wilde perspektiven

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Dienstag, 24. Dezember 2013

Schillig

Ich blicke nach draußen.

Es ist 13.00 Uhr und sehr dunkel. Es stürmt. Und es ist für die Jahreszeit viel zu warm. Ließe man das Radio ausgeschaltet, käme man nicht auf die Idee, dass heute Heilig Abend ist. Immerhin ist die längste Nacht des Jahres bereits wieder Vergangenheit. Schiene heute die Sonne, vielleicht bei ähnlich frühlingshaften Temperaturen, gäbe es wohl das erste Konzert singender Vögel im neuen Jahr, obwohl wir uns ja noch im alten befinden. Blau- und Kohlmeisen und natürlich auch andere Vögel spüren in ihrer Feinsinnigkeit, dass es lichtmäßig endlich wieder bergauf geht.

Das Radio ist bei mir übrigens tatsächlich ausgeschaltet, weil ich Worte wie "Mistletoe" oder "Reindeer" und "Santa Claus" nicht mehr hören kann und will. Gott sei Dank liegen Songs wie "Last Christmas" in den letzten Zügen. Gibt es eigentlich auch Radiostationen, die diese alljährlich auftretende Form der Geschmacklosigkeit boykottieren? 

Positiv zu bewerten ist natürlich, dass es in den Discountern jetzt keine Stollen und Spekulatius mehr gibt. Wenigstens bis zum nächsten August. Wenn man im Hochsommer beginnt, sie tonnenweise in sich reinzuschaufeln, kann man sie an Weihnachten einfach nicht mehr sehen. Und überhaupt, man will ja auch noch durch die Tür passen...

Gestern war ich in Schillig. In Emden ist zurzeit nichts los, weshalb ich nach sehr langer Zeit mal wieder auf der anderen Seite der ostfriesischen Halbinsel nach tollen Tieren gesucht habe. Viele Menschen waren dort unterwegs, weil das Wetter viel besser als heute war.

Der Strand in Schillig ist wohl der schönste auf dem friesisch-ostfriesischen Kontinent, ganz bestimmt noch eine Schippe hübscher als jener in Emden:


Schillig beach

Wie man vielleicht erkennen kann, liegt dort so allerhand Getreibsel im Sand. Xaver dürfte auch hier im Osten der Halbinsel zeitweilig für Untergangsstimmung gesorgt haben. 

Steinwälzer, gleich über vierzig Individuen, nutzten die Gegebenheiten zur Nahrungssuche, drehten alles mindestens zweimal um, weil sich darunter ja eine Leckerei befinden konnte.

Hier aber wurde nichts gewendet, hier wurde geöffnet, denn dieser Steinwälzer versuchte sich an einer Miesmuschel:




Ruddy Turnstone with mussel (Mytilus spec.)

Wie kriege ich diese verfickte Muschel bloß auf, bevor dieser Idiot mit der Kamera hier ist, dachte er so, während ich mich vorsichtig anpirschte. Immer wenn ich mich zwecks besserer Perspektive in den Sand legen wollte, schnappte sich der Vogel die Muschel und trug sie im Schnabel ein paar Meter weiter. Du doofer Vogel, dachte ich dann immer, ich will dich groß rausbringen, und du bist einfach nur undankbar.

Ungläubige Austernfischer auf der Flucht vor dem Weihnachtsstress (im Hintergrund Minsener Oog):


atheistic(al) Eurasian Oystercatcher trying to escape Santa Claus and Christmas

Schillig hat im Vergleich mit Emden nicht nur den hübscheren Strand, es gibt dort auch viel mehr Vögel zu sehen. Und auch verschiedene Inseln kann man vom Strand aus erkennen, wenn man den Blick in die Ferne schweifen lässt.

Mellum in der Wesermündung zum Beispiel:

Mellum (an island)

Vogelschutzgebiet, betreten verboten!

Westlich davon liegt Minsener Oog:

Minsener Oog (second island)

Auch hier gilt: Vogelschutzgebiet!

Das Betreten ist aber nur fast verboten, denn man darf bei Niedrigwasser rüberlaufen, nicht aber ins Innere der Insel vordringen. Vor etwa vier Jahren habe ich das auch mal gemacht, immer an der Fahrrinne entlang. Na ja, war keine Herausforderung ;-)

Wangerooge mit seinem markanten Westturm (oberhalb der Bildmitte) schließt sich im Westen an:


Wangerooge (next island)

Tja, und Spiekeroog konnte ich zwar gerade noch erkennen, nicht aber fotografieren.

Uluru (Ayers Rock):

this pile of flotsam reminded me spontaneously of the famous Uluru (Ayers Rock)

In seinem Windschatten suchten Ohrenlerchen und Berghänflinge nach Nahrung.

Überall also Spuren von Xaver! Auch der örtliche Campingplatz ist dem Anschein nach ordentlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Er war von einer Schicht aus Klei bedeckt:


evacuated local campground covered by clay after cyclone Bodil 

Jetzt suchten hier Große Brachvögel und Steinwälzer nach Nahrung! Ob der Campingplatz wegen Christian oder Xaver geräumt worden ist oder ob das alljährlich so gehandhabt wird, ist mir allerdings nicht bekannt. Sollte dort aber tatsächlich allwinterlich geräumt werden, gäbe es keine Lebensgrundlage mehr für Dauercamper!

Ein diesjähriger Großer Brachvogel, der sich mal nicht so schreckhaft zeigte:

Eurasian Curlew

Nicht auf dem Campingplatz habe ich ihn fotografiert, sondern auf einem nahen Acker aus dem Auto heraus:


Er ließ sich nicht bei der Nahrungssuche stören:

Diese Bank nahe dem Campingplatz zeigt nach wie vor an, wie hoch Xaver das Wasser getrieben haben muss:

Ein Busch, der sich dem permanenten Wind einfach nicht beugen will, obwohl er längst tot ist:

Das Stadion von Schillig kann mit einem einmaligen Ausblick protzen:

Bei Hochwasser dribbelt man hier in Gummistiefeln, im Sommer auch schon mal barfuß.

Die zumeist dauerhaft gefluteten Bereiche zwischen Strand und Deich sind Schutzgebiet, ein Betreten ist untersagt:

no trespassing, protected area

Und was könnte das wohl sein?

modern catholic church

Ich musste wieder an Australien denken, an die berühmte Oper von Sydney, aber dieses anscheinend noch recht neue Gebäude ist die katholische Kirche des Ortes! Gleichzeitig ist sie der beste Beweis dafür, dass ein Gott nicht existieren kann, denn der hätte die schäbige Architektur als Beleidigung empfunden und die Kirche längst zum Einsturz gebracht.

Liebe Schilliger (sagt man so?), vielleicht möchtet ihr da noch eine Schicht roter Klinker zwecks Vertuschung dranmörteln. Oder begrabt das ganze besser gleich unter einem meterdicken Sarkophag, damit die negative Strahlung nicht mehr nach außen dringen und etwa unbescholtene Bürger verletzen kann...

Das letzte Bild dieses weihnachtlichen Beitrages zeigt eine weibliche Amsel, die in der nassen Laubstreu eines klitzekleinen Wäldchens nach glitzernden Christbaumkugeln, äh, Gewürm suchte:


Blackbird

Es ist egal, ob man gottesgläubig ist oder nicht. Schön wäre es, wenn die Menschen wenigstens für ein paar Tage im Jahr jeglichen Streit beilegen, die Waffen beiseite legen könnten. Noch schöner wäre es allerdings, wenn die Menschen dazu kein Weihnachten bräuchten.

So wie in dem folgenden Video sollte es jedenfalls nicht ausschauen: klick!

Der Kommentar von "Ebikoner0815" bringt es vielleicht auf den Punkt ;-) 

Das folgende Video dagegen zeigt Weihnachten nahe der Perfektion: klick!

So, jetzt genießt mal alle schön eure leckeren Käsebrötchen. Und lasst bitte die Gänse in Ruhe!