wilde perspektiven

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Sonntag, 18. Mai 2014

Die Joe-Cocker-Nachtigall

Am Samstag fuhr ich frühmorgens und ganz langsam mit meinem Auto durch den Wybelsumer Polder. Die Scheiben hatte ich heruntergekurbelt, das Radio bereits ausgeschaltet. 

Trotzdem war es ein Höllenlärm, das will ich euch sagen. Ein solch lautstarkes Seefrosch-Konzert hatte ich in Deutschland noch nie gehört! Bei kühler Luft und reichlich Nebel war das wieder einmal eine ganz besondere Stimmung, die ich da genießen durfte. Und ich musste nicht einmal aussteigen.

Ich wünschte mir in meiner Vermessenheit noch den Gesang einer Rohrdommel. Die würde sich jetzt gut ins Gesamtkunstwerk einfügen, hoffte ich nicht zu Unrecht, weil Klaus Rettig (Emden) erst einige Tage zuvor einer rufenden Rohrdommel begegnet war - unweit jener Stelle, an der ich mich nun befand. 

Der Seefrosch dahinten hört sich aber besonders seltsam an, dachte ich wenige Sekunden später irritiert, nachdem ich so ganz am Rande etwas Krächzendes aus der Ferne vernommen hatte. Ich musste mich voll konzentrieren, um das Geräusch in meinem Hirn von jenem der keckernden Frösche zu trennen. 

Es sollte gelingen, und ich wusste, welch erlesener Gast da lautstark auf sich aufmerksam machte:






























Great Reed Warbler - rare visitor to Emden since this species has been extirpated in entire Ostfriesland in the late seventies (record shots)

Der Gesang dieses größten europäischen Rohrsängers an sich ist unverwechselbar und sehr laut, doch wenn die Nebengeräusche noch lauter sind und die Entfernung zum Vogel groß, dann ist die korrekte Bestimmung schon eine kleine Herausforderung. 

Selbst für mich ;-)

Insgesamt vier Stunden stand ich da geduldig am Schilfrand, um ein Foto von dem seltenen Gast zu schießen. Entsprechend unterschiedlich war meine Stimmung. Bevor ich die Bilder, die ich am Ende glücklicherweise noch hinbekommen sollte, endlich im Kasten hatte, schimpfte ich in Gedanken und zum Spaß in etwa so: Los, du bescheuerter Vogel, jetzt komm da mal aus dem Schilf raus! Nach den Fotos flötete ich halblaut in die entgegengesetzte Richtung: Du bist der hübscheste Drosselwaldsänger, den ich je gesehen habe ;-)

Und es war aber auch ein Kampf! Der Vogel zeigte sich zwar wenig scheu, achtete aber immer sorgsam auf ausreichend Deckung und blieb so über den gesamten Zeitraum in der unteren Etage des Schilfes versteckt. Nur drei Meter von mir entfernt sang er unablässig, und nur ein einziges Mal tauchte er auf, sodass es immerhin für zwei Belegfotos gereicht hat:

Tausend Halme und etliche Zweige im Weg, aber man kann alles erkennen, was mich zufrieden stimmt!

Nachdem ich mich entfernt hatte, bezog der Drosselrohrsänger wieder seine bevorzugte Warte, die sich in etwa drei Metern Höhe auf dem Zweig einer unmittelbar am Wasser stehenden Weide befand. Ich beobachtete ihn schließlich noch aus der Ferne mit meinem Spektiv.

Lustig sah es aus, wenn der große Vogel bei der Nahrungssuche von einem Halm zum nächsten hüpfte. Das wirkte gleichzeitig elegant und schwerfällig. Und immer, wenn er landete, bebte das ganze Ried und ich  vor Lachen.

Der Drosselrohrsänger sieht in etwa wie eine riesige Mutation des Teichrohrsängers aus. Letzerer brütet im Gebiet wie auch Schilfrohrsänger und Sumpfrohrsänger. Der Drosselrohrsänger hingegen hat Ostfriesland längst aufgegeben. In den Siebzigern soll es hier die letzten Bruten gegeben haben, im Anschluss daran hat es bis heute lediglich einige Beobachtungen von singenden Durchzüglern gegeben, die in der Regel nach wenigen Tagen wieder verschwanden.

Dieser Vogel hält sich nun immerhin schon zwei Tage im Polder auf, und mit sehr, sehr viel Glück kann er mit seinem geilen Gesang ein Weibchen herbeilocken. Und der Gesang dieser Art ist vielleicht mal geil! Mich erinnert er an jenen der Nachtigall, nur eben mit quietschenden und krächzenden Elementen. Keineswegs beherrscht so ein Männchen nur das vielzitierte "Karre-karre-kiet-kiet-kiet": Die Strophen zumindest des Wybelsumer Vogels überraschten in ihrer Vielseitigkeit und zeigten auch hinsichtlich ihrer Länge große Unterschiede. Eine unausgeschlafene Nachtigall, die jahrelang Whisky gesoffen und viele Fluppen geraucht hat, müsste sich ungefähr so anhören. Noch besser aber würde ein Sprosser passen...

Fazit: Für mich war das erst der zweite Drosselrohrsänger in Deutschland und auch in Westniedersachsen. Ein Vogel am 16. Mai 2001 (und somit fast auf den Tag genau am gleichen Datum) an den Klärteichen in Bramsche-Achmer stellte seinerzeit meinen persönlichen Erstnachweis dar.

Die Bestandseinbrüche des Drosselrohrsängers um über neunzig Prozent in Niedersachsen waren lediglich Teil eines Gesamtbildes, das seinerzeit den kompletten Westen der Republik, aber auch die Niederlande betraf. Und obwohl auch die Bestände in den östlichen Bundesländern zum Teil erheblich einbrachen, konnte sich diese anspruchsvolle Art dort wenigstens auf niedrigerem Niveau halten.

Und so sieht übrigens ein Seefrosch aus (19. August 2012):

Marsh Frog concert  is a current natural spectacle at Wybelsumer Polder, in particular around dusk and dawn (picture shows young specimen, taken from the archives)


Raureif auf den Blättern der Großen Brennnessel:

Soft Rime covered the leaves of this Common Nettle on early morning three days ago - this is not unusual for this time of the year

Das ist aber nicht so furchtbar ungewöhnlich, denn mit Bodenfrost muss man bis weit in den Juni hinein rechnen. Vor vielen Jahren gelangen mir ähnliche Bilder an einem Tag etwa zwei Wochen vor der Sommersonnenwende!

Einer Dorngrasmücke aber war die kalte Nacht egal. Aus voller Kehle sang sie an einem Morgen im Wybelsumer Polder:

Common Whitethroat

Ein Mann beim morgendlichen Frühsport im Watt:

this man was digging for lugworms in the intertidal zone close to the beach - I really don't wanna switch

Nebelschwaden waberten hier träge über einem Gewässer im Wybelsumer Polder.

Wenige Minuten später wurden sie von der aufgehenden Sonne vernichtet:


Die kommenden Tage soll es richtig heiß in Deutschland werden. Ob das auch für Ostfriesland gilt, bleibt allerdings abzuwarten. In der Regel ist es hier stets ein paar Grade kühler als tiefer im Binnenland, und nicht selten weht wenigstens eine leichte Brise, die Kühlung verschaffen kann.

Und bevor die Leute wieder wegen der vermeintlichen Hitze zu jammern anfangen, möchte ich noch schnell an die vergangenen Wochen erinnern, die stürmisch und sehr nass daherkamen.

Die Regentropfen auf dem Mantel dieses Austernfischers, der da einen Regenwurm aus dem Rasen herausarbeitete, sind nur allzu gut zu erkennen und sollten in Erinnerung bleiben:


Eurasian Oystercatcher with raindrops on his back - the previous weeks have been very rainy and stormy, but now and finally the summer is there