wilde perspektiven

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Freitag, 12. Dezember 2014

Raubwürgerland (Teil 3)

Kennt ihr Rudi Cerne?

Klar, werdet ihr jetzt denken, das ist doch der Moderator von Aktenzeichen XY.

Stimmt.

Aber was die jüngeren Fernsehzuschauer vielleicht nicht wissen, ist, dass der sympathische Mann aus Wanne-Eickel in seinem früheren Leben ein begnadeter Eiskunstläufer war, der leider während seiner gesamten Karriere im Schatten von Norbert Schramm stand wie im Tennis Michael Stich in jenem von Boris Becker.


Eine kleine wahre Geschichte:

Neulich hatte ich hohes Fieber. 37,8 Grad Celsius, um es auf den Punkt zu bringen. Erst gegen Nachmittag schaffte ich es, mich vom Bett zum Bad und dann vom Bad zum Rechner zu schleppen. Nein, zwischendurch war ich noch in der Küche, weil ich Hunger hatte. Zwei ganze Folgen von Aktenzeichen schaute ich mir dann auf Youtube an, weil ich die Sendung zuletzt vor etwa sechs Jahren gesehen hatte und mir einfach nichts Besseres einfallen wollte. 

Drei Stunden Mord und Totschlag. Und seitdem kann ich nicht mehr richtig schlafen!

sexy Great Grey Shrike is finally back from Scandinavia

Da war zum Beispiel ein älterer Gentleman-Bankräuber, der einen feinen Anzug und einen Hut mit breiter Krempe trug. Er siezte seine Opfer und erkundigte sich immer wieder bei ihnen nach ihrem Befinden. Sind die Fesseln auch nicht zu eng und so weiter. Kurz vor seiner Flucht entschuldigte er sich bei den Bankangestellten, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass es sich ja nur um Geld handele und er es sehr dringend benötige.

Das absolute Kontrastprogramm dazu waren zwei Verbrecher mit sehr wahrscheinlich "osteuropäischem Hintergrund" (sehr häufiges Zitat in den Sendungen), die einen Autoverkäufer und dessen Angestellten ohne ein Wort regelrecht hinrichteten, bevor sie die Kohle nahmen und flüchteten. Plopp. Kopfschuss. Plopp, plopp – zwei Kopfschüsse für den Angestellten, zur Sicherheit.

Tot. Auf der Stelle. Beide.

Niemand aus der Nachbarschaft hat etwas Verdächtiges gehört, weil die Täter einen Schalldämpfer vor den Lauf ihrer Knarre geschraubt hatten. Dass es zwei Mörder waren, weiß man nur, weil der komplette Ablauf der unheimlichen Tat von Überwachungskameras aufgenommen worden ist.

Warum diese sinnlose Gewalt?

Wie krank muss man sein? Was machen solche Menschen nach der Tat? Gehen die dann in eine Imbissbude, um dort 'ne Pommes zu essen? Fahren die ins Sportzentrum, um 'ne Runde Badminton zu spielen? Oder rauchen die einfach nur eine Fluppe? Ich meine, da kann kein Gewissen vorhanden sein, wahrscheinlich nicht mal ein Hirn, das sind Psychopathen, tickende Zeitbomben, bei denen die Zeit aber bereits abgelaufen ist. Sie hätten das Geld (in dem Fall waren es knapp 100.000 DM) ganz bestimmt auch ohne die Morde mitnehmen können, waren die Opfer doch eingeschüchtert und unbewaffnet.

Merksatz: Grundsätzlich ist es in Deutschland nicht erlaubt, andere Menschen zu überfallen oder gar zu töten. Solltet ihr aber trotzdem mal dringend Geld benötigen, dann zeigt bitte Größe und entscheidet euch für die erste Variante...


Was machen eigentlich Feldmäuse so den ganzen Tag?

Ich weiß es:



"Who has seen this serial killer with the prominent black mask on his face?"

Voles love to watch Aktenzeichen XY... ungelöst (Crimewatch) on Rodent TV – the most wanted criminal is currently the notorious Great Grey Shrike!


Sie gucken auch Aktenzeichen! Und zwar die Version für kleine Nager.

Das hättet ihr jetzt wohl nicht gedacht, oder?

Ich war nämlich neulich zu Besuch bei Familie Feldmaus am Siersmeer. Und ihr könnt mir glauben, es war nicht leicht, meinen strammen, von Lebkuchen und H-Milch geformten Körper in den engen Bau zu pressen, aber am Ende saß ich mit der ganzen Sippschaft vor der Glotze. Die Sendung war spannend, und neben Waldohreule, Sumpfohreule und Schleiereule, Hermelin, Fuchs und Hauskatze sowie Mäusebussard, Kornweihe und Turmfalke wurde vor allem nach dem Raubwürger gefahndet. Auf ihn war auch die höchste Belohnung ausgesetzt: 25 Weizenkörner und ein mittelgroßes Salatblatt.

Alle, die dem Raubwürger bis dahin begegnet waren, existierten nicht mehr und konnten entsprechend auch keine sachdienlichen Hinweise mehr geben:


Great Grey Shrike did this to the Vole

Ich riss mich zusammen. Wie hätte ich der Familie erklären können, dass da von meinem Lieblingsvogel die Rede war? Wie, dass ich wusste, wo er sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt. Ich zog es vor, meine Klappe zu halten.

Ende der Geschichte ;-)


Allgemein lässt sich sagen, dass es nicht leicht ist, den Raubwürger zu fotografieren, weil er so weiß ist und die Bilder oft entweder zu hell oder zu dunkel werden. Nichtfotografen verstehen das jetzt nicht. Ist aber auch egal.

Das folgende Bild entstand bei Sonne, die aber durch eine dünne Wolkenschicht schien:

Um es überhaupt erst hier präsentieren zu können, musste ich gefühlte zehn Tonnen Kontrast herausnehmen. Dann ging es einigermaßen.

Das nächste Foto schoss ich an einem bedeckten Tag und schon kurz nach Sonnenaufgang. Es zeigt denselben Vogel auf derselben Warte vor demselben Hintergrund. Nur eben ohne direktes Sonnenlicht. Sofort fehlen die nervigen Kontraste, doch leider gibt es auch so gut wie keinen Lichtreflex auf dem Auge, was den Wert der Aufnahme deutlich schmälert:

same bird on same perch with same background, but photo taken on a cloudy day. Actually I prefer these weather conditions in photography, but the complete lack of a light reflection on the eye means a heavy loss of quality

Im Raubwürgerland kann man so allerhand entdecken.

Zum Beispiel diese fliegende Disko:


dancing swarm of male Winter Crane Fly (Trichoceridae)

"Mein Gott, wenn die verfickten Mücken schon jetzt so häufig sind, wie soll dann erst der Sommer werden?"

Solche und ähnliche Kommentare hört man immer wieder, wenn an kalten, aber sonnigen Wintertagen diese Kreaturen über Gräben und Wegen tanzen. Sie entbehren jeglicher Grundlage.

Denn diese Wintermücken (mein Dank für die Bestimmung bis auf Familienniveau geht ein weiteres Mal an Jürgen Peters aus Borgholzhausen!) sind völlig harmlos und haben nichts mit den sommerlichen Blutsaugern zu tun.

Ich meine, für seine bucklige Verwandtschaft kann man ja wohl nichts!

Der Name sagt eigentlich alles; Wintermücken fliegen vor allem im Winter.

Frost macht ihnen nichts aus, doch führen sie ihre geilen Tänze ausschließlich an Tagen vor, an denen es nicht friert. Dabei reichen allerdings schon Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt aus. Wenn es dann sonnig und windstill ist, geht bei den Männchen dieser Zweiflügler die Post ab. Was die Frauen währenddessen machen, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich stehen sie am Herd oder aber sie bügeln Unterwäsche ;-)


Der Raubwürger an einem nebligen Tag in seiner natürlichen Umgebung und auf einer seiner Lieblingswarten:

Shrike on his favorite perch (left)

Unerreichbar für den Fotografen.

Und das ist schade, denn nur dort oben steht der Vogel wirklich entspannt. Nur dort oben putzt er sich ausgiebig und trägt seinen witzigen Gesang vor. Und tatsächlich singt dieser Raubwürger bereits seit Anfang Dezember, auch bei schlechtem Wetter, was ich so noch nie erlebt habe.

Normalerweise hört man den Gesang eines überwinternden Raubwürgers erst etwa ab Mitte Januar und fast ausschließlich an Tagen mit Vorfrühlingscharakter, wenn die Hormone nach längerer Durststrecke wieder in Wallung geraten und die Paarungszeit nicht mehr weit ist.

Leider verlassen die meisten Raubwürger Deutschland, wenn sie zur Brut schreiten wollen, weil die Landschaft bei uns einfach zu durchgestylt ist. Raubwürger aber benötigen Brachland, wo es auch mal unordentlich sein sollte. Gut ist das nur für die Feldmaus und andere Kleinnager, weil sie auf einen Feind weniger aufpassen müssen. Aus ihrer Sicht ist der Raubwürger wahrscheinlich nichts anderes als ein Serienmörder, so eine Art Jack Unterweger, doch das stimmt natürlich nicht, denn im Gegensatz zum Frauenmörder handelt der Vogel ausschließlich so, wie es ihm Mutter Natur aufgetragen hat.

Eben wie Kormoran, Habicht, Rabenkrähe und viele andere. Doch im Gegensatz zu diesen ist der Raubwürger viel zu selten und für Laien auch unauffällig, als dass ihn die Menschen für sein Tun hassen und verfolgen könnten...