wilde perspektiven

wilde perspektiven

Samstag, 1. November 2014

Die große Reise des kleinen Vogels

Wer diese Seite regelmäßig besucht, der wird längst bemerkt haben, dass die Natur etwas Besonderes für mich ist. Wer mich persönlich und vor allem länger kennt, der weiß, dass das schon in meiner frühen Kindheit so war. Und tatsächlich hat sich seit dieser Zeit nichts daran geändert.

Auch heute noch bin ich fasziniert von der Schönheit vieler Tiere und Pflanzen, von ihren Farben, Formen und natürlich auch von ihren Leistungen.

Die Küstenseeschwalbe zum Beispiel pendelt alljährlich zwischen Arktis, wo sie brütet, und Antarktis, wo sie überwintert. Minimal sind das 15000 Kilometer pro Strecke, also 30000 im Jahr! Da sie aber ein ausgezeichneter Flieger ist, relativiert sich diese Leistung ein wenig. Darüber hinaus stellt der Aufenthalt auf offener See für die Küstenseeschwalbe keine Gefahr dar, weil sie jederzeit wassern kann und auch auf ihre Nahrung, Fische, nicht verzichten muss.

Wenn aber ein winziger Vogel, der im Schnitt nur fünf Gramm wiegt, hunderte Kilometer zurücklegt, um dem Winter in seiner Heimat ein Schnippchen zu schlagen und für diese Zeit eine klimatisch günstigere Region aufzusuchen, dann ringt mir das viel mehr Respekt ab.

Gemeint ist das Wintergoldhähnchen, Europas kleinster Vogel:

tiny restless Common Goldcrest 

Helgoland ist für Vogelbeobachter zu jeder Jahreszeit eine Reise wert.

Auf dieser Insel werden nicht nur die meisten Seltenheiten (besser: selten in Deutschland auftretende Vogelarten) entdeckt, nein, auch der Vogelzug an sich lässt sich an keinem anderen Ort in Deutschland so anschaulich erleben wie auf diesem ganz besonderen Felsen, der den meisten Menschen wohl nur als Ziel diverser Butterfahrten bekannt ist.

Vor allem um die Monatswende Oktober/November tauchen dort Wintergoldhähnchen in großer Zahl auf. Dann wimmelt es in allen Büschen von diesen kleinen Kobolden, die so rastlos sind und immerzu ihre leisen, aber durchdringenden Rufe äußern.

Bis zum vergangenen Donnerstag (30. 10. 2014), als ich wieder einmal dem Rysumer Nacken einen Besuch abstattete, hatte ich dieses Phänomen noch nie in dieser Intensität auf dem Festland erlebt:



different birds are shown in this blog, 61 individuals were present at Rysumer Nacken last Thursday

61 Individuen turnten da bodennah in einer Hecke aus Sanddorn, Holunder, zwei Kiefern und Kartoffelrose herum, doch außer mir hat das niemand mitbekommen, obwohl dort im Schatten des Restaurantes Strandlust viele Passanten unterwegs waren:

habitat of resting Goldcrests on migration at Rysumer Nacken

Zunächst schätzte ich die Zahl der anwesenden Wintergoldhähnchen deutlich geringer ein, doch dann passierten die Vögel nach und nach eine Lücke in der Hecke, sodass ich sie einzeln oder in kleinen Gruppen auszählen konnte: 57,...58, oh, zwei auf einmal, macht nach Adam Riese 60. Und dann noch ein Trödelkopp, der ein wenig den Anschluss verloren hat: 61!

Mensch, dachte ich, das ist Vogelzug zum Anfassen.


sweet and stunning bird – despite his small size and little weight Goldcrest is able to manage a fairly long distance on migration

Es war eine kleine Herausforderung für meine Kamera und mich, einigermaßen brauchbare Bilder von diesen wuseligen Biestern hinzubekommen. Goldhähnchen sind zwar wenig scheu, halten sich aber meist in der Deckung auf und stehen entsprechend nur selten völlig frei und das wiederum stets nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Ich versuchte es zunächst mit Autofokus, doch weil Wintergoldhähnchen grundsätzlich immer in Bewegung sind, gab es entsprechend viel Ausschuss, ohne Autofokus aber nicht ein einziges scharfes Bild!

Und wenn so ein Winzling tatsächlich mal für einen Augenblick stillhielt, dann waren Blätter oder gleich ganze Zweige im Weg. Doch am Ende, ich hatte eine ganze Speicherkarte verballert, war ausreichend brauchbares Material vorhanden.

Hier bin ich:

Das süße Wintergoldhähnchen ist in Deutschland ein häufiger Vogel, der zur Brutzeit auf Nadelbäume, vor allem Fichten, angewiesen ist. Diese können aber auch in einem Garten stehen, weshalb die Art auch im waldarmen Ostfriesland nicht wirklich selten ist und in Emden in den letzten Jahren sogar deutlich zugenommen hat.

Klaus Rettig (Emden) gibt für die Seehafenstadt und das Jahr 2006 einen Brutbestand von 29 Paaren an (Quelle: Brutvogelatlas Stadt Emden). 

Wegen seiner geringen Größe, der recht unauffälligen Lebensweise sowie des leisen Gesangs wird das Wintergoldhähnchen von Gartenbesitzern aber meist übersehen. Ich selbst sah es zur Brutzeit einige Male auf dem Friedhof Tholenswehr, wo zahlreiche Nadelbäume dem kleinen Vogel günstige Lebensbedinguneg schaffen.








Das Wintergoldhähnchen ist so eine Art Spitzmaus unter den Kleinvögeln unserer Republik, weil es einfach keine Pause einlegen kann oder will. Der rege Stoffwechsel sorgt für ein nie endendes Hungergefühl, und so müssen Wintergoldhähnchen den größten Teil des Tages für die Nahrungssuche opfern.

Neben anderen kleinen Insekten und Spinnen werden vor allem Blattläuse von der Unterseite der Blätter einzeln aufgelesen und verspeist:




Tagsüber suchen Wintergoldhähnchen also ihre Nahrung und nachts ziehen sie weiter nach Südwesten.

Doch wann schlafen sie eigentlich?

Ehrlich, ich habe keinen blassen Schimmer.

Fakt ist aber auch, dass von dieser unglaublichen Goldhähnchen-Schwemme am Ende nur wenige Individuen überleben werden. Die Masse macht's, und die Natur will es so.

Wenn also ein neun Zentimeter langer und fünf Gramm schwerer Vogel durch die Kartoffelrosen auf dem Rysumer Nacken hüpft, dann stelle ich mir unweigerlich vor, wie dieses Tier trotz leichten Gegenwindes das Tagesgeschäft des Zuges bewältigt, vor allem über offener See.


Hier also jetzt mal ein spekulativer Reisebericht: 

Nehmen wir an, so ein Winzling verlässt am Dienstag-Abend im dänischen Esbjerg das Festland, absolviert die erste Teiletappe über See, um dann auf der Helgoländer Düne einzufallen und sich dort vielleicht einen Tag aufzuhalten. Nicht auszuruhen, denn da ist ja wieder der große Hunger, der unbedingt gestillt werden möchte.

Der Vogel fliegt von den Strandhafer-Beständen auf der Aade oder den Sandfangzäunen am Nordstrand hinüber zu den Gebüschen an den Dünenteichen, erst Golf-, dann Grillteich, anschließend weiter zum neuen Bungalow-Dorf und zuletzt über die Reede zum Südhafengelände auf der Hauptinsel, wo es nervös auf den Einbruch der Dunkelheit wartet, aber immer noch nicht ruht, weil die Fettreserven stets aufgefüllt sein müssen wie bei uns Menschen der Kühlschrank.

Endlich wird es dunkel, und es geht weiter Richtung Norderney. Dort ist es aber nicht annähernd so spannend und schön wie auf Helgoland, weshalb das Goldhähnchen die Insel einfach überfliegt. Doch bevor es auf das nahe Festland zusteuert, lässt es schnell noch etwas Kacke auf den durch seine weithin sichtbaren Bettenburgen verschandelten Ort fallen. Über die Leybucht und das schlafende Greetsiel geht es nach Rysum, wo diese Etappe ein Ende findet und das Goldhähnchen vom noch dunklen Himmel in die Gebüsche des dörflichen Bolzplatzes fällt:

Nun darf man aber nicht denken, dass so ein Vogel sich damit begnügt, den ganzen Tag an einem Ort zu verweilen. Da nützt es auch nichts, dass Rysum mal den Landesmeister-Titel bei Unser Dorf soll schöner werden erringen konnte. Stillstand wäre hier ein Rückschritt, eine Zeitverschwendung aus Sicht eines Wintergoldhähnchens. Jede Minute, jede Stunde können auf dem Zug wichtige Meter gutgemacht werden, die sich im Lauf eines Tages zu Kilometern vereinen. Es ist also so, dass auch die Hüpfbewegungen dieser Vögel im Schnitt nach Südwesten ausgerichtet sind, was man als Schleichzug bezeichnet.

Und so hüpft unser Wintergoldhähnchen zusammen mit seinen Kollegen von Zweig zu Zweig und fliegt von Busch zu Busch, rastlos, wie es sich für diese Art gehört, und immer nach Südwest, um am Donnerstag die Hecken um den Parkplatz des Restaurants Strandlust zu erreichen, wo ich die Reisenden mit meiner Kamera bereits erwarte und das Geschehen für mich und für euch in Bildern festhalte.

Hört sich spannend an, oder?

Und jetzt stellt euch mal vor, dass diese Reise gar nicht in Esbjerg begonnen hat. 

Wintergoldhähnchen brüten in Schweden auch nördlich des Polarkreises! Und genau diese Populationen sind es, die ihre Brutgebiete weiträumig verlassen. Das heißt, dass so ein Vogel von dort aus erst einmal heil und gesund bis nach Esbjerg gelangen muss.

Und die Reise ist in Emden nicht zu Ende. Ist das nicht spektakulär?

Ich wiederhole mich, wenn ich schreibe, dass ich meinen Respekt für diese unglaubliche Leistung eines so kleinen Tieres überhaupt nicht in Worte fassen kann.

Ich glaube nicht an Wunder, aber falls es welche gibt, dann ist das hier Geschilderte nicht allzu weit davon entfernt und verdient unsere Hochachtung:








Wenn ihr also mal einem Wintergoldhähnchen begegnet, wo auch immer, dann wünscht ihm viel Glück und Erfolg und verneigt euch vor ihm. Wer weiß, was es schon alles erlebt und geleistet haben mag...

Ach ja, dieses Wintergoldhähnchen hat eine Pause gemacht. Sie dauerte aber nur etwa ein Minute an und endete mit einem kurzen Gähnen:

Wenn Vögel gähnen, dann ist das eine Sache von einer Sekunde. Schnabel auf, Schnabel schnell wieder zu, damit man die Mandeln nicht sehen kann.

In dieser Ruheminute habe ich etwa 200 Bilder gemacht, die aber alle mehr oder weniger identisch aussehen:

Trotzdem goldig, das Goldhähnchen:

Übrigens sind die Geschlechter bei dieser Art nur schwer zu unterscheiden.

Zwar besitzen die Männchen neben den gelben Scheitelfedern auch welche, die orange gefärbt sind, doch kann man diese Federn nicht immer sehen, weil sie in Ruhestellung von den gelben verdeckt werden können.

Ob es sich bei diesem Vogel also um ein Männchen oder ein Weibchen handelt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen:

Im Rahmen der Balz können die markanten Scheitelfedern aufgestellt und präsentiert werden, manchmal aber auch während des Zuges, z. B. wenn ein Artgenosse den Individualabstand unterschreitet.

Das folgende Bild zeigt also ganz klar ein Männchen, das sein Häubchen noch kurz zuvor aufgestellt hatte:



Und auch im nächsten Bild ist ein Kerl zu sehen, wie die gerade noch durchschimmernden orangefarbenen Scheitelfedern belegen:





Was gab es noch zu sehen?

Ein Stieglitz stand in derselben Hecke und machte das, was Goldhähnchen so verabscheuen.

Eine Pause:

European Goldfinch


Ich fand unweit der Hecke einen Schlachthof unter freiem Himmel.

Bei den getöteten Tieren dürfte es sich ausnahmslos um die Hain-Bänderschnecke handeln:


Song Thrush did this to the Groove Snails (the notorious Rysumer Nacken snail massacre, you have probably heard of it :-)

Wenn man als Gehäuseschnecke im ostfriesischen Outback unterwegs ist, kann einem eigentlich nicht viel passieren. Es sei denn, man begegnet einer Singdrossel.

Denn dann bringt auch das schönste und stabilste Gehäuse nichts mehr, weil der Vogel es einfach in den Schnabel nimmt und auf einem Stein (rechts im Bild) zertrümmert. In der Regel ist es sogar immer wieder derselbe Stein, den der Vogel mit einer Schnecke im Schnabel aufsucht, sodass es schließlich ausschaut wie auf diesem Foto.

Drosselschmiede nennt man das dann im Volksmund.

Ich hatte den Vogel quasi auf frischer Tat ertappt, denn als ich ankam, flog die Singdrossel gerade ab. Der Aufwand, dort mein Tarnzelt zu errichten und auf eine mögliche Rückkehr des Vogels zu hoffen, war mir aber einfach zu groß, sodass ich es bei diesem einen Bild beließ.

Übrigens sollte man meinen, dass die Singdrossel es einfacher haben könnte, gibt es doch hier in Ostfriesland Tonnen der Spanischen Wegschnecke, die man nicht erst zertrümmern müsste. Doch was der Gehäuseschnecke das Haus, ist der Wegschnecke der zähe Schleim. Sie könnte also mit ihrem muskulösen und austrainierten Körper selbstbewusst durchs Leben kriechen, ohne sich Gedanken über mögliche Feinde machen zu müssen.

Wäre da nicht dieser Vogel, der weder Stolz noch Selbstachtung besitzt!

Im Sommer beobachtete ich nämlich im Wybelsumer Polder eine weibliche Amsel, die sich dem Anschein nach ausgerechnet auf diese Nacktschnecken spezialisiert hatte. Doch sie aß sie nicht etwa selbst, sondern verfütterte sie an die soeben ausgeflogene Brut. Wer auch nur einmal eine dieser Nacktschnecken in die Hand genommen hat, der weiß, wie zäh und klebrig der Schleim ist, den die Tiere permanent zum eigenen Schutz absondern.

Und tatsächlich musste die Amsel nach jeder Beuteübergabe ihren Schnabel ausgiebig gegen den Untergrund reiben und reinigen, während die Jungen zuvor nicht nach ihren kulinarischen Wünschen befragt worden waren.

Ich denke, die Amsel war einfach ein gehässiger Vogel, dem wahrscheinlich nur die ewige Bettelei des Nachwuches auf den Keks ging. Mit so einer geilen Nacktschnecke aber, das waren die Gedanken der Mutter, kann ich diesen Blagen endlich das Maul stopfen.

Ein für allemal!


Und was lehrt uns das?

Die Amsel ist deshalb ein so erfolgreicher Vogel, weil sie als Generalist überall leben und wirklich alles essen kann. Sie ist die Kohlmeise unter den Drosseln. Und weil die Singdrossel dazu nicht in der Lage ist, nimmt sie im Gegensatz zur Amsel im Bestand eher ab als zu.


Rotkehlchen singen auch im Herbst:

Robin

Drei dieser Vögel haben auf dem Parkplatz des Restaurantes ein Winterrevier besetzt. Ihr Alltag besteht eigentlich nur aus Verfolgungsflügen und anderen Streitigkeiten.

Hier mal ein Foto vom Parkplatz selbst:

parking lot – habitat of...

Im Vordergrund, wo die Blätter einer Silberpappel herumliegen, ist eine Fläche zu sehen, die man neulich von den sich schnell ausbreitenden Kartoffelrosen befreit hat. Auch einen Teil der anderen Büsche hat man mit einem Bagger entfernt. Schlimm wird das aber erst dann, wenn man beabsichtigt, hier etwas hochzuziehen, ein Gebäude oder so. Ansonsten will mir nämlich kein Grund für diese Aktion einfallen.

Jedenfalls blieb diese neu geschaffene Freifläche nicht lange ungenutzt, entdeckte ich dort doch glatt eine ruhende Heidelerche:

... a resting Wood Lark (record shot), in fall a regular visitor in small numbers at Rysumer Nacken 

Die Art brütet zwar nicht in Emden, sie ist aber ein regulärer Durchzügler in der Zeit von Mitte Oktober bis Ende November. Auf dem Rysumer Nacken, wo dieses Belegfoto am letzten Donnerstag entstanden ist, kann man mit etwas Glück auch schon mal kleine Trupps beobachten, die sich meist auf den Brachflächen um das Gassco-Gelände aufhalten.

Und: Dieser Vogel mit dem melancholischen Gesang ist einer meiner Lieblinge!


Nachzutragen bleibt abschließend noch, dass zurzeit neben Wintergoldhähnchen viele Buchfinken, Heckenbraunellen, Blaumeisen, Rotkehlchen, Amseln und nach wie vor auch Sing- und Rotdrosseln unterwegs sind.