wilde perspektiven

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Samstag, 28. September 2013

Vogelzug - besser als Weihnachten und Ostern zusammen

Zweimal im Jahr kommen Menschen wie ich in den Genuss, Vögel in besonders großer Zahl und Artenvielfalt beobachten zu können. Im Frühling, wenn sie sich auf dem Weg in die nordischen Brutgebiete befinden, und besonders jetzt im Herbst, wenn es für sie zurück in die Winterquartiere geht.

Emden ist in dieser Hinsicht wie Helgoland, nur eben ohne Seltenheiten. Die Küstenregion fungiert auf dem Zug für viele Vögel als Leitlinie, die Knock und der Rysumer Nacken, im äußersten Südwesten der Ostfriesischen Halbinsel gelegen, bieten entsprechend günstige Voraussetzungen, wenn man das spektakuläre Geschehen hautnah miterleben möchte.

Viele Kleinvögel ziehen nahezu ausschließlich im Schutze der Nacht. Am frühen Morgen kann man sie dann vom Himmel in die Gebüsche hineinfallen sehen. Mannigfaltige Rufe, wie jene klingelnden der Heckenbraunelle oder die piepsigen des Wiesenpiepers, wollen einfach nicht verstummen, und erst gegen Mittag wird es deutlich ruhiger.

Eine ziemlich isoliert stehende Hecke, die sich nordwestlich des Mahlbusens des Knockster Tiefs sowie von Nordost nach Südwest über eine Länge von etwa einem Kilometer erstreckt und beinahe unmittelbar an der Ems endet, bietet zurzeit besonders günstige Voraussetzungen. Und weil man nie weiß, was zwischen Sonnenunter- und Sonnenaufgang reingeflattert kommt, ist das Ganze mindestens so "spannend wie die erste Nacht mit einer neuen Frau!" (Zitat von Bundesligatrainer Ralf Rangnick nach seinem Wechsel vor vielen Jahren von Schalke nach Hannover und auf die Frage eines Reporters, wie er sich im neuen Club fühle)

Vor ein paar Tagen zum Beispiel fotografierte ich dort einen Grauschnäpper:

Spotted Flycatcher

Anwesend waren an diesem Tag sogar gleich drei Individuen, wenngleich ich nur zwei von ihnen auf ein Bild bekommen konnte:

Grauschnäpper aber sind jetzt wohl größtenteils durch. Dafür kommen andere Arten gerade erst an, wie zum Beispiel das Rotkehlchen:

European Robin

Ein anderer Vogel ohne Blattwerk im Vordergrund:

Auch ohne Angst und ohne Flügelbinde:

Der Ort des Geschehens:

Because of its exposed position at the shore of the Ems-estuary and the absence of further shrubberies and woods this hedge offers shelter to many passerines on migration.

Neben Rotkehlchen und Grauschnäpper konnte ich dort in den vergangenen Tagen Buch- und Bergfink sowie Sing-, Rot- und Ringdrossel nachweisen. Mönchs-, Garten-, Klapper- und Dorngrasmücke naschten an den vielen Holunderfrüchten. Ein Blaukehlchen trödelte dort auch noch herum. Buntspechte nahmen hier ihre letzte Nahrung zu sich, bevor sie vor Mut geradezu strotzend den Fluss in Richtung Niederlande überquerten. Blaumeisen ebenso. Unter den elf Zilpzalpen hielt sich dort am 26. September auch ein Gelbbrauen-Laubsänger auf, den ich allerdings nur für sehr kurze Zeit beobachten und leider nicht im Bild festhalten konnte. Der starke Wind trieb ihn rasch zurück ins dichte Gebüsch. Meine stundenlange Nachsuche brachte leider keinen Erfolg.

Dafür aber diesen männlichen Gartenrotschwanz:


Common Redstart

Immer schön nach allen Richtungen sichern, denn Sperber tauchen an dieser Hecke auch immer wieder auf.

Von hinten:

Ist da wer?

Diese beiden und auch das nächste Bild entstanden im Schatten. Die Sonne hatte sich zu diesem Zeitpunkt am späten Nachmittag bereits hinter der Hecke versteckt:

Zweifellos ein hübscher Kerl:

Das folgende Bild zeigt ihn stehend vor meinem Tarnzelt:


Common Redstart completely innocent in front of my hide (right)

Ein Blick von der Hecke aus hinüber zum noch schlummernden Mahlbusen:

Mahlbusen ;-)

Ich fand eine Blaumeise, die ihrerseits eine fette grüne Raupe erbeutet hatte und diese genüsslich auslöffelte:

Blue Tit

Weil es auch an diesem Tag sehr windig war, wischten die Blätter der Weide immer durch den Sucher. Es war eine echte Herausforderung, den Vogel einigermaßen komplett aufs Bild zu bekommen:

Während der Vogel also sein XXL-Frühstück zu sich nahm und somit abgelenkt war, konnte ich Meter um Meter gutmachen. Die Blaumeise ignorierte mich einfach und schien schließlich überrascht, dass von der großen Raupe am Ende nur noch die Hülle übrig geblieben war.

Oh, schon leer? (aus der Rubrik: Was Blaumeisen denken)


Sie machte sich davon, und ich suchte weiter. Völlig überraschend entdeckte ich meinen erst zweiten Emder C-Falter:


Comma

Im waldreicheren Aurich kann man diesen hübschen Schmetterling häufiger sehen, in Emden aber zeigt er sich dem Anschein nach nur selten.

Ganz im Gegensatz zur Herbstmosaikjungfer, der man zurzeit überall an der Knock und auf dem Rysumer Nacken begegnen kann.

Hier ein Männchen:


Migrant Hawker

An stürmischen Tagen kann man diese Libelle in windgeschützten Bereichen gleich in ganzen Gruppen bei der Jagd beobachten.

Hier zwei Kerle auf einem Bild:


Die Hecke ist mindestens einen ganzen Kilometer lang. Platz genug für alle, so sollte man meinen, doch das linke Tier stellte sich einfach hinter das rechte und nahm ihm so die wärmende Sonne. Urlauber auf Mallorca würden sich das ganz bestimmt nicht gefallen lassen, doch diese beiden Tiere waren einander nicht böse gesinnt:

Nach einer kalten Nacht mit nur sieben Grad Celsius breitete dieser Admiral seine Schwingen am frühen Morgen aus, um Wärme zu absorbieren:

Red Admiral

Diese Art ist im Moment sehr häufig. Die sich im Gebüsch sonnenden Falter mit den ausgebreiteten Flügeln fallen einem schon auf größere Distanz auf. Und es erschien mir fast so, als habe sie jemand schmückend an die Zweige gesteckt.

Common Buzzard

Dieser Mäusebussard steuerte ahnungslos auf mein Tarnzelt zu. Wie viele andere Mäusebussarde auf dem Rysumer Nacken auch hat er einen hohen Weißanteil in seinem Gefieder.

Reiherschnabel auf einer Rasenfläche zu Füßen der Hecke:

Redstern Filaree

Einmal an einem nebligen Tag um die Mittagszeit fotografiert und dann nochmal nach einer klaren Nacht am frühen Morgen:

Schafgarbe auf derselben Fläche:

Common Yarrow

Die leuchtend roten Früchte des Weißdorns sind wie jene des Schwarzen Holunders eine wichtige Nahrungsquelle für in der Hecke rastende Drosseln:

Hawthorn fruit - an important food source for resting birds like thrushes

Ein weiteres Rotkehlchen, im Gegensatz zu dem oben gezeigten mit einer sehr schön ausgeprägten Flügelbinde:

European Robin

Derselbe Vogel von hinten:

Abseits der Hecke an der Knock konnte ich in den vergangenen Tagen und Wochen zum Beispiel diese junge Wiesenweihe im Wybelsumer Polder fotografieren:

Montagu's Harrier

Ostfriesland, speziell die Marschlandschaft der Krummhörn, stellt für diese inzwischen stark bedrohte Vogelart einen Verbreitungsschwerpunkt in Deutschland dar.


Resting Golden Plovers and Lapwings on a field

Insgesamt waren es in der vergangenen Woche über 600 Goldregenpfeifer und etwa 300 Kiebitze, die auf einem frisch umgebrochenen Acker nahe Rysum nach Nahrung suchten. Und weil Goldregenpfeifer in Ostfriesland auf dem Durchzug eine geläufige Erscheinung sind, kann man sie immer wieder genauer unter die Lupe nehmen. Ein Individuum ohne jeglichen Gelbton auf der Oberseite macht mich jedenfalls nicht nervös...

Und auch sie sind wieder eingetroffen:

Barnacle Goose

Diese Nonnengänse zogen vor wenigen Tagen vor dem Emsstrand nach Süden. Wenn man ihre Rufe nach Monaten der Abwesenheit zum ersten Mal wieder hört, dann ist der Sommer wirklich Vergangenheit. Trotzdem freute ich mich über ihre Ankunft aus den arktischen Brutgebieten, was man aber leider nicht von allen Menschen sagen kann.

Canada Goose

Beinahe zum Abschluss möchte ich diese Kanadagans vorstellen, die auf einer Kuhweide zwischen Knock und Restaurant Strandlust  eine Pause einlegte:


Das Licht an diesem Tag war äußerst dürftig, aber für einige hübsche Aufnahmen hat es trotzdem gereicht:

Gefiederpflege ist essenziell, wenn man auf dem Zug bestehen will:

Jetzt aber das allerletzte Foto. Es zeigt neugierige Stare, die sich mal mein Auto ansehen wollten. Erst war es nur ein einzelner, doch der rief den anderen lautstark zu: "Hey, ihr Arschkrampen, guckt euch mal diese versiffte Karre an!"

Curious European Starlings probably have never seen such a dirty vehicle before.

Das ließen die sich nicht zweimal sagen!