wilde perspektiven

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Freitag, 3. Oktober 2014

Der längste Wald der Welt

Kennt ihr Papenburg-Neuguinea?

Viele meinen ja, das sei ein Land irgendwo bei Australien, doch das ist natürlich Quatsch.

Papenburg-Neuguinea ist eine kleine Siedlung im nördlichen Emsland, die sich aber selbstbewusst Stadt nennt. Sie ist vor allem bekannt für die schwimmenden Plattenbauten, die dort zusammengebastelt und dann mühselig über die schmächtige Ems Richtung Nordsee navigiert werden. Und obwohl der Fluss seit vielen Jahren unter der Last der riesigen Kähne ächzt, quält man ihn einfach immer weiter. Das ist wie mit den kleinen Schulanfängern, die zu Boden gedrückt werden von diesen bunten Scout-Tornistern, die größer sind als die Kinder selbst.

Merksatz: Es ist eben alles eine Sache der Verhältnismäßigkeit!

Weiters soll Papenburg-Neuguinea die älteste und vor allem längste Fehnkolonie Deutschlands (gewesen) sein, so proportional und so weiter.

Achtung, jetzt kommt die Überleitung!

Lang und schmal, wie Papenburg es früher einmal war, ist nämlich auch ein Wald in Aurich, der laut Karte keinen Namen hat. Er verläuft von Wallinghausen im Südwesten über Plaggenburg und Pfalzdorf bis fast nach Westerloog im Nordosten.

Diesen Weg konnte man früher kilometerlang gehen. Er führte schnurstracks geradeaus durch den ganzen Forst:




























wood near Aurich

Heute ist auf etwa halber Strecke Schluss, weil man im vergangenen Jahr mit Renaturierungsmaßnahmen begonnen hat. Man hat einen Teil des Waldes angestaut und wiedervernässt. Auf diese Weise soll dort ein Moorwald entstehen, wie er einst wohl typisch für diese Gegend gewesen sein soll. Das ist okay und gut für viele nicht so häufige Tierarten, die in weiten Teilen Ostfrieslands kein Existenzrecht mehr haben, weil der Mensch ihnen den Lebensraum genommen hat.

Während ich also so auf die neuen Vernässungsflächen starrte, musste ich spontan an Wassermokassinottern und Alligatoren denken, doch vielleicht war nur das unglaublich warme Oktoberwetter dafür verantwortlich, dass meine Gedanken noch wirrer als üblich ausfielen:





























this place in the wood near Aurich reminded me of Florida. I expected Alligators and Cottonmouths, but found at least one single Common Newt under a rotten log close to the water

Nichts dergleichen wollte mir dort nämlich begegnen, doch unter einem halb verrotteten Baumstumpf fand ich immerhin einen männlichen Teichmolch in Landtracht:


































Common Newt

Vielleicht glaubt ihr mir nicht, aber das war erst mein zweiter Teichmolch in Ostfriesland, obwohl die Art hier häufig sein dürfte und sogar in der Emder Marsch vorkommt.

Dort war mir nämlich zuvor mein bislang einziger Fund gelungen.










In Ostfriesland sind die meisten Gewässer eher trüb. Sichttiefe: etwa ein halber Zentimeter. Mit bloßem Auge lassen sich Molche zur Laichzeit also eher schwer nachweisen. Mit einem Kescher aber ziehe ich grundsätzlich nicht los.

Ich besitze auch gar keinen.


Für mich ist der Teichmolch, neben dem Fadenmolch, die schönste Molchart in Mitteleuropa. In Wassertracht sind die Männchen einfach nur prächtig gefärbt und gezeichnet. Weil sie so zierlich sind, wirken sie darüber hinaus auch noch viel eleganter als Berg- und Kammmolch.

In Landtracht aber sind Teichmolche unscheinbar, haben aber immer noch diese wunderschönen Augen:


Unmittelbar neben dem Sportplatz des SV Eintracht Plaggenburg (Ostfrieslandklasse A) und ebenfalls im längsten Wald der Welt befindet sich ein kleiner Teich, den die Dorfbewohner vor etwa dreißig Jahren ausgehoben haben sollen, um  dort dem Badespaß zu frönen.

Es soll seinerzeit sogar ein Sprungbrett existiert haben, doch davon kann man heute nichts mehr erahnen:


small pond, by the village people of Plaggenburg formerly used as a lido. Today this pond offers food to the Kingfisher and is a refuge for many dragonfly species, Grass Frog, and Common Newt

Obwohl ich doch drei Jahre in Aurich gewohnt und diesen Wald damals des Öfteren aufgesucht habe, entdeckte ich den Teich erst letzte Woche! Ich sah ihn aus dem Augenwinkel und war wenige Sekunden später schon an ihm vorbei, als ich plötzlich an Eisvögel denken musste.

Kein schlechter Teich für einen Eisvogel, dachte ich so und machte auf dem Absatz kehrt. Ich erklomm die Uferböschung und traute meinen Augen nicht, flog da doch tatsächlich ein Eisvogel ab und in den Wald hinein!

Ich verwarf alle Pläne, die ich nicht hatte, und errichtete mein Tarnzelt am Ufer. Blitzschnell. Nach etwa einer Stunde kehrte der Eisvogel zurück und landete auf einer Warte, die ich ihm zuvor spendiert und in die Uferböschung gesteckt hatte.

Okay, das Licht war dürftig, aber besser solche Bilder als gar keine:


Kingfisher

Dieses Weibchen und ein weiterer Kollege, den ich nur im Hintergrund hören, nicht aber sehen konnte, scheinen den kleinen Teich neben dem Sportplatz mehrmals täglich aufzusuchen, um dort zu fischen. 

Übrigens ist es ein Märchen, dass der Eisvogel auf klares Wasser angewiesen sind. Er fischt genauso erfolgreich in trübem. Für eine Brutansiedlung sind darüber hinaus Steilwände wichtig, in die der Vogel seine Brutröhre buddeln kann. Doch die darf sich auch weit vom Wasser entfernt und mitten im Wald oder sonstwo befinden.

In Osnabrück habe ich den Eisvogel schon oft fotografiert, allerdings noch zu analogen Kamerazeiten. Es ist keine Kunst, ihn vor die Linse zu bekommen, aber jedesmal ein tolles Erlebnis.

In Ostfriesland herrschen leider andere Gesetze. Zwar gibt es hier Gewässer ohne Ende, doch die frieren schon bei leichterem Frost allesamt zu, weil sie nicht fließen und grundsätzlich nicht sehr tief sind. Für den Eisvogel wird es dann schnell eng, weil ihm der Zugang zu seiner Beute verwehrt bleibt. Ein kalter und lang andauernder Winter kann so zu hohen Verlusten führen.




Nach dem eher milden letzten Winter scheint 2014 endlich wieder ein gutes Eisvogeljahr zu sein, denn der bunte Kerl wird zurzeit an einigen Orten hier in Ostfriesland gesehen und manchmal auch auf Ornitho.de gemeldet. Sollte sich der kommende Winter aber wieder als ein kalter entpuppen, werden die Vögel aus den oben genannten Gründen wie die Fliegen sterben.

Trotzdem braucht man sich um die Zukunft des Eisvogels keine Sorgen zu machen, ist er doch dazu in er Lage, bis zu dreimal im Jahr zu brüten und in einer einzigen Saison viele neue Eisvögel  in die Welt zu setzen.

War da was?

Wenn man im Tarnzelt sitzt und auf den Eisvogel wartet, muss einem nicht langweilig werden!

Auf dem nächsten Bild zum Beispiel sind Weidenjungfern bei der Eiablage an einem Erlenzweig zu sehen, fotografiert aus dem Versteck heraus:

Willow Emerald Damselfly, egg laying couples

Und dann schaute ein ganz kleiner Kobold bei mir vorbei:




Eurasian Wren

Seine unglaublich laute Stimme hatte ich schon die ganze Zeit zuvor gehört, doch diese Winzlinge sind kamerascheu und meiden freie Warten wie der Teufel das Weihwasser.

Wenn der blöde Eisvogel nicht mag, stell ich mich halt mal hier drauf, dachte der Zaunkönig und präsentierte sich mir für einen sehr kurzen Augenblick in seiner ganzen Pracht.

Einmal von vorn und einmal von der Seite:


Das reicht mir, da bin ich wirklich zufrieden.