wilde perspektiven

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Samstag, 25. Oktober 2014

Ein Thorshühnchen besucht die Krummhörn

Am vergangenen Montag (20. 10. 2014) fuhr ich am Nachmittag abermals nach Pilsum, um eventuell weitere Bilder von der zutraulichen Schneeammer zu machen. Doch blieb der Vogel, über den ich im letzten Beitrag ausführlich berichtet habe, leider unauffindbar.

Etwas enttäuscht ging ich am Wasser entlang und kehrte schließlich um, nachdem ich bis zur etwa eineinhalb Kilometer entfernten Baustelle keinen besonderen Vogel entdeckt hatte.

Doch ich schaffte es nicht auf Anhieb bis zu meinem Wagen, weil da plötzlich wie aus dem Nichts ein Thorshühnchen im Watt und unmittelbar neben dem Weg auftauchte!

Der Vogel landete und begann sofort mit der Nahrungssuche:












Rosse Franjepoot (Grey Phalarope)

Das Thorshühnchen machte einen nervösen Eindruck und flog immer wieder auf. Wirklich scheu war es aber auch nicht, ist die Art doch bekannt für ihr dem Menschen gegenüber mehr oder weniger zahmes Verhalten.

Und der nordische Gast musste wirklich gerade erst angekommen sein, wäre er mir doch sonst bereits auf dem Hinweg aufgefallen.

Schnell entnahm ich meinem Rucksack die Kamera und schoss die ersten Bilder:


the dirty belly was not caused by oil, but by marine clay

Um eine etwas bessere und vor allem wildere Perspektive zu bekommen, stieg ich nun die Uferbefestigung hinab.

Schließlich kann man auch mal was riskieren, wenn man die ersten Belegfotos bereits im Kasten hat:

Immer wieder flog der Vogel rufend auf, und immer wieder landete er unweit des Weges:

Rosse Franjepoot in very dull light – couldn't imagine before, how quickly a bright sky can turn into deep darkness. It took only few seconds

Während das Licht beim allerersten Bild noch passabel war – die Sonne hatte sich für einen kurzen Augenblick sogar fast durch die Wolken gekämpft –, nahm es jetzt stetig ab. Für hübsche Reflexionen auf den Augen sollte es einfach nicht reichen, und die Fotos sind allenfalls bessere Belegbilder (ausgenommen Bild eins).

Auf der anderen Seite überwog bei mir natürlich trotzdem die Freude über mein allererstes Thorshühnchen abseits der Insel Helgoland, wenngleich ich das Ganze gerne in perfekten Bildern festgehalten hätte.

Jammer, jammer...;-)

Hier der Lebensraum:

habitat of resting Grey Phalarope

Mir fiel schnell der unfotogene verschmutzte Bauch des Vogels auf. Ich dachte zunächst an Öl, wie man das ja bei Seevögeln durchaus mal zu Gesicht bekommt, aber dann sah ich, dass das Thorshühnchen trotz seines geringen Gewichts immer wieder tief ins Watt einsank und sich so die schneeweiße Unterseite mit Klei einsaute.

Der Vogel schien das auch bemerkt zu haben und flog spontan zu einer nahen Pfütze:

Dort gönnte er sich ein Bad im brackigen Wasser der Emsmündung:

Lange dauerte es nicht, da erstrahlte das Thorshühnchen wieder in altem Glanz:

after foraging Red Phalarope took a brief bath in a puddle and cleaned up his belly

Wer schon mal im Watt rumgelaufen ist, der weiß, dass sich Klei sehr gut abwaschen lässt:

Das Thorshühnchen gehört zur Gattung der Wassertreter, die aus drei Arten besteht.

Und wie im Falle weniger weiterer Limikolen (z.B. Mornell) gibt es auch bei diesen Vögeln vertauschte Geschlechterrollen. Soll heißen, die bunter gefärbten Weibchen legen nur die Eier, die dann vom Männchen bebrütet werden. Und die Kerle sind es auch, die den aus dem Gelege schlüpfenden Nachwuchs großziehen.

Ganz allein.

Und voll emanzipiert!

Das Thorshühnchen, das man übrigens nach dem nordischen Gott Thor benannt hat, ist ein Vogel der Arktis. Es brütet u. a. auf Island und Grönland, auf Spitzbergen und auf der Südinsel Nowaja Semljas, im Norden Alaskas, Kanadas und Ostsibiriens, im Gegensatz zum verwandten Odinshühnchen aber weder in Schottland noch in Skandinavien.

Die Winterquartiere befinden sich auf dem offenen Meer, wie zum Beispiel auf dem Atlantik weit vor der Küste Westafrikas.

In Deutschland tauchen Thorshühnchen vor allem dann auf, wenn es während des Wegzugs stürmische Winde aus westlichen Richtungen gibt. Am wahrscheinlichsten ist ihr Auftreten im Bereich der Nordsee, doch hat es in diesem Herbst bereits zwei Feststellungen aus dem niedersächsischen Binnenland (Lehrte und Steinhuder Meer) gegeben.

Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass es, wie ja auch in diesem Fall, fast ausschließlich diesjährige Individuen sind, die einen Umweg machen, Deutschland besuchen und dort Vogelbeobachter erfreuen, wobei sie letzteres wohl nicht absichtlich tun.


Man beachte die kurzen Beine, das langgezogene Heck sowie die aufgebauschten Unterschwanzdecken:

Nach etwa vierzig Bildern war der Akku meiner Kamera plötzlich leer. Ich eilte zum Rucksack, um ihn gegen einen vollen einzutauschen, doch als ich mich umdrehte, sah ich das Thorshühnchen nur noch nach Süden abfliegen...

Es ist, wie es eben immer ist: Ohne die Bilder auf meiner Speicherkarte wäre mir der etwa zwanzigminütige Auftritt des seltenen Gastes wie ein flüchtiger Traum vorgekommen.

Hier noch zwei weitere Bilder:





Und ein allerletztes:

Nach den gezeigten Bildern und vielen weiteren Beobachtungen stiefelte gegen Abend zu meinem Auto, das da so ganz allein auf dem Parkplatz auf mich wartete.

Weil der Tank fast leer war und ich es nicht mehr bis nach Emden geschafft hätte, fuhr ich nach Greetsiel. Ich hatte gerade den Zapfhahn eingestöpselt, da hörte ich einen mir sehr vertrauten Ruf aus den hohen Bäumen in der Nähe.

Ein Gelbbrauen-Laubsänger huschte da durchs Laub, doch sehen konnte ich den kleinen Vogel nur für einen sehr kurzen Augenblick. Und weil es bereits fast dunkel war, versuchte ich erst gar nicht, die Kamera startklar zu machen.

Was für ein Tag!


Der Weg, an dem ich dem Thorshuhn begegnete, wird allsommerlich gesperrt, weil er abseits der Inseln der wichtigste verbliebene Brutort des Sandregenpfeifers in Ostfriesland ist. Die einst so geläufige Art, die früher auch im Emder Hafen gebrütet hat (Klaus Rettig, mdl.), hat in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch im Bestand abgenommen. Und ob die Schutzmaßnahmen diesen Trend stoppen können, ist mehr als fraglich, zumal das Problem ein überregionales ist, wie zum Beispiel der ebenso dramatische Rückgang der Art auf Helgoland belegt.

Trotzdem wird man den Sandregenpfeifer auch künftig noch häufig im Watt beobachten können, weil nordische Populationen hier auf dem Zug eine Rast einlegen. Und das nicht selten in sehr großer Zahl.

Der folgende junge Sandregenpfeifer ist also eher ein Skandinavier oder Russe als ein Ostfriese:

Common Ringed Plover

Weil es an diesem Tag so windig war und das Wasser gerade seinen Höchststand erreicht hatte, ruhte er sich auf dem Pflaster des Weges aus und schaute gelangweilt in meine Kamera.

Achtung, Akschen: Der Regenpfeifer bewegte doch tatsächlich den Kopf und schaute jetzt in die andere Richtung:









Die folgenden Bilder zeigen Austernfischer, die ich am selben Ort, aber noch am Wochenende fotografiert hatte:

Eurasian Oystercatcher

Ich habe einfach eine lange Verschlusszeit eingestellt und das Objektiv mitgezogen.

So wird aus einem einfachen Bild Kunst!


Und jetzt nochmal zum Thorshuhn: Oben hatte ich geschrieben, dass die Art vor allem nach herbstlichen Weststürmen bei uns auftritt, doch der hier gezeigte Vogel konnte und wollte dem Anschein nach nicht so lange warten.

Der erste Sturm dieses Herbstes zog nämlich erst über Ostfriesland hinweg, nachdem das Thorshühnchen den Beobachtungsort wieder verlassen hatte. Er drückte das Wasser am Mittwoch bis zum Deichfuß.

Land unter:

very high high tide on wednesday, first heavy storm of the season

Und so sah es aus, nachdem das Wasser wieder abgelaufen war. Im Hintergrund, wo Salzwiese und Ems aufeinandertreffen, verläuft der geflasterte Weg, der hier zuletzt so oft eine Rolle gespielt hat:






salt meadows right after the flood

Diese Salzwiesen waren zuvor bis auf den letzten Halm und für Stunden vom Hochwasser geflutet worden.

Alpenstrandläufer suchten zusammen mit Knutts und Staren Nahrung auf einem schwimmenden Teppich aus Getreibsel (Teek) und Unrat:

Dunlin foraging on a swimming carpet of natural debris

Hier ein Knutt:

Red Knot

Und beide Arten zusammen im Flug (Knutt rechts):


Und Hochwasser bedeutet immer auch Massensterben, weil nicht alle Tiere einfach wegfliegen können.

Auf dem asphaltierten Weg am Fuße des Deichs lagen unzählige tote Kleinsäuger, denen das plötzlich auftretende Hochwasser keine Chance gelassen hatte. Sie ertranken, wurden angeschwemmt und zu einem beträchtlichen Teil von Sturm- und Silbermöwen aufgegessen.

Neben Wühl- und Spitzmäusen waren auch Maulwürfe sowie Mauswiesel und Hermelin darunter.

Auf der anderen Seite des Deiches wäre ihnen das nicht passiert...