wilde perspektiven

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Samstag, 1. Februar 2014

Raubwürgerland

Wo immer ich auch gelebt habe, bis zum nächsten Raubwürger-Winterrevier ist es nie sehr weit gewesen. Halboffene Landschaften wie Moore, trockenes wie auch feuchtes Brachland werden vom Raubwürger bevorzugt als Aufenthaltsort ausgewählt. In meiner alten Heimat konnte ich den großartigen Vogel auf den ehemaligen Flugplätzen Wittefeld und Achmer sowie in Venner und Recker Moor allwinterlich feststellen.

Hier in Ostfriesland bin ich ihm am Ewigen Meer, im Collrunger Moor, auf dem Rysumer Nacken sowie in den Meeden zwischen Emden und Forlitz-Blaukirchen begegnet. Brütend aber habe ich den anspruchsvollen Raubwürger nie erleben dürfen, weil er dann dem Anschein nach noch deutlich höhere Ansprüche an seinen Lebensraum stellt.

Ansprüche, die in weiten Teilen des modernen Deutschland leider nicht mehr erfüllt werden können.







Great Grey Shrike on a perch in late afternoon sun

In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts war der Raubwürger noch ein geläufiger Brutvogel im Landkreis Osnabrück, wo ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe. In den Jahren nach dem Krieg sah es im ganzen Land wohl noch recht unordentlich aus, günstige Voraussetzungen also für den Raubwürger, der seinerzeit zumindest im Nordkreis um Bersenbrück und Bramsche noch häufiger gewesen sein soll als sein kleinerer Verwandter, der Neuntöter.

same perch, same bird, but different angle and time of day

Irgendwann meinten die Menschen in unserer geilen Republik aber, dass das so nicht bleiben könne. Es wurde also aufgeräumt, und weil hier von Deutschland die Rede ist, so gründlich wie noch nie zuvor. Brachland wurde selten, großflächige Brachflächen verschwanden so gut wie komplett aus der Landschaft. Nur genutztes Land ist gutes Land, so lautete wohl die Devise.

Für den Raubwürger und auch viele andere sehr anspruchsvolle Tier- und Pflanzenarten bedeutete das das schnelle Aus. Ein Leben in unserer überdüngten Landschaft kam für sie nicht infrage:


landscape somewhere between Forlitz and Emden
 
Und weil sich das alles schon in den fünfziger und sechziger Jahren abgespielt hat, musste ich ohne brütende Raubwürger aufwachsen. Der Trend des Bestandsrückganges dieser Art hält übrigens bundesweit nach wie vor an, und wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Raubwürger komplett aus Deutschland verschwunden sein wird.

Als Wintergast aus dem Norden aber wird man ihn hoffentlich auch weiterhin bei uns beobachten können:

hovering Great Grey Shrike

Raubwürger sind Wartenjäger. Meist stehen sie auf dem höchsten Zweig eines Busches oder Baumes, um den Boden nach möglichen Beutetieren abzusuchen. Mit geübtem Blick also kann man ihn schnell ausfindig machen, indem man mit dem Fernglas die Spitzen aller Bäume und Büsche absucht:


a perching Great Grey Shrike almost always prefers the highest twig of a bush

Im Winter erbeutet der Raubwürger vorzugsweise Mäuse, die er durch einen gezielten Biss in den Nacken blitzschnell tötet oder wenigstens kampfunfähig macht. Doch bei einer geschlossenen Schneedecke, wenn Kleinnager schlecht zu erreichen sind, kann er auch ohne große Probleme auf Kleinvögel ausweichen. Da er selbst nur die Größe einer Singdrossel hat, ist es schon erstaunlich, an welch große Beutetiere sich der Raubwürger heranwagt. Wie der Sperber ist er ein mutiger Draufgänger und, was vielleicht erstaunen mag, im Gegensatz zu diesem nicht nur ein echter Singvogel, nein, er ist quasi der Chuck Norris unter diesen!

unfortunately this bird lacks a light reflection on the eyes - it was a very dark day

Hier war es etwas besser, aber immer noch alles andere als perfekt:

Raubwürger mit einem hohen Weißanteil in Flügel, Schwanz und Schulterfedern sowie ohne jegliche Sperberung auf den Flanken (kann man in der Regel nur aus der Nähe erkennen) werden immer wieder für Angehörige der südosteuropäischen Unterart L. e. homeyeri gehalten, doch meiner Meinung nach handelt es sich wohl in den allermeisten Fällen um ganz normale Männchen der Nominatform. Dieser Vogel hier unterscheidet sich übrigens kaum von jenem, den ich vor zwei Jahren an gleichem Ort fotografieren konnte. 

Bilder aus dem Revier des Raubwürgers:

Was heute als ausgedehntes und von den Landwirten hoffnungslos überdüngtes Weidegebiet und Grünland daherkommt, war früher einmal ein an Nährstoffen armes Moor, das die ostfriesischen Meere umgab:

Kleinstflächen, an denen auch heute noch das moortypische Pfeifengras wächst (auf keinem der Bilder zu sehen), gibt es aber auch heute noch:

An einem frühen Morgen:

Da der Raubwürger mein Lieblingsvogel ist, dessen Konterfei inzwischen sogar meine Bankkarte ziert, ist es für mich immer wieder etwas ganz Besonderes, ihn zu fotografieren. Hinzu kommt, dass der hübsche Vogel Lebensräume bevorzugt, die auch mir ganz besonders gut gefallen:

Der Vogel selbst zeigt sich dem interessierten Beobachter gegenüber meist sehr reserviert. Es ist eine kleine Kunst, ihn vor die Kamera zu bekommen. Eine noch größere Kunst scheint es zu sein, im entscheidenden Moment auf das richtige Licht zu treffen:


Wenn der Raubwürger auf Beute aus ist, und das ist er eigentlich immer, dann bevorzugt er die energiesparende Wartenjagd, doch ab und zu rüttelt er auch über dem Grund, um sich einen noch besseren Überblick zu verschaffen:

Oder so:


Diese Ausflüge aber dauern meist nicht lange an, und der Raubwürger kehrt nach wenigen Sekunden zu seiner bequemen Warte zurück, um ein wenig im frischen Wind zu schaukeln:

Wie der Raubwürger haben es viele Tier- und Pflanzenarten nicht leicht im Zusammenleben mit uns Menschen. Viele Tier- und Pflanzenarten haben weite Teile der Republik bereits geräumt, weil wir ihren Lebensraum für immer und ewig zerstört haben. Doch wisst ihr, was noch viel schlimmer ist?

Die meisten Menschen bekommen das erst gar nicht mit!