wilde perspektiven

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Dienstag, 24. März 2015

Ein Östlicher Großer Fuchs (Nymphalis xanthomelas*) besucht den Ihlower Forst

*) Ausnahmsweise gibt es hier den wissenschaftlichen Namen, weil ich gleich zu Beginn dieses Beitrags darauf aufmerksam machen möchte, um welche Art es hier tatsächlich geht. 


Am vorletzten Montag (16. 3. 2015) fuhr ich nachmittags Richtung Ihlowerfehn, um mal wieder einen Waldspaziergang zu machen. 

Und weil ich schon mal dort war, besuchte ich auch noch schnell die süßen Mittelspechte, um ihnen etwas Leckeres vorbeizubringen. Danach irrte ich ein wenig durch die Gegend und stand plötzlich am Reiherschloot.

Ich stiefelte am Ufer entlang, als plötzlich ein Schmetterling vor mir vom Boden aufflog. Oh, ein C-Falter, so dachte ich, da muss ich jetzt aber mal die Kamera hervorholen. Nachdem das Tier endlich nach einigen kleinen Runden etwa sechs Meter von mir entfernt wieder gelandet war, pirschte ich mich vorsichtig heran.

Aus etwa zwei Metern Distanz schoss ich die ersten Fotos, und beim Blick durch den Sucher stellte ich zu meiner großen Überraschung fest, dass das da vor mir auf dem Boden gar kein C-Falter war:





Scarce (or Yellow-legged) Tortoiseshell at Ihlower Forst (16. 3. 2015) – maybe the first record for Ostfriesland. Last year a notable influx of this species to northern Germany and even the Netherlands and England took place! This butterfly has expanded his range the previous years to the west and is now for instance a regular species in south eastern parts of Sweden. Cold and changeable weather conditions this spring make it seem likely, that this specimen has not recently arrived and instead hibernated in this area. First I considered this individual a Large Tortoiseshell, which hasn't been seen in Ostfriesland for at least four decades. If ever at all... 

Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder. Ich kniff mir in den linken Arm, aber ich träumte nicht. 

Da stand doch tatsächlich ein Großer Fuchs vor mir, so dachte ich zu diesem Zeitpunkt zumindest noch!

"Moin Großer Fuchs", sagte ich entsprechend zu dem Tier.

Ohne über genaue Kenntnisse über das Auftreten diverser Tagfalter in Ostfriesland zu verfügen, war mir auf der Stelle klar, dass ich soeben einen echten Knaller gefunden hatte. Schon allein deshalb, weil mir diese Art zuvor noch nie begegnet war – weder im Raum Osnabrück noch in Ostfriesland. Dass es bis zu diesem Tag über Jahrzehnte überhaupt keinen einzigen Nachweis dieses in weiten Teilen Deutschlands so seltenen Schmetterlings in Ostfriesland gegeben hat, ließ mich aber trotzdem staunen.

Ein Telefonat am Abend desselben Tages mit Klaus Rettig (Emden) brachte die Gewissheit. Sinngemäß sagte er: "Seit meinem Umzug von Hannover nach Emden im Jahr 1968 ist mir dieser Falter hier im Nordwesten nie begegnet. Und ich weiß auch nichts von Feststellungen anderer Beobachter."

Unglaublich!

Ähnliches kann man in einer Veröffentlichung des NLWKN aus dem Jahr 2009 nachlesen: "Im westlichen Tiefland seit Jahrzehnten nicht mehr nachgewiesen."

In der Roten Liste für Niedersachsen ist die Art als "vom Aussterben bedroht" eingestuft worden. Vor allem im Wendland und um Lüneburg, also im östlichen Tiefland, soll es noch Vorkommen geben. Aber ist das auch noch aktuell?

Bundesweit soll die Art etwa seit 2002 wieder auf dem Vormarsch sein und stärkere, nordwärts gerichtete Ausbreitungstendenzen zeigen (Quelle: lepiforum).

Ein weiteres Foto, das ich von dem Tier machen konnte, entstand im Gegenlicht:



Oostelijke Vos

Diese Beobachtung stellt für mich etwas ganz Besonderes dar, das könnt ihr mir glauben.


"Alles Lüge!" wird der eine oder andere jetzt angesichts des bisher Geschriebenen rufen wollen.

"Hochstapelei!

Betrug!

Teern!

Federn!

Rädern!

Vierteilen!

Hängt ihn auf!

Dieser Schmetterling ist doch total häufig und kommt jedes Jahr in großer Zahl an unsere Buddleja, die neben dem Gartenzwerg nahe der Haustür steht und so weiter..."

Nein, Kinners, das täuscht.

Bei den Faltern im Garten handelt es sich, zumindest wenn ihr in Ostfriesland wohnt, um den ähnlich gezeichneten Kleinen Fuchs, der auch in der heutigen Zeit immer mal wieder in sehr großer Zahl auftreten kann. 

Doch warum dachte ich zunächst nicht an einen Kleinen Fuchs, wenn der dem Großen Fuchs doch so ähnlich sieht, stattdessen an den C-Falter?

Weil man die Flügelzeichnung bei einem fliegenden Schmetterling nicht exakt erkennen kann, sehr wohl aber die Färbung. Und die Grundfarbe des Großen Fuchses, ein recht helles Braunorange, ähnelt eben eher jener des C-Falters, während der Kleine Fuchs dunkler und etwas rötlicher gefärbt ist (siehe Bilder unten). Die beim Großen Fuchs fehlenden dunklen Flügelbasen, wie sie der kleine Vetter zeigt, verstärken diesen Eindruck sogar noch.

Und schließlich ist beim Großen Fuchs der Körper ähnlich gefärbt wie die Flügel. Beim C-Falter ist das auch so, während der Körper beim Kleinen Fuchs sehr dunkel behaart ist und so einen beträchtlichen Kontrast zum Flügel bildet. Aus den hier genannten Gründen habe ich einen fliegenden C-Falter noch nie für einen Kleinen Fuchs gehalten, auch nicht auf größere Distanz. Und umgekehrt gilt das natürlich auch.

Erwähnenswert ist wohl auch noch, dass der Große Fuchs, der Name sagt es bereits, etwas größer als die beiden anderen hier genannten Arten ist. Die Spannweite seiner Flügel gleicht jener des allbekannten Tagpfauenauges. Ohne direkten Vergleich aber und aus der Entfernung taugt dieses Merkmal nicht wirklich viel zur Bestimmung bis auf Artniveau.

Eine Gegenüberstellung (Kleiner Fuchs oben):

Small Tortoiseshell for comparison (from the archives)

Der vermeintliche Große Fuchs:






Und nun der C-Falter:

C-Album for comparison (from the archives) – in flight Scarce Tortoiseshell first reminded me rather of a C-Album than a Small Tortoiseshell, caused by his wing coloration. Small Tortoiseshell resembling wing pattern is not visible in flight

Der Lebensraum am Reiherschloot im Ihlower Forst:

habitat of Scarce Tortoiseshell at Ihlower Forst (18. 3. 2015)

Mensch, zu allem Überfluss kann ich sogar noch schreiben, dass es sich bei dem Tier wohl um ein Männchen gehandelt hat, das sich auf der Suche nach einer Frau befand. Der vermeintliche Große Fuchs flog wirklich jedem Rock hinterher, alles, was vorbeigeflattert kam, wurde blitzschnell verfolgt. Andere Falter ebenso wie Hummeln und sogar Goldfliegen.

Hier mal ein an Löwenzahn saugender männlicher Zitronenfalter, der das mit dem Verfolgen bestätigen kann.

Aufgenommen am selben Tag und am selben Ort:

Common Brimstone is one of the earliest butterflies of the season, often seen already in late February

Neben dem immer noch vermeintlichen Großen Fuchs war ein Admiral der Überraschungsgast des Tages. Zweimal passierte er mich hastig, um dann nicht wieder aufzutauchen. Auch er muss in der näheren Umgebung des Ihlower Forstes erfolgreich überwintert haben. Diese im Herbst oft so häufige Art gilt eigentlich als nicht ausreichend frostresistent, um auch nur einen durchschnittlichen mitteleuropäischen Winter überleben zu können. Üblicherweise fliegt der Admiral alljährlich aus Südeuropa zu uns ein. Der nun für beendet erklärte, eher milde Winter hat dem Tier wohl in die Karten gespielt, obwohl ich mich schon an einige sehr kalte Tage erinnern kann.

Der Große Fuchs ist ein Falter waldreicherer Gebiete. Die Raupen sind polyphag, das heißt, sie sind, ganz im Gegensatz zu jenen des Kleinen Fuchses (essen fast ausschließlich Große Brennnessel) nicht auf eine ganz bestimmte Futterpflanze angewiesen. In Mitteleuropa leben sie vor allem an und von Salweide, Zitterpappel und diversen Obstbäumen sowie weiteren Arten.


So, ab dieser Zeile wird nun alles anders, jetzt gibt es die große Wende in diesem schwierigen Fall, denn der von mir entdeckte Falter war tatsächlich ein Östlicher Großer Fuchs! Dabei handelt es sich um eine weitere, dem Großen Fuchs sehr ähnliche Art, die ich bis jetzt einfach ignoriert hatte, weil mir ihr Erscheinen in Ostfriesland eher unwahrscheinlich erschienen war. Der Östliche Große Fuchs kommt in einem riesigen Areal vor, das von Osteuropa bis nach Japan reicht. Dieser attraktive Falter zeigt seit Jahren Ausbreitungstendenzen nach Westen und hat zum Beispiel seit 2010 auch Südfinnland und den Südosten Schwedens erreicht.

Im Juli 2014 erfolgte wohl erstmalig in der Geschichte dieser Art ein massiver Einflug nach Mittel- und sogar Westeuropa, der die Falter vor allem nach Norddeutschland, aber auch bis in die Niederlande, nach Belgien (Erstnachweis für beide Länder, in den Niederlanden laut waarneming.nl zahlreiche Meldungen über das ganze Land verstreut auch jetzt im März – allein für den 18. März wurden dem Anschein nach 17 Individuen gemeldet!) und Ostengland (dort letztmalig 1953 beobachtet) geführt hat. Vermutet wird eine Herkunft der Tiere aus Polen und Weißrussland sowie dem Westen Russlands (Quelle: lepiforum.de).

Als Folge dieses Einflugs ist es im Frühjahr 2015 im Norden unserer Republik zu weiteren Sichtungen gekommen, nicht nur im Ihlower Forst und sehr wahrscheinlich von Individuen, die hier überwintert haben. Für diese Art, die im größten Teil ihres Areals in sehr winterkalten Gebieten vorkommt, dürfte das auch keine Herausforderung sein. Das sehr zeitige Auftreten Mitte März sowie die bis dahin eher unbeständige und kühle Witterung machen jedenfalls eine erst kürzlich stattgefundene Zuwanderung sehr unwahrscheinlich. Und so durfte ich nun doch noch an dem spektakulären Einflug des Östlichen Großen Fuchses teilhaben, wenn auch mit beträchtlicher zeitlicher Verzögerung.


Am 18. 3., also zwei Tage nach der Erstbegegnung, sah ich den Falter zur gleichen Zeit am Nachmittag am selben Ort. Und wieder flog er vor mir vom Boden auf, um abermals wenige Meter weiter zu landen.

Diesmal gelang mir aber nur ein schlechtes Belegfoto, das aber immerhin erstmals auch die Beine zeigt, auf die ich bei unserem ersten Treffen in Unkenntnis ihrer Bedeutung als Unterscheidungskriterium beider Arten nicht geachtet hatte:




record shot: note the pale yellowish hindleg, which is supposed to be diagnostic for N. xanthomelas in comparison with N. polychloros. But if well seen (and photographed!), the determination on the basis of pattern and coloration of the upper parts of wings alone is not that tricky

Diese diagnostische Beinfärbung hat aber bei der Bestimmung am Ende keine Rolle gespielt, weil sie mir bis zum Mittwoch eben nicht bekannt gewesen ist. Die Flügelform, auch gut zu erkennen auf dem Bild im Gegenlicht, und vor allem die Flügelzeichnung und somit eine Kombination aus verschiedenen Merkmalen ließen letztendlich das Pendel zugunsten dieser völlig unerwarteten Spezies ausschlagen. Und nur die Kunde vom letztjährigen Einflug des Östlichen Großen Fuchses nach Norddeutschland im Rahmen meiner Internet-Recherche ließ mich überhaupt nochmal genauer hinschauen und den Falter auf Herz und Nieren überprüfen.

Über die Unterscheidung der beiden sehr ähnlichen Arten siehe also hier: lepiforum.de

Inzwischen hat man meine Bestimmung im dortigen Forum bestätigt. Danke dafür!

Dass es nun also ein Östlicher Großer Fuchs geworden ist, macht die Sache noch etwas spektakulärer, doch ein "normaler" Großer Fuchs hätte mir ganz gewiss genauso viel Freude bereitet, wenn man bedenkt, wie lange er hier in Norddeutschland nicht mehr festgestellt worden ist. Auf ein Auftreten dieser Art in Ostfriesland wird man also auch künftig geduldig warten müssen.

Ich bin gespannt darauf, was dieses Frühjahr noch alles zu bieten haben wird!