wilde perspektiven

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Freitag, 10. Oktober 2014

Ein Gelbbrauen-Laubsänger besucht den Friedhof Tholenswehr in Emden

Am vergangenen Montag (6. 10. 2014) besuchte ich morgens den Friedhof Tholenswehr in Wolthusen, um mal zu gucken, was für Vögel die vorausgegangene Nacht über Emden ausgeschüttet haben mochte.

Gegen acht Uhr hörte ich erstmals aus größerer Entfernung die dünnen Kontaktrufe eines Gelbbrauen-Laubsängers (kurz GBLS). Der Vogel musste sich im Kronenbereich einer der alten Linden im Westteil des Friedhofes aufhalten, doch sehen konnte ich ihn zunächst leider nicht, weil die hohen Bäume zu dieser Jahreszeit noch voll belaubt sind.

Der Ort des Geschehens:






























cemetery Tholenswehr (Emden), where I found a Yellow-browed Warbler on October 6

Immerhin nahm die Stimme an Lautstärke zu; der Gast aus der sibirischen Taiga schien sich in meine Richtung zu bewegen. Ich entnahm meinem Rucksack schon mal die Kamera und überprüfte die Belichtungseinstellungen. Alles passte. Die Sonne befand sich in meinem Rücken und schien gedimmt durch eine hochnebelartige Wolkendecke.

Das Licht war nahezu perfekt.

Gegen halb neun sah ich den GBLS dann endlich für einen sehr kurzen Augenblick im Blätterdach über mir, doch dann wechselte er völlig überraschend seinen Standort. Er überflog mich und landete in einer Kiefer, die sich unmittelbar hinter mir befand. Weil der kleine Vogel für den Bruchteil einer Sekunde völlig frei stand, hielt ich einfach drauf und machte genau zwei Bilder.

Das erste sieht so aus:

worst record shot ever of a Yellow-browed Warbler (Bladkoning)

Auf dem zweiten Bild war der Vogel bereits zu zwei Dritteln hinter dem Ast, auf dem er auf dem ersten Bild stand, abgetaucht.

Das gleißende Gegenlicht der noch tief stehenden Morgensonne ließ alles etwas ins Finstere absaufen, doch war meine Entscheidung, schnell und unbürokratisch abzudrücken, die richtige gewesen. Denn unmittelbar nach diesen Aufnahmen flog der Vogel in einen an den Friedhof angrenzenden Garten, wo er verstummte und gleichzeitig im Dickicht verschwand.

GBLS sind noch viel rastloser und zappeliger als Goldhähnchen oder etwa Zilpzalp und Fitis. Wirklich still halten sie wahrscheinlich erst, nachdem sie gestorben sind. Vielleicht haben sie auch immer einen wichtigen Termin, den sie unbedingt einhalten müssen. Auf den Kanarischen Inseln oder so.

Man weiß es nicht...

Jedenfalls rief ich dem Vogel noch ein paar Unfreundlichkeiten hinterher, weil ich etwas frustriert darüber war, dass es auch in diesem Herbst nicht mit einem wirklich guten Bild von dieser Art geklappt hat. Aber ob ihr's glaubt oder nicht, er hat meine Schimpftiraden nicht mehr kommentiert. Wahrscheinlich fehlte ihm einfach die Zeit dazu ;-)

Der GBLS war weg, da gab es nichts mehr für mich zu holen. Das muss man erkennen und akzeptieren.

Aber diese Amsel hat ihn auch gesehen:

Blackbird

Doch fotografiert habe nur ich ihn, weil der Amselkerl gerade keine Kamera zur Hand hatte!

Und weil das Foto vom GBLS so unglaublich schlecht geworden ist, gibt es jetzt bessere von einem anderen Hauptdarsteller des Friedhofes.

Aus dem Augenwinkel nahm ich eine zaghafte Bewegung am Rande des Weges wahr. Ein Wildkaninchen, das diesen Namen nicht verdiente, zeigte keinerlei Scheu. Null Fluchtdistanz, obwohl es doch kerngesund war! 

Das hatte ich selbst auf diesem Friedhof so noch nie erlebt:

European Rabbit

Die ersten Aufnahmen machte ich aus recht großer Distanz, weil ich nicht ahnen konnte, dass das Tier absolut störungsresistent war. Sicher ist nun einmal sicher!

Doch wenig später ging ich aufs Ganze:


Ein Leben auf dem Friedhof ist für die Karnickel ein einigermaßen sicheres, weil die bösen Lodenträger dort nicht schießen dürfen. Aber vielleicht werden die Kaninchen auf irgendeine andere Weise in Schach gehalten, weil dem Menschen oft ausgerechnet jene Tiere nicht ganz geheuer sind, die sich trotz seiner Anwesenheit prächtig entwickeln.

Irgendwann ging ich einfach um das Kaninchen herum, um einen anderen Hintergrund auszuprobieren. Darüber hinaus legte ich die Kamera direkt auf den Boden und mich gleich dahinter, um die Perspektive zu optimieren:

Sieht auf dem Bild genauso aus wie diese Lindt-Schokohasen. So von der Haltung her ;-)

Ich weiß, es klingt blöd, aber auch das Fotografieren eines Wildkaninchens macht wirklich Spaß, obwohl es weder Federn noch Schuppen hat.


Irgendwann erwachte das Kuscheltier aus seiner Tagträumerei und fing doch tatsächlich zu sprechen an: "Hattu Möhrchen?"

Nö, hatte ich nicht. Ich verachte Obst und Gemüse!

Stattdessen war inzwischen das Licht deutlich besser geworden und die Farben des Fells entsprechend wärmer.

Aus einem grauen Kaninchen wurde ein bräunliches:

Süß, oder?

Kuckuck:

Von vorn:



Und ein letztes Bild:


Auch "richtige" Feldhasen habe ich auf diesem Friedhof schon gesehen, doch ob ich die auch mal so schön vor die Linse bekommen werde, ist mehr als fraglich.

Nachtrag vom  12. 10. 2014: Heute konnte ich tatsächlich einen echten innerstädtischen Feldhasen auf dem Friedhof ablichten:

European Hare - as the rabbits above this guy lives on a cemetery in the centre of Emden

Hinlegen für eine bessere Perspektive konnte ich mich in diesem Fall allerdings nicht, denn dann wäre der Bengel auf und davon gewesen. So aber hat es wenigstens für ein Belegfoto gereicht.

Das allerletzte Foto dieses Beitrags zeigt eine junge Lachmöwe, die auf der Brücke über jenem Tief steht, das die beiden Teile des Friedhofes voneinander trennt:


Black-headed Gull

Am Vortag hatte ich hier noch einen Eisvogel gesehen...