wilde perspektiven

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Mittwoch, 27. Mai 2015

Pfingsten im Moor

Über Pfingsten erreichten die Temperaturen doch glatt den zweistelligen Bereich und überschritten ihn sogar!

Das kannte man gar nicht mehr in diesem Frühjahr, waren die Wochen zuvor doch in erster Linie von niedrigen Temperaturen und viel Wind und Niederschlag geprägt. Mir gefiel diese ungewöhnliche Kälte aber, weil ich dann so gut wie keine Probleme mit meiner verfickten Allergie habe. Von der Birkenblüte habe ich in diesem Jahr jedenfalls überhaupt nichts mitbekommen.

Jetzt gab es also einen rasanten Temperaturanstieg über die Feiertage. Am Pfingstsonntag sollen es sogar knappe 17 Grad Celsius gewesen sein. Ein Hammer für diese Jahreszeit. Doch wenn sich an solchen Feiertagen die Sonne blicken lässt, dann braucht man erst gar nicht zum Rysumer Nacken und zum Emsstrand zu fahren, weil es dort nur so von Menschen wimmelt.

Ein Ausflug ins Moor bei Aurich kann da Abhilfe schaffen. Und wenn es nicht zu heiß, aber auch nicht zu kalt ist, dann kann man dort auch schon mal auf eine Kreuzotter treffen:


portrait of a Common Adder, the first female of the season for me (had been unusually cold the previous weeks)

Dieses Weibchen konnte ich dort an allen drei Tagen des langen Wochenendes beobachten.






same

Und es handelt sich nicht um dasselbe Weibchen, das seit einem halben Jahr den Titel dieser Seite schmückt. Zwischen den bevorzugten Sonnplätzen dieser beiden Individuen liegen nämlich satte zwei Kilometer.

Während ich die Kreuzotter fotografierte, bewegte sich etwas im Augenwinkel. Und als ich genauer hinsah, freute ich mich, denn obwohl ich diesen Falter seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hatte, erkannte ich ihn doch wieder:


Grizzled Skipper

Es ist ein Kleiner Würfel-Dickkopffalter.

Früher bezeichnete man ihn auch als Malven-Würfelfleck, doch ist dieser ältere Name, den ich selbst wegen seiner Kürze immer noch gern einsetze, in mehrfacher Hinsicht eher unglücklich gewählt. Denn erstens kann es zu Verwechslungen mit dem Malven-Dickkopffalter kommen, den es in Ostfriesland gar nicht gibt, und zweitens hat die hier vorgestellte Art mit Malvengewächsen rein gar nichts am Hut.

Die Raupen leben nämlich an Rosengewächsen wie Odermennig oder Walderdbeere oder Mädesüß oder an diversen Fingerkraut-Arten.

Diese recht seltene Art, die ich aus dem Landkreis Osnabrück vom Flugplatz Achmer und aus dem Gehn her gut kenne, meidet intensiv bewirtschaftete Flächen. Ansonsten ist sie aber recht flexibel, denn sie kann sowohl auf trockenen als auch auf wechselfeuchten Böden vorkommen. 

Auf dem Flugplatz Achmer werden sandige Bereiche besiedelt, im Gehn sind es Waldwege, die nicht zu schattig, dafür aber ruhig feucht sein dürfen.

Auf dem nächsten Bild sonnte sich derselbe Falter auf einem Brombeer-Blatt. Brombeeren gehören ebenfalls zu den Rosengewächsen und stehen im Verdacht, der Raupe des Kleinen Würfel-Dickkopffalters als Futterpflanze zu dienen.

Wenn ich richtig informiert bin, ist das aber bis heute nicht belegt:


same

Der Kleine Würfel-Dickkopffalter ist winzig und noch kleiner als ein Gemeiner Bläuling. Normalsterbliche würden ihn wahrscheinlich erst gar nicht bemerken.

An seinen Flugstellen sind offene Bodenstellen essenziell. Hier sonnt er sich gerne, hier nimmt er Flüssigkeit und mit ihr auch Mineralien auf. Im Moor bei Aurich hatten landwirtschaftliche Fahrzeuge die Grasnarbe aufgebrochen. 

Nicht erst dieses Beispiel zeigt, dass das Absperren von Wegen aus Naturschutzgründen nicht zwingend sinnvoll sein muss. Viele seltenere Tiere wie auch der Neuntöter benötigen aus den unterschiedlichsten Gründen Flächen ohne oder aber mit sehr niedriger Vegetation. Wird ein Weg für Fahrzeuge gesperrt, wächst er innerhalb kürzester Zeit komplett zu.

Der Pfad, der in Tannenhausen zur so genannten Dobbe führt, ist ein gutes Beispiel dafür. In wenigen Jahren wird man dort keine Kreuzottern mehr finden, weil die wämenden Sonnenstrahlen es nicht mehr bis zum Boden schaffen werden. Birken und Besenginster haben sich dort bereits in großer Zahl angesiedelt. Ich würde diesen Weg also auf der Stelle wieder für Fußgänger freigeben und zusätzlich für ein extensives Radlader-Management stimmen. Da sich Kreuzotttern aber auch schon mal mitten auf dem Weg sonnen, ist es empfehlenswert, diese Freihalte-Aktivitäten auf das Winterhalbjahr zu beschränken.


Als kleines Insekt hat man es nicht leicht!

Überall lauern Feinde, die einen aufessen wollen. Und wenn Tyrannosaurus rex auch längst von diesem Planeten verschwunden ist, so sind andere Lebewesen nicht minder Furcht einflößend.

Eben aus Sicht eines kleinen Insektes:

Green Tiger Beetle

Begegnet man diesem Käfer, hat man eigentlich schon verloren. Der Feldsandläufer, auch Feld-Sandlaufkäfer genannt, verbreitet unter allen Tieren, die kleiner sind als er selbst, Angst und Schrecken. Gelangt man zwischen seine Mundwerkzeuge, gibt es ganz bestimmt kein Entrinnen mehr.

Hinsichtlich seiner Färbung ist der Feldsandläufer sehr variabel. Auf dunklem Torf sind die Tiere stets leuchtend grün gefärbt, auf sandigen Böden wie auf dem Rysumer Nacken hingegen eher graubraun. Bestimmte Körperstellen und -teile aber wie die Beine sind immer violett.

Die Art ist recht häufig, meidet aber wie der kleine Falter da oben intensiv bewirtschaftete Flächen. Entsprechend sucht man ihn in weiten Teilen Ostfrieslands vergebens. Ihn zu fotografieren, ist nicht ganz einfach, weil der Feldsandläufer grundsätzlich nicht stillhalten kann und sich permanent auf Achse befindet. Immer auf der Suche nach Beute und flüchtigen Beziehungen.

Er kann ausgezeichnet fliegen und startet bei der geringsten Störung durch. Es reicht schon, wenn man sich ihm nähert. Meist fliegt er aber nur wenige Meter. Wird die Sonne an kühlen Tagen von einer Wolke verdeckt, ist es aber mit der Flugfähigkeit schnell vorbei, denn die Grundvorausssetzung fürs Abheben ist eine ganz bestimmte Mindesttemperatur. Wird diese unterschritten, wirkt das eben noch so agile Tier plötzlich so unbeholfen wie ein Ölkäfer.


Ein Kolkraben-Paar im Synchronflug über dem Moor:













Raven

Dieses Verhalten ist für den Kolkraben typisch. Ohne die markanten Rufe zu hören, reicht eine Beobachtung wie die im Bild festgehaltene völlig aus, um die Vögel korrekt bis auf Artniveau zu bestimmen. 

Rabenkrähen zum Beispiel segeln grundsätzlich nicht in der Thermik, sehr wohl aber die Saatkrähe, die hier in Ostfriesland glücklicherweise in einigen Ortschaften brütet. Auch in Emden.

Obwohl das Foto eher Belegcharakter hat, kann man doch alle wichtigen Merkmale des Kolkraben erkennen. Den schmalen Handflügel mit den langen "Fingern" ebenso wie den keilförmigen Schwanz, den der größte Singvogel im Kosmos mit dem Bartgeier teilt.

In Ostfriesland gibt es nach wie vor keinen rezenten Brutnachweis dieser über viele Jahrzehnte völlig fehlenden Art, obwohl sie seit Jahren regelmäßig in verschiedenen Gebieten beobachtet wird. Oft auch gleich paarweise. Wie viele andere Vogel- und Tierarten hat man den Kolkraben in weiten Teilen der Republik schon im 19. Jahrhundert aus Futterneid und Aberglaube ausgerottet. Vorsätzlich.

Und viele Jäger, die Täter von damals und heute unsere "einzigen staatlich geprüften Naturschützer", freuen sich nicht über seine Rückkehr, wie ich aus zuverlässigen Quellen weiß. Im Grunde denken sie wie vor dreihundert Jahren. Ihre seltsame Welt besteht nach wie vor nur aus Fasan und Hase und Rehbock...

Nichts hat sich daran geändert.

Ein Jäger aus Campen, der gleichzeitig Landwirtschaft im Wybelsumer Polder betreibt: "Wir wollen hier keine Krähen und keine Füchse; die nehmen die ganzen Gelege aus."

Nur zwei Sätze später beschwerte er sich über die "vielen" Höckerschwäne im Gebiet: "Die fressen den ganzen Raps auf. Das sind zu viele, wir wollen das nicht!"

"Würden Sie den Fuchs nicht bejagen, könnte er vielleicht was dagegen tun", so antwortete ich.

Der Jäger winkte nur ab. Und er hatte nicht nur für sich gesprochen...

Für mich ist der Kolkrabe ein ganz besonderer Vogel, der dem Raubwürger, meinem absoluten Favoriten, arg im Nacken sitzt, was die Pole angeht. Wenn man ihn nur ein einziges Mal an einem frostigen Tag im Spätwinter bei der Balz beobachtet hat (Truppenübungsplatz Munster Süd vor tausend Jahren), dann wird man das nie vergessen. Und die geilen Rufe dieses beeindruckenden Vogels kann ich inzwischen sogar ganz gut imitieren.


Nochmal die Kreuzotterin:

Und ein letztes Bild von ihr:



Darf ich vorstellen, Mister Pornobrille:






Horse-fly spec.

Wegen der zuvor gemachten tollen Beobachtungen kehrte ich etwas beschwingt zu meinem Wagen zurück und sah da diese Bremse auf dem Dach stehen. Mein Auto hat doch schon eine Bremse, so dachte ich, ab Werk sogar und voll funktionstüchtig.

Bei diesem Tier handelt es sich definitiv nicht um eine Regenbremse udn auch die ganz großen Arten würde ich ausschließen wollen. Und so bleibt das Rätsel vorerst ungelöst.

Nachtrag vom 29. 5. 2015: Es handelt sich dabei um ein Männchen aus der Gattung Hybomitra. Mein Dank für die Bestimmung geht wieder einmal an Jürgen Peters aus Borgholzhausen!


Die ehemaligen und weiten Abtorfungsflächen, die inzwischen geflutet worden sind, bieten einer ganzen Reihe von Tieren einen bedeutenden Lebensraum. Hier entwickeln sich zum Beispiel die Larven der Nordischen Moosjungfer und des Vierfleck und auch von einigen anderen Libellen. Sie wiederum bilden die Nahrungsgrundlage für den soeben aus Afrika zurückgekehrten Baumfalken.

Flussregenpfeifer, Rotschenkel, Bekassine und Kiebitz brüten dort oder in den umgebenden Moorkörpern, andere Limikolen nutzen diesen Sekundärlebensraum als Rastgebiet auf ihrem Zug nach Norden.

Der Zwergstrandläufer ist aber ein eher seltener Gast im Moor:

Little Stint

Weil die Bilder wieder mal in der knalligen Mittagssonne entstanden sind und harte Kontraste und blöde Schatten zeigen, muss ich sie wieder in Graustufen umwandeln.

Derselbe Vogel auf einer freigefallenen Torfbank:

same

Und wieder aus der Nähe:

same

Von vorn:

still the same

Zum Vergleich einer von vier gleichzeitig anwesenden Temminckstrandläufern:




Temminck's Stint

Beide Arten sind sehr klein und werden gerne verwechselt.

Miteinander, aber auch mit vielen anderen Arten.

Der Zwergstrandläufer wird nicht selten für einen Sanderling gehalten – und umgekehrt.

Der unauffällige Temmickstrandläufer wird gleich mit allem verwechselt, was einen langen Schnabel hat, so von Graubrust-Strandläufer bis Flussuferläufer. Warum das so ist, will sich mir nicht so recht erschließen, hat doch gerade diese Art irgendwie ihren ganz eigenen Charakter.

Zumindest fällt mir auf die Schnelle kein weiterer europäischer Vogel ein, der dem Temminckstrandläufer strukturell und vom Verhalten her auch nur ansatzweise ähnelt.

Egal, viel Spaß beim Gucken und Lesen.

Schluss für heute!