wilde perspektiven

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Freitag, 29. April 2016

Der Entwässerungsgraben-Barrakuda

Heute gibt es eine echte Premiere!

Noch nie zuvor habe ich hier einen Fisch vorgestellt.

Das liegt daran, dass man Fische nicht so einfach fotografieren kann wie zum Beispiel Vögel. 

Ich meine, wer besitzt schon eine Unterwasserkamera? Und die würde einem im Falle des heutigen Kandidaten ohnehin nicht weiterhelfen, weil der Neunstachlige Stichling, um den geht es heute nämlich, meist dort vorkommt, wo die Sicht schlecht ist.

Trotzdem konnte ich einige brauchbare Aufnahmen von dieser Art machen. Ich fing gleich mehrere Individuen in einem alten Torfstich im Collrunger Moor östlich von Aurich, wo ich es eigentlich auf Molche abgesehen hatte.

Anschließend setzte ich sie für einige Minuten in ein Aquarium:

Ninespine Stickleback – different specimens are shown

Der Neunstachlige Stichling ist eine häufige Art.

Laut Wikipedia soll sie aber seltener sein als der bekannte Dreistachlige Stichling.  Ich kann das nur schwer einordnen. Doch als Kind habe ich viel gekeschert. In den Wiesengräben im Wallenhorster Ortsteil Hollage im Landkreis Osnabrück war der Neunstachlige Stichling eindeutig verbreiteter als der etwas größere Verwandte. Selbst in Gräben mit geringer Wasserführung und schlechter Wasserqualität kam er fast immer in recht hoher Dichte vor, während der Dreistachler fehlte.

Zwei auf einem Foto:


Ganz früher besaß ich ein Aquarium mit diversen Warmwasserfischen. 

200 Liter fasste es. 

Neben Skalaren und Kirschflecksalmlern und einigen anderen Arten hielt ich dort auch je einen Dreistachligen und einen Neunstachligen Stichling. In beiden Fällen handelte es sich um Männchen. Sie fügten sich gut ein in die Gesellschaft und bereiteten mir viel Freude. 

So waren sie die einzigen Fische, die aus dem Wasser sprangen, um Regenwurmstücke aus meiner Hand zu essen. Beide bauten immer wieder Nester, und beide befanden sich nahezu permanent im Prachtkleid, obwohl ich nie ein Weibchen hinzusetzte. 

Vielleicht lag das an der hohen Wassertemperatur.

Hübsch waren sie!

An einem Tag im Herbst fiel die Heizung meines Aquariums aus.

Alle Fische starben.

Wirklich alle?

Nein, die beiden Stichlinge überlebten natürlich, weil ihnen kaltes Wasser nichts anhaben konnte. Ich nahm diesen Vorfall zum Anlass, das Aquarium zu verschenken. Meine beiden Favoriten ließ ich frei.


Dieses Männchen aus dem Collrunger Moor fing schon nach wenigen Minuten mit dem Nestbau an. 

Es verlor wirklich keine Zeit:

Da ich gleich mehrere Individuen gefangen hatte, gehe ích davon aus, dass auch einige Frauen darunter waren.

Für eine Eiablage hat die kurze Fotosession aber nicht gereicht.

Ein Teilaspekt des Collrunger Moores:


habitat of Ninespine Stickleback – did not expect him in a bog

Wahrscheinlich kommt der Neunstachlige Stichling dort in allen Blänken und Torfstichen vor. Überprüft habe ich das aber nicht.

Ein weiteres Bild:




Immer wieder habe ich dort auch den Eisvogel beobachtet.

Der fängt im Moor wahrscheinlich vor allem Molche und später im Jahr auch Kaulquappen, daneben vielleicht noch verschiedene Wasserinsekten und deren Larven. Doch auf Fisch muss er im Collrunger Moor eben auch nicht komplett verzichten.

Sein Brutplatz befindet sich aber am nahen Ems-Jade-Kanal, der sich im Laufe der Jahrzehnte gerade östlich von Aurich sehr naturnah entwickelt hat.


Der Barrakuda, der im Wiesengraben lebt:






Dass ich dem Neunstachligen Stichling ausgerechnet diesen Spitznamen verpasst habe, darf nicht verwundern.

Wie die echten Barrakudas und auch wie Hecht und Zander hat der Winzling einen stromlinienförmig gestreckten Körper. Und er wäre wie die genannten Arten eine Gefahr für andere Fische, wenn er nicht so klein wäre. Fürchten muss man sich vor ihm also nur dann, wenn man durch seinen engen Schlund passt. Das trifft allenfalls auf den Nachwuchs anderer Fischarten zu.

Und der wird sowohl vom Drei- als auch vom Neunstachligen Stichling tatsächlich gerne erbeutet.

Dieser Umstand hat diesen beiden Arten in der Vergangenheit wenig Gegenliebe eingebracht.

Auch die Larven von Molchen und Fröschen stehen auf dem Speisezettel eines Stichlings, daneben vor allem Wirbellose.




Viele Menschen haben ein Aquarium zu Hause.

Exotische Fische und inzwischen auch andere Lebewesen wie Schnecken, Garnelen und so weiter sind für viele Menschen längst zu beliebten Mitbewohnern geworden, weil sie nie widersprechen.

Doch manchmal frage ich mich, ob das so sinnvoll ist. Denn nicht alle diese Tiere werden auch in Europa erfolgreich nachgezüchtet. Auch in der heutigen Zeit werden nach wie vor bestimmte Arten in ihren meist tropischen Herkunftsländern gefangen und auf die weite Reise geschickt. Viele von ihnen sterben während des Transportes einen sinnlosen Tod.

Ein Stichling aber, den man vor der Haustür fängt und vielleicht ein paar Wochen im Aquarium hält, hat auch seinen Reiz. Diese Tiere sind wirklich hübsch und interessant. Und vor allem sind sie genügsam und robust. Es macht Freude, ihren Alltag zu studieren. Nach einer bestimmten Zeit kann man den Fisch entweder durch einen Kollegen ersetzen oder aber bis zum Ende seines Lebens, das mehrere Jahre währen kann, pflegen.

Ein Aquarium, das groß genug ist und naturnah eingerichtet wird, sollte selbstverständlich sein. Ebenso eine abwechslungsreiche Ernährung, die Lebendfutter mit einschließt.

Drei auf einmal:










Dass ich den Neunstachligen Stichling in einem ehemaligen Hochmoor gefunden habe, hat mich wirklich überrascht!

Der hohe Gehalt an Huminsäure im Moorwasser und ein Mangel an Sauerstoff sollten eigentlich Fische ausschließen. Doch diese Art kennt dem Anschein nach keinen Schmerz und geht auch da hin, wo es wehtut. Vielleicht ist sie ein Thorsten Legat oder Ulrich Borowka unter den heimischen Fischen.

Der Neunstachlige Stichling ist ohnehin ein sehr anpassungsfähiger Fisch, der sowohl in Süß- als auch in Salzwasser leben kann. Im Meer lebende Populationen müssen aber in die Flusssysteme wandern, wenn sie laichen wollen. Deshalb leben sie dort vorzugsweise im unmittelbaren Küstenbereich.

Sehr schöne und große Augen haben Stichlinge auch noch:

Die namensgebenden Stacheln auf dem Rücken sieht man auf keinem der Bilder, weil sie meist niederliegen. Aufgestellt werden sie oft im Rahmen von Auseinandersetzungen mit Vertretern der eigenen Art. Das aber nur selten länger als den Bruchteil einer Sekunde.

Hinsichtlich ihrer Zeichnung und Färbung sind Neunstachlige Stichlinge recht variabel, wie die Bilder im direkten Vergleich miteinander illustrieren.

Fast immer zeigen die Tiere eine Querstreifung, die mal schmal, mal breit ausfällt.

Bei dem folgenden Stichling kann man zusätzlich noch einen der beiden Brustflossenstacheln erkennen, der hier leuchtend weiß gefärbt ist.

Demzufolge handelt es sich wohl um einen Kerl:


































Viele Tierarten haben durch den Einfluss des Menschen ihren Lebensraum verloren und sind entweder sehr selten geworden oder aber komplett verschwunden.

Der Neunstachler als anpassungsfähige Art hat in dieser Hinsicht wohl auch in Zukunft nichts zu befürchten. Ein weit verzweigtes Netz aus Entwässerungsgräben bietet ihm – neben einer Vielzahl anderer Gewässer – ausreichend Lebensraum.

Hat diese Art also von den wasserbaulichen Maßnahmen des Menschen profitiert?

Diesen Eindruck könnte man gewinnen, doch ganz so einfach ist es nicht.

Ostfriesland ist schon immer auch Wasserland gewesen. Früher noch viel mehr als heute. Schließlich musste man diesen kargen Landstrich erst entwässern, um ihn überhaupt für den Menschen besiedelbar zu machen. Man kann also davon ausgehen, dass der Neunstachlige Stichling hier immer schon eine häufige Art gewesen ist.

Und wenn das trotz einer durchschnittlichen Verschlechterung der Wasserqualität auch heute noch der Fall ist, dann eben nur deshalb, weil den Neunstachlige Stichling einfach nichts schocken kann.

Insofern ist er tatsächlich ein Gewinner.

Künftig werde ich auf Fische als Thema in meinen Beiträgen verzichten müssen.

Die meisten Arten sind einfach zu groß für eine Fotosession im kleinen Aquarium. Einige von ihnen wären aber schon eine Versuchung wert. Der Flussbarsch zum Beispiel oder der tolle Hecht. Beide gefallen mir ausgesprochen gut und wären eine echte Zierde für diesen Blog.

Ein vorletztes Bild von einem Stichling:

Und ein letztes:


Es zeigt ein interessantes Verhalten vieler Fische.

Instinktiv suchen sie nämlich im Falle eines herannahenden Unwetters ein regendichtes Versteck auf, weil sie eigentlich wasserscheu sind. Und in Ostfriesland kann es immer einen Schauer geben. Das ist hier ein ungeschriebenes Gesetz.


So, zum Abschluss dieses Berichts geht es wieder in den Ihlower Forst.

Dort kann man ganz allgemein viele tolle Tier- und auch Pflanzenarten entdecken, wenn man nicht mit geschlossenen Augen durch die Gegend irrt. Und am Nachmittag des 21. April 2016 kam mal wieder einer dieser unvorhersehbaren Momente, wie ich sie mag.

Ich stand auf dem Hof einer KFZ-Werkstatt am Rand des Forstes in Ihlowerfehn, weil mein Corsa einen neuen Benzinfilter beantragt hatte. Die Sache ging schnell über die Bühne, im wahrsten Wortsinn. Während der wenigen Minuten, die ich in der Einfahrt stand und wartete, fiel mir ein Falter auf, der bei sonnigem Wetter immer wieder gegen eine Scheibe flog.

Ich kannte und fing ihn:





White Ermine – an early encounter. Usually this common species's season starts in the middle of May, but this guy showed up already on 21. of April despite cool weather conditions

Es war ein Breitflügliger Fleckleibbär, der sich etwas zu früh im Jahr in die Luft begeben hatte. Normalerweise beginnt die Flugzeit dieser recht verbreiteten Art Mitte Mai, in manchen Regionen sogar erst im Juni. Das ungewöhnliche Datum verunsicherte mich in Sachen Bestimmung dermaßen, dass ich Bilder von dem Tier in ein Fachforum stellte, um mir dort die letzte Bestätigung zu holen.

Der wissenschaftliche Name dieses Falters lautet übrigens Spilosoma lubricipeda. Unter Entomologen verzichtet man weitgehend auf deutsche Trivialnamen. Das ist vor allem deshalb so, weil es im Reich der Insekten so unglaublich viele Arten gibt. Und für die meisten von ihnen existiert überhaupt keine deutsche Bezeichnung.

Die Raupen des Breitflügligen Fleckleibbärs sind nahrungstechnisch sehr vielseitig und leben unter anderem an und von Löwenzahn, Großer Brennnessel und verschiedenen Wegerich-Arten.

Der Falter selbst soll giftig sein, weshalb ihn nur unerfahrene Vögel erbeuten. Das aber nur ein einziges Mal, weil er wohl auch sehr unangenehm schmeckt. Sie lassen schnell von ihm ab und merken sich sein Erscheinungsbild für den Rest ihres meist kurzen Lebens.

Gut für diesen sehr hübschen Falter!

Common Dog-Violet 

Und da wir uns sowieso gerade im Ihlower Forst befinden, kann ich ja noch schnell zwei interessante Pflanzen vorstellen, die ich in diesem Blog bis heute noch nie gezeigt habe.

Als Bonus sozusagen. Dieser Bonus fällt allerdings nicht annähernd so fett aus wie jener, den sich VW-Vorstandsmitglieder trotz der großen Krise beim Automobilhersteller in die Tasche stecken wollen. Ich gehe aber davon aus, dass ihr genügsamer seid und euch noch über die vermeintlich kleinen Dinge des Lebens freuen könnt.

Doch ist das hübsche Hainveilchen wirklich so unbedeutend?


Es wächst oft in kleinen Gruppen am Rande der Waldwege.

Manchmal ist es mit dem Buschwindröschen vergesellschaftet, manchmal mit dem Waldsauerklee. In diesem Fall standen beide Frühblüher in unmittelbarer Nähe der Veilchen herum.

Der weiße und dicke Sporn, dessen Ende man auf beiden Fotos erkennen kann, spricht gegen das nahe verwandte Waldveilchen. Einen Hybriden zwischen beiden Arten kann ich aber nicht hundertprozentig ausschließen.


Am Reiherschloot und auch am Ihlowerfehnkanal wachsen an meheren Stellen größere Bestände der Sumpfkalla (auch Sumpfcalla oder Drachenwurz gernannt):

Marsh Calla

Diese vielerorts sehr seltene oder gar fehlende Pflanze aus der Familie der Aronstabgewächse vermehrt sich vor allem vegetativ. Bei Hochwasser und damit einhergehender erhöhter Strömungsgeschwindigkeit werden Teile ihres Rhizoms losgerissen und schlootabwärts getrieben, wo sie in Flachwasserbereichen und auf Schlammbänken neue Kolonien bilden können.

Ich selbst hatte die Sumpfkalla bereits vor vielen Jahren in einem Erlenbruch in der Barlage im Wallenhorster Ortsteil Hollage sowie am Darnsee in Bramsche gesehen.

Beide Orte befinden sich im Landkreis Osnabrück. Im Ihlower Forst hatte ich diese botanische Kostbarkeit erst im vergangenen Jahr entdeckt.