wilde perspektiven

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Donnerstag, 6. Februar 2014

Raubwürgerland (Teil 2)

Oh nein, bitte nicht schon wieder dieser Raubwürger! Meine Fresse, gibt es denn wirklich nichts Neues zu berichten? Langeweile hat jetzt einen Namen. Und, und. Und!

Macht mir nichts aus, Kinners, falls jemand so denken sollte. Ich bin der Baby Schimmerlos dieser Natur-Online-Illustrierten für ganz Anspruchsvolle. Und ich entscheide allein darüber, wer zur Gesellschaft gehört und wer nicht. Und der Raubwürger gehört dazu. Punkt.

Hier ist er also wieder, der Mauseschreck:

Great Grey Shrike scanning the ground for food

Am dritten Februar trug der Vogel übrigens erstmals in diesem Jahr seinen wohlklingenden und weittragenden Gesang vor, nach einer frostigen Nacht bei windstillen fünf Grad Celsius und unter einem niveadosenblauen Himmel. Noch nie in meinem Leben hat es einen Raubwürger gegeben, der nicht gegen Ende seines Aufenthaltes im Winterqartier zu singen begonnen hat.

Ist aber kein Kunststück, denn bei dieser Art singen beide Geschlechter:


Hi Frank, be so kind and take some pretty good shots of me!

Während man so im Tarnversteck sitzt und auf Sonnenaufgang und Vogel wartet, muss man sich irgendwie die Zeit vertreiben. Zum Lesen der BILD ist es trotz der riesigen Buchstaben noch zu dunkel, aber das Raubwürgerland ist eben auch Gänseland, und man kann diese interessanten Vögel zum Beispiel beim Verlassen ihres Schlafplatzes fotografieren:


White-fronted Geese on the way from their roost (frozen Kleines Meer) to the feeding grounds before sunrise

Hier auf dem Bild sind ja nur wenige Gänse zu sehen, die gerade die Ferienhäuser am Kleinen Meer überfliegen. Tatsächlich aber handelt es sich um ein allmorgendliches Spektakel, wenn mehrere tausend Blässgänse den See verlassen und ihre Nahrungsgründe auf den umliegenden Weiden aufsuchen. Einzelne Rufe kann man dann nicht mehr heraushören. Es ist für einen Augenblick ein einziges gellendes Geräusch, wenn sich die Masse der Vögel zeitgleich und rufend vom Eis erhebt.

Mich erinnert das dann immer an Amphibienkonzerte in Gebieten, in denen noch die Natur Regie führen darf. Wenn zum Beispiel in den Lagunen der rumänischen Dobrudscha gegen Abend nach den Seefröschen auch noch die phonstarken Laubfrösche in den gemischten Chor einfallen, dann kann man kaum noch sein eigenes Wort verstehen. Ganz großes Ohrenkino für jene Zeitgenossen, die den Bezug zur Natur noch nicht komplett verloren haben.

Und trotz dieser immensen Lautstärke konnte ich seinerzeit immer richtig gut schlafen, obwohl oder gerade weil unsere Unterkünfte in Histria unmittelbar am Wasser gebaut waren. Heute müssen Menschen, die Grünfrösche im Gartenteich haben, diese auf gerichtlichen Beschluss hin entfernen, weil der ach so geplagte Nachbar das Geräusch eines Rasenmähers besser ertragen kann.

Einige Vögel schlafen auch auf dem benachbarten Großen Meer, wie man an den Hinterlassenschaften auf dem Eis erkennen kann:


Don't take anything but photographs, don't leave anything behind but footprints (and excrement :-)

Ja, auch Gänse betreiben einen Stoffwechsel. Und ja, die Vögel haben unverschämterweise auf das Eis gekackt! Schließlich kann doch niemand von ihnen verlangen, dass sie erst nach Larrelt fliegen, zum Emder Klärwerk, um dort ihr Geschäft zu verrichten.

Und sie kacken den ganzen Winter lang auch auf die Weiden, suchen sich aber jeden Tag neue aus, um den Kot gleichmäßig zu verteilen und alle Bauern mit ihrem kostenlosen Naturdünger zu beglücken:

Geese did that

Ein undankbarer Teil der Emder Jägerschaft will diesen Tieren trotzdem ans Gefieder. Und dieser Teil der Emder Jägerschaft wird nicht müde zu versuchen, den Gastgänsen aus dem hohen Norden irgendeinen Schwarzen Peter zuzuschieben, nur um die Jagd auf sie zu legitimisieren. Dabei werden dann auch schon mal sehr gewagte Hypothesen in der Presse veröffentlich, bar jeder Vernunft und Realität.

Beispiel Nummer eins: "Das Kleine Meer kippt wegen des Gänsekotes um." *

Mit keinem Wort erwähnen diese naturfernen Menschen die ganze Gülle, die bereits mit Beginn eines jeden neuen Jahres auf die Felder ausgebracht wird. Übrigens auch gerne mal bei noch gefrorenem Boden. Baffzigtausend Kubikmeter, die am Ende über die zahllosen Entwässerungsgräben ungefiltert in den Meeren landen.

So sieht es zurzeit auf vielen Weiden in der Drei-Meere-Niederung aus - Gülle ohne Ende:

For comparison: farmers did that.

Local hunters don't stop claiming that geese excrement is responsible for hypertrophication of East Frisian lakes. But this photograph shows the naked truth. With the beginning of a new year farmers start to spread tons of liquid manure over the fields, which gets into the lakes via the melioration system. The shown meadow is not an exception, but the norm!

Da behaupte noch ein Mensch, die Gänse seien ein Problem. Hinzu kommt, dass Gänsekot nicht nur einen geringeren Nährstoffgehalt als Gülle hat, er ist auch garantiert frei von Hormonen und Antibiotika. Eben ein echtes Naturprodukt, das man wahrscheinlich sogar bedenkenlos lutschen könnte ;-)

Die Gänse trifft also nachweislich keine Schuld, und auch diese Nonnengänse in Uphusen haben ein absolut reines Gewissen:

Barnacle Goose

Zweites Beispiel: "Hasen mögen keine Wiesen und Weiden, die mit Gänsekot kontaminiert sind. Sie laufen, wenn sie sich überhaupt trauen, sie zu betreten, im Slalom über die weiten Flächen. Geradezu angeekelt vom Gänsekot (sinngemäß wiedergegeben)." 

Das ist kein Scherz! Auch solche Stilblüten kann man in der Emder Zeitung lesen. Wäre das nicht so furchtbar traurig, man könnte schallend lachen über das, was diese Gänsefeinde in unregelmäßigen Abständen in den Kosmos hinausposaunen. Und immer wieder suche ich im Falle eines solchen Artikels nach einem Hinweis darauf, dass es sich um Satire handelt, doch die meinen das wirklich ernst. Viele Jäger sind sich einfach für nichts zu schade.

Und solche Lügen sind natürlich problematisch, weil viele Menschen sehr leichtgläubig sind und das in einer Tageszeitung Geschriebene für bare Münze nehmen. Und genau das nutzen hiesige Jäger für sich aus. Gebetsmühlenartig wiederholen sie ihre kleine Märchenstunde in der lokalen Presse und können völlig zu Recht davon ausgehen, dass bei vielen Lesern etwas hängen bleibt.

Jeder mit einem Gewissen ausgestattete Mensch würde sich schämen, so einen Unsinn von sich zu geben und auch noch in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Viele Jäger aber kennen da offenbar keine Schmerzgrenze; sie handeln aus Boshaftigkeit und transparentem Eigennutz. Oder, und das wäre fast noch schlimmer, sie wissen es wirklich nicht besser.

Dabei geht es doch auch fast ohne Jagd, wie das Beispiel Genf (Schweiz) eindrucksvoll belegt. Seit vierzig Jahren verzichtet man dort auf wahnwitzige Waidgerechtigkeit. Bitte unbedingt lesen: klick

Und schauen (lieben Dank an Axel Book für den Link): klick

Allein das Beispiel des kriecherischen, sich beim "Jägerfürsten" anbiedernden Seehofer zu Beginn des Films zeigt ganz eindrucksvoll, warum es die Jagd auch im 21. Jahrhundert wider besseres Wissen überhaupt noch gibt.

Und auch hier bitte einmal schauen, weil sehr aussagekräftig: klick

In diesem Beitrag ist es der Herr Borchert (ehem. Bundeslandwirtschaftsminister), der durch unglaubliches Fachwissen glänzen kann ;-)

Egal, ein solches Modell wie in Genf wünsche ich mir auch für Ostfriesland, nein, für ganz Deutschland, nein, für alle Industriestaaten. Das Volk sollte darüber entscheiden, ob gejagt werden darf oder nicht. Unzählige wissenschaftliche Untersuchungen haben längst den Beweis erbracht, dass die Jagd, so wie sie heute betrieben wird, völlig sinnfrei ist. Und wieso leisten wir uns teure Wissenschaft, wenn am Ende die wesentlichen Entscheidungen am Stammtisch gefällt werden?


Im Revier des Raubwürgers und der Wintergänse ist es vor allem unmittelbar nach Sonnenaufgang traumhaft schön, weil die Morgensonne nicht mit buntesten Farben geizt (bitte auch die Ringeltauben beachten):




black and white patterned Downy Birches on early morning

Wenn zwei bis vier Lärchen in der freien Landschaft stehen und nicht im dunklen Forst, dann spricht man von Feldlärchen (hier die beiden Gänse):

European Larch

Eine Pflanze mit Migrationshintergrund, die Mariendistel:

nonnative Milk Thistle from the Mediterranean

Da sollte sich echt mal ein Raubwürger draufstellen, das wäre toll, denke ich oft.

Die Sonne lugte noch nicht über den Horizont, da tauchte der Vogel tatsächlich auf, um mir einen Guten Morgen zu wünschen:
































Die Distel aber störte sich am inzwischen tonnenschweren Vogel und brach bei dessen stürmischer Landung kurzerhand in sich zusammen. Mann, dachte ich so, das darf doch wirklich nicht sein. Kannst du blöder Vogel nicht eleganter landen, vielleicht zunächst einmal über der Pflanze rütteln und dann ganz vorsichtig erst den einen und dann den anderen Fuß aufsetzen?

Ich hatte es dir doch vorher tausendmal erklärt:

Sieht ein bisschen wie eine Studioaufnahme aus:






























Während diese Bilder also vom frühen Morgen stammen, machte ich das folgende (und auch die ersten beiden des Beitrages) am Nachmittag bei kaltem Licht:

Gegen Sonnenuntergang entstanden die nächsten beiden:

Recht rötlich, das Licht, und längst nicht so schön wie jenes vom frühen Morgen:

Abermals Bilder aus dem Revier des Vogels:

Schneereste oder Restschnee:




Wenn Schnee liegt, kann man super sehen, welche Tiere wo rumgelaufen sind. Rehe, Hasen und auch ein Fuchs besuchten zum Beispiel nachweislich den Friedhof Tholenswehr in Emden-Wolthusen. Hunde strullten nahezu überall so ganz ohne Niveau in die weiße Pracht.

Bei mir sieht das viel kreativer aus. Hier habe ich mal mit ganz ruhiger Hand meinen innigsten Wunsch in den Schnee gepieselt:

Na, könnt ihr das auch?

Die kompletten 48 Stunden zuvor war ich extra nicht ein einziges Mal aufs Klo gegangen, weil  ich sichergehen wollte, dass es auch wirklich reicht. Und ich hatte ausschließlich Multivitaminsaft getrunken, damit die Farbe stimmt. Die Punkte auf dem Ü waren bei diesem Projekt übrigens die größte Herausforderung! **


Am Ufer eines Kanals, der Kleines und Großes Meer miteinander verbindet, hatte es die Morgensonne noch nicht geschafft, das Gras komplett vom Raureif zu befreien.

Entsprechend fleckig sieht der Teppich aus:

Ein Blick auf einen kleinen Teilbereich des Großen Meers:



Oh, der Raubwürger:

Hier lugt er aus sicherer Distanz in Richtung Tarnzelt:








Ein Schild im wirklich allerletzten Licht des Tages:

Gemeint sind die drei Binnenseen Großes Meer, Kleines Meer (das offiziell Hieve heißt) und Loppersumer Meer.

Doch wer steht da eigentlich im Hintergrund auf der kahlen Grauweide:


Wer auch sonst?

Und ein weiteres Bild vom Vogel:

Auch wenn das Licht scheiße ist, komm doch bitte noch einmal etwas näher ran:

Danke!

Wenn der Vogel mir seinen Rücken zuwendet, dann habe ich alles richtig gemacht. Er ahnte nicht einmal, dass ich mich in seiner unmittelbaren Nähe befand.

Auf dem folgenden Bild stand er auf einem Stacheldraht mit der Ferienhaussiedlung am Kleinen Meer im Hintergrund:

Und schließlich abermals raubwürgerspezifisch ganz oben auf dem höchsten Zweig:

* Nährstoffe aus der Landwirtschaft, die über viele Jahre in einen See eingetragen werden, beschleunigen ganz bestimmt dessen Verlandungsprozess und können tatsächlich zum so genannten Umkippen führen. Der Dümmer (Kreise Vechta, Diepholz und Osnabrück) war und ist ein gutes Beispiel dafür, übrigens ebenfalls verursacht durch intensivste Landwirtschaft auf den umliegenden Flächen. Dass sich das Kleine Meer aber bereits in diesem Zustand befindet, noch dazu durch den Kot der Gänse verursacht, ist ein weiteres Märchen aus dem Mund einiger Lodenträger.

**  "In echt" ist das ein O-Saft-Wasser-Gemisch gewesen, das ich mit einer kleinen Spritze in den Schnee geträufelt habe ;-)

Und hier geht es zum ersten Teil von Raubwürgerland: klick