so ganz allgemein, denn: "Viel Erfolg kann ich Ihnen nicht wünschen, das werden Sie verstehen. Ich mag Jagd nicht, nicht einmal ein bisschen. Sie ist sinnfrei. Und außerdem habe ich heute allen Füchsen und Böcken Bescheid gesagt, also dass sie heute besser in ihrem Versteck bleiben sollen und so weiter. Fahren Sie nach Hause. Wenn Sie sich beeilen, schaffen Sie es noch rechtzeitig bis zur Tagesschau. Ohne Eva Herman."

Ich mag die Jagd nicht, weil sie ein ganz armes Hobby, weil sie eben völlig sinnlos ist. All die Geschichten und Mythen, die um sie herum erzählt werden, beinhalten nicht einmal ein Körnchen Wahrheit. Jäger schießen den Fuchs, weil er ihnen den Hasen streitig macht, wenngleich ein ausgewachsener Hase einen Fuchs zwar sichernd im Auge behält, ihm aber ansonsten kaum Beachtung schenkt, weil er weiß, dass er der vermeintlichen Gefahr mit einem kleinen Zwischenspurt locker entkommen kann. Und ein Fuchs wird erst gar nicht versuchen, einen Hasen zu fangen, weil ihm klar ist, dass das verschwendete Energie bedeutete. Der Waidmann schießt also den Fuchs ohne Grund und am Ende den erwachsenen Hasen, ebenfalls völlig grundlos. Nur so als Beispiel, weil es hier ja heute um Füchse geht...

Trotzdem kann ich es trennen. Beide Jäger waren schlagfertig, humorvoll und endlich auch mal freundlich. Keine Spur von so einem Hilfspolizistengehabe. Sie kümmerten sich gar nicht erst darum, was ich dort im Outback so treibe, sie ließen mich einfach gewähren. Da kann sich ein bekannter Emder Jäger aus dem Osten der Stadt mal eine Scheibe von abschneiden. Täte ihm wirklich gut!

Und jetzt zum Abschluss der ganz besondere Kleine Fuchs:






Flying wreck - what is the cause of these extremely worn wings at this early stage of the second generation?

Was ist die Ursache für diesen extrem abgenutzten Zustand der Flügel? Man könnte meinen, der Falter stamme noch aus der Frühjahrsgeneration und somit aus dem Vorjahr, was natürlich kaum möglich ist. 


Vielleicht hat er auch einfach nur einen unsoliden Lebenswandel geführt. Alkohol? Koks? Gar Crack? Kommt wohl alles eher nicht infrage, aber dieses Exemplar zeigte sich immerhin als echter Schürzenjäger, der allen Artgenossen hinterherflog, und auch wenn die Schürze von einer Heidelibelle getragen wurde, war ihm das scheißegal. Hinterher!, lautete sein Motto. Es war entsprechend schwierig, passable Aufnahmen zu bekommen, denn immer wenn ich mich bis auf wenige Meter herangepirscht hatte, flog ein anderer Falter oder eben eine Libelle vorbei und dieses Wrack dann rasant hinterher. Der Flug selbst hatte wegen der arg gestutzten Flügel etwas Schwirrendes, erinnerte mich spontan an jenen des Sechsfleck-Widderchens.

Ein weiteres Bild soll den Vergleich mit einem normalen Individuum illustrieren:

Und noch einmal auf dem Weg, zu dem er immer wieder zurückkehrte, um integren Artgenossen aufzulauern:

Das absolut letzte Bild dieses Beitrags zeigt eindrucksvoll, dass der Sommer in Emden noch lange nicht vorbei ist:





























Still summer!