wilde perspektiven

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Samstag, 16. November 2013

Eine Sperbereule besucht Gristede (Landkreis Ammerland)

Wo, zum Teufel, liegt Gristede? 

Das war die Frage, die mir spontan durchs Hirn schoss, als ich am vergangenen Sonntag das erste Bild der inzwischen so berühmten Sperbereule im Club300 sah. Wir leben in einer wirklich großartigen Zeit. Dank Internet und Mobiltelefon ist der Informationsaustausch im Vergleich mit vergangenen Jahrzehnten unglaublich rasant. Alles ist nur eine Frage von Sekunden. Und die Vorzüge des WWW ließen mich auch schnell herausfinden, wo genau sich das gesuchte Dorf eigentlich befindet. Ich wikipedierte es:

Gristede ist ein Ortsteil von Wiefelstede und liegt im Ammerland, nur wenige Kilometer von Oldenburg und auch vom Zwischenahner Meer entfernt. Und nur etwa siebzig von Emden.

Nur siebzig!

So nah ist mir wohl noch nie eine leibhaftige Sperbereule gekommen. Sehr wohl aber die eine oder andere Fantasiegestalt. Denn vor allem an kalten und verschneiten Wintertagen und vor allem im Berumerfehner Moor geisterte dieser Wunschvogel in der Vergangenheit immer wieder in meinen wirren Gedanken herum, übrigens meist in Kombination mit ein bis zwei Lasurmeisen. Gesehen aber habe ich diese heiß begehrte Eule natürlich noch nie. Und das sollte man ändern, wenn sich einem völlig unerwartet die Gelegenheit dazu bietet:

Northern Hawk-Owl, Gristede, Niedersachsen, Germany

An gleich mehreren Tagen machte ich mich auf den Weg nach Osten. Und an keinem dieser Tage war ich der einzige Vogelgucker, dem diese geniale Idee in den Sinn gekommen war. Nicht wenige Zeitgenossen aus den Niederlanden, aus Belgien und dem Süden unserer Republik legten beachtliche Strecken zurück, nur um diesem Vogel wenigstens ein einziges Mal in die großen und gelben Augen zu blicken. Auf den folgenden beiden Bildern zum Beispiel sieht man Beobachter aus Mannheim, Stuttgart sowie diversen niederländischen Städten wie Heerenveen und Alkmaar.

Hier ein Beleg dafür:


Despite the bad weather conditions this was a bright day for birdwatchers and photographers - eye in eye with a Northern Hawk-Owl, which represents for so many birders one of the most wanted species at all.


Entgegen anders lautender Gerüchte nahmen die Einwohner Gristedes das plötzliche Auftreten großer Gruppen ihnen fremder Menschen ausnahmslos mit Humor und Gelassenheit. Und sie zeigten sich überwiegend sehr interessiert. Das folgende Bild zum Beispiel illustriert einen Ausflug des örtlichen Kindergartens zur Sperbereule!

Alle durften einen Blick durchs aufgestellte Spektiv werfen:

Local youngsters from kindergarden seeking out for the Northern Hawk-Owl - the coming birder generation?

Mir hat man so etwas vor über vierzig Jahren nicht angeboten.

Und immer wieder kamen Anwohner auf die Beobachter zu, um sie in ihren Garten zu bitten, war doch die Sperbereule keineswegs immer von der Straße aus zu sehen. Hier sind es niederländische Fotografen mit ihren teuren Monsterlinsen, die es sich auf einem Privatgrundstück gemütlich gemacht haben.

Man achte auf die Frau auf dem Balkon, die die Bilder auf dem Display ihrer Knipse kontrolliert. Die Sperbereule aber hatte sie ganz bestimmt nicht fotografiert:

Lucky Dutch birders taking their shots of the sperweruil in a private backyard, of course with the permission of the owner. Note the woman on the balcony! She is checking the photographs on the display of her camera, that she has taken of the Dutch birders before, hopefully with the permission of her husband ;-)

Es wurde aber auch gefilmt:

Northern Hawk-Owl goes to Hollywood ;-)
 
Die Sperbereule hingegen zeigte sich von der von ihr selbst ausgelösten Massenhysterie eher wenig beeindruckt. Meist döste sie in einer der vielen alten Eichen des Dorfes und vertrödelte so einen beträchtlichen Teil des Tages. Wenn sie dann aber mal abflog und wie hier auf der Spitze einer Blautanne landete, dann drohte den einheimischen Kleinvögeln Ungemach. Denn eine vollig frei auf einer Warte stehende Sperbereule bedeutet, dass sie hungrig ist und sich auf der Jagd befindet:

perching Northern Hawk-Owl looking for prey

Weil Sperbereulen äußerst geschickte Jäger sind, brauchen sie für den Beuteerwerb nur wenig Zeit zu verschwenden. Ich selbst konnte zwar die Jagdflüge sehen, nie aber das Ergreifen der Beute selbst, weil immer etwas im Weg stand - mal ein Haus, mal ein Baum, mal der Vogel selbst.

Auf dem folgenden Bild nagte die Eule am Rest eines Flügels einer Ringeltaube (herabhängende Feder unterhalb des Vogels). Eine vergleichbare Beobachtung hatte es bereits einige Tage zuvor gegeben:


Northern Hawk-Owl with preyed Wood Pigeon in poor light 

Ringeltauben sind größer als Sperbereulen und deutlich schwerer. Wie schafft es der Vogel, ein solches Tier zu überwältigen? Zwischen dem Fang, der nicht direkt gesehen werden konnte (Haus stand im Weg), und dem Aufbaumen vergingen nur wenige Minuten, doch was genau sich in der Zwischenzeit abgespielt haben mag, ist unbekannt. Und das Bild wirft Fragen auf: Wo ist der Rest der Taube? Wie schafft es die Eule so schnell, einen Teil aus dem erbeuteten Vogel herauszulösen? Warum überhaupt fängt die Eule einen so großen Vogel, wenn sich doch so viele kleinere anbieten? Oder stammt dieser Taubenteil etwa aus einem von der Sperbereule angelegten Nahrungsdepot?

Zweimal konnte das Erbeuten kleinerer Tiere von mir beobachtet werden, doch in beiden Fällen blieb unklar, wen genau die Sperbereule da dingfest gemacht hatte. Es ging nämlich immer so überraschend und rasant über die Bühne, und der Vogel breitete stets sofort seine Flügel aus und nahm mir somit die Sicht auf das Opfer. In beiden Fällen aber gelang der Beuteerwerb in mittlerer Höhe in den Bäumen. 

Hier hielt die Sperbereule im nebeligen Gristede Ausschau nach Leckereien:




Hier auch - an einem anderen Tag und statt auf einer Birke auf einer Antenne:

Among all European owl species Northern Hawk-Owl is the only one with a long and pointed tail.

Sie hat sogar einmal draufgekackt! Bei Ebay könnte man für diese Antenne jetzt wohl ein hübsches Sümmchen verlangen.

Der nächste Jagdversuch:


Wenn in ein bis dahin beschauliches Dorf plötzlich ganze Horden fremder Menschen einfallen, dann bleibt das natürlich nicht nur den Einwohnern nicht verborgen. Bis heute erschienen zwei Artikel in der Nordwest-Zeitung. 

An einem Tag stand ich auf der Straße, die im folgenden Bild zu sehen ist:


At this moment the Northern Hawk-Owl is resting in the front oak right of the road.

Die Sperbereule ruhte in diesem Augenblick in der vorderen Eiche am rechten Straßenrand. Jemand kam vorbei und meinte zu mir: "Ist die Eule hier? Ich habe das gerade im Radio gehört, da habe ich mich gleich auf den Weg gemacht."

Jetzt ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Fernsehteam auftaucht, dachte ich. Und das ist jetzt kein Scherz, aber eine halbe Stunde später war es tatsächlich da!


The bird even lured a team from the NDR-television into the village!

Ein Mann für den Ton, einer fürs Bild sowie eine Frau für den Inhalt des zu filmenden Beitrags waren freundlich, sympathisch und machten ihre Arbeit wirklich gut. Insgesamt brauchte das Team nur etwa eine gute halbe Stunde für den Bericht. Das inhaltlich korrekte Filmchen kann man sich  hier ansehen.

Hier beobachtete der Kameramann einige Beobachter beim Beobachten der Sperbereule in der Eiche:

Und hier wurden Interviews vor laufender Kamera geführt:

Der Hauptdarsteller behielt die Szenerie immer im Auge, erweckte aber eher einen gelangweilten Eindruck auf mich:

Northern Hawk-Owl simply ignored everything and was probably dreaming of delicate blackbirds, pigeons, and mice.

Zeit für harte Fakten: Die Sperbereule ist Brutvogel der borealen Waldgebiete - und zwar rund um den Globus von Norwegen im Westen quer durch Sibirien und Alaska bis nach Kanada im Osten. Sie ist sowohl tag- als auch nachtaktiv und verweilt üblicherweise das ganze Jahr im Brutgebiet, vollzieht also keine regelmäßigen und südwärts gerichteten Zugbewegungen. Die Sperbereule kann es sich erlauben, ist sie doch auch ein ausgezeichneter Vogeljäger, dem eine geschlossene Schneedecke, die in seiner Heimat im Winter obligatorisch ist, nichts anhaben kann. In manchen Jahren aber weichen große Zahlen dieser Vögel trotzdem nach Süden aus, einzelne in sehr seltenen Fällen sogar bis nach Mitteleuropa. Und wenn ein solcher Vogel dann auch noch entdeckt wird, dann ist das für Menschen wie mich ein Megaereignis. Die letzte Feststellung einer Sperbereule in Bremen und Niedersachsen betrifft wahrscheinlich einen Vogel, der sich im Winter 1982/83 auf dem Huckelrieder Friedhof in Bremen aufhielt. Die bis zum Gristeder Vogel letzten sicheren Nachweise der Sperbereule für Deutschland liegen fast drei bzw. sogar acht Jahre zurück (Bad Vilbel/Hessen und Dubrau/Brandenburg).

Spätherbstliche Ortsansichten:





An dieser Stelle hielt sich der Vogel zeitweilig ebenso auf wie in dem Baum, dessen Blätter hier dreist ins Bild hineinragen:

Hier ruhte der Vogel in einer der vielen Eichen, die nach wie vor noch gut belaubt waren und der Eule somit Deckung bieten konnten:

Northern Hawk-Owl resting in an old oak on early morning

Gleich nach Sonnenaufgang war das Licht an diesem Tag sehr grell und gelbstichig. An brauchbare Bilder verschwendete ich erst gar keinen Gedanken. Vom frühen Morgen bis gegen Mittag rührte der Vogel sich nicht, flog dann aber plötzlich ab, um nach einem Mittagessen zu suchen. Weil die Sperbereule sich zunächst nicht wiederfinden ließ, wollte ich die Zeit schnell nutzen und zum örtlichen Bäcker fahren. Ich legte meine Kamera aufs Autodach, um die Tür öffnen zu können, vergaß sie, weil mich jemand kurz abgelenkt hatte, stieg ein und fuhr los. Ein echter Klassiker! In der ersten Kurve knallte die Kamera auf den Asphalt, doch wie durch ein Wunder blieb die Linse unversehrt, während das Gehäuse total im Eimer war. Umgekehrt aber wäre es viel schlimmer gewesen, denn ein zweites Teleobjektiv besitze ich nicht. Trotzdem musste ich das Unterfangen, die Sperbereule an diesem sonnigen Tag hübsch in Szene zu setzen, abbrechen und nach Hause fahren, weil ich mein Zweitgehäuse nicht dabei hatte.

Wenig später aber, ich befand mich längst auf der Autobahn, schoss mein lieber Kollege Rein Hofman (Beerta/NL) die mit Abstand schönsten Bilder, die von diesem Vogel gemacht worden sind. Bestaunen kann man sie hier!

Drei Autos am Ende dieser Straße, ein echter Megatwitch:


three vehicles at the end of the road - a real mega twitch

An einem bestimmten Nachmittag war die Sperbereule besonders aktiv. Doch wie in den meisten Fällen zuvor wollte sich der Vogel einfach nicht zu uns herablassen. Stets stand er in größerer Höhe in den Bäumen, sodass man ihn eigentlich immer nur aus einer eher unglücklichen Perspektive fotografieren konnte.

Hier döste die Sperbereule in einer alten Eiche, ganz in der Nähe des Gartens der Entdeckerin, und blickte freundlich auf uns herab:

Apropos Entdeckerin: Aus dem Küchenfenster heraus hatte sie den Vogel am 7. November in ihrem Garten erspäht. Die Sperbereule stand dort auf einer abgesägten Eiche und beobachtete wohl das Geschehen am Futterhaus. Die Frau wusste den Vogel nicht einzuordnen, berichtete ihrem Sohn aber von ihrer Beobachtung. Dieser schaute im Internet nach und kam anhand der Beschreibung seiner Mutter letztendlich auf die Sperbereule. Da diese Art nur äußerst selten in Deutschland erscheint, waren sich beide nicht mehr so sicher mit ihrer Bestimmung, weshalb sie einen Auswärtigen um Rat fragten. Dieser bestätigte den Vogel als Sperbereule und benachrichtigte andere Beobachter über den Fund. In der Folge breitete sich die Sensation wie ein Lauffeuer im ganzen Land und über dessen Grenzen hinaus aus.

Übrigens erzählte die Frau mir noch so ganz nebenbei, dass die Sperbereule in ihrem Gartenteich gebadet hat! Und das kann wahrlich nicht jeder von sich und seinem Teich behaupten.

Auch Sperbereulen müssen sich nach einer längeren Ruhephase erst einmal dehnen, bevor sie den Abflug machen:


Überdurchschnittlich viele Straßen im 700-Seelen-Ort sind übrigens nach diversen Vogelarten benannt worden. So gibt es unter weiteren einen Habichtweg, einen Wachtelweg, einen Schnepfenweg und eben auch einen...

better switch the name of the road from Sperberweg to Sperbereulenweg - just five more latters

Weil sich die Eule immer wieder in diesem Bereich des Dorfes aufhielt, bin ich der Meinung, dass man gerade diese Straße umbenennen und den Namen um fünf weitere Buchstaben ergänzen sollte. Denkt mal darüber nach, Kinners!

Eule rechts oben im Baum, Schild unten:

Selbst wenn man um die Anwesenheit des Vogels im Dorf wusste, so war es dennoch nicht leicht, ihn zu Beginn eines neuen Tages ausfindig zu machen. Die Gristeder Sperbereule hatte nämlich keinen festen Schlafplatz. Hilfreich waren in diesem Zusammenhang Kleinvögel wie Amsel, Buchfink und Rotkehlchen, die bereits vor Sonnenaufgang durch ihr Zetern auf den Standort der Eule aufmerksam machten.

Dieses so genannte Anhassen nahm im Laufe des Tages aber ab, zumindest dann, wenn die Sperbereule ihren Ruheplatz nicht verließ. Tat sie es aber doch, war unter den Kleinvögeln so richtig der Bär los. Dem Anschein nach haben Vögel ein feines Gespür dafür, wann eine Eule oder auch ein Greifvogel für sie zur Gefahr wird. Selbst Buntspecht und Türkentaube zeigten sich in solchen Fällen sehr aufgeregt und umflatterten die nach Beute Ausschau haltende Sperbereule.

Hier zum Beispiel hatte die Sperbereule soeben ihren Ruheplatz verlassen und war auf einer Kiefer gelandet:


Sofort waren drei Rabenkrähen zur Stelle, um den unbeliebten nordischen Gast in die Flucht zu schlagen:

In diesem Fall landete die Sperbereule im Innern einer Eiche, wo sie dann auch in Ruhe gelassen wurde.

Wie ein fetter Raubwürger stand die Sperbereule bei der Jagd immer wieder lehrbuchmäßig auf der Spitze diverser Bäume:

Für mich war die Begegnung mit dieser tollen Vogelart etwas ganz Besonderes. Ein wirklich langersehnter Traum ging mit der Sperbereule in Erfüllung. Und wenn ich auch aus unterschiedlichen Gründen keine wirklich großartigen Bilder von dem Tier zustande gebracht habe, so bin ich insgesamt doch mehr als zufrieden.

Northern Hawk-Owl is watching the birders and photographers.

Denn schließlich kann man nie wissen, ob man jemals wieder eine Sperbereule in Deutschland zu Gesicht bekommen wird.

Und wenn der seltene Gast Gristede auch eines Tages wieder verlassen wird, so sollte wenigstens dieser Kollege hier die Stellung im Ort halten:


Gesehen und fotografiert in einem Vorgarten an der Schulstraße.

Nachtrag vom 18.11.2013: Am Freitag (15.11.) ist die Sperbereule letztmalig in Gristede gesehen worden. Jene vielen Beobachter, die vor allem arbeitsbedingt erst am Wochenende die Möglichkeit hatten, nach Gristede zu fahren, blickten enttäuscht in die Röhre (einen Erlebnisbericht von einem Kollegen aus Westoverledingen gibt es hier!) Es ist schon komisch, man denkt nach einer Woche automatisch, dass so ein Vogel den ganzen Winter an Ort und Stelle verbringt. Auch ich rechnete mir noch gute Chancen aus, meine bisherige Fotoausbeute erheblich zu verbessern. Doch jetzt ist es wieder einmal anders gekommen, als man es sich erhofft hat. Trotzdem stirbt die Hoffnung zuletzt. Da nahezu das komplette Niedersachsen ausgiebig durch Rundfunk und Presse für diese Art sensibilisiert worden ist, könnte die Sperbereule erneut entdeckt werden. In Gristede oder aber an einem anderen Ort.  

So, liebe Gristeder, ihr wart sehr, sehr, sehr gastfreundlich! Angesichts dessen, was sich in der vergangenen Woche in eurem hübschen und beschaulichen Dorf abgespielt hat, ist das keineswegs selbstverständlich. Ihr habt den Rummel um eure Sperbereule nicht einfach nur ertragen, ihr habt das Ganze mit Interesse und Begeisterung verfolgt. Und das ringt mir Respekt ab!

Trotzdem muss ich abschließend mit euch schimpfen. Wenn das nächste Mal der große NDR zu Besuch kommt und unentgeltlich Werbung für euren Ort machen möchte, dann putzt doch wenigstens mal dieses Schild (Grüner Weg)!

Bald stellen sich die Leute wieder eine geile Tanne ins Wohnzimmer. Und nicht selten fehlt es den Menschen an Inspiration, wenn es um die äußerste Spitze des Baumes geht. Mein Vorschlag: nehmt eine kleine Sperbereule!