wilde perspektiven

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Dienstag, 3. September 2013

Postillon (zweiter Teil)

Der Falter des Jahres hier in Emden und wohl auch andernorts in Deutschland ist ganz bestimmt der Postillon oder Wandergelbling. Einen Einflug wie in diesem Jahr hat es wohl sehr lange nicht gegeben, wenn es ihn überhaupt schon einmal gegeben haben sollte. Die auffälligen Tiere kann man nach wie vor an vielen Ecken Emdens, vor allem aber in Deichnähe, bei ihren Nahrungs- und Suchflügen beobachten. Das starke Vorkommen in diesem Hochsommer sollte also als Grund ausreichen, dass ich gleich ein drittes Mal über diesen tollen Falter berichte.

Hier zwei Männchen auf einer Wiese bei Rysum, die von leckerem Rotklee dominiert wird:

Dark Clouded Yellow

Das nächste Bild zeigt die Fläche, die auf die Falter einen unglaublichen Eindruck gemacht haben muss, denn zeitweilig flogen hier satte achtzehn Individuen herum. Am selben Tag sah ich rund um das Gassco-Werk unglaubliche dreißig Tiere:



Habitat of Dark Clouded Yellow near Rysum

In Emden adult Dark Clouded Yellow favored in particular Red Clover's and Black Medic's nectar without ignoring many other flower species like e.g. Fall Dendelion.

Hier der Hopfenklee:

Black Medic

Die Blütenstände sind so winzig, dass ein landender Falter zusammen mit ihnen zu Boden sinkt, doch das scheint den Tieren nichts auszumachen, wohl weil der Nektar dieser Pflanze besonders lecker schmeckt.

Ein weiteres Individuum:



Und der allgemein bekannte Wiesen- oder Rotklee ist bei vielen Faltern ähnlich begehrt:

Red Clover

Hier eine Goldene Acht, eine von bisher erst zwei während dieses spektakulären Einfluges südlicher Colias-Arten :





Pale Clouded Yellow

Ein weiblicher Postillon auf derselben Wiese:

Female Dark Clouded Yellow...

Hier ein fliegendes Weibchen, das man vom Männchen vor allem an den hellen Markierungen in der schwarzen Randbinde der Vorderflügel unterscheiden kann. Übrigens auch bei stehenden Tieren, wenn man sie im Gegenlicht betrachtet (Bild oben):

... in flight

Zum Vergleich jetzt ein Männchen:

Male

Und im Stehen:

Derselbe Falter etwas größer:



Ein Weibchen bei der Eiablage in der Nähe des Gassco-Werkes:

Female lays eggs on tiny or even crippled individuals of Black Medic.

"Normale" Individuen des Hopfenklees wurden vom Falter grundsätzlich ignoriert. Abgelegt wurde ausschließlich an verkümmerten Pflänzchen, die sich auf dem Schotterweg befanden und dort den permanenten Fußtritten zahlloser Passanten ausgesetzt sind und somit wohl nie die Chance haben werden, zur Blüte zu gelangen. Zwischendurch wurde auch immer wieder gesaugt.

Jetzt kommen schöne Bilder von derselben Art aus Quakenbrück (Kreis Osnabrück), die mir mein lieber Kollege Friedel Zöpfgen dankenswerterweise zugeschickt hat.

Hier zum Beispiel ein anfliegender Wandergelbling (an der Blüte bereits eine Gammaeule, die ebenfalls aus dem Süden einfliegt):




Dark Clouded Yellow with Silver Y (this and the following five photographs: Friedel Zöpfgen/Quakenbrück)

Auf einer Wiese dort hielten sich tagelang etwa dreißig Postillone auf:




Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zum nah verwandten Orangeroten Heufalter, dessen Auftreten in Nordwestdeutschland sehr unwahrscheinlich ist, trotz allem aber immer wieder behauptet wird, sind, neben dem helleren Orange, die gelben Adern, die die schwarze Randbinde der Vorderflügel durchziehen. Beim Verwandten aus Osteuropa und Asien sind sie einfach schwarz gefärbt und stechen somit nicht hervor. Auf Friedels tollen Fotos, die ausnahmslos männliche Tiere zeigen, kann man sie sehr schön erkennen. Im Falle eines vorbeifliegenden Falters sind solch subtile Merkmale allerdings unbrauchbar.

Zwei Kerle auf einmal:

Und noch ein Grünaderweißling (früher Rapsweißling) als Sahnehäubchen dazu:

With Green-veined White (left)

Zurück nach Ostfriesland.

Man mag es kaum glauben, aber wo auch immer ich hinkam, der Wandergelbling war schon da. So unter vielen anderen Orten auch nahe Hauen an der Seeschleuse (Spitze Leyhörn), wo ich dieses Männchen beim Blütenbesuch an Orangerotem Habichtskraut fotografieren konnte:

Doch das Epizentrum des Einfluges hier um Emden ist und bleibt der Rysumer Nacken, wo ich auch dieses Männchen knipsen konnte, das sich seinen Schlafplatz am späten Nachmittag im Schilf gesucht hatte. Weil es sehr windig, beinahe stürmisch war, wischten die biegsamen Halme nur so durch den Sucher, doch für mindestens ein scharfes Bild reicht es eigentlich immer:





Und hier noch als Nachtrag vom 3.9. ein Männchen vom Rysumer Nacken, aufgenommen bei ganz schlechtem Licht und viel Wind:

Am vergangenen Dienstag (28.08.) dann gab es eine richtig fette Überraschung für mich. Ein weiteres Mal hing ich meinen kruden Gedanken nach, als ich aus meinem Wagen ausstieg und mich auf den Weg zur Hornklee-Fläche neben dem Gassco-Gelände machte. Schon auf größere Distanz sah ich einen älteren Mann mit Fahrrad, der mit dem Fernglas Schmetterlinge beobachtete.

Ich ahnte, wer das sein konnte, hob mein Glas und bekam die Bestätigung. Wenn hier in Emden von Naturbeobachtungen die Rede ist, fällt automatisch zuerst sein Name: Klaus Rettig! Seit meinem Umzug nach Ostfriesland war ich ihm bis zu diesem Tage erst ein einziges Mal begegnet. Im Rahmen eines Spazierganges mit meiner damaligen Freundin, die gleichzeitig auch die Vorbewohnerin meiner geilen Wohnung hier in Wolthusen ist und jetzt nur noch als meine Vermieterin fungiert, begegneten wir dem Naturkundler mit dem Fahrrad auf dem nahen Damm des Ems-Jade-Kanals.

"Komm, lass uns mal rausgehen. Rauchen können wir auch draußen", sagte ich zu Uta. "Vielleicht sehen wir ja mal Klaus Rettig."

"Spinner", war die knappe Antwort.

Wir hatten den Damm gerade erst betreten, als ich einen Mann auf dem Fahrrad aus größerer Distanz und aus Riepster Richtung auf uns zuradeln sah. Auch damals brachte mir der Blick durchs Fernglas (das ich immer dabei habe) die Bestätigung. Er war es wirklich!

"Da kommt Klaus Rettig!" meinte ich trocken.

"Ja, ja, komm..."

Doch schon wenig später musste Uta einsehen, dass ich grundsätzlich immer die Wahrheit sage.


Klaus Rettig beim Beobachten eines Postillons auf dem Rysumer Nacken:

Klaus Rettig is watching a male Dark Clouded Yellow.

Und im Gespräch mit mir:


Klaus Rettig, naturalist from Emden

Normalerweise haben Menschen auf dieser großartigen Seite nichts verloren, weil die Natur ohnehin immer zu kurz kommt und ich ihr hier liebevoll ein Forum eingerichtet habe, wo sie sich mal so richtig austoben kann, aber in diesem speziellen Fall habe ich keine Wahl: Ich muss diese eine Ausnahme machen, auch weil ich in den vergangenen zwanzig Jahren viel aus Klaus' selbst verlegten Heften eben über die Natur gelernt habe.

In diesem Zusammenhang ein kleines Beispiel: In einer Ausgabe vor vielen Jahren wurde über die aus Nordamerika eingeschleppte Rhododendronzikade berichtet, von der ich bis zu diesem Tage noch nie etwas gehört hatte. Spontan untersuchte ich die Rhododendronbüsche neben unserer Terasse in Wallenhorst (Kreis Osnabrück) und wurde innerhalb weniger Minuten fündig. Klasse!

Dass Klaus sich an diesem Tag dort neben dem Gassco-Gelände aufhielt, war allerdings so ganz zufällig nicht, denn ich hatte ihm am Telefon vom Vorkommen des Wandergelblings auf der Hornkleefläche berichtet und ihm empfohlen, sich mal auf den Weg dorthin zu begeben. Zusammen fanden wir dort schließlich drei hübsche Männchen.

Eines davon könnte das folgende sein, das ich am Vortag ebenda beim Bad in der Morgensonne fotografiert hatte: