wilde perspektiven

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Dienstag, 3. Mai 2016

Mein persönliches Dschungelcamp

Inzwischen kann man schon von einer Tradition sprechen, wenn alljährlich im Januar Pseudoprominente wie DSDS-Verlierer und GNTM-Ausscheiderinnen nach Australien in den arrangierten Dschungel geschickt werden.

Was sie dort über sich ergehen lassen, um im Gespräch zu bleiben oder auch nur den Kontostand auszugleichen, hatten viele Menschen in den Wohnzimmern der Republik vielleicht noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen. In der Presse ist dieses Format vor allem vor und nach Ausstrahlung der ersten Staffel als entwürdigend dargestellt worden. 

Als entwürdigend für die Teilnehmer, wohlgemerkt!

Was die armen Tiere von dieser Veranstaltung halten, hat sie nie jemand gefragt. 

Ist es wirklich angenehm für Tonnen von Mehlwürmern, über das Haupt von Brigitte Nielsen geschüttet zu werden? 

Was empfinden Küchenschaben, wenn sie den gepimpten Körper von Costa Cordalis erkunden?

Und gibt es auch nur eine einzige Schlange auf dieser Welt, die von Ingrid van Bergen angegrabbelt werden möchte?

Immerhin: Schlangen sind von Natur aus taub. Vom hysterischen Gekreische der Dschungelcamper bekommen sie nichts mit.


Nun die Preisfragen: Warum begründen viele der Mitwirkenden ihre Teilnahme an dieser bescheuerten Serie immer damit, ihre persönlichen Grenzen ausloten zu wollen? Und wieso tun sie immer so, als seien die Aufgaben, die sie im Fake-Outback zu bewältigen haben, auch nur annähernd so etwas wie eine Herausforderung oder gar Mutprobe?

Ich meine, ich erlebe das jeden Tag!

Und zwar, wenn ich in mein Auto steige:

a discarded skin of Common Adder decorating the rear mirror of my car doesn't scare me at all 

Das Erste, was passiert, wenn ich mich auf den Fahrersitz fallen lasse: Eine Staubwolke macht sich breit. Oft muss ich erst einmal minutenlang warten, bevor ich durchstarten kann. Aber freie Sicht im Auto ist essenziell.

Hat sich der aufgewirbelte Staub endlich wieder gelegt, weiß oft gar nicht, wohin ich zuerst sehen soll. Denn die Schlangenhaut ist beileibe nicht die einzige Attraktion im Innern meiner Karre. Außerdem geht von ihr keine Gefahr aus, weil sie ja tot ist.

Doch da ist auch echtes Leben in meinem Auto. Verschiedenste Kreaturen, von denen ich nicht einmal den Namen weiß und die vielleicht noch nie wissenschaftlich beschrieben worden sind. Ich kann ihre Blicke während der Fahr spüren. Sie behalten mich im Auge. Einige von ihnen habe ich noch nicht einmal entdeckt. Und das wird auch so schnell nicht passieren, weil ich mein Auto so gut wie nie von innen reinige.

Von außen übrigens auch nicht.

Ich habe die Haut der Kreuzotter auch mal im Detail fotografiert:

reminds me somehow of Edvard Munch's famous artwork The Scream  

Sieht ein bisschen so aus, als schreie die Schlange vor Schmerz. 

Das weit aufgerissene Auge unterstützt diesen Eindruck sogar noch. Und tatsächlich muss ich beim Anblick der leeren Hülle immer sofort an Edvard Munch denken, dessen berühmtestes Kunstwerk wohl jeder kennt, der mal eine Schule von innen gesehen hat.

Der Schrei!

Dass Schlangen ihre Augen nicht schließen können, tut hier nichts zur Sache.

Ein Bild, das noch mehr Details zeigt:

Zum Beispiel, dass die Schuppen der Kreuzotter deutlich gekielt sind.

Ähnlich wie bei der Ringelnatter, aber anders als bei der Schlingnatter, die völlig glatte Schuppen hat. Nimmt man also eine Kreuzotter in die Hand (nicht nachmachen!), dann fühlt sich ihre Haut auf der Oberseite rau an.

Rau, aber auch schön.

Egal, ich fand die hier gezeigte Exuvie übrigens im Moor irgendwo am Ewigen Meer. Insgesamt waren es sogar gleich drei. Zwei ließ ich aber liegen. Vielleicht möchte sie noch jemand auftragen. Ich meine, die sind eigentlich zu hübsch zum Wegwerfen.

Ganz in der Nähe sonnte sich diese männliche Kreuzotter, die sich wahrscheinlich von der anstrengenden und lästigen Häutung erholen musste:


male Common Adder finally emerged from hibernation (in situ)

Ich finde, dieses Bild strahlt so etwas Friedvolles oder Ruhiges aus.

Eine trügerische Ruhe allerdings, die darüber hinwegtäuscht, dass das Frühjahr 2016 mal wieder schrecklich ist, so aus der Sicht einer Schlange. 

Immer so verfickt kalt, viel Regen und noch mehr Wind.

Kommt der Wind aber nicht aus derselben Richtung wie die wärmenden Sonnenstrahlen, kann er den Tieren nichts anhaben. Dann finden sie immer einen geeigneten Platz, an dem sie sich nach der langen Winterruhe aufwärmen und von leckeren Mäusen träumen können. In diesem Fall war es die Böschung eines Grabens, die der Schlange den nötigen Windschutz bot. 

Selbst an frischen Tagen kann es dort erstaunlich warm werden. So stieg die Temperatur an diesem Mittwoch-Nachmittag an windexponierten Stellen nicht über sieben Grad Celsius. An der Böschung aber konnte ich 22 Grad messen. Aber eben nur, wenn die Sonne schien. Für eine Kreuzotter ist das dann schon wieder zu viel. Sie reagiert auf die "Hitze", indem sie sich sofort in die Vegetation verkriecht. Je wärmer es wird, desto tiefer kriecht sie hinein. 

Umgekehrt taucht sie sofort wieder auf, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schiebt und die Temperaturen rasch abfallen. Als ich die gezeigte Aufnahme machte, war genau das der Fall. Die vergleichsweise niedrige Temperatur in diesem Augenblick war auch der Grund dafür, dass sich das Tier so schön zusammengerollt hat. So kann es die zuvor aufgenommene Wärme effizient speichern. Wenigstens für eine Weile.

Kommt anschließend die Sonne wieder zum Vorschein, streckt sich die Kreuzotter zunächst aus, um dann als Folge eines weiteren Temperaturanstieges wieder im Halmgewirr zu verschwinden.

Merksatz: So ungefähr funktioniert die Thermoregulation einer Schlange, die ihre Körpertemperatur im Gegensatz zu uns Menschen nicht selbstständig aufrechterhalten kann.

An kühlen Tagen mit wechselnder Bewölkung geht es für die Kreuzottern ständig hin und her. Das Tolle daran: Man kann es sich aus geringster Entfernung ansehen, wenn man mag.

Ein großer Spaß, wie ich finde.


Die im Dschungel alljährlich so inflationsmäßig eingesetzten Mehlwürmer leben natürlich auch in meinem Auto (mein geiler Fadenmolch-Kescher ist auch zu sehen):

mealworms in the trunk of my car

Das Bild zeigt ihr Gehege, das ich für sie ganz anspruchsvoll eingerichtet habe. Es sieht ein bisschen wie ein Abenteuerspielplatz aus, oder?

Weil mir die Schüssel in der Vergangenheit schon einige Male umgekippt ist, genießen wenige Mehlwürmer auch die Möglichkeit, das ganze Auto auszukundschaften. Mehrere Male habe ich auch schon Mehlkäfer gefunden. Eine dicke Schicht aus Krümeln um den Fahrersitz herum hat ihre Entwicklung von der Larve zum fertigen Insekt ganz offensichtlich begünstigt.

Und jetzt stellt euch mal vor, ich würde im Innern meines Wagens mit dem Staubsauger hantieren. Das wäre doch herzlos. Wie, zum Teufel, sollen es diese Tiere künftig schaffen, ihr Lebensziel zu erreichen? Ich meine, in einem normalen Auto eines normalen Deutschen wären sie doch ganz bestimmt den Hungertod gestorben!


Ich hege und pflege die Mehlwürmer in meinem Auto übrigens deshalb, weil ich mit ihrer Hilfe bestimmte Vogelarten vor die Kamera locken kann.

In Rheinland-Pfalz konnte ich vor Jahren sogar eine männliche Smaragdeidechse mit lecker Mehlwürmern gefügig machen. Und auch einem Sandlaufkäfer auf dem Rysumer Nacken gab ich einst einen Mehlwurm, um ihn so zu einer kleinen Pause zu überreden. Man sollte sie also immer dabei haben, weil man nie weiß, welchen Vogel oder welches Tier man in der nächsten halben Stunde entdecken wird.

In diesem Zusammenhang fallen mir immer sofort Heckensänger und Wüstensteinschmätzer ein.

Aber nicht nur Vögel und Eidechsen und Sandlaufkäfer lassen sich so vor die Kamera lotsen:










who has set up his web in the front of my car?

Ein echtes Kunstwerk entstand in irgendeiner Nacht vor etwa drei Wochen am linken unteren Eck der Windschutzscheibe meines Autos.

Im Auto, wohlgemerkt!

Den Bewohner dieser Behausung konnte ich in den ersten Tagen nicht entdecken. Mit der Zeit wurde mir das zu blöd, weshalb ich ihn mit einem kleinen Trick aus der Reserve lockte.

Ich entnahm der Schüssel im Kofferraum einen kleinen Mehlwurm und warf ihn gezielt ins Netz. Ich erzählte ihm was von Freigang und so weiter. Dass ich ihn als Köder zu missbrauchen beabsichtigte, verriet ich ihm natürlich nicht.

Schließlich sollte sich der Mehlwurm ganz unbefangen verhalten:

I found it out with the support of this mealworm who had to play the role of a decoy, but I didn't tell him ;-)

Und siehe da, keine Sekunde später erschien die geile Spinne im Eingang ihrer Wohnröhre:

within a second this creature appeared on the scene – Textrix denticulata is the owner of this spider castle

Na, läuft euch jetzt ein Schauer über den Rücken?

Ihr braucht keine Angst zu haben, die Spinne hat zwar Haare an den Beinen, ist aber nur etwa sieben Millimeter lang. 

Für dieses Bild musste ich übrigens ganz nah herangehen.

Aber das war nicht so einfach, weil das bescheuerte Lenkrad im Weg und die Sonnenblende meines Makro-Objektivs einfach zu lang war. Ich musste eine ungesunde Körperhaltung einnehmen. Sogar ein Hexenschuss bahnte sich an. Da war ich wirklich froh, als ich das kleine Ungeheuer endlich im Kasten hatte.

Attacke:

Was soll ich sagen, das Interesse der Spinne an dem Mehlwurm erlosch nach einem kurzen Kontakt auf der Stelle.

Warum?

Ich weiß es nicht.

Sie lief zurück zu ihrem Versteck, verschwand aber nicht im Hinterzimmer, sondern legte sich abermals im Eingangsbereich auf die Lauer. Weitere zwei Male eilte sie zum Mehlwurm, wenn der sich bewegte, aber ohne ihn abzutransportieren oder auch nur zu beißen.

Netz und Spinne im Überblick:








Bei diesem Tier stieß ich an meine Grenzen.

Ich tippte auf einen Vertreter aus der Gattung Tegenaria, aber die haben eigentlich durchweg längere Beine und sind deutlich größer, wenn sie adult sind. Also stellte ich wieder einmal zwei Bilder in ein Fachforum. Es dauerte ein wenig, bis jemand die richtige Lösung nennen konnte.

Und das war meine Schuld!

Denn Fotos allein reichen bei Wirbellosen oft nicht aus für eine korrekte Bestimmung bis auf Artniveau. Es gibt einfach zu viele Spezies, von denen nicht wenige einander sehr ähneln. Deshalb sollte man auch nie mit Zusatzinformationen geizen. Wie zum Beispiel welche über den Lebensraum, die Jahreszeit und auch die Witterung und so weiter. Sehr wertvoll ist auch eine verlässliche Angabe zur Kopf-Rumpf-Länge, weil man die auf Bildern natürlich nicht einschätzen kann.

Das Problem ist, dass ich in dieser Hinsicht immer danebenliege. Ich schätze Insekten und Spinnen grundsätzlich viel größer ein als sie tatsächlich sind, etwa wie ein Angler den Hecht, den er gefangen hat. Statt der sieben Millimeter, die die Spinne in meinem Auto wohl maß, gab ich im Forum leichtfertig 20 bis 25 Millimeter an!

Dann kann natürlich keiner auf die richtige Lösung kommen, weil Textrix denticulata, so der wissenschaftliche Name des Tieres, um das es hier geht, allenfalls halb so groß werden kann. Eine böse Falle, die ich da unwissend und nicht in böser Absicht für die wahren Spinnen-Experten aufgebaut hatte.

Sorry dafür.

Die in fast ganz Europa vorkommende Art gilt als selten und wird in einigen Bundesländern als gefährdet eingestuft. Wahrscheinlich ist es aber eher so, dass Textrix denticulata kaum auffällt, weil sie vorzugsweise in Wäldern lebt und ihr Netz an Baumstämmen und in der Laubstreu errichtet. Gleichzeitig hat diese Spinne aber auch eine Vorliebe für die Fassaden älterer Häuser. Und im Norden ihres Verbreitungsgebietes ist sie eine klassische Hausspinne wie bei uns in Mitteleuropa die Hauswinkelspinne und die Große Winkelspinne.

Ich wette, das Tier aus meinem Auto stammt aus dem Ihlower Forst, wo ich zuletzt mein Tarnzelt stehen hatte. Vor allem das Tarnnetz wird gerne von Kleinsttieren als Unterschlupf genutzt. Eben vor allem von Spinnen. Wenn ich mein Versteck abbaue, hole ich mir auf diese Weise eben auch immer wieder blinde Passagiere in mein Auto.

Nebenbei sei noch erwähnt, dass zwei der drei Bilder mit einem Blitz gemacht worden sind. Es war einfach zu dunkel an diesem Abend. Das mittlere Foto entstand noch unter natürlichen Lichtverhältnissen. Deshalb wirkt es im Vergleich mit den beiden anderen Aufnahmen eher unscharf.

Inzwischen habe ich das Netz entfernt.

Aber nur, weil die Spinne zuvor entweder ausgezogen oder gestorben war. Jedenfalls regte sich da nichts mehr. Mit ein paar Binsenhalmen reinigte ich kurzerhand den Winkel zwischen Armaturenbrett und Windschutzscheibe. Jetzt sieht wieder alles so aus wie vor dem Einzug der Spinne.


Das nächste Bild ist nicht gestellt.

Die Kreuzotter lag direkt neben dem Weg. Ich legte mich spontan dazu und richtete meine Linse auf das Tier. Die Schlange hob ihr Haupt und bewegte sich ein paar Zentimeter auf mich zu. Dann erkannte sie wohl, dass da ein potenzieller Feind vor ihr auf dem Boden lag und kroch gemächlich in die entgegengesetzte Richtung.

Wie das oben gezeigte Männchen hatte sie sich bereits gehäutet und erstrahlte deshalb in den allerschönsten Farben und Kontrasten.

In Form eines Schwarz-Weiß-Bildes macht die Schlange aber auch eine gute Figur:




Übrigens läutet diese erste Häutung nach der Überwinterung in der Regel auch die Paarungszeit der Kreuzotter ein.

Doch dazu bedarf es noch deutlich höherer Temperaturen.  


Und nun ein letztes Bild, das ich vor einiger Zeit im Ihlower Forst machte:




Licht am Ende des Tunnels, alles wird endlich wieder grün!