wilde perspektiven

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Freitag, 5. Dezember 2014

Spätherbstliche Tristesse

Ein weiteres Mal muss ich Konservenkost auftischen.

Die Vorweihnachtszeit ist bekannt für ihre Trostlosigkeit in Bezug auf die Vogelwelt. Das Zuggeschehen, das Menschen wie mich seit Monaten in seinen Bann gezogen hat, kommt jetzt mehr oder weniger zum Erliegen, wenngleich man aufregende Überraschungen natürlich nie komplett ausschließen kann.

Hinzu kommt, dass es die letzten acht Tage auch in den Mittagsstunden kaum heller gewesen ist als zwischen Sonnenuntergang und Morgendämmerung,

Immerhin, es regnet (noch) nicht.

Quo vadis, Brant Goose?

Beginnen möchte ich mit zwei sehr vertrauten Ringelgänsen, die sich an der Wattkante bei Manslagt aufhielten:




















Die Aufnahmen stammen vom letzten Wochenende, als sich das Licht bereits im Sparmodus befand.

Einer der Vögel stand erwartungsfroh an der Salattheke:

Ein fettiges Dressing aber gab es dort nicht.

Vor allem die hellen Ränder der Flügeldecken weisen beide Vögel auf den ersten Blick als diesjährig aus, was wohl auch der Grund für ihre geringe Scheu mir gegenüber war. Aber auch die Tatsache, dass diese beiden Ringelgänse mehr oder weniger allein unterwegs waren, trug wohl dazu bei, dass mein Kinder-Teleobjektiv an diesem Tag völlig ausreichte.

Normalerweise reisen und rasten Ringelgänse nämlich in größeren Gesellschaften. Und dann ist es schon deutlich komplizierter bis aussichtslos, sich diesen Vögeln bis auf Fotodistanz zu nähern. Ein recht gelassener Trupp aus etwa 60 - 100 Individuen hält sich allerdings alljährlich nahe der Seeschleuse, also an der Spitze des NSG Leyhörn, auf.

Beide auf einem Bild:




Ringelgänse sind echte Meeresgänse, die sich so gut wie nie abseits der unmittelbaren Küste aufhalten. Die Luft muss salzig sein, sonst geht es diesen Vögeln wahrscheinlich schlecht. Im Gegensatz also zu den hier in Ostfriesland viel häufigeren Nonnen-, Bläss- und Graugänsen sieht man die Ringelgans nur ausnahmsweise in den Meeden um die Meere herum, stattdessen eben vor allem in den Salzwiesen sowie im Heller der geilen Inseln.

Ein Portrait:


Die Ringelgans ist ein Vogel des hohen Nordens. Sie brütet auf vielen arktischen Eilanden, aber auch im kalten Sibirien, woher übrigens vor allem unsere ostfriesischen Wintergäste stammen dürften.

Wenn ich mir die Bilder so ansehe, dann kann ich nur feststellen, dass das Licht wirklich sehr schlecht war an diesem Tag. Ganz kleines Kino. 

Aber immerhin bekam ich eine zweite Chance. Die folgenden drei Bilder entstanden einen Tag später, am Sonntag und unter etwas besseren, aber immer noch sehr schlechten Lichtverhältnissen. Man sieht, die Farben haben deutlich an Wärme gewonnen:


Ach ja, ihren deutschen Namen verdankt die Ringelgans übrigens einem weißen Halsring, der bei jungen Individuen aber noch fehlt oder fehlen kann. Bei dem oben gezeigten Tier ist er durch wenige weiße Federchen zumindest angedeutet.

Und was ihr nicht wisst, weil ihr nicht dabei wart, ist, dass sich Ringelgänse quasi ununterbrochen miteinander unterhalten. Ganz leise. Man hört es nur aus einer Distanz von weniger als fünf Metern. Und wenn man die Augen schließt, dann meint man, von Haushühnern umgeben zu sein. Kein Scherz, dieses leise Gemurmel hört sich an wie das von glücklichen Hühnern, die gerade durch den Garten spazieren und sich selbst kleine Geschichten erzählen.

Dieses Glucksen und das völlig unerschrockene Verhalten dieser beiden süßen Gänse ließen mich ein ums andere Mal schmunzeln:

Nur ein einziges Mal und für wenige Sekunden brach die Sonne durch den wolkenverhangenen Himmel:






Kormorane sind in Ostfriesland genauso beliebt wie in Bayern:

Great Cormorant is one of the most liked birds of the universe ;-)

Wo auch immer sie auftauchen, werden sie misstrauisch beäugt, vor allem von einem Teil der hiesigen Angler, die "ihre" Felle, äh Fische, davonschwimmen sehen. Im Bezirksfischereiverband für Ostfriesland (BVO) sind sage und schreibe etwa 10.000 Petrijünger organisiert; da spielen die wenigen Kormorane, die man an den Binnengewässern Ostfrieslands antreffen kann, absolut keine Rolle mehr.

Und damit ihr mir glaubt, dass viele Zeitgenossen den "Seeraben" nicht mögen, gibt es hier mal einen Beitrag des NDR, in dem zwei sehr wichtige Mitglieder des BVO immer mal wieder ihre Meinung über den Kormoran anklingen lassen: klick

Wenn ostfriesische Angler alljährlich Fisch in die Tiefs und Meere ausbringen, dann heißt das noch lange nicht, dass er ausschließlich ihnen gehört. Es zwingt sie niemand dazu, viel Geld für diesen sinnfreien Firlefanz auszugeben. Und es ist ein altes Märchen, dass es ohne diese Aktionen keinen Fisch mehr in unseren Gewässern gäbe. Ob mit oder ohne Kormoran. Man kann doch auch nicht einfach daherkommen und behaupten, alle Gewässer seien nun Eigentum der Angler. Und man kann einem Vogel schlecht klarmachen, was, wen oder wo er essen darf und was, wen oder wo nicht. Die Besitzfrage ist eben erst dann geklärt, wenn der Fisch gefangen ist. Und weil der Kormoran ausgezeichnet an den Fischfang angepasst ist, ist er eben auch viel erfolgreicher als jeder Angler dieser Welt.

Und das schürt Neid.

Eine solche Ansammlung von Kormoranen wie auf dem folgenden Foto aber sieht man hier in Ostfriesland ohnehin nur selten. Und wenn man sie sieht, dann nur zu den Zugzeiten. Die Bilder stammen entsprechend auch noch aus dem Oktober und sie entstanden an der Kleientnahmestelle in Wybelsum:












a surprisingly rare sight in Ostfriesland – a flock of 25 resting and fishing Cormorants

Über viele Jahrzehnte war der Kormoran ein seltener Vogel in Deutschland. Ich selbst sah meine ersten Kormorane erst 1982 am Niedringhaussee (besser bekannt als Sundermannsee) bei Westerkappeln (Kreis Steinfurt). Danach ging es endlich wieder steil bergauf mit dem schwarzen Vogel, doch kaum war er wieder ein alltäglicher Gast an unseren Gewässern, da trachtete man ihm auch schon wieder nach dem Leben.

Denn natürlich gab es auch einen Grund für das viele Jahrzehnte andauernde Fehlen dieser Art in weiten Teilen Mitteleuropas. Verantwortlich dafür war ausschließlich die rücksichtslose Verfolgung durch den Menschen.

Die letzte Brutkolonie des Kormorans in Kontinentalostfriesland, also abseits der Inseln, befand sich in der Nähe von Lütetsburg. 1957 waren es dort noch 83 Paare, die ihre Nester zusammen mit Graureihern in einem hundertjährigen Weißtannenbestand errichteten. Im April 1958, also zur Brutzeit, wurde ein großer Teil der Vögel abgeschossen, der Rest vergrämt, sodass in den darauffolgenden Jahren nur noch zwei Paare im Jahr 1960 zur Brut schritten. Bereits ein Jahr später aber war dieser Brutstandort erloschen. Und daran hat sich bis heute nichts geändert!

Interessant ist der (vorgeschobene?) Grund für den damaligen Abschuss der Vögel: Man wollte Schäden an den Weißtannen (Saatbäume) verhindern (Quelle: Die Vögel Niedersachsens).

Der Kormoran ist also ein weiteres Beispiel dafür, dass viele Menschen lernresistent sind, wenn es um ökologische Zusammenhänge geht!

Merksatz: Liebe Kormoran-Feinde, jetzt stellt euch doch mal vor, ihr zieht von Ort zu Ort und überall verwehrt man euch den Zugang zu Nahrung. Nix mit Supermarkt oder Schnellrestaurant. Euer Hunger wird immer größer, aber statt eines Festmahls warten nur Hass und Bleischrot auf euch. Schön ist das nicht, und glaubt mir, es ist einfach nur Glück, dass ihr diejenigen seid, die die Flinte in der Hand halten. 

Ich weise aber noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass nicht alle Angler auch Kormoran-Gegner sind, aber leider sind es eben auch nicht wenige.


Nebenbei: Der linke Vogel auf dem ersten Bild trug einen Ring, den ich aber aufgrund der großen Distanz nicht ablesen konnte...


Schnucklige Ohrenlerchen bei Manslagt:

Horned Lark

Austernfischer ebenda:



Eurasian Oystercatcher

Oh, da ist doch glatt wieder der Strandpieper:




Rock Pipit

Ein weiterer Unterschied zum ähnlichen Wiesenpieper sind die grauen statt weißen Schwanzaußenkanten, die man aber nur im Flug sehen kann.

Oder wenn der Piepmatz sich putzt:

Inzwischen habe ich meine ganzen Foto-Utensilien, die ich dort für mehrere Wochen zwischengelagert hatte, wieder fortgeschafft, aber vielleicht versuche ich mein Glück mit diesem Vogel noch einmal, wenn Schnee liegt.

Falls er dann überhaupt noch da sein sollte:

Ansonsten wünsche ich dem Strandpieper einen geruhsamen Winter ohne große Not:

Ein Steinwälzer sah mir beim Fotografieren zu:


Ruddy Turnstone


































Ach ja, morgen kommt doch glatt schon wieder Onkel Nikolausi zu Besuch.

Wenn ihr im vergangenen Jahr alle schön artig gewesen seid, habt ihr aber nichts zu befürchten.