wilde perspektiven

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Freitag, 18. Juli 2014

Beobachtungen auf dem Rysumer Nacken im Juli 2014

Ich muss das immer wieder betonen: Der Rysumer Nacken ist aus naturkundliicher Sicht das Sahnestück Emdens! 

Und wenn es auch noch andere Orte innerhalb der Stadt geben mag, wo man dieses oder jenes beobachten und entdecken kann, an den Rysumer Nacken kommen sie allesamt nicht heran.

Im Herbst und Frühjahr, also dann, wenn Vögel ziehen, kann man vor allem dort Arten erwarten, die das Beobachterherz höher schlagen lassen. Das hängt mit der exponierten Lage dieses Gebietes  zusammen. Vögel, die bereits eine lange Strecke hinter sich haben und vielleicht der Küstenlinie folgen, überlegen es sich zweimal, ob sie auch noch die an dieser Stelle sehr breite Ems überqueren. Vor allem Kleinvögel scheint der Blick auf den Flusstrichter dazu zu animieren, nochmal schnell eine Pause einzulegen. Es lohnt sich also, dort zu den oben genannten Zeiten jeden einzelnen Busch "abzuklopfen"...

Und auch in botanischer und entomologischer Hinsicht ist der Rysumer Nacken besonders. Die weiten halboffenen Flächen, inzwischen stellenweise relativ stark verbuscht, gehen auf Aufspülungen aus der Ems zurück, die allerdings schon viele Jahre zurückliegen. Unter normalen Voraussetzungen bestände der Boden dort aus schwerem Klei statt aus Sand. Diese Tatsache sowie der Umstand, dass auf dem Rysumer Nacken kaum gedüngt wird, verhelfen dem Gebiet zu seiner Ausnahmestellung in Emden, das ansonsten, von einigen Gewässern einmal abgesehen, nur aus Kuhweide und Agrarsteppe besteht.


Die Wespenspinne mag den Rysumer Nacken, weil dort nicht oder nur stellenweise gemäht wird:

Wasp Spider, 18. July 2014

Mahd zerstört die Kokons, die die Weibchen im Herbst anlegen. Ohne Kokons aber gibt es auch keine Jungspinnen. Zwar käme die ursprünglich ausschließlich mediterrane Art auch ohne lokalen Nachwuchs auf dem Rysumer Nacken über die Runden, ganz bestimmt aber nicht in einer so hohen Dichte:









Das folgende Tier hatte bereits einen Grashüpfer eingetütet:

in this indiviual the pretty pattern on its back is covered by morning dew

Der Tau auf dem Abdomen der Spinne verdeckt die hübsche Zeichnung.

Ein viertes Individuum, aufgenommen vor Sonnenaufgang:

Und dasselbe Tier etwa eine Stunde später:

All diese Individuen waren noch relativ klein und unscheinbar. Doch schon in zwei Wochen wird das anders sein, weil weibliche Wespenspinnen rasant wachsen.


Auch der Grasglucke (auch Trinkerin genannt) kann man auf dem Rysumer Nacken begegnen. Da sie dämmerungs- und nachtaktiv ist, bekommt man sie aber nur selten zu Gesicht:

Drinker

Der hübsche Falter, der auch recht groß ist, ruht am Tage in der dichten Bodenvegetation. Die Raupen hingegen kann man auch schon mal beim Queren eines Weges sehen. Im vergangenen Frühjahr waren sie unglaublich häufig! Beinahe auf jedem zweiten Grashalm stand einer dieser haarigen und bunten und großen Gesellen. Und vor allem, wenn sie noch von Morgentau bedeckt sind, springen sie dem Beobachter geradezu in die suchenden Augen.

Die Grasglucke fliegt von Ende Juni bis Mitte August, die Raupen findet man von September bis in den Juni des darauffolgenden Jahres. Sie überwintern also und ernähren sich ausschließlich von verschiedenen Gräsern.

Weil es auf dem Rysumer Nacken sehr trockene und sehr nasse Habitate unmittelbar nebeneinander gibt, kann man dort auch den Gewöhnlichen Blutweiderich finden. Wirklich anspruchsvoll ist er aber ohnehin nicht:

Purple Loosestrife  

Eine Goldfliege, die aber sehr wahrscheinlich auch wieder keine Krötengoldfliege ist, ruhte hier vor Sonnenaufgang an einem Grashalm:



Green Bottle Fly spec.

Ein weiblicher Roter Weichkäfer tat es ihr gleich:

Common Red Soldier Beetle

Am 15. Juli sah ich die bislang einzige Feuerlibelle des Jahres im Wybelsumer Polder. Da sie partout nicht landen wollte, muss ich jetzt ein Bild aus dem Archiv zeigen:



Broad Scarlet (taken from the archives)

Dieses Männchen fotografierte ich im Juli 2012 an einer Kleientnahmestelle an der Wolfsburger Straße. Die wie die Wespenspinne einst ausschließlich südeuropäische Feuerlibelle hat in den vergangenen Jahrzehnten einen richtigen Sprung nach Norden gemacht, bislang allerdings ohne hier wirklich sesshaft zu werden. Die Tiere paaren sich zwar auch in Emden, legen sogar Eier ab, doch spätestens im Winter sterben die Larven ab, weil eine echte Anpassung an unser raues Klima dem Anschein nach noch nicht stattgefunden hat. Und so wird sie bis heute allenfalls als Vermehrungsgast eingestuft, was sich aber künftig durchaus ändern kann.

Ein weiteres Männchen aus dem August 2012:

another male


Auf einer größeren Fläche nahe des Strandes blüht zurzeit das Schmalblättrige Weidenröschen:

Rosebay Willowherb

Ja, ja, diese Blume habe ich hier schon vor zwei Wochen gezeigt, doch ich kann einfach nicht an ihr vorbeigehen, ohne einige Bilder zu machen.

Im Hintergrund ist jener Fluss zu sehen, der den amtierenden Fußball-Weltmeister vom WM-Dritten trennt:

Die Pflanze aus der Nähe:

Und mit einem singenden Sumpfrohrsänger drauf:


Marsh Warbler

Spiel mit der Unschärfe:

Und mit der Schärfe:

Und auch das verwandte Zottige Weidenröschen blüht im Moment allerorten:

Great Willowherb


Ein Hauhechel-Bläuling der zweiten Generation kurz nach Sonnenaufgang:

Common Blue

Vor allem dort, wo Hornklee wächst, kann man diesen hübschen Falter in größerer Zahl beobachten.

Die Nacht verbringen alle Bläulinge in der Regel kopfüber stehend an den Blüten- oder Fruchtständen verschiedener Gräser:

another specimen


Wenn der Juli auch nicht gerade zu den ereignisreichsten Monaten im Jahreslauf zählt, so in Bezug auf das Vogelgeschehen, so ist er doch trotzdem alles andere als langweilig.

Es sind vor allem die bereits wieder wegziehenden Limikolen, die Spannung ins Spiel bringen.

Hier waren es vor allem Grünschenkel, Lachmöwen und Pfuhlschnepfen, die bei niedriger Tide Nahrung auf den Wattflächen suchten:

flocks of different bird species foraging on tidal mudflats

Lachmöwen:

Black-headed Gull

Drei Pfuhlschnepfen flogen nach links:

Bar-tailed Godwit

Ein diesjähriger Löffler nach rechts:

Eurasian Spoonbill 

Nachtrag vom 20.7.: Diesen Löffler hatte ich zunächst anhand seiner Schnabelfärbung (auf diesem Foto nicht zu erkennen) als vorjährig bestimmt. Jens-Hermann Stuke (Leer) hält dieses Individuum völlig zu Recht für diesjährig und fragte, wie man überhaupt einen vorjährigen von einem diesjährigen Löffler unterscheiden kann. Vor allem der saubere und gleichmäßige Flügelhinterrand ohne jegliche Mauserunterschiede spricht eindeutig für einen diesjährigen Vogel. Schwarze Spitzen der Hand- und sogar Armschwingen können auch bei vorjährigen Ind. noch vorhanden sein, wahrscheinlich aber nicht in dieser Ausprägung.

Besten Dank für den Hinweis!

Dass diese Art wieder in Deutschland brütet, haben wir vor allem den Niederländern zu verdanken. Ähnlich wie das Blaukehlchen und auch die Bartmeise baute dieser attraktive Vogel zunächst eine beachtliche Population in der NL-Küstenregion auf, bevor er sich aufmachte, das Land im Osten der Ems zu erobern.

Genau, die Bartmeise hat eine ähnliche Geschichte zu bieten:

Bearded Reedling 

Über viele Jahrzehnte war sie nämlich eine echte Rarität in Deutschland. Die riesigen und damals neuen Poldergebiete in den Niederlanden boten ihr in den Siebzigern plötzlich hervorragende Lebensbedingungen. Und nachdem der Bestand dort geradezu explodiert und auf über 10000 Paare angestiegen war, kam es endlich auch wieder zu Bruten in Nordwestdeutschland.

Bartmeisen kommen übrigens nicht ans Futterhaus!

Sie sind trotz ihres Namens nicht näher mit Kohl- oder Blaumeise verwandt. Ähnlich wie diese aber streifen sie gerne in Gruppen durch ihr Revier, das im Falle der Bartmeise nicht etwa aus Gärten oder Wäldern, sondern nahezu ausschließlich aus Schilfflächen besteht.

Je größer diese Schilfflächen sind, desto eher kann man diesen Vogel dort antreffen.

Kuckuck, hier bin ich:

Selbst ihre Nester bauen Bartmeisen aus den Blättern des Schilfs, und auch die Nahrung besteht zu einem beträchtlichen Teil aus den Samen dieses einen Grases.

Die Bartmeise ist also sehr eng an Schilf gebunden. Welche Gefahr das in sich birgt, kann man ganz gut anhand eines spontanen Ausflugs in die Welt des Fußballs erklären: Hängt ein Club am Tropf nur eines einzigen Großsponsors, dann wird er den Bach runtergehen, sobald der Gönner den Geldhahn zudreht. Viele Beispiele könnte ich da jetzt auflisten (ASC Schöppingen, VfL Herzlake etc.).

Umgekehrt fällt ein ausfallender Sponsor kaum ins Gewicht, wenn zahllose weitere diesen Verlust locker kompensieren können. Amsel, Buchfink oder Kohlmeise z. B. sind sehr anspruchslos und anpassungsfähig und können im Gegensatz zur Bartmeise nahezu überall leben.

Ein letztes Bild einer diesjährigen Bartmeise, die da recht entspannt auf einem Schilfhalm stand:





Für ein prächtiges Männchen hat es leider wieder einmal nicht gereicht.

Bartmeisen sind zwar wenig scheu, doch spielt sich ihr Leben zurzeit vor allem in den unteren Bereichen des Schilfwaldes ab, wo man sie kaum zu Gesicht bekommt. Zumindest dann, wenn ich es bin, der Bilder machen möchte...

Den Beitrag beenden darf heute einer der häufigsten und anspruchslosesten Tagfalter, den die Welt je gesehen hat.

Es ist das Große Ochsenauge:

Meadow Brown

Wenn ich jetzt aber schreibe, dass auch diese Art im Bestand rückläufig ist, dann sollte uns das zu denken geben!


Letzter Satz des Tages: Boah, ist das heiß draußen!