wilde perspektiven

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Mittwoch, 11. September 2013

Raubseeschwalben besuchen Emden

Am 1.9. warf Klaus Rettig (Emden) eine maschinengeschriebene Notiz in meinen Briefkasten und berichtete darin von mindestens fünf Raubseeschwalben im NSG Petkumer Deichvorland, die sich dort bereits seit dem 27.8. aufhielten. Ich war mir in diesem Augenblick gar nicht sicher, ob ich diese Art überhaupt schon einmal in Deutschland gesehen hatte. Entsprechend machte ich mich auf den Weg in ein Gebiet im Osten der Stadt, das ich zuvor erst ein einziges Mal besucht hatte.

Schnell fand ich einen der Vögel, doch von den anderen vier gab es leider keine Spur. Am 3.9. waren es dann exakt fünf Vögel, doch aufgrund des gleißenden Gegenlichts war nicht an brauchbare Bilder zu denken. Zwei Tage später dann, am 5.9. und nach einem Telefonat mit Klaus, versuchte ich es erneut. Diesmal hatte ich mehr Glück, denn bei meiner Ankunft standen da tatsächlich sechs Raubseeschwalben mehr oder weniger zerstreut zwischen Graugänsen, Goldregenpfeifern und Krickenten in den Salzwiesen des Petkumer Deichvorlandes!

Ich will es aber gleich vorwegnehmen: Große Fotokunst konnte mir aufgrund der örtlichen Gegebenheiten (große Distanz, Gegenlicht) nicht gelingen, weshalb ich zunächst einmal zwei Bilder von der Raubseeschwalbe zeigen möchte, die ich im September 2011 in den USA machen konnte, übrigens zu einem vergleichbaren Zeitpunkt des Jahres.

Hier das erste (mit Königsseeschwalbe, links):

Caspian Tern (right, with  Royal Tern), Cherry Grove Beach, South Carolina, USA

Das nächste Bild zeigt den Unterschied zwischen zwei Altvögeln und einem diesjährigen Individuum (ganz links) im unmittelbaren Vergleich:

Plumage differences between adult (centre and right) and juvenile (left) Caspian Tern in comparison

So sehen also Raubseeschwalben aus!

Im Gegensatz zu den Vögeln in den USA ist es bei in Deuschland auftretenden Raubseeschwalben eher unmöglich, sich einfach an die Tiere heranzurobben. Sie würden einen auslachen und schon auf eine Distanz von mindestens hundert Metern davonfliegen. Und im Petkumer Deichvorland ist es darüber hinaus auch noch untersagt, weil es sich um ein Naturschutzgebiet handelt, in dem aber nichtsdestotrotz und wider besseres Wissen allwinterlich Gänse geschossen werden dürfen.

Deshalb gibt es jetzt die geilsten Belegaufnahmen, die ich jemals in meinem Leben gemacht habe. Mit meiner Knipse durchs Spektiv:



Record shot: 2 of in total 6 Caspian Terns, 9/5/2013, Emden

Beide scheinen adult zu sein, doch die Bildqualität lässt einen genauen Befund nicht zu.

Auf dem nächsten Foto aber ist die entsprechende Altersdiagnose möglich:

Record shot: adult (left) and juvenile Caspian Tern

Es war aber auch deshalb keine Kunst, weil der rechte Vogel den linken ständig lautstark fiepsend um Futter anbettelte.

Als ich ankam, machten sich sogleich zwei Vögel aus dem Staub in Richtung Binnenland. Ob sie alt oder jung waren, konnte ich leider nicht feststellen, doch von den verbliebenen Individuen waren drei adult und eines juvenil.

Gegen Abend dann flogen auch die restlichen Raubseeschwalben in Richtung Binnenland. Zwei konnte ich knipsen, eine im Gegenlicht, die andere mit der Sonne im Rücken:

Na ja, es sind halt eher Belegaufnahmen.

An keinem der drei Beobachtungstage konnte ich die Vögel morgens antreffen, was wahrscheinlich daran lag, dass sie sich auf Nahrungssuche befanden. Am 5.9. verließen die Raubseeschwalben zu unterschiedlichen Zeitpunkten das Gebiet in Richtung Binnenland, was mir zunächst wenig sinnvoll erschien. Doch merkte ich mir die Flugrichtung und stellte anschließend auf einer Karte fest, dass sich genau in dieser Richtung die ostfriesischen Meere (so nennt man hier die größeren Süßwasserseen) befinden, das Bansmeer nur wenige Kilometer entfernt. Ich vermute, dass sie dort die Nacht verbrachten oder einfach nur baden und trinken wollten.

Raubseeschwalben sind Kosmopoliten, die in Amerika ebenso brüten wie in Australien. Doch trotz des riesigen Areals tritt die Art eher regional auf und kann entsprechend über weite Strecken fehlen. In Europa findet man Kolonien der Raubseeschwalbe schwerpunktmäßig an der schwedischen und finnischen Ostseeküste. Weil der Wegzug dieser Vögel, Brutvögel Europas überwintern in Afrika, dem Anschein nach nicht südwestwärts gerichtet ist, tritt die Raubseeschwalbe in Deutschland vor allem in Mecklenburg-Vorpommern auf, in Westniedersachsen hingegen nur selten. Das Auftreten dieser Art im Herbst kann man sehr schön auf ornitho.de nachvollziehen, wo Beobachtungen zwar bundesweit gelingen, massiert aber eben vor allem an der Ostseeküste im Dunstkreis der Insel Rügen.

Ein Highlight waren diese beeindruckenden Vögel allemal, denn für mich war es nach einer Feststellung am Dümmersee vor ganz vielen Jahren erst die zweite Beobachtung in unserer geilen Republik! Deshalb möchte ich mich ganz lieb bei Klaus bedanken.

Ich wollte das Gebiet eigentlich verlassen und mich zu meinem Auto begeben, das da auf den wenigen Stellplätzen neben dem Hafenbecken stand, doch plötzlich hörte ich Schwalbengezwitscher, das aber von unten kam. Ich blieb auf einem aus mehreren Teilen bestehenden Rost stehen und sah durch die Gitter nach unten. Etwa 50 Rauchschwalben und wenige Mehlschwalben, so schätzte ich auf die Schnelle, befanden sich dort und waren, das fand ich ebenfalls schnell heraus, in eine Falle geraten, die niemand bewusst aufgestellt hatte.

Hier müssen sie bei sehr niedrigem Niedrigwasser eingeflogen sein:


60 Barn Swallows and 3 House Martins obviously took this way into their trap at unusually low low tide.

Die Abdeckung der Verbindung zwischen Hafenbecken und Kanal:

Durchs Rost geschaut:

Trapped birds

Der Wasserstand war in dem Becken zu hoch, es gab keinen Weg nach draußen. Ein Passant berichtete mir sogar, er habe die Vögel dort schon am Vortag gesehen, aber nichts unternommen, weil er glaubte, sie brüteten dort!

Glück im Unglück für die Schwalben war, dass es wenigstens Sitzgelegenheiten gab. Andernfalls wären sie wahrscheinlich allesamt erschöpft ins Wasser gefallen und jämmerlich ertrunken.

Die besten Plätze auf der Leiter, die aber leider nicht zum Erfolg führte, waren stets besetzt:

Sad looking Barn Swallow waiting patiently for help

Eine schnelle und unbürokratische Lösung musste her. Da die Abdeckung festgeschraubt war, so schien es zumindest auf den ersten Blick, lief ich rasch nach Petkum, um bei einem Fischer, den man mir genannt hatte, nach einem Dreizehner zu fragen, doch war der Mann nicht da und die Frau dort hatte angeblich keine Zeit, obwohl ich ihr das Problem geschildert hatte.

Ich lief zurück, fragte eine ältere Touristin aus Oberhausen, die auf die Fähre nach Ditzum wartete, ob sie den entsprechenden Schlüssel hätte. Und sie suchte sofort den ganzen Kofferaum ab, gab wirklich alles, aber fand letztendlich nur einen Zwölfer ;-( Nach genauerem Hinsehen erkannte ein sehr hilfbereiter Mann aus Emden (blaue Strickjacke), dass nicht alle Teile der Abdeckung festgeschraubt waren (kommt dieses Problem mit den Vögeln etwa häufiger vor?). 

Kurzerhand hoben wir ein schmales Teil an und legten ein Kantholz, das da so herumlag, darunter:


Interested and helpful people

Erst nach sage und schreibe drei Stunden verließ die letzte Schwalbe (rechts neben dem Rucksack) das finstere Gefängnis und konnte so endlich den herrlich sonnigen Tag genießen. Bei dieser Gelegenheit konnte ich schließlich auch die exakte Anzahl ermitteln. Es waren drei Mehlschwalben sowie 60 Rauchschwalben:



Last inmate on its way back into the blue sky

Das nächste Bild zeigt übrigens Rauchschwalben, die wohl noch nie in ein solches Verlies gesperrt worden sind, aufgenommen am Mahlbusen an der Knock nur wenige Tage später:

Lucky Barn Swallows on early morning 


Anderes Thema: Bereits am 4.9. entdeckte ich den dritten Wendehals des Jahres auf dem Rysumer Nacken:

Wryneck - my third record in 2013

Auf einem Feldweg suchte er nach Ameisen. Da er recht scheu war, wollten mir auch in diesem Fall keine herausragenden Bilder, wie man sie eigentlich von mir kennt, gelingen :-)


Und etwas größer:

Wie eine Maus huschte er dort auf dem Boden herum und verschwand immer wieder im hohen Gras am Wegesrand. Solche Momente nutzte ich dann, um mit meinem Wagen ganz vorsichtig ein paar Meter gutzumachen. Doch mehr als die obigen Fotos wollte einfach nicht dabei herausspringen.

Kaum zu glauben, aber am 9.9. folgte dann bereits der vierte Wendehals des Jahres, diesmal im Buschland hinter dem Emsstrand. Der Vogel flog vor mir aus dem hohen Gras auf und präsentierte sich mir dann in der klassischen Wendehals-Haltung. Er zeigte mir seinen Rücken und behielt mich über die Schulter blickend im Auge - eine ganze Weile völlig regungslos:

Another specimen five days later - my fourth record (until 2013 I've never seen more than one or two Wrynecks within a year)

Na, wo ist er wohl?

Sabine Baum aus Hinte schickte mir zum zweiten Mal ein Foto von kreisenden Seeadlern über ihrem Garten. Eigentlich waren es sogar drei Vögel, doch nur zwei davon konnte sie auf ein Bild bekommen, weil der Abstand zum dritten einfach zu groß war:

White-tailed Eagle (Photo: Sabine Baum/Hinte)

Man kann sehr gut erkennen, warum dieser imposante Vogel spaßeshalber gerne als fliegende Tür oder fliegendes Gerüstbrett bezeichnet wird.

Es folgt ein junger Star:

European Starling

Und zwei Rehe, denen Herald Ihnen im Morgennebel irgendwo in Ostfriesland begegnet ist:

European Roe Dear (Photo: Herald Ihnen/Freepsum)

Und jetzt gibt es zwei Bilder, die die Stimmung im Watt eindrucksvoll wiedergeben:


Wadden sea impressions (two Photos: Herald Ihnen)

Kein Moment gleicht dem anderen:



Den hübschen, aber auch sehr sauren Früchten des Sanddorns wird heute die Ehre zuteil, das letzte Wort des Beitrages auszusprechen:

Common Sea-buckthorn

Im nächsten Post folgen wirklich hübsche Bilder von einem Vogel, der in all den Jahren zuvor stets dazu neigte, hinter meinem Tarnzelt zu landen. Es lohnt sich also, diesen Kanal wieder einzuschalten!