wilde perspektiven

wilde perspektiven

Donnerstag, 27. April 2017

Das verlorene Brötchen

Gestern war ich in Mettingen.

Der Grund dafür spielt hier und jetzt natürlich keine Rolle.

Ich nutzte aber die Gelegenheit und besuchte am frühen Morgen, noch vor Unterrichtsbeginn, meine ehemalige Schule. Seltsame Gefühle überkamen mich, denn es war mein erster Besuch dort seit mindestens 20 Jahren! 

Entsprechend viel hat sich verändert. 

Den zentralen und etwas lieblos gestalteten Betonkasten kann man aber auch heute noch erkennen:

my old school

Historische Bausubstanz sieht wohl anders aus.

Rechts im Bild und hinter dem Busch sieht man die Mensa, die es damals noch nicht gab. 

Stattdessen  stand dort zu meiner Zeit der asbestverseuchte und barackenähnliche "Ostflügel", in dem die Jüngsten untergebracht waren. Fünft- und Sechstklässler also, die sich einen vernünftigen Klassenraum in einem anderen Gebäudeteil erst noch erarbeiten mussten. 

Auch der kleinere Klotz vor dem großen Klotz muss vergleichsweise neu sein. Ich glaube, es handelt sich hier um eine neue Aula, die für alle möglichen Veranstaltungen genutzt werden kann.  

Mutig riskierte ich einen Blick durch die verriegelte Haupteingangstür. Dort, in der alten Aula, schien sich absolut nichts verändert zu haben. Es sah tatsächlich noch genauso aus wie an meinem letzten Schultag. Hinten links entdeckte ich die Tür, die zu einem langen Gang führt. Dort befanden sich damals die Chemie-, Physik- und auch die Biologieräume. Und wahrscheinlich ist das auch heute noch so. 

Ich ignorierte alle Schilder, die Unbefugten das Betreten des Schulgeländes untersagen, und ging interessiert um das Gebäude herum. Zu meinem Entsetzen stellte ich fest, dass der alte Schulgarten samt Teich längst eingeebnet worden ist. Vielen der von den jeweiligen Abiturjahrgängen gestifteten Erinnerungsprojekten, in unserem Fall war das wohl eine Litfaßsäule, ist es dem Anschein nach nicht besser ergangen. Weil die Schule mächtig an Substanz gewonnen hat, gehe ich davon aus, dass einige Dinge einfach aus Platzmangel weichen mussten. 

Auf der Rückseite eines Toilettenanbaus hat jemand seine Gedanken an die Wand gekritzelt.

Kurz und prägnant:

"KvG" steht eigentlich für Kardinal von Galen (tatsächlich Clemens August Graf von Galen), den Namenspatron der Schule. 

Doch hier ist natürlich die Schule selbst gemeint. Als Schüler denkt man wohl so. Das ging mir damals nicht anders. Aus heutiger Sicht aber war doch alles gar nicht so schlimm. Nicht umsonst riskiere ich diesen amüsanten Blick zurück in die Vergangenheit.

Und ich erinnere mich jetzt an einen Spruch, den zu meiner Zeit jemand an die mausgraue Betonwand geschrieben hatte, direkt am Haupteingang. Dieser Mensch hatte sich viel mehr Mühe gegeben, wurde sogar gleichzeitig poetisch und politisch: "Ponto, Buback, Schleyer, der Nächste ist ein Bayer!"

Den Täter – ich gehe mal davon aus, dass es ein Schüler war –, hat man nie ermitteln können, und der Bayer, um den es hier wohl ging, starb letztendlich doch eines halbwegs natürlichen Todes.

Einige Apfelbäume, die hinter der Schule wachsen und zurzeit auch blühen, sprangen mir sofort ins Auge. Dieser kleine Obstgarten war wirklich schön anzusehen. Und vielleicht sollte man noch weitere Bäumchen pflanzen, wenn es schon keinen Schulteich mehr gibt. 

Auf dem hinteren Schulhof sah fast alles so aus wie schon vor etwa 30 Jahren. Okay, bis auf die Tischtennisplatten vielleicht. Weil aber dieser Bereich am frühen Morgen noch im Schatten lag, verzichtete ich auf weitere Fotos. 

Nur eines schoss ich noch:


Es zeigt eine andere, nicht aber schönere Seite des Hauptgebäudes. 

Genau in dem Augenblick, als ich dieses Bild machte, kam ein Fahrradfahrer auf mich zu. Eigentümlich war, dass er Regenschutzkleidung trug, obwohl es nur kalt war, nicht aber nass. Ich erkannte ihn sofort und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Es war kein Geringerer als Reimund Harmstorf

Mitte der 1980er Jahre war er als frisch ausgebildeter Lehrer nach Mettingen gekommen. Ich hatte ihn damals auch gleich in Französisch. Ich weiß noch, er beendete fast jeden Satz mit einem angehängten "Ne c'est pas".

Harmstorf, der eigentlich anders heißt, ist inzwischen der (stellvertretende?) Schulleiter. Und weil er schon damals ein feiner Kerl war, kann man den heutigen Schülern nur zu seiner Ernennung gratulieren. Von so einem Rektor konnte man zu meiner Zeit nämlich nur träumen! 

Harmstorf aber war schon damals nah am Schüler dran. Wie nah, das kann ich nicht verraten. Er war eine feste Requisite all unserer Jahrgangsstufenpartys, was nur wenigen Lehrern vergönnt war. Und es hat Spaß gemacht, mit ihm zu feiern. Vielleicht lag das einfach daran, dass seine eigene Schulzeit noch nicht allzu lange zurücklag und er den Boden unter den Füßen noch nicht verloren hatte.

Zur Jahrtausendwende, das habe ich später erfahren, gab es ein mittelschweres Erdbeben an unserer Schule. Da war von heftigen Intrigen innerhalb des Lehrkörpers die Rede. Ich glaube, es ging auch um die Wahl eines neuen Schulleiters. Es muss mindestens zwei Parteien gegeben haben, die einander bekriegten. Dallas pur. Und das in der tiefsten westfälischen Provinz. Einige Kollegen verließen die Schule, andere blieben.

Das war die geile KvG-Zäsur. 

Nach einer kurzen und humorvollen Unterhaltung wies mich Herr Harmstorf freundlicherweise noch auf ein Ehemaligentreffen im September hin, um sich dann zu verabschieden. Ich gehe aber davon aus, dass ich im Herbst verhindert sein werde. 


Ich besuchte noch einmal den vorderen Schulhof. Und bei einem weiteren Blick in die Aula kam mir ein anderes Ereignis in den Sinn.

Ende der 80er Jahre unterhielt ich mich in der Pause mit ein paar Kollegen. In meiner Linken hielt ich eine offene Tüte, gefüllt mit belegten und leckeren Strößner-Brötchen, die ich mir zuvor am Morgen geschmiert hatte. Herr Röckers, mein Deutschlehrer, kam die Treppe herunter und stellte sich unaufgefordert zu uns. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er "Böses" im Schilde führen könnte, doch plötzlich rief er: "Frank, was sind das für Vögel da draußen?" 

Ich drehte mich um und spürte sofort, dass da jemand in meine Tüte griff. Als ich mich umblickte, war es schon zu spät. Herr Röckers hatte bereits abgebissen. Kauend und mit einem breiten Grinsen fragte er mich, ob ich das Brötchen zurückhaben wolle.

"Herr Röckers, Sie kennen die Antwort!"

Nie hätte ich ihm so etwas zugetraut. Keinem meiner Lehrer hätte ich so etwas Gemeines zugetraut. Ich meine, als ein Mensch mit so einem schrägen Humor hätte er mir doch auch mal mehr Punkte für meine geistlosen Klausuren geben können. 

"Jetzt stehen Sie in meiner Schuld", setzte ich ihn spaßeshalber ein wenig unter Druck.

Er schüttelte den Kopf und meinte nur lapidar, das seien zwei verschiedene Paar Schuhe. Diese Geschichte bekommt noch eine besondere Note, wenn man weiß, dass wir uns damals nur wenige Meter vom Schulkiosk entfernt aufhielten.

Und der war sogar geöffnet.


Was gab es noch zu sehen in Mettingen?

Gerbus gibt's nicht mehr! Das war so ein kleiner Laden für Schulbedarf, wo man sich auch Lakritze und Weingummi kaufen konnte. Und die wiederum benötigte man, wenn man den langen Weg zur immer untertemperierten Berentelg-Halle heil überstehen wollte. Dort mussten wir nämlich oft hin, wenn Sport auf dem Stundenplan stand. Ich glaube, das waren jedes Mal so zehn Kilometer.

Ein Weg.

Hatte man es versäumt, sich bei Gerbus mit überlebenswichtigen Kalorien einzudecken, bekam man auf halber Strecke und kurz vor dem Zusammenbruch eine zweite Chance. Denn dort stand ein kleiner EDEKA, wo man sich für wenig Geld und nur zur Adventszeit ein megageiles Klaushähnchen kaufen konnte. Und dieses mit Anis gewürzte Hefegebäck wiederum wurde auch damals schon nur in Mettingen und anderen Orten im Tecklenburger Land hergestellt.

Das Klaushähnchen ist also ein echter und schützenswerter Endemit. Und nur mit so einem Teil im Magen hatte man eine realistische Chance, den Weg zur Halle, den Sportunterricht und auch noch die sich daran anschließende und ewig lange Busfahrt nach Hause zu ertragen. 

Doch was soll ich sagen, auch diese Auftankstation ist längst verwaist!

Und weil auch der Schulkiosk dem Anschein nach nicht mehr in Betrieb ist, frage ich mich, wie die Schüler von heute überhaupt noch überleben können. 


Okay, ich gebe zu, der Anlass für meine Reise nach Mettingen war ein Krankenbesuch.

Weil die Patientin diverse Reha-Übungen zu absolvieren hatte, besuchte ich zwischendurch auch noch das Recker Moor. Dort hatte ich an einem Tag im April vor etwa 30 Jahren meine allererste Begegnung mit einer Schlingnatter.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich an diesem Tag mit dem Fahrrad zur Schule gefahren war, um den Nachmittag im Moor verbringen zu können. Unter einem verwitterten Brett am Wegesrand fand ich dann schließlich die Schlange. Für Tränen des Glücks hat es vielleicht nicht gereicht, aber es war ein superschönes Erlebnis für mich.

So schön bunt sah es im Recker Moor an diesem frühen Morgen aus:


Recker Moor

Für Schlangen war es einfach zu kalt. Ich weiß auch gar nicht, ob die Schlingnatter dort auch heute noch vorkommt. 

Zum Trost gibt es ein Bild aus dem Archiv:

Smooth Snake (taken from the archives)

Es zeigt eine Schlingnatter aus Rheinland-Pfalz, die ich dort vor einigen Jahren am Ortsrand von Schloßböckelheim fotografieren konnte. 

Weil es an diesem Morgen so frisch war im Recker Moor, sah ich nicht einmal eine Waldeidechse.  Dafür aber u. a. folgende Vogelarten: Schwarzkehlchen, Dorngrasmücke, Kuckuck, Baumfalke, Rohrweihe, Kiebitz und Dunkler Wasserläufer.  Am blauen Himmel balzten darüber hinaus Bekassine, Uferschnepfe und Großer Brachvogel.

Am Rande des Moores entdeckte ich noch zwei Weißstörche, die auf der Suche nach einem Frühstück gemächlich durchs Gras stolzierten. Und auf dem Giebel einer kleinen Feldscheune fror ein Steinkauz

Es folgt ein etwas aus dem Lot geratener Blick auf einen anderen Bereich des Moores:


Und den Weg durch das Moor, den ich gegangen bin, habe ich auch noch schnell fotografiert:

Rechts sieht man eine kleine Informationstafel, in diesem Fall eine, die den Moorfrosch beschreibt.

Weil dessen Laichgeschäft in diesem Frühjahr längst Geschichte ist, kann ich auch hier nur ein Archivbild präsentieren:

Moor Frog (taken from the archives) 

Zu sehen ist ein Männchen, das ich im Frühjahr 2016 im Collrunger Moor knipsen konnte.

Die vielen Informationstafeln im Recker Moor waren mir übrigens neu. Allerdings bin ich auch schon mindestens acht Jahre nicht mehr dort gewesen.

Eine dieser Tafeln beschreibt die Wollgräser. Kurz zusammengefasst: Das Schmalblättrige Wollgras ist im Recker Moor selten, während das verwandte und meiner Meinung nach etwas hübschere Scheidige Wollgras dort den Ton angibt. Tatsächlich konnte ich ausschließlich die zuletzt genannte Art in endlosen Beständen vorfinden. Die Unterscheidung beider Wollgräser ist im Moment ein Kinderspiel, denn sie fruchten gerade wie blöd.

Im Volksmund spricht man in diesem Zusammenhang gerne von der "Wollgrasblüte".

Auf dem folgenden Foto kann man ihre vergängliche Pracht im Ansatz erahnen:




fruiting Hare's-tail Cottongras

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht erwähnenswert, dass sich das Häufigkeitsverhältnis beider Arten in den Mooren am Ewigen Meer exakt umgekehrt darstellt. Hier dominiert ganz klar das Schmalblättrige Wollgras.

Last but not least: Der englische Name für das Scheidige Wollgras, frei übersetz bedeutet er Hasenschwanz-Baumwollgras, passt wieder mal wie Arsch auf Eimer!