wilde perspektiven

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Sonntag, 8. Juni 2014

Das Phantom

Im letzten Beitrag hatte ich von einem Tier berichtet, das den einsamsten Drosselrohrsänger der Welt im Wybelsumer Polder immer wieder auf die Palme gebracht hat. Warum auch immer. In weiten Teilen unserer Republik ist dieses Tier keine Seltenheit. Trotzdem wird es nur sehr selten gesehen. Viel häufiger werden die Rufe gehört, allerdings meist auch nur von Vogelguckern wie mir.

Das Tier, um das geht, ist (natürlich auch) ein Vogel.

Und der Vogel, der hier heute vorgestellt wird, ist dieser hier:






























Water Rail 

Die geile Wasserralle führt ein Leben im Verborgenen. Sie besiedelt Feuchtgebiete mit einer dichten Vegetation aus Schilf, Seggen, Binsen und/oder Rohrkolben und bewegt sich dort dermaßen versteckt und unauffällig, dass sie in der Regel nur schwer visuell nachweisbar ist. Und selbst ihre diagnostischen Rufe können auch schon mal über mehrere Stunden komplett ausbleiben.




Menschen, die die Wasserralle im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen in einem Gebiet nachweisen möchten und nicht stundenlang warten wollen, machen sich die strenge Territorialität des Vogels zunutze, indem sie die Rufe oder den Gesang der Art vom Band abspielen (Klangattrappe).

In der Regel dauert es keine fünf Sekunden bis zur Antwort aus dem Schilf. 

Nicht selten zeigen sich die Vögel unter diesen Umständen sogar in ihrer ganzen Pracht, doch ist der Gebrauch der Klangattrappe grundsätzlich verboten, weil er die Tiere, die nun einem unsichtbaren Konkurrenten macht- und hilflos gegenüberstehen, völlig sinnfrei in Rage versetzt und leiden lässt.

Eine Ausnahmegenehmigung bekommt man nur für o. g. wissenschaftliche Untersuchungen, zu denen die Naturfotografie eben nicht gehört.

Überhaupt: Wer keine Geduld hat, der sollte sich schnell ein anderes Hobby suchen!





Wie nah sie herankam. Völlig ahnungslos!

Ich lag da auf dem Boden, Auge in Auge mit einer Wasserralle. Rechts von mir sangen Teichrohrsänger in Dauerschleife, links Garten- und Mönchsgramücke, Gelbspötter, Fitis, Zilpzalp, Zaunkönig und Heckenbraunelle. Die dünnen Rufe gleich mehrerer Beutelmeisen erreichten meine Ohren. In der Ferne hörte ich immer wieder die warnenden Rotschenkel und Kiebitze, weil sich wohl wieder eine Krähe oder Rohrweihe der Kolonie genähert hatte.

Wieder einmal ein echtes Naturerlebnis zum Nulltarif.

Dass die Wasserralle im Wybelsumer Polder vorkommt, war mir natürlich klar. Gesehen aber hatte ich sie dort bis zu meinem Fotoshooting mit dem Drosselrohrsänger noch nie. Gehört dafür umso häufiger. Ich saß da also in meinem Versteck und knipste den Rohrsänger, während immer mal wieder die Wasserralle für einen kurzen Augenblick auf der Showbühne erschien. Ich ahnte sofort, da geht was!

"Kuckuck, hier bin ich."




In meinem Leben hatte ich erst ein einziges Mal das Vergnügen, Wasserrallen zu fotografieren. Das war vor etwa zehn Jahren auf der Helgoländer Düne, wo einzelne Individuen sogar so zahm waren, dass sie (wie die Austernfischer dort) täglich in die Zelte und Holzhütten (dort Bungalows genannt) der Urlauber kamen, um sich bei den Bewohnern eine Portion Regenwürmer abzuholen.

Ich wusste das damals aber noch nicht. Und die Rallen zeigten sich Fremden gegenüber auch eher reserviert. Trotzdem gelangen mir gute Aufnahmen von einem dieser Vögel, doch das war eben noch zu analoger Zeit. 

Ein sehr kalter Winter, der ausnahmsweise auch das ansonsten eher milde Helgoland schockfrostete, löschte die gesamte Wasserrallenpopulation auf der Düne aus. Die Teiche froren zu, die Nahrung wurde knapp. Urlauber, die einem aus Sicht einer Wasserralle aus der Patsche hätten helfen können, gibt es auf der Düne nur bis Ende Oktober. Und weil diese Vögel in den Wintern zuvor wohl auch auf der Insel geblieben waren, probierten sie es auch dieses Mal.

Keines der Tiere sollte überleben. Zumindest aber wurden in den folgenden Monaten keine Wasserrallen mehr auf der Düne beobachtet.

Inzwischen gibt es natürlich längst wieder Rallen an den Dünenteichen und wohl auch in den Rosengebüschen nahe des Campingplatzes, und mindestens seit 2008 auch wieder welche, die die Nähe der Camper suchen, weil es dort etwas zu essen gibt.

Hier ein Link zu einem dieser Vögel: klick!

Ein weiterer: nochmal klick!

Der Lebensraum der Wasserralle im Wybelsumer Polder:


habitat of Water Rail at Wybelsumer Polder/Emden

Und noch ein Bild:


Viele Rallenarten haben einen Körper, der sich im Laufe der Evolution an ein Leben in dichtester Vegetation angepasst hat. Auch der Körper der Wasserralle ist seitlich komprimiert, sodass sie auch noch durch die verfilzesten Ecken am Ufer der Gewässer schlüpfen kann, ohne sich zuvor eine Machete kaufen zu müssen.

Wie geschickt sie das macht, konnte ich nun aus sehr geringer Distanz im Wybelsumer Polder beobachten. Meist bewegt sie sich bedächtig, fast gelassen. So wendet sie minutenlang altes Laub im Wasser, um sich Zugang zu den Kleinlebewesen zu verschaffen, die sich darunter verbergen. Sie liest Insekten von der Vegetation ab und stochert wie ein Strandläufer im weichen Substrat des Gewässerufers. Wie es auch Teichrallen tun, stellt auch die Wasserralle bei nahezu jedem Schritt die Steuerfedern steil auf, um sie sofort wieder abzusenken.

Die Post ging erst dann richtig ab, wenn ein Artgenosse diese Idylle zerstörte und in das Revier "meiner" Wasserralle eindrang. So schnell konnte man gar nicht gucken, geschweige denn fotografieren, da hatte ihn "meine" Ralle schon wieder aus dem Revier vertrieben. Lustig sah das immer aus, wenn diese Tiere wie Speedy Gonzales durch das Gestrüpp rannten und Fangen spielten und sich trotz der ganzen Halme und Stängel nicht ein einziges Mal auf die Klappe legten oder auch nur ins Stolpern gerieten.

Das nächste Bild zeigt jene Wasserralle, die da immer wieder für Spannungen an der Reviergrenze sorgte.

Nennen wir sie spaßeshalber "Bösewicht" (hat u. a. einen deutlich längeren Schnabel):

this intruder, a second specimen with a conspicuously longer bill, entered the territory of "my" Water Rail for several times a day, which resulted in ritualised aggression lasting only a few seconds. Accidentally I had set up my hide at the border of two different territories. Water Rails really don't like Water Rails!

Das Bild entstand übrigens mit einer dreißigstel Sekunde!

Nach dem Kampf herrschte dann endlich wieder Ruhe im eigenen Wohnzimmer. Und "meine" Ralle hatte nun die Zeit, sich das komische Teil da genauer anzusehen, das da aus dem anderen komischen Teil herausragt:

Skeptische Frage: "Frank, bist du das etwa wieder?" 

"Jau."

"Okay, dann is' gut."

Yellow Flag

"Komm, ich stell mich mal so hin, dass du mich im Profil fotografieren kannst."





"Gut so, aber kannst du vielleicht mal deinen Schwanz so aufstellen, wie du es sonst ja auch bei jedem Schritt machst?"

"So?"

"Genau! Und jetzt mal von vorn, aber so, dass du zur Seite guckst..."

"Klasse! Und jetzt tu mal bitte so, als ob du nach Nahrung suchst. Zack, zack, ich hab' nicht ewig Zeit!"

Ich musste lachen:

Die Ralle auch.

So geht das eigentlich immer, wenn ich irgendeinen Vogel fotografiere. Kommunikation ist alles. Und, um noch schnell eine weitere Floskel loszuwerden, von nichts kommt eben nichts.

Diese junge Stockente schaute zusammen mit Mama und einem letzten Geschwister auch mindestens einmal am Tag bei mir vorbei:

Mallard 

Vor einer Woche sind es noch acht Küken gewesen!


Da hatte bestimmt die Rohrweihe ihre Finger im Spiel ;-)

Ja, die Wasserralle verfügt über ein ganzes Repertoire an verschiedenen Rufen, von denen das so genannte Ferkelquieken wohl der bekannteste ist. Nebenbei ist es auch noch genau der Ruf, der von dem Vogel am häufigsten geäußert wird. 

Aus meinem Versteck heraus konnte ich beobachten, dass nach einem abgeschlossenen Konflikt an der Grenze zweier Reviere jener Vogel sich aufrecht hinstellt und wie ein Ferkel quiekt, der soeben den anderen in die Flucht geschlagen hat. Der Sieger also. Und auch eine sich erschreckende Wasserralle quiekt lautstark wie ein Ferkel.

An den Süßwasserteichen auf der Helgoländer Düne konnte man die Anwesenheit einer Wasserralle nachweisen, indem man den Deckel der dortigen Kunststoffmülltonne lautstark zuknallte...


Die Wasserralle im Wybelsumer Polder hat mehrfach unweit meines Tarnzeltes gebadet, doch erbat sie sich dafür ein wenig mehr Privatsphäre und versteckte sich hinter einem Duschvorhang aus Schilfhalmen.

Das war auch für mich okay.

Hier hatte der Vogel das Bad bereits hinter sich und putzte sich ausgiebig:

Wenn man dieses heimliche Tier so wie auf dem obigen Bild im Feld zu sehen bekommt, dann sollte man schon zufrieden sein, denn in den meisten Fällen will nicht einmal das gelingen.

In Emden ist die Wasserralle ein durchaus gängiger Vogel. Die vielen Gewässer auf dem Gebiet der Stadt, ob klein oder groß, bieten ihr gute bis sehr gute Lebensmöglichkeiten. Besonders zahlreich ist sie in den ehemaligen und inzwischen stark verschilften Spülfeldern auf dem Rysumer Nacken sowie im Wybelsumer Polder vertreten, und auch die Randbereiche der Meere sind klassisches Wasserrallen-Land. Weitere Vorkommen existieren z. B. im Feuchtgebiet unterhalb des "Friesenhügels" (ehem. Müllkippe), aber auch an eher suboptimalen Gewässern wie dem Trecktief, wo  ich das Phantom mehrfach verhören konnte.

Obwohl ich direkt am Ufer auf Vögel wartete, wunderte ich mich schon, als da gleich mehrere Seefrösche im wahrsten Sinne des Wortes vor meinem Tarnzelt auftauchten.

Und zwar gleich nach Sonnenaufgang:

several Marsh Frogs visited my hide

Eine Heckenbraunelle hüpfte ebenfalls immer mal wieder vor meiner Linse herum:

Dunnock (Hedge Accentor)

Oberflächlich betrachtet ist sie ähnlich gefärbt wie eine Wasserralle! Fehlen nur noch die Streifen an der Seite und der rote Schnabel.

Die beiden letzten Bilder entstanden mit einer vierzigstel (Frosch) und sogar nur einer dreißigstel Sekunde. Wirklich finster war es dort am frühen Morgen kurz vor und nach Sonnenaufgang. Aber ich liebe eben die Schattenfotografie.



Abschließend gibt's noch ein Portrait einer der Wasserrallen.

Ich bitte die hübsche rote Iris und den kirschroten Schnabel zu beachten: