wilde perspektiven

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Donnerstag, 5. September 2013

Kleine Kostbarkeiten

In Ostfriesland ist es sehr oft sehr windig. Wenn dann wider Erwarten an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mal Flaute herrscht, es zudem nachts aufklart und somit stärker abkühlt und sich schließlich auch noch schwerer Tau auf den Pflanzen niederlegt, dann sollte man auf keinen Fall zögern, die Nacht zu verkürzen. 

Also nahm ich meine Kamera und fuhr lange vor Sonnenaufgang von Emden-Blankenese zum Rysumer Nacken, um ganz kleine Tiere ganz groß herauszubringen. Ich denke, ich war in dieser Hinsicht erfolgreich, auch wenn mir leider einige Wunschkandidaten vorenthalten blieben.

Kurz vor Sonnenaufgang sah es dort so aus:

Habitat of...

Nur den gezeigten Weg bin ich entlanggegangen, habe rechts und links geschaut, und was meint ihr wohl, was man dort alles entdecken kann?

Seht selbst!

Zuerst stieß ich auf zwei Schwarze Heidelibellen, die auf die erlösende und Wärme spendende Sonne warteten:

...Black Darter

Ein anderes Tier, nur wenige Meter vom oben gezeigten entfernt, konnte ich im Profil ablichten:

Und auch von vorne:

Und ich fand noch eine dritte, die allerdings bereits tot war:

Four-spot Orb-weaver with Black Darter

Ins Netz einer Vierfleckkreuzspinne war sie wohl erst am Vorabend geraten, denn sie sah noch recht passabel aus.

Eine weitere, eher kleine Vierfleckkreuzspinne wartete hier im Zentrum ihres Netzes auf ein bereitwilliges Opfer:

another specimen

Und noch zwei, weil diese Art wirklich hübsch ist: 

Eine Gartenkreuzspinne tat es ihnen gleich.

Von unten sah sie so aus:

European Garden Spider

Von oben: 

Und eine weitere:

Eine letzte:

Ein Netz ohne Bewohner, der sich aber wahrscheinlich in seinem Versteck irgendwo am Schilfhalm befand:

Und Schilf so ganz ohne Netz:

Reed

Eine Schwebfliege:

Hoverfly spec.

Eine weitere:
 
Und wenn das alles bislang eher farblos daherkam, dann ändert sich das jetzt schlagartig:



Female Wasp Spider with eggsack

Diese weibliche Wespenspinne stand wohl etwas geschwächt über ihrem Kokon im taunassen Gras. Die ganze Nacht hatte sie emsig durchgearbeitet, um bei Tagesbeginn den letzten Faden durch irgendeine Öse zu ziehen.

Etwas andere Perspektive:

Nach diesem anstrengenden Job, der gleichzeitig nichts anderes als die Lebensaufgabe aller Wespenspinnen-Weibchen darstellt, wartet auf das Tier nur noch der Tod.

Ein weiteres Weibchen war sich dieser Konsequenz vielleicht bewusst und ließ sich einfach mehr Zeit, wollte unbedingt eine Zusatzschicht einlegen:

Aus den Eiern in den Kokons schlüpfen noch in diesem Herbst die Jungspinnen, die dann im ausgezeichnet isolierten Innern des Bauwerkes überwintern und im Frühjahr ins Freie krabbeln werden. An einem langen seidenen Faden hängend können die Winzlinge dann bei geeignetem Wetter viele Kilometer zurücklegen, wie mit einem Gleitschirm, um sich dann mit etwas Glück auf einer geeigneten Wiese niederzulassen. Besonders viele Wespenspinnen kann man auf jenen Flächen wie auf dem Rysumer Nacken finden, weil sie im Herbst nicht gemäht werden. Mahd zerstört die Kokons und somit den Nachwuchs. Und ohne Nachwuchs gibt es eben keine Wespenspinnen.

Andere Weibchen waren noch nicht so weit wie die oben gezeigten. Sie verbringen die letzten Sommertage bis zum Bau des Kokons ausschließlich damit, im Zentrum ihres Netzes geduldig auf Beutetiere zu warten. Wespenspinnen errichten ihre kleinen Kunstwerke grundsätzlich in Bodennähe, Grashüpfer stellen entsprechend ihre Hauptnahrung dar, auch wenn das auf dem folgenden Bild kaum noch zu erkennen ist:

...with Grashopper

Ein anderes Tier:

Auch die Unterseite dieser einst ausschließlich südeuropäischen Art ist sehr markant gezeichnet:





Ein weiteres Individuum:

Und eine "Mutante"! Zumindest schaut es so aus, als hätte diese Wespenspinne Haare auf dem Abdomen:








Das nächste Bild ist mir ein Rätsel, denn es zeigt eine weibliche Wespenspinne, die einer anderen weiblichen Wespenspinne zum Opfer gefallen ist. Entdeckt hatte ich das schon am Vortag, doch Bilder machte ich erst am frühen Morgen. Diese Art ist dafür bekannt, dass das Männchen nach der Paarung ganz gerne vom viel größeren Weibchen verspeist wird, so als erste wichtige Energiequelle für die nun heranreifenden Eier.

Doch wie gelangt ein Weibchen in das Netz eines anderen? Was, bitte schön, hatte es dort zu suchen? Ich jedenfalls hatte meine Finger im Gegensatz zu den später folgenden Bildern nicht im Spiel!

Hier also das Foto:


Female Wasp Spider with another female as prey - how can this happen?

Jetzt folgen Bilder, bei denen ich sehr wohl manipuliert habe, denn ein bisschen Handlung ist doch immer eine feine Sache:

...with Crane Fly (Tipula spec.)

Wer in ein solches Netz gerät, ist, sofern er sich nicht sofort wieder daraus befreien kann, hoffnungslos verloren:

Richtige Bahnen aus stabilen Fäden schießen aus den Spinndrüsen am Hinterleib des Weibchens hervor. Das Beutetier wird in wenigen Sekunden eingewickelt, und ich musste an Frischhaltefolie denken, während ich so meine Bilder schoss. 


Dieses Weibchen aber zeigte sich nach dem Eintüten wenig hungrig, kehrte wieder zu seinem Lieblingsplatz auf der Nabe zurück.

Neues Weibchen, neues Spiel:


Doch auch in diesem Fall handelte es sich offenbar um ein pappsattes Tier, das die Beute zunächst unangetastet ließ:

Es bezog einfach wieder seinen Wachposten:

Zum Abschluss noch ein letztes Weibchen:





Insgesamt ist so ein Leben als Wespenspinne zwar eher kurz, aber eben auch ziemlich entspannend. Man hängt so den ganzen Tag in der Matte herum, wartet darauf, dass das Futter ins Netz springt, und wenn das mal nicht passiert, ist das eigentlich auch egal, weil man als Wespenspinne ja geduldig ist und auch auf den nächsten oder gar übernächsten Tag warten kann. Okay, das Wetter ist nicht immer perfekt, oft regnet es, böiger Wind kann Schwindel verursachen, aber wenigstens muss man nicht arbeiten oder sich gar mit Kollegen abgeben, die vielleicht kein Rückgrat besitzen oder einfach nur jähzornig sind und zu allem Überfluss an 365 Tagen im Jahr schlechte Laune haben. Nur mit den Nachbarn sollte man gut auskommen und vielleicht nicht an jedem Abend die Musik so laut aufdrehen. Grundsätzlich aber ist man als Wespenspinne Artgenossen gegenüber sehr tolerant, wenn man mal das Weibchen da oben großzügig ignoriert.

Egal, ich ließ die hübschen Wespenspinnen Wespenspinnen sein und begab mich abermals auf die Suche.

Und ich fand das hier:

Spanish Slug in love...

Wenn zwei ausgewachsene Spanische Wegschnecken einander begegnen, kann es eigentlich immer zum Äußersten kommen, weil Schnecken grundsätzlich alles dabei haben, das komplette Paket, wenn man so will. Doch diesen beiden sagte ich so beim Knipsen, dass ein wenig Diskretion auch nicht schaden könne, dass man ja nicht gleich mitten auf dem Weg alles geben müsse. Und da ging vielleicht mal die Post ab!

Etwas später stieß ich auf die Blüten des Zottigen Weidenröschens:

Great Willowherb

Doch nach nur wenigen Aufnahmen beschlug plötzlich die Linse meines Objektives, weil sie sich inzwischen der niedrigen Umgebungstemperatur angepasst hatte:

Ich stellte die Kamera in die inzwischen aufgegangene Sonne...

...und nutzte die vermeintlich verlorene Zeit, indem ich mit meiner Knipse in der näheren Umgebung einige Landschaftsaufnahmen machte:

Und noch einmal:






Nachdem die Linse endlich wieder klare Sicht bekommen hatte, suchte ich erneut nach kleinen Krabbeltierchen, die von anderen Menschen eher wenig Beachtung bekommen, nicht selten sogar Ekel hervorrufen.

Ich fand eine Goldfliege:

































Green Bottle Fly

Auch dieses Tier ist wieder einmal keine Krötengoldfliege, die ich inzwischen aber auch mal gesehen habe. Krötengoldfliegen haben ein kürzeres Abdomen und sind eher goldgelbgrün gefärbt.

Die Larven der hier in Emden dem Anschein nach sehr häufigen Art aber kann man auf den folgenden Bildern lustig aus den Nüstern dieser Erdkröte herausschauen sehen:
































One further Common Toad infected with the larvae of the Toad Fly

Der baldige Tod ist diesem Tier gewiss:




Nahaufnahme:

Inzwischen habe ich auch drei diesjährige Erdkröten mit dem Wahnsinn im Hirn gefunden. Bislang hatte ich die Hoffnung gehegt, dass wenigstens sie von der Krötengoldfliege verschont würden, doch das war wohl ein Irrtum!

Bevor die Sonne auch in die letzten Ecken vorgedrungen war, konnte ich noch die sehr aromatisch duftende Wasserminze fotografieren:

Water Mint

Und dann noch ein Blümchen, mit dem ich ausnahmsweise mal nichts anzufangen weiß:

Mystery Flower

Doch schließlich gab es kaum noch schattige Plätze, die mir schöne Bilder ermöglichten.

Jetzt also welche mit Sonne, von denen der attraktive wie häufige Gewöhnliche Blutweiderich den Anfang machen soll:

Purple Loosestrife

Weitere Landschaftsaufnahmen:

Black Elder

Common Sea-Buckthorn

Der Sanddorn fruchtet in diesen Tagen bereits. Bei dieser Aufnahme befand ich mich schon auf dem Weg zum Strand, der auf dem folgenden Bild zu sehen ist:

Ein Kleiner Fuchs sonnte sich dort auf einem Halm des Strandhafers:

Small Tortoiseshell

Und wenn das Meer aus Strandastern blüht, ist der Sommer leider wieder so gut wie geschafft::


Sea Aster

Ich ging zurück und stieß auf die in den letzten Zügen liegenden Bestände des Schmalblättrigen Weidenröschens:

Rosebay Willowherb (am.: Fireweed)

Und hier stand ein junger Steinschmätzer auf den Blümchen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Weil ich unmittelbar vor dieser Aufnahme fast eine komplette Mineralwasserpulle mit sehr viel Kohlensäure in Ex geleert hatte und nach zwei Bildern richtig laut rülpsen musste (ich rülpse sehr gerne und oft), flog er davon:

Zum Abschluss dieses Beitrages möchte ich darauf hinweisen, dass man bereits unmittelbar nach dem Verlassen des Hauses auf Interessantes stoßen kann:

Wer hat denn da wohl den ganzen Sand aus den Fugen zwischen den Pflastersteinen ans Tageslicht gehievt?

Mellinus arvensis

Diese hübsche Grabwespe stellt für den Menschen keine Gefahr dar. Zwar hat sie durchaus einen Stachel, aber den setzt sie nur zum Beuteerwerb ein. Dem Anschein nach werden ausschließlich Fliegen von dieser Wespe dingfest gemacht (mehrere Schwebfliegen, eine Goldfliege mussten während meiner etwa viertelstündigen Beobachtung dran glauben). Die Tiere graben Erdbaue mit mehreren Kammern, in die sie dann jeweils ein Beutetier verfrachten, das wiederum mit jeweils einem Ei belegt wird. Die Larve ernährt sich dann von der zunächst noch lebenden, aber durch den Giftstich paralysierten Fliege.
































Dieses kecke Individuum, das da bereits Unmengen Sand aus den Fugen gefördert hatte, war sehr neugierig, flog immer wieder in meine Richtung und dann zurück zum Bau. Übrigens war es unglaublich schwer, auch nur ein halbwegs scharfes Bild von diesen Tieren zu bekommen, weil sie einfach nie stillhalten können, immer durch die Gegend wuseln.

Für die Bestimmung dieser in Mitteleuropa recht häufigen Grabwespenart geht mein Dank an Jürgen Peters (Borgholzhausen/Kreis Gütersloh)!

Diesen recht langen Beitrag soll heute ein wunderschönes Bild von Herald Ihnen aus Freepsum schließen, das im Vordergrund das Salz-Schlickgras zeigt. Diese invasive Pflanze hat bereits große Bereiche des deutschen Wattenmeers erobert und es wird ihr so allerhand Schlechtes nachgesagt. Doch woher stammt sie eigentlich? Aus Nordamerika?





Spartina anglica (Photo: Herald Ihnen/Freepsum)


All die hier vorgestellten Kreaturen kann man mit geschärftem Blick von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang im ostfriesischen Outback finden und sich dann an ihnen erfreuen.

Wenn man denn will...