wilde perspektiven

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Donnerstag, 26. Juni 2014

Sommerliche Farbtupfer im ostfriesischen Outback


Heute gibt es mal wieder einige Blümchen, obwohl ich ja eigentlich eher Vogelgucker und Schlangenfreund bin.

Wenn es stimmt, was meine Mutter sagt, dann waren meine ersten Worte nämlich nicht etwa Mama, Papa oder Kamtschatkaknöterich, nein, ich stammelte etwas undeutlich He-he-heckenbraunelle, während ich gleichzeitig meinen Kinderwagen vollsabberte. Und wenige Minuten später, nach einem kräftigen Schluck aus der warmen Schnuller-Kunststoffpulle (gefüllt mit Alsterwasser), fügte ich dann noch ein lautstark gellendes Europä-ä-äääÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ-ische Eidechsenna-na-natter hinzu.

"Ich hab's dir gesagt, wir hätten es doch bei vier Kindern belassen sollen", flüsterte meine Mutter meinem Vater vorwurfsvoll ins Ohr.

Im Laufe der Zeit, aber immer noch in meiner Kindheit, weitete sich mein Interesse auf andere Bereiche der Natur aus. So kamen schließlich auch noch Pflanzen und diverse Insekten hinzu. Ein sympathischer Mensch aus der Nachbarschaft und später auch eine liebe Familie aus Osnabrück-Schinkel, die ich über den sympathischen Menschen aus der Nachbarschaft kennen gelernt hatte, teilten meine maßlose Begeisterung für das wilde Leben da draußen. Gemeinsame Exkursionen waren die logische Folge.

Und das war gut so, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich für den einzigen Menschen im Kosmos gehalten, den die vermeintlich so triviale Natur vom Hocker reißen konnte.

Rosebay Willowherb (am.: Fireweed)

Statt einfach mal ein fettes Lob im Gästebuch dieser Seite zu hinterlassen, stellen mir die Leute vor allem per E-Mail immer wieder folgende Fragen:

Woher wissen Sie das alles? Wie lange brauchen Sie, um so einen Beitrag zu verfassen? Machen Sie immer extra so viele Bilder, nur um Ihre Seite mit Inhalt zu füllen? Die Antworten darauf: siehe oben, hängt von der Länge ab und nein, es ist genau umgekehrt!

Ich betreibe dieses Blog, eben weil ich jede freie Minute draußen verbringe und pro Tag etwa tausend Bilder schieße. Ich hatte das hier auch schon mal geschrieben: Fotos sind bei mir nichts anderes als ein Stoffwechselprodukt. Und weil ich der Meinung bin, dass man sie auch ruhig zeigen und nicht etwa für ewig im Nirwana der Festplatte versenken sollte, kreierte ich spontan diese Seite.

Wilde Perspektiven war geboren, und das zu eurem Glück ;-)



Was wäre die Landschaft doch ohne die vielen Wildblumen?

Das zurzeit vielerorts blühende Schmalblättrige Weidenröschen kann es in seiner Pracht locker mit jeder heimischen Orchidee aufnehmen, doch weil die Art sehr häufig ist, bleibt ihr die Bewunderung der Menschen leider verwehrt:



Die zartrosa Kronblätter im Zusammenspiel mit den dunkleren Kelchblättern und den weißen Staubfäden stellen eine sehr harmonische Kombination dar, die auf den ersten Blick gefällt:

Hummeln sind echte Frühaufsteher. Brumm, brumm.

Und hier war sie schon wieder weg, die Hummel. Das Bild zeigt zwar dieselbe Pflanze, entstand aber etwa eine Stunde später unter völlig veränderten Lichtverhältnissen:


Eine andere Wildblume besticht ebenfalls durch ihre außergewöhnliche Attraktivität:

Viper's Bugloss

Wie das Schmalblättrige Weidenröschen wächst auch der Gewöhnliche Natternkopf nicht selten in großen Beständen, allerdings eher auf trockeneren und meist sandigen Flächen:



Ich mag ihn sehr, erinnert er mich doch an den Flugplatz in Achmer, wo ich so viele Stunden meines Lebens verbracht habe:

Ein letztes Bild von dieser Pflanze:



Ein unmittelbarer Konkurrent um Lebensraum auf dem Rysumer Nacken stellt für den Natternkopf der Echte Steinklee dar:

Yellow Sweet Clover

Und zu allem Überfluss wächst dort auch noch der Weiße Steinklee:

assumed Bokhara Clover

Ich will ehrlich sein, ich befinde mich jetzt mitten auf einem zugefrorenen See. Und das Eis ist sehr, sehr dünn! Denn eigentlich ist mein Interesse an der Botanik längst erloschen, was bedeutet, dass ich mein diesbezügliches Halbwissen aus der Vergangenheit beziehen muss. Erinnerungen aber verblassen mit der Zeit, und ich weiß nicht, ob das, was ich sicher zu wissen glaube, auch tatsächlich stimmt.

Halbwissen eben.

In diesem speziellen Fall kann es sich auch um eine einzige Steinklee-Art handeln, die vielleicht sowohl gelb als auch weiß blühen kann...


Common Tern

Etwa zehn Paare der Flussseeschwalbe brüten in diesem Jahr auf dem Dach des Schöpfwerkes an der Knock. Interessant ist, dass einige Küken wie fette und hungrige Federkugeln auf dem ganzen Dach verteilt auf ihre Eltern warten, während andere noch im Ei stecken oder gerade erst geschlüpft sind.

Auf diesem Gebäude befindet sich die Kolonie:

at least 10 pairs of Common Tern nest and raise their offspring on the flat roof of this building at Knock

Hier eines der größeren Küken:

this chick was exploring the road underneath the roof few days too early. I took some shots and returned the bird

Diese junge Flussseeschwalbe war vom Dach und so auch aus dem schützenden Schoß der Kolonie gefallen und turnte nun unbeholfen auf der viel befahrenen Brücke herum. Selbst das Erklimmen des Bordsteines (daher der Begriff Bordsteinschwalbe) stellte für den Vogel eine unlösbare Aufgabe dar. Nur eine Frage der Zeit wäre es gewesen, bis er von einem der zahllosen LKW geplättet worden wäre. Ich fing die Seeschwalbe ein und warf sie gefühlvoll zurück aufs Dach des Schöpfwerkes, aber nicht ohne vorher ein bis zwei Bilder von ihr zu machen. Zum Dank hat mir das Tier in seiner Aufregung zwischendurch aufs Shirt gekackt!

Normalerweise verlassen Flussseeschwalben einen so luftigen Brutplatz erst, wenn sie richtig fliegen können.

Eine Lachmöwe im hübschen Prachtkleid flog am Emsstrand an mir vorüber. Man beachte die Armschwingen, die gerade nachgeschoben werden:

Black-headed Gull 

Der englische Name für diesen Vogel geht übrigens völlig am Thema vorbei.


Überall gibt es zurzeit Nachwuchs zu bestaunen.

Kindchenschema par excellance:



Barn Swallow

In der vergangenen Woche besuchte ich mal wieder den geilen LIDL in Emden-Wolthusen.

Beim Hinausgehen hörte ich die Rufe junger Rauchschwalben, ohne dass da ein Stall oder eine Scheune in der Nähe gewesen wäre.

Schnell fand ich das Nest oberhalb des Eingangs:













nest of Barn Swallow above supermarket entrance

An einem Schäferhaus nahe der Knock hatte ich im vergangenen Jahr überhaupt zum allerersten Mal Rauchschwalbennester gefunden, die mehlschwalbenmäßig außen am Gebäude und unter dem Dachvorsprung angebracht waren. Mit Mehlschwalben als Nachbarn. Im Eingangsbereich eines Supermarktes aber hätte ich sowas nie erwartet.

Ansonsten kenne ich Rauschwalbennester ausschließlich aus dem Innern verschiedenster Gebäude:







Scheunen (deshalb die englische Bezeichnung Barn Swallow), Garagen, vor allem aber Viehställe sind die von dieser Art bevorzugten Nistplätze.

Hier fragte der dritte Vogel von links den vierten: "Wann kommt Mama endlich wieder?"

Sechs junge Rauchschwalben wurden hier von den Altvögeln versorgt. Fünf davon kuschelten noch im Nest, die sechste musste es aus Platzgründen verlassen und stand ganz allein auf einem Vorsprung daneben (siehe Bild vom Eingangsbereich).

Und unter dem Nest sieht es im Moment so aus:

Bedanken muss man sich bei LIDL, weil der Konzern dem Anschein nach ein Herz für wilde Tiere und inzwischen hoffentlich auch für seine Mitarbeiter hat.

In der heutigen Zeit ist es nicht selbstverständlich, dass Schwalben am oder im Haus von den Bewohnern geduldet werden. Viele Menschen entfernen die Nester, weil sie das auf dem obigen Bild Gezeigte verhindern wollen. Ein sauberes Haus, ein toter Garten mit ein paar Zwergen an der akkurat geschnittenen Rasenkante; in diese heimelige Idylle will Vogelkacke einfach nicht passen. Hinzu kommt, dass auch moderne Ställe oder Scheunen kaum noch Möglichkeiten für die Nestanlage bieten.


Normalerweise verachte ich Nestfotografie.

In der Vergangenheit hat man diese schonungslose Herangehensweise mehr als überstrapaziert. Bekam man eine bestimmte Art nicht vor die Kamera, hat man einfach das Nest freigeschnitten und sich direkt davor postiert. Der Drang der Altvögel, die Jungen zu versorgen, ist größer als die Angst vor dem fremden Objekt, doch schöne Bilder bekommt man auf diese Art und Weise ganz bestimmt nicht.

Vor Jahren sah ich einen "Naturfotografen", der sein Quartier in Bramsche-Achmer direkt vor einer Eisvogelröhre bezogen hatte. Aus den oben genannten Gründen klappte es wohl auch mit den Bildern, doch wer die Natur respektiert, der verzichtet auch schon mal auf so ein unbefriedigendes Erfolgserlebnis.

Alte Bücher sind voll mit Fotos, die fütternde Vögel am Nest zeigen. In der Regel auch noch fies geblitzt! Ich brauche das definitiv nicht.

Warum dann diese Bilder?

Weil die Schwalben schon allein aufgrund ihres Brutplatzes absolut störungsresistent waren und sich völlig normal verhielten. Nicht umsonst hatten sie diesen von Menschen stark frequentierten Standort zuvor ausgewählt. Es war ihnen egal, ob ich da stand oder nicht. Hinzu kommt, dass diese Aufnahmen mit einem Teleobjektiv gemacht worden sind, der Abstand zu den Jungen war also entsprechend groß. Und so konnte ich diese interessante Supermarktbrut in Wolthusen sauber dokumentieren!


Nachwuchs auch bei Familie Rabenkrähe an der Knock.







Carrion Crow

Dieses Paar hat erfolgreich fünf Junge großgezogen.

Die Kleinen, die gar nicht mehr so klein sind, flankierten hier einen der Altvögel, dem das Ganze aber immer wieder zu bunt wurde. Dann flog er einige Meter davon, doch wenig später folgten die lauthals schreienden Nimmersätte (oder Nimmersatte) und gingen ihm abermals auf den Sack. Das ist halt der Nachteil, wenn der Nachwuchs schon fliegen kann.

Auf dem folgenden Bild kann man erkennen, dass der Kehlsack des Altvogels bereits gefüllt war, doch behielt er die aufgelesenen Insekten für sich. Meine Fresse, dachte er wohl genervt, du bist wirklich groß genug und kannst dir auch mal selber was suchen.

Mit anderen Worten: Die Entwöhnungsphase steht unmittelbar bevor. Der Jungvogel wird sich in Kürze seinen Lebensunterhalt allein verdienen müssen:





Rabenkrähen gehören zu den am meisten gehassten Tieren da draußen. Völlig zu Unrecht und erbarmungslos werden sie von naturfernen Menschen verfolgt. Ich wünsche mir, dass das irgendwann ein Ende hat und diese Leute irgendwann bemerken, dass es im Outback weder gut noch böse gibt.


Eine Sumpfkratzdistel:

Marsh Thistle

Dort, wo sich die Lebensraumansprüche der beiden Arten überschneiden, zum Beispiel an einem Graben am Campener Leuchtturm, kann man die Sumpfkratzdistel auch direkt neben der Ackerkratzdistel finden.

Die sieht so aus:

Creeping Thistle

Ich hatte eingangs erwähnt, dass Pflanzen von vielen Menschen vor allem dann als schön empfunden werden, wenn sie selten sind. Bei den Vögeln ist das nicht anders. Und ich hatte dieses Klischee mithilfe zweier wirklich attraktiver Blümchen eindrucksvoll widerlegt.

Im Umkehrschluss kann also auch eine Orchidee eher unauffällig sein, obwohl gerade die Vertreter dieser Pflanzenfamilie als besonders edel und wertvoll gelten.

Die Sumpfstendelwurz hat so gar nichts Prächtiges, wenn man in einem Abstand von mehreren Metern an ihr vorbeigeht. Rückt man dieser auch in Ostfriesland sehr seltenen Pflanze aber mit dem Makroobjektiv auf den Pelz, erschließt sich dem Betrachter ein völlig anderes Bild:

Marsh Helleborine 

Im Detail braucht sich diese Orchidee nämlich nicht hinter tropischen Vertretern der Familie zu verstecken, wie die beiden folgenden Aufnahmen zeigen:

Erst im vergangenen Jahr konnte ich Emdens wohl einziges Vorkommen dieser Art auf dem Rysumer Nacken entdecken.

Vor wenigen Tagen begannen die etwa hundert Exemplare dort zu blühen:

Übrigens: Der längste Tag des Jahres ist leider schon wieder Geschichte.

Es geht hart auf Weihnachten zu!