wilde perspektiven

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Freitag, 2. November 2018

Wenn Raben Kinder – ääh – Rinder töten

Ey, da bin ich wieder!

Ja, mir klebt zurzeit das Pech am Stiefel.

Ja, ich finde einfach (noch) keinen seltenen Vogel.

Und ja, ich gebe alles und das sogar an fast jedem Tag.

Am Samstag, den 21. Oktober 2018, sah ich aber dennoch etwas, das ich euch nicht vorenthalten möchte. Im Grunde ist es sogar meine staatsbürgerliche Pflicht, mit dem Gesehenen an die Öffentlichkeit zu gehen. Und im Prinzip war das, was ich an diesem Morgen am Ortsrand von Pilsum in schlechten Bildern festhalten konnte, sogar viel spektakulärer, als es Wüstengrasmücke und Bartlaubsänger zusammen jemals sein könnten!

In Schrittgeschwindigkeit befuhr ich eine Nebenstraße in Sichtweite des Pilsumer Leuchtturms, als mir ein Schwarm Raben auffiel, der sich an einer wehrlosen Kuh zu schaffen machte. Zwei der Vögel waren gerade dabei, das arme Tier zu blenden, hackten ihm also bei lebendigem Leib die Augen aus. Nur wenig später stürzte die jetzt orientierungslose Kuh zu Boden. Blitzschnell öffneten nun weitere schwarze Gesellen das Integument des Widerkäuers gleich an mehreren Stellen. Eingeweide quollen aus dem Innern hervor, Fleischstücke wurden herausgerissen. Die Kuh, die trotz der vielen schweren Verletzungen immer noch lebte, schrie plötzlich markerschütternd.

Da ist wohl nichts mehr zu machen, dachte ich nüchtern. 

Und mal ehrlich, ihr kennt das doch auch. Es ist hinlänglich bekannt, dass Raben sich so, wie von mir an diesem Morgen beobachtet, verhalten. Man liest das oft, hat es selbst gesehen oder aber kennt jemanden, der es gesehen hat, oder aber man kennt jemanden, der jemanden kennt, der das mal beobachten konnte oder gesehen haben will. Und natürlich sind alle Menschen auf dieser Welt so glaubwürdig wie ich, weshalb Zweifel an solchen Geschichten stets unangebracht sind.

Und ich konnte ja auch ein Belegfoto machen:

What stupid people would think: Raven killed Cattle!

Okay, man sieht nur noch einen der Vögel, der sich gerade an den Eingeweiden der Kuh zu schaffen machte. 

Die übrigen etwa 300 Raben, die sich zuvor auf und neben ihrem Opfer befunden hatten, waren auf- und auch rasch abgeflogen, weil ich ja so plötzlich am Straßenrand angehalten hatte.

Mmmmh, lecker:

yamm, yamm

Plötzlich wurde ich aber abgelenkt. 

Da stakste nämlich dieser Bursche unbeholfen durchs Bild:

Ich gebe zu, ich  habe da oben gelogen!

Da waren gar keine 300 Raben auf der Kuhweide gewesen. 

Nicht mal ein einzelner.

Zwei RabenKRÄHEN standen dort und frühstückten genüsslich an der Nachgeburt eines Hausrindes, das in der Nacht zuvor offensichtlich seinen Nachwuchs zur Welt gebracht hatte. Immerhin, die Kuh schrie wirklich. Und zwar, weil sie vielleicht Schmerzen hatte oder weil sie trotz zahlloser Versuche ihrerseits einfach nicht mehr auf die Beine kam. Weil sie also da im Dreck lag, konnte die Mutter sich nicht um ihr Kalb kümmern, es weder säugen noch säubern, wie Kühe und andere Säuger das normalerweise machen.

Das Kalb deutete die Misslage der Mutter vielleicht als Desinteresse.

Oh nein, sie liebt mich nicht, dachte es vielleicht und machte sich auf den Weg, um nach geeignetem Ersatz zu suchen. Mehrfach versuchte das arme Wesen, das doch gerade erst auf die Welt gekommen war, bei anderen Herdenmitgliedern zu saugen, doch die wichen ihm entweder einfach aus, oder aber sie traten es mit einem gezielten Hieb mit dem Hinterlauf brutal nieder.

Und das nicht nur einmal!


Ich konnte das nicht alles fotografieren, weil da immer etwas im Weg war oder stand.

Immerhin sieht man die Spuren der Geburt auf dem Rücken des Neubürgers, mglw. Reste der Fruchtblase oder so. 

Hier auch:

in fact a Cattle had given birth to a calf. Carrion Crows popped up on the scene and began to feed on the placenta, what is absolutely natural behaviour. While the calf appeared to be healthy the mother apparently had suffered lethal injuries and probably died the next hours (I had left the scene, after informing the farmer).  

Ja, die Kuh dürfte an den Folgen der Geburt gestorben, das Kalb inzwischen an die Flasche gewöhnt worden sein. Es ist in der heutigen Zeit eh nicht ungewöhnlich, dass Kälber rasch von ihren Müttern getrennt werden. 

Einen solchen Ausgang einer Geburt aber möchte man eigentlich nicht live erleben.

Ein Passant tauchte irgendwann auf, dem ich in kurzen Sätzen berichete. Er gab an, den Besitzer der Tiere zu kennen, und versprach mir, ihn zu informieren. Weil ich es etwas eilig hatte, fuhr ich schließlich zum Diekskiel, wo ich vogeltechnisch leider leer ausging.

Immerhin konnte ich dort diesen Herbstmosaikjungferich knipsen: 

still on the run: (male) Migrant Hawker 

Immer wieder wird behauptet, dass "Raben" Großsäuger sowie deren Nachwuchs töten.

Belege dafür scheint es bis heute nicht zu geben. 

In allen Fällen, die man in den vergangenen Jahrzehnten genauer unter die Lupe genommen hat, waren Lämmer und Kälber ausnahmslos vor dem Auftauchen der "Raben" tot oder aber bereits so geschwächt, dass sie ohnehin nicht überlebt hätten. Interessant ist auch, dass der "normale Bürger" meist gar keinen Unterschied macht zwischen eben Kolkraben und Rabenkrähen. Alle schwarzen Vögel sind für ihn "Raben". Und mitunter werden sogar Dohlen als solche bezeichnet und verdächtigt, sich an Weidevieh zu vergehen, was aber, vom Auszupfen von Wolle für den Nestbau im Frühjahr, völlig absurd ist.

Tatsächlich versuchen sich Rabenkrähe und Kolkrabe, wie auch die meisten anderen Aasverspeiser, oft über die Augen Zugang zum begehrten Inneren eines toten Tieres zu verschaffen. Deshalb fehlen die oft schon nach kurzer Zeit. Das sieht für unbedarfte Menschen besonders grausig aus und erklärt die Mär vom Blenden eines wehrlosen Tieres durch die schwarzen Vögel, die in weiten Teilen der Bevölkerung ohnehin keinen guten Ruf genießen. Das Öffnen des Integuments, also des den Körper umgebenden Hautsackes, ist – anders, als oben von mir geschildert – selbst für einen Kolkraben mit seinem kräftigen "Hammerschnabel" kaum möglich, wenn es sich um ein frischtotes Tier handelt.

Ohnehin läuft die ganze Sache in der Natur oft ganz anders ab. Zumindest früher, als es noch nicht so viele Menschen gab und die Welt noch heil war, muss das so gewesen sein. Zwar sind kluge und weit umherstreifende Rabenvögel nicht selten die Entdecker von toten, vielleicht in schneereichen Wintern verhungerten Tieren, doch das Öffnen solcher Kadaver überlassen sie den Profis, die das bessere Werkzeug besitzen. Das waren in unseren Breiten vor allem Braunbär, Wolf und Luchs. Wenn die dann satt waren, war der Tisch in der Regel immer noch reich gedeckt, sodass die Vögel schließlich doch noch ihren Finderlohn einkassieren konnten.

Merksatz: Nur die Natur ist perfekt!

Wenn man also in der heutigen Zeit eine Krähe neben einer liegenden Kuh stehen sieht, dann ergibt eins und eins nicht automatisch immer zwei. Es kann nie schaden, genau hinzusehen und sich selbst ein Bild von der Sache zu machen. Vielen Menschen scheint es aber leichter zu fallen, Dinge und eben auch Geschichten, die sie irgendwo aufgeschnappt haben, ungeprüft zu übernehmen, eventuell etwas auszuschmücken und schließlich als Wahrheiten weiter unters Volk zu bringen. 

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an einen Artikel in einer Fotozeitschrift vor ganz vielen Jahren: Ein Fotograf hatte von einer bekannten Boulevardzeitung (die mit den vier Buchstaben) den Auftrag erhalten, Lämmer mordende Kolkraben in Mecklenburg-Vorpommern zu fotografieren, nachdem verschiedene Bauern dort immer wieder mit vermeintlichen Horrorbeobachtungen an die Öffentlichkeit gegangen waren.

Der Mann machte sich also auf den Weg und legte oder setzte sich einige Tage auf die Lauer. Die vom Auftraggeber gewünschten Bilder konnte er nicht machen, aber welche von Huftieren, die unter unglaublich schlechten Bedingungen ihr Dasein fristen mussten. Mehrere Lämmer starben bereits bei der Geburt und wurden dann auch tatsächlich von Kolkraben angepickt. Ein völlig natürliches Verhalten übrigens, weil nämlich u. a. Kolkrabe und Rabenkrähe schon vor ewiger Zeit von Mutter Natur dazu bestimmt worden sind, in der Landschaft herumliegendes Aas sauber zu beseitigen. Und als diese Entscheidung gefällt wurde, gab es auch noch keine Tierkörperbeseitigungsanlagen und so weiter.

Der Mann berichtete besagter Zeitung also von seinen Beobachtungen. Die verlor augenblicklich jegliches Interesse an der Geschichte und weigerte sich sogar, einen Artikel, der die schwarzen Vögel rehabilitiert hätte, zu drucken. Damit die Sache nicht unter den Teppich gekehrt werden konnte, veröffentlichte der kluge Mensch seinen Bericht eben in einer anderen Zeitschrift. Das bereits im Voraus gezahlte Honorar, das hatte er damals noch mit einem Augenzwinkern angefügt, sei für eine Reise, die dem Revolverblatt am Ende nichts Zählbares eingebracht hatte, durchaus üppig gewesen.

So, Kinners, jetzt noch schnell ein Vogelbild:

Barnacle Goose

Es zeigt Nonnengänse, die sich auf ihrem Weg von Nordost nach Südwest wegen heftigen Gegenwindes und Regens auf "offener See" mächtig abmühen mussten.

In diesem Sinne!