wilde perspektiven

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Mittwoch, 16. März 2016

Der Tod kommt geflogen*

Will man auch im Winter auf das Fotografieren von Vögeln nicht verzichten, kann man mit vergleichsweise wenig Aufwand eine Futterstelle einrichten.

Weil ich keinen eigenen Garten besitze und auch kein Futterhaus, hängte ich neben Meisenknödeln einfach noch den unten abgebildeten Futtersilo aus Kunststoff ins Geäst. Das Teil ist unverwüstlich, und die Piepmätze, diese kleinen Ferkel, können nicht in ihr Essen kacken.

Schon in meiner frühen Kindheit verbrachte ich im Winter den ganzen Tag am großen Wohnzimmerfenster, um das bunte Treiben der Vögel auf der Terrasse, wo unser Futterhaus stand, zu beobachten. Manchmal versteckte ich mich hinter großen Tontöpfen, in denen seltsamer Bogenhanf wuchs. Und das alles natürlich nur bei schlechtem Wetter, denn bei gutem war ich draußen. Es klingt vielleicht blöd, aber an keinem dieser vielen Tage riss die Spannung auch nur ein einziges Mal ab!

everything can be so easy: this indestructible plastic feeder, which has even been recommended by the British Trust for Ornithology (BTO), contents sunflower seeds. Sunflower seeds attract small passerines and small passerines attract pretty... (sea below). In general my expectations were high, when I set up the feeder at Ihlower Forst. But for instance Middle Spottted Woddpecker, Eurasian Jay, and even Nuthatch refused to appear on the scene, although they were present almost everywhere. Additionally I havn't heard or seen Lesser Spotted Woodpecker and Hawfinch until the beginning of March. Before both finally showed up, I had already finished my little project.

Früh hatte ich mein erstes Erfolgserlebnis in Sachen Vogelbestimmung, als ich bemerkte, dass die Heckenbraunelle kein Sperling ist. Die meisten Menschen werden das bis zu ihrem Tod nicht herausfinden. 

Und als nach vielen Jahren Beobachtungstätigkeit in einem schneereichen Winter in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts plötzlich ein Raubwürger auftauchte und sich auf die Umzäunung der Terrasse stellte, war ich wirklich baff. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, welch exklusiver Gast da vor mir stand, aber ich spürte, dieser Vogel war etwas ganz Besonderes**.

Ich recherchierte in meinem einzigen Vogelbuch und wurde rasch fündig. Und jetzt erschien mir diese Beobachtung noch spektakulärer, denn eigentlich hatte ein Raubwürger nichts in einem Wohngebiet zu suchen. Entsprechend schenkten mir einige Zeitgenossen keinen Glauben, als ich die Geschichte viele Jahre später zum Besten gab.

Tja, eine Kamera besaß ich seinerzeit noch nicht. Ich war erst elf oder zwölf Jahre alt! Es wäre aber leicht gewesen, den Vogel zu fotografieren. Immerhin beobachtete er einige Minuten lang regungslos die Meisen, Haussperlinge und Finken. Und die Scheibe, durch die ich hätte fotografieren müssen, war Dank meiner Mutter immer so kristallklar wie ein Kölsch.

Egal, der Raubwürger flog schließlich unverrichteter Dinge ab, und mir blieben nur die Erinnerungen.

Ohnehin spielt er in diesem Beitrag weder Neben- noch Hauptrolle. Letztere füllt der Vogel im nächsten Bild sehr gut aus:

mystery bird and main actor of this blog post standing on a balcony and enjoying the truly wild perspective, Leinfelden/Baden-Württemberg, photograph taken by Hans-Joachim Andrzejczak

Dieses Foto gelang Hans-Joachim Andrzejczak im Mai 2014 im württembergischen Leinfelden. Gesehen habe ich es damals im Club300. Es ist gleichzeitig ein schönes, witziges und ansprechendes Bild, wie ich finde. Es hat etwas von einem bunten Stillleben. Und es erinnerte mich seinerzeit sofort an den Kunstunterricht in der Schule bei Jurina Artus oder Peter-Paul Berg.

Die Komposition strahlt Ruhe aus, ohne langweilig zu sein: die Zierkürbisse und Kakteen auf dem Tisch im Vordergrund, der Blumenkasten, mit Primeln und Stiefmütterchen bepflanzt, rechts im Bild und dann ganz unauffällig der kleine Vogel, der für noch kleinere Vögel so gefährlich sein kann.

Klasse!

Darüber hinaus zeigt das Foto sehr schön, dass der Rätselvogel ein echter Kulturfolger ist, dem die Nähe zu uns Menschen nichts ausmacht. Besonders im Winter sucht er diese Nähe sogar, vor allem wegen des sehr guten Nahrungsangebotes in unseren Siedlungen.

Viele werden sofort erkennen, wer da völlig entspannt mit dem Rücken zum Fotografen auf der Brüstung steht und die Aussicht vom Balkon genießt. Verraten sei nur, dass es sich um den Hauptdarsteller dieses Beitrages handelt. Gegen Ende gibt es dann die Auflösung.


Doch zunächst muss ich noch den Spannungsbogen aufziehen.

Auch ein grüner Rücken kann entzücken:

Quo vadis, Great Tit? 

Im Dezember, kurz vor Weihnachten, begann ich also im Ihlower Forst mit der Fütterung. 

Ach, ein so großes Spektrum hatte ich mir dort erhofft, doch die Bilanz fiel am Ende eher enttäuschend aus. Einige fest eingeplante Arten wie Kleiber, Eichelhäher und Mittelspecht ließen sich zwar immer wieder in der Nähe blicken, aber leider nicht zu mir herab. Dabei haben sie gesehen, dass es was zu essen gab. Also ich habe gesehen, dass sie das gesehen haben. Mehrfach.


Der hübsche Erlenzeisig tauchte einige Male vor meinem Tarnzelt auf. Meist waren es zwei gleichzeitig, ein Männchen, ein Weibchen, und  wahrscheinlich immer dieselben Individuen. Leider landeten sie grundsätzlich direkt auf dem Boden oder am Knödel oder in dessen unmittelbarer Nähe, sodass der Knödel dann mit aufs Bild gekommen wäre.

Das geht natürlich nicht.

Das Männchen konnte ich aber immerhin auch einmal ohne Knödel ablichten. Und glaubt mir, das da unten ist ganz bestimmt kein Kanarienvogel:



male Eurasian Siskin, a common winter visitor from the North

Der Erlenzeisig ist ein Gast aus dem Norden, der in Ostfriesland nur den Winter verbringt. Sein Name ist Programm, denn tatsächlich hängt er den größten Teil des Tages im Kronenbereich der Schwarzerle ab, von deren Samen er sich vorzugsweise ernährt. Er ist winzig und kann sich auf dünnsten Zweigen genauso mühelos und elegant bewegen wie eine Meise, was z. B. einem Buchfinken auch nach einem vierwöchigen Trainingslager niemals gelänge.

Darüber hinaus tritt dieser Vogel außerhalb der Brutzeit nahezu ausschließlich in größeren Trupps auf. Auch im Erlenbruch im Ihlower Forst, wo ich meinen Futterplatz eingerichtet hatte, waren immer mindestens 250 Individuen anwesend. Oft sogar deutlich mehr. Die Art ist so gesellig, dass ein einzelner Erlenzeisig wohl auf der Stelle sterben würde: an Einsamkeit.


Kleinspecht und Kernbeißer, die beide alljährlich im Forst brüten, habe ich erst Anfang März zum ersten Mal gehört und den Kernbeißer auch gesehen. Wahrscheinlich verbringen sie den Winter in umliegenden Gebieten (Kernbeißer) oder aber sie halten tatsächlich mehrere Monate lang ihren Schnabel (Kleinspecht). Dass vor allem die Rotdrossel trotz klirrender Kälte meinen roten Äpfeln widerstehen konnte, hat mich besonders enttäuscht. Auch sie hätte ich wirklich gern fotografiert.


Für ihre große Schwester, die Amsel, aber hat es gereicht. Erstaunlicherweise nur zwei verschiedene Individuen tauchten regelmäßig an meinem Futterplatz auf. Das folgende Weibchen war extrem dominant und ließ nie den Hauch eines Zweifels daran aufkommen, wem die ganzen Äpfel gehörten:

female Blackbird 

Dass sich dieser Vogel über Wochen gegen die Konkurrenz durchsetzen und sie bis zuletzt erfolgreich auf Abstand halten konnte, ringt mir noch heute Respekt ab. Betonen möchte ich auch noch, dass es sich hier um eine echte und scheue Waldamsel handelt und nicht etwa um eines dieser degenerierten Stadtviecher, die auf kurz geschnittenen Rasenflächen nach Nahrung suchen und keine Scheu mehr vor uns Menschen haben.

Zwei Rotkehlchen gewöhnten sich mit der Zeit aneinander, nachdem sie sich zuvor permanent gekabbelt hatten:



Eurasian Robin


Meisen waren es, die den Ton angaben. Also so zahlenmäßig. 

Am häufigsten war natürlich die Kohlmeise:






male Great Tit

Jeder kennt sie, jeder hat sie schon mal gesehen. 

Ein weiteres Männchen:







another individual

Ein drittes Männchen:
 
another


Die nächsten beiden Arten waren kaum seltener als die Kohlmeise.

Eine davon ist die Sumpfmeise:

Marsh Tit

Die ähnliche Weidenmeise kommt übrigens im Ihlower Forst nicht vor. Mir ist sie hier in Ostfriesland nur aus den Mooren bekannt. Man kann ihr zum Beispiel am Ewigen Meer begegnen. Grundsätzlich ist sie in Bezug auf ihren Lebensraum deutlich anspruchsvoller als die Schwesterart und deshalb auch seltener.

Beide Arten ähneln einander sehr! Die in der Literatur genannten Unterscheidungsmerkmale überschneiden sich. Am ehesten eignet sich der große helle Fleck an der Basis des Oberschnabels zur Trennung beider Spezies, den nach meiner Erfahrung nur die Sumpfmeise in dieser Ausprägung zeigt. Mit einem Fernglas kann man ihn vor allem bei bedecktem Himmel gut erkennen.

Oft ist das aber gar nicht erforderlich, weil Rufe und Gesang beider Arten sehr verschieden sind. Und weil Meisen grundsätzlich nie den Schnabel halten können, ist die Bestimmung trotz des nahezu identischen Aussehens selten ein Problem. 

Eine weitere Sumpfmeise:
 
another

Ein drittes Bild wohl eines dritten Vogels, obwohl man die einzelnen Individuen bei dieser Art kaum voneinander unterscheiden kann:


third

Die so liebliche Blaumeise stellt sich am Futterplatz stets als streitsüchtig und unnachgiebig heraus. Sie ist es, die sogar die deutlich größere Kohlmeise vom Knödel vertreibt. Ohne mit der Wimper zu zucken.

Ein echter Aggressor, ein Despot, auch wenn man ihr das nicht ansieht:


one more time the notorious Curlew-billed Blue Tit (see previous report)

Das Bild zeigt wieder den Vogel mit dem Oberbiss, den ich bereits im letzten Beitrag vorgestellt hatte. Das liegt daran, dass diese Blaumeise besonders zutraulich war. Die Fotos von diesem Vogel entstanden nämlich ohne Unterstützung eines Tarnzeltes.

Lecker Apfel:

feeding on apple

Alle drei hier vorgestellten Meisenarten zeigen leicht unterschiedliche Nahrungspräferenzen. 

Die Sumpfmeise nascht nur selten am Knödel und wenn sie es tut, dann nur kurz. Landete sie doch mal am Knödel, sah es irgendwie immer nach einem Irrtum aus: Ach Kacke, wie konnte ich hier bloß landen, das ist ja Knödel, den mag ich doch gar nicht, scheint sie dann zu denken. Die blöden Blaumeisen essen das den ganzen Tag, die haben doch nicht mehr alle beisammen, diese bunten Spacken.

Und nie probiert die Sumpfmeise die aufgespießten Äpfel. 

Merksatz: Nie-mals!

Dafür legt sie im Gegensatz zu Blau- und Kohlmeise Nahrungsdepots an und pendelt den ganzen Tag unermüdlich zwischen Futterplatz und diversen Verstecken. Auch dann, wenn sie gar keinen Hunger hat.

another

Die Blaumeise ist eindeutig der Master of Knödel. Minutenlang hängt sie daran, da kommt auch die Kohlmeise nicht mit. An Äpfeln naschen beide regelmäßig, aber nur, wenn man sie in die Äste hängt oder aufspießt. Äpfel, die am Boden liegen, werden von Kohl- und Blaumeise grundsätzlich ignoriert.


Im ganzen Ihlower Forst wimmelte es zeitweilig von Bergfinken. Doch an meinem Futterplatz tauchte diese nordische Art nur selten auf. Ich vermute, dass sich die Vögel in erster Linie von Bucheckern ernährten. Der ganze Waldboden war nämlich übersät von dieser nahrhaften Kost.

Hier aber trotzdem ein Bergfink, der ein naher Verwandter unseres häufigen Buchfinks ist:

Brambling, a common winter visitor from the North

Wie der Erlenzeisig ist auch der Bergfink bei uns nur ein Wintergast. Im April und Mai fliegt er zurück nach Schweden und Finnland und so weiter, wo er dann die Brutsaison verbringt und für Nachwuchs sorgt.


Anders der Gimpel, der im Ihlower Forst zwar ein spärlicher, aber eben auch regulärer Brutvogel ist. Obwohl ich den so wohlklingenden Gesang des Männchens von meinem Fotoplatz aus oft gehört habe, tauchte auch diese Art nur wenige Male vor meiner Linse auf.

Es war ein Paar an einem zunächst noch verregneten Samstagmorgen:

female Bullfinch 

Später wurde es deutlich heller, sodass das Männchen etwas mehr glänzen konnte:

male


Bis zu sechs Heckenbraunellen gleichzeitig schlugen sich vor meinem Tarnzelt den Bauch voll. Nur selten kam es zwischen ihnen zu Streitigkeiten, weil Heckenbrauenellen eben keine Blaumeisen sind. Für ein schönes Foto aber hat es nicht gereicht, denn die Vögel näherten sich meist zu Fuß. Fast nie steuerten sie eine der von mir so geschickt platzierten Warten an.

Obwohl, eigentlich finde ich das folgende Bild doch ganz gut, weil es die versteckte Lebensweise der Heckenbraunelle authentisch wiedergibt:

Dunnock

Dieser Vogel ist in der ganzen Republik ein häufiger. Er besiedelt auch Gärten, wenn diese nicht zu steril sind. In Emden kann man ihm nahezu überall begegnen. Weil die Heckenbraunelle aber einem Sperling ähnelt (im Englischen volkstümlich Hedge Sparrow genannt) und darüber hinaus immer auf Deckung bedacht ist, ist sie den wenigsten Menschen bekannt.

Immerhin: Die Männchen verlassen jetzt im Frühjahr das dichte Buschwerk immer wieder und stellen sich dann gerne auf die Spitze einer Fichte oder an einen anderen exponierten Ort, um die Umgebung mit ihrem hell klirrenden Gesang zu beschallen.

Am Futterhaus ist die Heckenbraunelle ein typischer Gast. Aus den oben genannten Gründen bekommen das aber nur wenige Zeitgenossen mit. Sie sucht ihre Nahrung fast ausschließlich am Boden, wo sie sich geduckt und mäuseartig fortbewegt. Denn der Vogel, um den es heute in erster Linie geht, kann jederzeit um die Ecke gerast kommen.

Da kann es nicht schaden, möglichst wenig aufzufallen:


different

Um dem Ganzen auch hier wieder etwas Authentizität einzuhauchen, habe ich extra gewartet, bis sich die Braunelle hinter mindestens einem Zweig befand. Einen völlig frei stehenden Vogel kann schließlich jeder fotografieren.

Doch es ging natürlich auch ohne Gestrüpp:




Die Heckenbraunelle gehört in die Gattung Prunella. Ihr vollständiger wissenschaftlicher Name lautet Prunella modularis. Weitere Vertreter dieser Gattung sind die Alpenbraunelle (Prunella collaris), die Schwarzkehlbraunelle (Prunella atrogularis) und neben weiteren auch die Kleine Braunelle (Prunella vulgaris).

Äh, Moment, haaalt, stopp!

Da hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Denn die letztgenannte Kleine Braunelle ist eine Pflanze! Es handelt sich dabei um einen Lippenblütler, der auch in Ostfriesland sehr häufig ist. Eigentlich sollte so etwas nicht vorkommen. Also, dass man einen Gattungsnamen sowohl im Reich der Pflanzen als auch im Reich der Tiere vergibt. Ist aber passiert. Schon vor Jahrhunderten. Leider weiß ich jetzt nicht, wer dafür verantwortlich zeichnet. Vielleicht Carl von Linné, der alte Schwede.

Ich denke aber, es müssen zwei verschiedene Wissenschaftler gewesen sein, die von der jeweils anderen Benennung noch keine Kenntnis besaßen. Zu allem Überfluss hat man in diesem Fall aber auch noch übereinstimmende deutsche Trivialnamen ausgewählt, eben passend zum wissenschaftlichen, was die Verwirrung noch steigert!

Ich schrieb es bereits, diese doppelte Vergabe ein und desselben wissenschaftlichen Gattungsnamens sollte nicht vorkommen. Und tatsächlich ist mir auch nur ein weiteres Beispiel bekannt. Es ist der Name Oenanthe, der einerseits die Vogelgattung der Steinschmätzer benennt, andererseits aber auch die Wasserfenchel-Arten, die zu den Doldenblütlern zählen. Immerhin hat man hier unterschiedliche deutsche Bezeichnungen für die Vertreter dieser beiden Gattungen gewählt.

Halbwissen to go, das ist doch was!


Der Schwarzspecht ließ sich leider nicht bei mir blicken. Sonnenblumenkerne, Meisenknödel oder Erdnüsse lassen ihn nämlich grundsätzlich kalt. Es gibt aber noch einen zweiten Grund, warum er meinen Futterplatz nicht ein einziges Mal besucht hat. Der Ihlower Forst ist mindestens seit drei Jahren verwaist und kein Lebensraum mehr für diesen größten europäischen Specht.

Dass das mal anders gewesen sein muss, illustriert das folgende Bild:








old Black Woodpecker's cavities. Since at least three years this species has not been recorded at Ihlower Forst. These two cavities have been occupied by Stock Dove the last two years

Die beiden Schwarzspechthöhlen im Stamm dieser Rotbuche (und nein, es handelt sich dabei nicht um ausgefaulte Astlöcher) sind in den letzten zwei Jahren von der Hohltaube genutzt worden. Solche Nistplätze haben aber nicht ewig Bestand. Vor über drei Jahrzehnten fand ich eine besetzte Schwarzspechthöhle in einem Buchenwald bei Wallenhorst-Hollage. Nachdem der Schwarzspecht dort ausgezogen war, wurde sie in den darauffolgenden Jahren mal von der Dohle, mal von der Hohltaube besetzt. In einem Jahr hat der Kleiber versucht, das Einflugloch zuzumauern, aber einige Tage später waren doch wieder Dohlen eingezogen. Und als ich diese Höhle dann nach vieljähriger Abwesenheit erneut kontrollieren wollte, stellte ich überrascht fest, dass zumindest das Einflugloch komplett zugewachsen war.

Merksatz: Man darf die Regenerationsfähigkeit einer alten Rotbuche auf keinen Fall unterschätzen!


Der Buntspecht kommt dagegen beinahe überall vor:





Great Spotted Woodpecker 

Maximal vier Individuen gleichzeitig konnte ich von meinem Versteck aus sehen. Zwei Kerle, zwei Frauen.

Hier ein Männchen:


Buntspechte sind wie fast alle Vertreter dieser Vogelfamilie bunt, wenigstens aber sehr auffällig gezeichnet. Daher der Name. Gleichzeitig geben sie in einem Wald auch gerne akustisch den Ton an. Wenn man sie mal nicht sieht, weil sie sich im Kronenbereich alter Bäume aufhalten, dann kann man sie jetzt im Vorfrühling aber wenigstens hören.

Der Buntspecht ist sehr ruffreudig und laut. Gleichzeitig sind sowohl Männchen als auch Weibchen eifrige Trommler. Vor allem am Vormittag testen Buntspechte die Resonanzfähigkeit einer Vielzahl toter Äste und Stammabschnitte aus. Das Resultat sind völlig verschieden klingende Trommelwirbel, die man aber alle anhand ihrer Schlagfrequenz und Länge dem Buntspecht zuordnen kann. 

Eines der Männchen in etwas größerer Entfernung:




Spechte können sich bei Gefahr auch hinter dünneren Stämmen ausgezeichnet verstecken. Auf dem folgenden Bild sieht man nur drei Krallen des rechten Fußes. Immer wieder lugen die Vögel dann mal links, mal rechts am Stamm vorbei, um zu gucken, ob die Luft auch wirklich rein ist:















Guten Morgen, auch schon wach?

Bank Vole

Bei diesem etwas verschlafen dreinblickenden Pelzträger handelt es sich um eine von etwa fünf verschiedenen Rötelmäusen, die immer mal wieder auf dem Erdboden vor meinem Versteck herumwuselten und fleißig Sonnenblumenkerne in ihren Bau verfrachteten. 

Guck mal bitte in die Kamera:

Bank Vole

Geht doch!

Und jetzt zeig mal bitte deine kleinen Patscherhändchen:

Bravo!

Mäuse zu fotografieren, macht sehr viel Spaß, doch leider sind viele Arten, wie etwa die hübsche Waldmaus, ausschließlich nachtaktiv. Da könnte man nur was mit einem Blitz machen. Geblitzte Bilder finde ich aber einfach nur doof, weil sie grundsätzlich unnatürlich aussehen. Blitzt man bei Tageslicht, ist es sogar noch schlimmer. Dann sehen die Bilder immer wie Fotomontagen aus. Hintergrund und Hauptdarsteller passen dann einfach nicht mehr zusammen.

Die Rötelmaus ist die klassische Wühlmaus des Waldes. Ein leichtes Leben hat sie dort aber nicht, weil sie auf dem Speisezettel so vieler Tiere steht. Der Fuchs hat sie zum Fressen gern. Ebenso Mauswiesel, Hermelin und Baummarder. Und auch Eulen und Greifvögel wie der Mäusebussard sind sehr gut an das Erbeuten von Mäusen angepasst.


Einer der Erzfeinde der Rötelmaus ist dieser Bengel hier:

Tawny Owl is quite rare in Ostfriesland because of the lack of suitable woods

Der Waldkauz ist in weiten Teilen Ostfrieslands ein seltener Vogel. Der Grund dafür ist ein Mangel an ausreichend großen Waldgebieten. Denn im Gegensatz zur häufigen Waldohreule gibt sich dieser Vogel nicht mit kleinen Feldgehölzen oder Baumgruppen zufrieden. Bis zum letzten Wochenende war ich mir nicht einmal sicher, ob er aktuell im Ihlower Forst vorkommt.

Vor fast genau einem Jahr hörte ich ein rufendes Individuum in der Abenddämmerung in der Nähe des ehemaligen Klosters. Zum ersten und zum letzten Mal. Eine gezielte Nachsuche an den darauffolgenden Tagen, aber auch in den letzten zwei Monaten (Balzzeit) verlief negativ. Ich zweifelte schon an mir und meinem Gehör. Normalerweise, so meine eigenen Erfahrungen aus dem Landkreis Osnabrück, antworten Waldkäuze früher oder später auf meine perfekten Imitationen mit den bloßen Händen. Doch im Ihlower Forst ertönte immer nur die Stille.

Ich hatte den Waldkauz schon abgehakt, als mir am frühen Sonntagmorgen (13. 3. 2016) eine Gruppe von Kleinvögeln den entscheidenden sachdienlichen Hinweis gab. Wieder ganz in der Nähe der Klosteranlagen hatten Mittelspecht, Buntspecht, Blau- und Kohlmeise, Amsel, Singdrossel und Zaunkönig die Eule nämlich enttarnt. Lautstark protestierten sie gegen ihre Anwesenheit. Der Zaunkönig und ein Mittelspecht wollten es mir ganz genau zeigen. Sie flogen immer wieder die im Bild gezeigte Höhle an, lugten hinein, um sich dann rasch wieder zurückzuziehen. Vielleicht wollten die beiden auch nur ein bisschen angeben. Hier, seht her, wie mutig wir sind und so weiter...

Mit bloßem Auge konnte ich nichts erkennen, doch mit dem Fernglas entdeckte ich endlich meinen allerersten ostfriesischen Waldkauz. Ich hatte mich ein Jahr zuvor also doch nicht verhört!


Nicht auf Mäuse steht der Sperber, auf den der Titel dieses Beitrages abzielt.

Mein Herz blieb beinahe stehen, als dieses Männchen plötzlich vor meinem Versteck landete. Und ich konnte förmlich sehen, wie es ín seinem kleinen Köpfchen arbeitete, während es den Boden sorgfältig nach den verschwundenen Kleinvögeln absuchte.

Mist, so dachte der Sperber wohl, wieder zu lahmarschig. Meine Fresse, ich muss echt mal mehr Gas geben, ich muss an mir arbeiten, so geht das nicht weiter. Und wie haben die mich so schnell entdeckt? Wie machen die das? Und wo sind die jetzt alle? Mein Magen knurrt, mir wird schon fast schlecht. Hier war doch eben noch die Hölle los (aus der Rubrik Sperber-Gedanken):





male Eurasian Sparrowhawk

Dieses adulte Männchen besuchte meinen Futterplatz wahrscheinlich täglich. Gesehen habe ich es aber nur wenige Male, weil ich natürlich nicht jeden Tag und nie länger als drei Stunden am Stück im Wald war. Feste Zeiten, auf die sich ein Fotograf einstellen könnte, kennt ein Sperber leider auch nicht.

Merksatz: Er jagt eben nur, wenn der Magen leer ist. 

Wohl kein anderer europäischer Greif kann unter Kleinvögeln eine vergleichbare Massenpanik auslösen. Noch bevor der Sperber im engen Blickfeld des Fotografen erscheint, falls überhaupt, sind bereits alle Meisen und Finken verschwunden. Immer unter lautstarkem Getöse ergreifen sie die Flucht. Und solange der Sperber in der Nähe verweilt, verstummen die Warnrufe auch nicht. Diese Rufe verraten einem sogar, ob der Sperber gerade steht oder fliegt. Auch dann, wenn man ihn nicht sieht. Denn vor allem die Blaumeise hat für jede dieser Varianten einen eigenen Alarm, den auch andere Kleinvögel einordnen können.

Im Falle eines fliegenden Sperbers lässt sie einen Warngesang erklingen, der ihrem eigentlichen Gesang zwar ähnelt, der sich aber eben deutlich gedehnter und durchdringender anhört. Selbst wenn der Sperber nur wenige Meter fliegend zurücklegt, etwa von Ast zu Ast, kann man diesen Warngesang der Blaumeise sofort hören. Nach seiner Landung beginnt sie wieder zu zetern.

Einige andere Vögel, wie etwa die Nachtigall, lassen einen ähnlichen Warngesang hören. Das durfte ich vor vielen Jahren auf dem ehemaligen Flugplatz Bramsche-Hesepe erleben, als sich ein Neuntöter immer wieder dem gerade ausgeflogenen Nachtigall-Nachwuchs näherte.

same

Der Sperber ist der Grund dafür, dass die Vögel bei der Nahrungssuche so nervös sind und sich beeilen. Nur er kann jederzeit und überall auftauchen und ihnen bis in die Baumkronen folgen. An Futterplätzen, die sich in Gärten befinden, kommt als zweiter wichtiger Beutegreifer die Hauskatze hinzu. Da sie aber nicht fliegen kann, stellt sie für die Kleinvögel nur dann eine Gefahr dar, wenn sich das Futterhaus zu dicht an einem Gebüsch befindet. Dann kann die Katze sich dort verstecken, auf den richtigen Moment warten und schließlich mit einem langen Satz einen verpeilten Vogel erbeuten.

Merksatz: Ein Futterhaus sollte mindestens zehn Meter vom nächsten Gebüsch und sonstigen möglichen Verstecken entfernt aufgestellt werden!

Im Ihlower Forst kam es immer wieder zu Fehlalarm. Alle Vögel flogen blitzschnell weg und versteckten sich im dichten Unterholz, tauchten aber auch rasch wieder auf, als sei nichts gewesen. Meist waren warnende Blaumeisen der Auslöser. Und manchmal hatte ich den Eindruck, dass die das mit Absicht machten, um auf diese Weise den begehrten Platz am Meisenknödel zu ergattern.






same

Wer ein Futterhaus im Garten hat, muss also auch immer mit dem Sperber rechnen. Selbst mitten in der Stadt, wie das Bild von H.-J. Andrzejczak belegt! Nur wegen dieses Vogels habe ich überhaupt erst die ganze Sache mit der Fütterung ins Leben gerufen. Dass es am Ende tatsächlich geklappt hat, stimmt mich zufrieden.

Der Sperber ist Gott sei Dank ein häufiger Greifvogel. Sein Leben spielt sich größtenteils im Verborgenen ab. Deckungsreiches Gelände wird von ihm bevorzugt. Begegnen kann man ihm aber mit etwas Glück wirklich überall. Wenn er am Himmel kreist, etwa im Spätwinter und Frühjahr über dem Horstgebiet, und eben bei der Jagd, wird man den Sperber aber am ehesten zu Gesicht bekommen.

Die Jagdweise des Sperbers ist rasant, seine Flugfähigkeiten geradezu unglaublich. Oft lässt er sich mit eng angelegten Schwingen aus größerer Höhe hinbabfallen, um dann flach über dem Boden und bei hoher Geschwindigkeit um irgendeine Ecke zu schießen und zuzuschlagen. Sperber können noch die geringste Deckung geschickt ausnutzen, um Kleinvögel wie aus dem Nichts zu überrumpeln. Nicht selten jagen sie auch in der Dämmerung, manchmal sogar bei fast völliger Dunkelheit, wie ich selbst schon im Scheinwerferlicht meines PKW beobachten konnte.

Wen esse ich denn jetzt mal auf? Am liebsten alle, aber dann kann ich wahrscheinlich nicht mehr fliegen. Kohlmeise hatte ich gestern, der Buntspecht ist mir zu wehrhaft, vielleicht wäre die Heckenbraunelle nicht schlecht, die sieht schon ziemlich lecker aus. Bestimmt ist die ganz zart, die ist noch nicht einmal ein Jahr alt (wieder aus der Rubrik Sperber-Gedanken):


likely the same

Im Gegensatz zu anderen Vogeljägern wie etwa Baum- und Wanderfalke ist der Sperber kein Hetzer, der seine Beute minutenlang im offenen Luftraum verfolgen könnte. Sein Körper ist von Mutter Natur nicht für diese Jagdstrategie entwickelt worden. Dafür ist er dazu in der Lage, die unglaublichsten Flugmanöver auf engstem Raum zu vollziehen. Eine Chicagoschleife ohne Auto und ohne Handbremse stellt für ihn keine Herausforderung dar.

Ein anderes Männchen:

different male

Leider musste ich dieses Bild im von mir so ungeliebten grellen Sonnenlicht machen. Wenige Sekunden zuvor war es noch bedeckt gewesen. Trotzdem sehr schön erkennen kann man, dass dieses zweite Männchen unterseits eher wie ein Weibchen gefärbt ist. Interessant auch die tiefroten Iriden. Dieser Vogel tauchte nur ein einziges Mal an meiner Futterstelle auf. Möglicherweise handelte es sich um einen Durchzügler. 

Wenn ich einen Lieblingsgreifvogel habe, dann ist das der Sperber! Die halsbrecherische und rasante Jagdweise sowie das hübsche Erscheinungsbild machen ihn für mich zu etwas ganz Besonderem. Danach kommt erst mal lange nichts.


Auch nicht der verwandte und deutlich größere Habicht, der quasi der einzige natürliche Feind des Sperbers ist und oft im selben Gebiet vorkommt. Nur vor ihm muss sich der Sperber in Acht nehmen.

Im Ihlower Forst brüten alljährlich mindestens zwei Habicht-Paare. Dieses Männchen konnte ich ebenfalls dort knipsen:
 


male Northern Goshawk (record shot)

In seiner Lebensweise ähnelt der Habicht dem Sperber sehr. Allerdings stellt er im Schnitt deutlich größeren Tieren nach. Und sein Beutespektrum schließt auch Säuger mit ein. Deswegen hat man ihn stets als Konkurrenten betrachtet und über Jahrhunderte erbarmungslos verfolgt. Kaninchen, Junghasen, Stockenten und Fasane gehören nämlich den Jägern. Das muss der Habicht erst noch lernen. Die Tatsache, dass er darüber hinaus gerne Haustauben und Haushühner erbeutet, haben ihn bei einem Teil der Bevölkerung nicht beliebter gemacht.

Und so werden Habichte und andere Greifvögel auch heute noch illegal gefangen und getötet. Vor vielen Jahren entdeckte ich zusammen mit einem Kollegen einen Jungvogel in einem so genannten Habichtskorb in einer Fichtenschonung in der Barlage (Gemeinde Wallenhorst). Wir ließen ihn frei und auch die lebende Taube, die keinen Bock mehr hatte auf ein Dasein als Köder. Nach getaner Arbeit zündeten wir uns eine Zigarette der Zufriedenheit an, anschließend auch die Falle, die zu einem großen Teil aus Holz gearbeitet war.

Sie brannte schön. Und im Widerschein der Flammen schmeckte mir auch noch eine zweite Zigarette ausgesprochen gut. Am Ende blieb nur Maschendraht übrig, den wir als Andenken für das Arschloch, das die Falle aufgestellt hatte, zurückließen. Ich kann das heute mit einem Lächeln im Gesicht schreiben, weil es längst verjährt ist. Und ohnehin war es eine gute Tat, weil wir dem jungen Habicht die Freiheit zurückgegeben hatten. Ich will mir nicht vorstellen, was mit dem Vogel passiert wäre, wenn ihn der linke Fallensteller vor uns entdeckt hätte. Und ich will mir nicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn dieser Idiot ausgerechnet während unserer Freilassungsaktion in der Fichtenschonung aufgekreuzt wäre.

Hier mal ein Video zum Thema, leider in schlechter Qualität: klick!

Es gibt einfach Menschen, die es besser nicht geben sollte!


Zum Abschluss stelle ich euch heute einen meiner Ruheplätze im Ihlower Forst vor, abseits des Wochenendtrubels:


a nice place to rest

Jemand hatte diesen ausrangierten Gartenstuhl zusammen mit anderem Müll am Wegesrand entsorgt. Ich entdeckte ihn und schleppte das Teil dann mehrere hundert Meter weiter in einen Erlenbruch. Fast immer, wenn ich dort eine Pause mache, kann ich sowohl Eisvogel als auch Mittelspecht beobachten. Und viele andere Arten.

Ist das nicht toll?


Weil ich sein hübsches Sperber-Bild hier präsentieren darf, geht mein Dank an Hans-Joachim Andrzejczak aus Leinfelden-Echterdingen/Baden-Württemberg!


* Ein Teil der hier gezeigten Bilder entstand in Emden. All diesen Arten bin ich aber auch im Ihlower Forst begegnet.

** Weil der Raubwürger so besonders ist, hat er es bis zum Wappenvogel dieses Blogs gebracht!