wilde perspektiven

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Samstag, 9. November 2013

Sanderling und Schneeammer

Heute soll der bereits im vergangenen Bericht so ganz nebenbei erwähnte Sanderling die Rolle des Hauptdarstellers bekommen. Verdient hat er sie allemal, ist er doch ein echter Küstenvogel. 

Hier in Emden gibt es nur einen Ort, wo man ihm bei der Nahrungssuche über die Schulter schauen kann. Es ist der Emsstrand auf dem Rysumer Nacken.

Hier zeigt er sich mal etwas blank bei Niedrigwasser am frühen Morgen:

Habitat of Sanderling

Bei niedriger Tide bekommt man den Vogel allerdings kaum zu Gesicht. Wo sich die Sanderlinge dann aufhalten, ist mir nicht bekannt. Wenn aber das Wasser steigt und schließlich den eigentlichen Strand erreicht, dann tauchen die Vögel wie bestellt auf und flitzen den Spülsaum entlang:





Sanderling

Maximal konnte ich dort 33 Individuen beisammen sehen (6.11.2013). An den meisten Tagen aber waren es deutlich weniger. Die Aufnahmen entstanden in den letzten zehn Tagen unter sehr unterschiedlichen Witterungsbedingungen:


Der Sanderling brütet in der Arkis rund um den Nordpol. Vögel, die bei uns auftauchen, könnten zum Beispiel von Spitzbergen stammen. Sie haben also, wenn sie die Nordseeküste erreichen, bereits einige tausend Kilometer zurückgelegt:

Ein Teil dieser Sanderlinge verbringt dann auch den Wnter an den Stränden deutscher Inseln, z. B. auf Helgoland oder Norderney, doch die meisten Vögel zieht es weiter nach Süden. Im Grunde kann man dem Sanderling außerhalb seiner Brutzeit an nahezu allen Stränden dieser Welt begegnen, von den gemäßigten Breiten bis in den tiefsten Süden unseres Planeten und somit auch von Argentinien über Südarfrika bis nach Australien. Und das wiederum bedeutet, dass diese Vögel in ihrem Leben sowohl auf Eisbären als auch auf Pinguine treffen können!


Und so hat er es Dank seiner herausragenden Flugleistung bis zum halbechten Kosmopoliten gebracht, denn zur Brut schreitet der Sanderling natürlich nur im hohen Norden.

Auch am Emsstrand ist der Sanderling ein alljährlicher Gast. Leider ist diese Ecke Emdens auch bei Hundebesitzern sehr beliebt, sodass die Vögel eigentlich permanent aufgescheucht werden, ohne dass Frauchen oder Herrchen das überhaupt mitbekommen:

Als Fotograf profitiert man davon. Denn man braucht sich bloß an eine bestimmte Stelle zu setzen und darauf zu warten, dass der nächste unangeleinte Hund auftaucht, der die Vögel dann vertreibt.

Klick, klick, klick - Flugbilder im Kasten:


Doch auch ohne menschliche Störungen fliegen die stets sehr nervös wirkenden Vögel immer wieder auf, ohne dass man einen nachvollziehbaren Grund dafür erkennen könnte.

Meistens aber sprinten sie am Spülsaum entlang:

Dem Anschein nach mögen sie es besonders dort, wo die Brandung das Wasser ordentlich zum Schäumen bringt:

Dann scheinen die Vögel das sich ihnen bietende Schaumbad im Salzwasser richtig zu genießen:

In solchen Augenblicken glaube ich fest daran, dass Vögel so etwas wie Lebensfreude empfinden können.

Ein Bild von der Mole:

Weitere Bilder vom Strand:

Im Reich des gleichnamigen Hafers:

Der Strand selbst hat in den sturmgeplagten letzten Wochen ordentlich Federn gelassen, verursacht durch Wellen und Wind.

An einigen Stellen tritt jetzt der sich unter dem Sand befindende Kleiboden zu Tage:

Und auch die Rhizome des Schilrohrs wurden von der Erosion ans Tageslicht gebracht, ohne dass man sie zuvor darüber informiert oder gar um Erlaubnis gebeten hätte:

Vom Restaurant Strandlust bis zum Strand kann man diesen Weg gehen:


Vor allem an sehr windigen Tagen kann ein Blick auf den weiten Flusstrichter nie schaden. Mit bloßem Auge sah ich dort am vergangenen Dienstag (5.11.) in recht großer Entfernung drei Schmarotzerraubmöwen, die Richtung Dollart zogen. Alle Vögel befanden sich etwa auf gleicher Höhe, doch jeweils etwa 50 Meter voneinander entfernt. Einer meinte dann ausscheren zu müssen, weil er eine Sturmmöwe um Nahrung angehen wollte. Und diese Sturmmöwe trieb es dann auf der Flucht vor der Raubmöwe in meine Richtung.

Dynamik pur!

Oder einfach schlecht fokussiert:


Parasitic Jaeger chasing a Common Gull permanently screaming: "Give! Me! Your! Fish!"

Das Verfolgen und Attackieren anderer Seevögel ist quasi so eine Art Hobby aller Raubmöwen dieser Welt. Der verfolgte Vogel fühlt sich (zu Recht) bedroht und würgt den zuvor erbeuteten Fisch hervor, den die Raubmöwe dann auffängt und hinunterschlingt, noch bevor dieser ins Wasser plumpsen kann.

In diesem Fall aber hatte die Sturmmöwe wohl einen leeren Magen. Die Schmarotzerraubmöwe gab dann auch schnell nach und nahm wieder ihre Zugrichtung auf, jetzt aber viel dichter am Ufer und somit in Fotodistanz:



Parasitic Jaeger (formerly Arctic Skua)

Für mich waren das die allerersten Raubmöwen auf Emder Boden überhaupt! Und die Begegnung mit diesen Flugakrobaten ließ mich in Erinnerungen schwelgen. Ich musste sofort an einen Sommer vor vielen Jahren denken, den ich zusammen mit anderen Beobachtern und mehreren Spatelraubmöwen auf der Helgoländer Düne verbringen durfte. Die Vögel blieben dort über mehrere Wochen und waren Menschen gegenüber sehr vertraut. Ein großer Spaß war das damals, die Raubmöwen bei der "Nahrungssuche" zu beobachten. Vor allem vom Meer heimkommende und auf dem roten Felsen brütende Dreizehenmöwen wurden seinerzeit kurz vor Erreichen ihres Zieles um Wegezoll angegangen. Dabei konnte man sehr schön sehen, wie die Raubmöwen einige hundert Meter vom Nordstrand entfernt auf und ab patroullierten und auf ankommende Vögel warteten.

Gestern und ebenfalls von diesem Weg aus sah ich die ersten zehn Ohrenlerchen in diesem Herbst (Suchbild):


Horned Lark

Schmarotzerraubmöwe und Ohrenlerche stammen übrigens auch aus dem hohen Norden. 

Auch Feldlerchen kämpften sich in den vergangenen Tagen in kleinen bis größeren Trupps nach Südwest vor. Starker Gegenwind, wie er während der Aufnahme des folgenden Bildes herrschte, kann die kleinen Vögel grundsätzlich nicht davon abhalten, das Tagespensum zu erfüllen:

Skylark

Diese Art, die im Bestand nach wie vor stark rückläufig ist, wird uns bereits wieder im Februar mit ihrem jubilierenden Gesang über den Feldern und Wiesen erfreuen, sollte das Wetter dann mitspielen. Wenn ich könnte, würde ich vorspulen, weil die dunkle Jahreszeit, die ja noch komplett vor uns liegt, einfach nicht meine Welt ist.

Hier schnell noch ein Starentupp, aufgenommen kurz vor Sonnenaufgang:





European Starling

Auf der rechten Seite des Weges standen ein paar Blaumeisen in einem Holunder, die sich noch nicht so recht trauten, auf den breiten Fluss hinauszufliegen:


Blue Tit

Insgesamt sah ich an diesem Morgen 33 Individuen, die sich bei starkem Gegenwind mühsam von Busch zu Busch hangelten und schließlich den Fluss in Richtung Niederlande überquerten. Für einen eher schlechten Flieger wie die Blaumeise ist das schon eine beachtliche Leistung!

Am 5. und 6. 11. hielten sich bis zu vier Schneeamern auf dem Strand auf.

Snow Bunting

Wenn man genau hinsieht, kann man zwei Individuen auf dem Bild erkennen, eines unscharf im Vordergrund.

Doch ich erwischte sie auch einzeln. Hier wohl einen Kerl:


Und dann wohl auch eine Frau (beide möglicherweise im ersten Kalenderjahr):

Vielleicht aber handelt es sich auch um zwei Weibchen, ein adultes und ein diesjähriges.

Schneeammern stammen ebenfalls aus dem hohen Norden und verbringen an unseren Küsten den Winter. Wie so viele nordische Arten, die in menschenleeren Gegenden brüten, zeigen sich auch diese Vögel wenig scheu. Das Fotografieren aber war trotzdem eine echte Herausforderung, denn jeden Meter, den ich in niedrigster Gangart gutmachen konnte, glichen die Schneeammern rasch aus, indem sie sich in die andere Richtung bewegten. Und sie laufen wirklich flink wie Mäuse!

Zurück zum Hauptdarsteller, dem Sanderling:


Da muss man schon ein recht gutes Auge haben, wenn man den schnell vorbeihuschenden Vogel scharf erwischen möchte. Das Meiste, was ich an diesem Tag produziert habe, war entsprechend nichts Anderes als Datenmüll. Gott sei Dank bekommt man recht viele Chancen, eben weil die Sanderlinge sehr unruhig sind und immer wieder einen Ortswechsel vollziehen.

Gefiederpflege:


Pausen aber währten nie lange. Meist wurde so ein ruhig dastehender Vogel schnell von seinen Kollegen mitgerissen.

Hier mal ein Einzelvogel bei Sonnenlicht, damit das Wasser im Hintergrund endlich ein bisschen Farbe bekommt:

Als Sanderling muss man auch immer aufpassen, dass man sich keinen Knoten in die Beine läuft:


Und das ganze Gerenne im steifen Südwestwind macht am Ende auch müde:

Doch auch diese Pause war nur von kurzer Dauer.

Also Augen wieder auf:

Und rein in den Schaum:

Und wieder etwas fahleres Licht, das ich persönlich bevorzuge:

Und noch ein letztes Bild:

Der Herbst ist die Zeit der Stürme. Für die Sanderlinge bedeutet das, dass sie auch in den kommenden Wochen nicht auf Wind und Wellen am Emsstrand verzichten müssen:

Diese Lachmöwen standen am Fähranleger herum. Ich konnte sie durchs Absperrgitter hindurch fotografieren:

Zum Abschluss dieses Beitrages gibt es heute einen Straßen- oder Stubentiger aus Rysum:

Domestic Cat 

Ich mag Katzen durchaus, aber trotzdem muss ich keine besitzen. Zu viele Menschen halten sich zu viele Katzen, die dann völlig sinnlos zu viele Vögel erbeuten. Und am schlimmsten ist es dann, wenn Katzenbesitzer über Elstern und Krähen schimpfen.

Aber das wäre jetzt tatsächlich ein anderes Thema ;-)