wilde perspektiven

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Dienstag, 15. Oktober 2013

Über eine Wanze in meinem Briefkasten

Nachdem ich das erste Mal von der Buchstabenkombination NSA und der sich dahinter versteckenden Bedeutung gehört hatte - vor einigen Monaten war das erst der Fall -, habe ich in jede meiner E-Mails Begriffe eingebaut, die für die meisten Geheimdienste dieser Welt zumindest einen Anfangsverdacht darstellen sollten. 

Statt eines lieben Grußes am Ende schrieb ich einfach "Taliban" oder "Sprengstoffgürtel". "Tötet Bush" erschien mir nicht mehr aktuell und realistisch genug, weshalb ich auf "Handgranate in Frau Merkels Handtasche" umschwenken musste. Na ja, man macht das ja nur so zum Spaß.

Nun, lange Zeit wollte einfach nichts passieren. Die immer absurder werdende Berichterstattung zum Beispiel über den US-Auslandsgeheimdienst NSA hielt ich für nichts anderes als eine von den Medien gesteuerte Massenhysterie. Wozu auch sollten die Amis unbescholtene und vor allem langweilige deutsche Bürger ausspionieren?

In diesem Briefkasten aber fand ich am 6.10. tatsächlich eine Wanze, die jemand sehr wahrscheinlich im Schutze der Nacht dort angebracht oder einfach eingeworfen haben musste. Doch was soll eine Wanze in meinem Briefkasten? Niemand unterhält sich dort, keiner lauscht ausländischen und somit feindlichen Radiosendern.

Ich will es kurz machen, denn es lag ein Bekennerschreiben dabei. Die Wanze selbst war in einer Platiktüte eingeschlossen, zusammen mit zwei Fliederzweigen. Klaus Rettig (Emden) war so freundlich, das Tier in meinen Briefkasten zu stecken, versehen mit der Bitte, es für ihn zu bestimmen. Ich habe keine Ahnung, wie der Mann da auf mich gekommen ist, denn von diesen Kreaturen habe ich so gar keine Ahnung. Im Gegensatz zu Klaus aber kann ich wenigstens im Netz recherchieren.

So sah das interessante Tier aus:


Western Conifer Seed Bug

Es handelt sich um die Amerikanische Kiefernwanze, die eigentlich aus den USA stammt, wo sie ursprünglich die Bundesstaaten westlich der Rocky Mountains besiedelte. Von dort aus wurde sie über die hohen Berge nach Osten verschleppt, tauchte 1990 erstmalig in New York auf. 1999 wurde sie dann erstmals aus Europa gemeldet (Italien), von wo aus sich das Tier rasch nach allen Richtungen ausbreitete. In Deutschland tauchte die im Vergleich mit europäischen Wanzenarten robuste und große Kiefernwanze zum ersten Mal 2006 auf. Und inzwischen hat sie sogar Norwegen erreicht! 

Klaus Rettig fand das Tier am Fenster seines Badezimmers. Und tatsächlich neigt diese Wanze im Herbst dazu, in größerer Zahl in Gebäude einzudringen, wie man es ja auch vom Asiatischen Marienkäfer kennt, einem anderen Insekt mit "Migrationshintergrund". Viele Menschen empfinden das dann als lästig, sie bekommen sogar Angst, wenngleich beide Arten völlig harmlos sind und einfach nur einen angenehm temperierten Platz für den nahenden Winter suchen.

Die Amerikanische Kiefernwanze ernährt sich rein pflanzlich, im Gegensatz zur folgenden Art, die ich gestern auf dem Rysumer Nacken entdecken und fotografieren konnte:




Picromerus bidens

Auf der Suche nach interessanten Vögeln sah ich zu meinen Füßen eine Raupe, die dem Anschein nach in der Luft hing. Hmmmh, dachte ich, nachdem ich das Tier bereits passiert hatte, wieso hängt die Raupe in der Luft? Meine Neugier ließ mich umkehren. Ich ging in die Hocke und entdeckte den Grund für diese Artistennummer.

Die Raupe war einer Zweispitzwanze zum Opfer gefallen und hing an ihrem Saugrüssel:



Ist das nicht unglaublich? Die Raupe (Identität nach wie vor unbekannt) wiegt sicher ein Vielfaches der kleinen Wanze, doch trotzdem hatte diese keine Probleme, sich am Halm festzuklammern und die Raupe wie eine Capri-Sonne in Ruhe auszuschlürfen.

Ein drittes Bild aus der entgegengesetzten Richtung:

Bilder von beiden Arten hatte ich übrigens auf Insektenfoto hochgeladen. Innerhalb weniger Minuten kam jeweils die Antwort, weshalb ich mich ganz lieb bei den Herren Daniel V. und Frank Marquard bedanken möchte!

Wenn die nächsten beiden Bilder links etwas unscharf erscheinen, dann liegt das an einer Feder, die am Objektiv meiner Knipse steckte. Weil der linke Teil des Displays aber im Eimer ist, konnte ich das beim Fotografieren nicht sehen.

Ende September gab es die ersten leichten Bodenfröste:

Sollten eigentlich Finger werden...;-)

Brennesseln:


First soil frost this fall two weeks ago

Doch tagsüber wurde es zu dieser Zeit mit Temperaturen knapp unterhalb der Zwanzig-Grad-Marke noch einigermaßen warm. Wenn ich mich dann irgendwo im Outback in die Sonne legte, dann nutzten verschiedene Libellen meine Beine als Sonnplatz.

Hier eine Schwarze Heidelibelle:

Black Darter

Ich konnte kaum die Augen schließen, weil das immer so kitzelte, wenn die Tiere nach einem der zahllosen Verfolgungsflüge wieder auf meinem Knöchel landeten.

Wenn es aber einen schmerzhaften Stich gab, dann war einer dieser Idioten am Werk:






Stable Fly sucking my sweet blood

Sehr schön kann man auf dem Bild den Stechrüssel dieses Wadenstechers erkennen, der beim nicht saugenden Tier parallel zum Körper getragen wird und dann über das Gesicht hinausragt - ein sicheres Unterscheidungsmerkmal zur sehr ähnlichen Stubenfliege, die so ein Teil gar nicht besitzt.

Ein Waldbrettspiel im Emder Hafen nahe der Seeschleuse:

Speckled Wood

Und eines aus dem Moor bei Aurich, fotografiert von Herald Ihnen:



Ich wiederhole mich immer wieder gern: Diesen Falter habe ich im Landkreis Osnabrück in vierzig Jahren nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Immerhin eine Begegnung aber gelang mir knapp außerhalb, nämlich am Dammer Bergsee (Kreis Vechta). In Ostfriesland aber brauchen nur drei Bäume beisammen zu stehen und zack, die Art flattert einem vor die Linse!

Ein C-Falter, ebenfalls aus dem Moor bei Aurich:

Latter two photographs: Herald Ihnen (Freepsum) 

Neu für mich war, dass auch diese Art dem Anschein nach an zertretenen Früchten saugen kann. Ich selbst habe das noch nie gesehen!

Stieglitze über dem Rysumer Nacken:

European Goldfinch

Eine Türkentaube in Rysum - ein Vogel mit "Migrationshintergrund":

Eurasian Collared Dove

Ein männlicher Haussperling ebenda:

House Sparrow

Und fast zum Abschluss gibt es mal eine Pflanze mit "Migrationshintergrund". Dieser Gelbe Hornmohn, der eigentlich aus dem Mittelmeerraum stammt, wurde von Sabine Baum (Hinte) hier in Ostfriesland geknipst:

Yellow Hornpoppy - originally native to the Mediterranean (Photo: Sabine Baum)

Das Wort Migrationshintergrund finde ich in Bezug auf Menschen übrigens toootal bescheuert, denn sie wandern ja nicht ziellos weiter durch die Gegend. Sie kommen z. B. nach Deutschland, um hier zu leben. Und sie bleiben! Müsste man dann nicht von Immigration sprechen, von Menschen mit einem Immigrationshintergrund? Und aus Sicht der Herkunftsländer nicht von Emigration? Hat man nicht schon einen Migrationshintergrund, wenn man mal zwei Wochen in Israel oder Spanien war? Oder reicht am Ende vielleicht sogar eine Butterfahrt nach Helgoland? Wer denkt sich sowas aus? Langeweile?

Egal, das letzte Bild zeigt vielleicht irgendwelche WEA-Fundamente, die über die Ems zum Bestimmungsort irgendwo da draußen im Ozean geschleppt werden:

Ich wundere mich immer, dass das Ganze nicht einfach umfällt und in den Fluten versinkt!