wilde perspektiven

wilde perspektiven

Mittwoch, 29. Juli 2015

Punktierte Zartschrecke

Am vergangenen Samstag (25. 7. 2015) betrat ich gegen Mittag den Getränkemarkt an der Ubierstraße in Emden-Constantia. 

Wasser, gebt mir Wasser, ich dehydriere, übertrieb ich in Gedanken ein wenig, weil es an diesem Tag recht warm, vor allem aber sehr schwül war.

Gerade wollte ich eine Flasche aus einer der Kisten ziehen, da entdeckte ich eine weibliche Punktierte Zartschrecke (im Folgenden nur noch PZ), die auf dem Rand dieser Kiste stand und sich gerade putzte.

Ich nahm sie in die Hand und lief noch vor dem Bezahlen zum Wagen, um das Tier in einem mit einem Deckel verschlossenen Plastikbecher zu verstauen. Und ja, der Deckel hat natürlich auch Luftlöcher.

Schnell ging ich zurück in den Getränkeladen, holte und bezahlte meine Wasserflaschen, um daraufhin zur nahen ehemaligen Emder Müllkippe, dem so genannten Friesenhügel zu fahren, wo ich die PZ zu fotografieren beabsichtigte.

Ich setzte das Tier in einem Brombeergebüsch aus, weil ich weiß, dass Zartschrecken eine Vorliebe für Brombeergebüsche haben:



female Speckled Bush-cricket – this species, that was formerly restricted to Western Europe, has extended its range the previous decades and spread as far east as European parts of Russia. Within Germany the highest numbers are still found in the southwestern parts of the country such as Baden-Württemberg and Rheinland-Pfalz

Die PZ ist wahrscheinlich ein noch recht junger Bürger Emdens.

Bis zum heute vorgestellten Individuum hat es vielleicht sogar nur eine einzige Beobachtung auf dem Gebiet der geilen Seehafenstadt gegeben. Am 30. 8. 2004 fand Dieter Rettig (Emden) ein Männchen im Innenraum seines VW-Bulli vor, ebenfalls im Constantia-Viertel! Wo genau das Tier zugestiegen war, ließ sich seinerzeit natürlich nicht ermitteln, doch hatte der Bulli den Großraum Emden zuvor nicht verlassen (Klaus Rettig, Emden, mdl.).

Ich selbst sah diese eher unauffällige Art übrigens erst wenige Male bei Osnabrück, aber noch nie zuvor in Ostfriesland.

Und meine allererste Begegnung mit der PZ habe ich noch gut in Erinnerung.

Vor etwa 17 Jahren saß ich abends vor der Glotze. Wegen der hohen Temperaturen waren die Türen und Fenster den ganzen Tag über unverschlossen geblieben. Der Tatort, der gerade im Fernsehen lief, fesselte mich wenig, sodass ich mich immer mehr auf das Bohren in der Nase konzentrieren konnte. Ich hatte mich gerade mit dem kleinen Finger meiner rechten Hand ganz nah an ein potenzielles Beutestück herangepirscht, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung bemerkte. Und zwar auf der Armlehne des Sessels, in dem ich inzwischen eher lag als saß.

Eine grasgrüne Heuschrecke hatte es sich dort gemütlich gemacht. Zunächst hielt ich das Tier für eine Gemeine Eichenschrecke, weil Größe und Gesamteindruck zu passen schienen, aber Eichenschrecken haben lange Flügel und dieses Tier neben mir eben nicht.

Entsprechend ratlos war ich für einen Augenblick, doch eines der großartigen Bücher des Entomologie-Papstes Heiko Bellmann brachte schnell die Lösung. Ich gebe zu, dass mir die PZ bis zu diesem denkwürdigen Tag nicht bekannt gewesen ist. Selbst ihren Namen hatte ich nie zuvor gehört!

Das folgende Foto zeigt den Getränkemarkt, in dem ich das für mich erste ostfriesische Exemplar entdeckte:



in the salesroom of this beverage store in the centre of Emden I found this Speckled Bush-cricket while I was checking the mineral water supply

Die nächste Hecke befindet sich nur wenige Meter vom Eingang entfernt und begrenzt den Kundenparkplatz (zu sehen im Bildhintergrund):


Doch auch die Beetbepflanzung vor diesem Gebäude gleich neben dem Getränkemarkt kommt durchaus als Lebensraum für die PZ infrage:

shots of possible habitat nearby the entrance of beverage store, but it seems just as possible, that  Speckled Bush-cricket was displaced by the truck of any beverage supplier

Letztendlich kann man aber auch nicht ausschließen, dass das Tier gar nicht aus der näheren Umgebung stammte, sondern vor meiner Entdeckung zusammen mit Getränkekisten angeliefert worden war...


Warum die PZ Punktierte und nicht etwa Schwarz-Weiße Zartschrecke heißt, kann man auf den hier gezeigten Fotos gut erkennen.

Eine Kletterkünstlerin ist sie allemal:






Diese Art erreicht nicht einmal eine Kopf-Rumpf-Länge von zwei Zentimetern, wobei die Kerle durchschnittlich noch etwas kleiner sind als die Mädels.

Da die PZ sich ihr ganzes kurzes Leben über in dichtem Gebüsch aufhält, bekommt man sie nur sehr selten zu Gesicht. Es sei denn, man sucht gezielt nach ihr. Ansonsten kommt es nur dann zu Begegnungen mit Menschen, wenn sich diese Tiere auf den Weg machen und in Häuser und Wohnungen eindringen. Wohl meistens nach Sonnenuntergang und wahrscheinlich angelockt vom Licht.

Schlüüüürf!

Auch als Heuschrecke stillt man seinen Durst, wenn sich einem die Gelegenheit dazu bietet.  Hier trank das Tier köstliches Regenwasser, das sich nach einem Schauer auf dem Blatt angesammelt hatte:

Die PZ ist natürlich eine Heuschrecke und gehört innerhalb dieser Insekten-Ordnung zur Unterordnung der Langfühlerschrecken und hier wiederum in die Überfamilie der so genannten Laubheuschrecken. Warum die Punktierte Zartschrecke zu den Langfühlerschrecken gezählt wird, muss ich nicht erklären.

Die meisten Vertreter der Langfühlerschrecken leben in den wärmeren Ländern der Erde. In Deutschland kommen nur vergleichsweise wenige Arten vor. Zwei davon, das Grüne Heupferd und das Heimchen (manchmal auch Hausgrille geannt), sind wohl die bekanntesten.

Ein Portrait:


Im Gegensatz zum viel größeren Grünen Heupferd, das genau in diesen Tagen zu singen begonnen hat (am Montag, 20. 7. 2015, erstmals in diesem Jahr gehört), ernährt sich die PZ ausschließlich von pflanzlichem Material. Sie is(s)t quasi vegan. Die Blätter verschiedenster Kräuter und Sträucher werden verspeist. Besonders oft werden in der Literatur Rosengewächse wie Him- und Brombeere als Futterpflanzen genannt.


Auch als Zartschrecke sollte man nie darauf verzichten, mal einen Blick über den Tellerrand hinaus zu riskieren.

Kuckuck, ist da unten jemand?

Nö, kein Schwein zu sehen. Wie langweilig.

Die PZ ist eine Art, die ursprünglich auf Westeuropa beschränkt war.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sie ihr Areal erheblich erweitern können. Wie im Falle vieler anderer Tier- und auch Pflanzenarten hat auch hier der Mensch eine förderliche Rolle gespielt, denn man nimmt an, dass die Art vor allem mit transportierten Gartenpflanzen verschleppt worden ist und nach wie vor verschleppt wird. Das Auftreten dieser Heuschrecke vor allem in Städten spricht eindeutig für diese Hypothese.

Bei allen Langfühlerschrecken finde ich immer die Antennen so lustig. Sie sind immer in Bewegung:

Übrigens ist der Gesang der PZ nur aus einer Entfernung von maximal einem halben Meter wahrnehmbar. Ganz im Gegensatz also zu den auffälligen Gesängen der oben erwähnten Verwandten Grünes Heupferd und Heimchen, die einfach zu einer lauen Hochsommernacht dazugehören und die deshalb auch fast jeder kennt.

Von der Seite kann man sehr schön den so genannten Ovipositor sehen, mit dem das Weibchen die Eier in Rindenspalten und an Pflanzenstängeln platziert:

Und ein letztes Bild  von diesem interessanten Tier, das anschließend ganz gemächlich im dichten Brombeergebüsch verschwand.

Die Erde ist doch eine Scheibe:


Zum Abschluss gibt es noch einen Link zu einem Video über die PZ auf Youtube: klick!

Die Paarung lässt sich bei dieser Art sehr leicht herbeiführen, indem man Männchen und Weibchen fängt und eine Weile voneinander trennt. Bringt man sie dann zusammen, erfolgt innerhalb weniger Minuten die Kopulation. Wie man im Video am Hintergrund erkennen kann, entstanden die Aufnahmen sehr wahrscheinlich unter kontrollierten Bedingungen in einem "Studio".

Trotzdem ist es doch immer wieder schön zu sehen, dass es noch Menschen gibt, die Sinnvolles ins Netz stellen!


Abschließend stelle ich fest, dass die PZ wahrscheinlich in ganz Ostfriesland, vielleicht sogar auf den Inseln vorkommt.

Uwe Janßen z. B. konnte das folgende Männchen am 2. 11. 2013 und somit sehr spät im Jahr in seinem Garten in Rhauderfehn fotografieren:




male Speckled Bush-cricket – photo taken by Uwe Janßen on 2. November 2013 (late!) in his garden in Rhauderfehn

Nur wenige Tage oder Wochen zuvor war im benachbarten Garten der Familie Groote, also ebenfalls in Rhauderfehn, ein Weibchen gefunden und auch fotografiert worden (leider liegt mir das Foto nur in geringerer Auflösung vor):



different female in October 2013 – photograph taken by Marie Groote/Rhauderfehn

Ich bin echt gespannt, ob ich auch irgendwann mal in den Genuss eines Männchens kommen werde. Sie sehen so schön bunt aus!


Was gab es noch?

Wieder nicht viel, aber immerhin sah ich am Freitag (24. 7.) den ersten Wandergelbling (auch Postillon genannt) der Saison.

Es war ein Weibchen, das sich neben dem Gassco-Gelände auf dem Rysumer Nacken blicken ließ:

record shot of an unsually shy female Dark Clouded Yellow, first specimen of the season

Weil der Falter sehr scheu war und nie lange auf einer Blüte stehen blieb, hat es nur zu einem Belegfoto gereicht.

Inzwischen glaube ich übrigens fest daran, dass der Postillon alljährlich aus Süddeutschland oder gar Südeuropa nach Emden einfliegt, wenn auch in jahrweise stark schwankender Zahl. Ein echtes Einflugjahr mit vielen Wandergelblingen wie 2013 wird das Jahr 2015 aber wohl nicht mehr werden.


Für sachdienliche Hinweise geht mein Dank heute an die lieben Kollegen Klaus Rettig und Uwe Janßen. Letzterer sowie Marie Groote stellten mir darüber hinaus auch noch hübsche Bilder von der Zartschrecke zur Verfügung.